An die Urenkelin

Andrea Camilleri schreibt von sich selbst, ein besserer Großvater als Vater gewesen zu sein. Dass er als Urgroßvater mit „Brief an Matilda – Ein italienisches Leben“ seiner Urenkelin und seiner Leserschaft ein wunderbares autobiografisches Vermächtnis hinterlassen hat, betrachte ich als literarisches Geschenk.

„Mit fünf hatte ich unter Anleitung meiner Mutter und meiner Großmutter Elvira lesen gelernt, mit sechs bediente ich mich schon in der Bibliothek meines Vaters, die sehr gut bestückt war. Also las ich anfangs keine Kinder- oder Jugendbücher, sondern Literatur für Erwachsene, richtige Romane.“

(S.13)

Andrea Camilleri blickt als über Neunzigjähriger zurück auf sein Leben und erzählt in Briefform seiner Urenkelin nicht nur seine eigene Geschichte, sondern auch die Geschichte seines Heimatlandes. Er versucht, ihr als Vermächtnis seine Sicht und seine Ratschläge für ein erfülltes und glückliches Leben mit auf den Weg zu geben. Da Matilda zum Zeitpunkt der Entstehung gerade einmal vier Jahre alt ist, soll das Werk zu einem späteren Zeitpunkt das Gespräch mit ihrem Uropa ersetzen.
So wird der sehr persönliche „Brief an Matilda“ zu einem autobiografischen Werk, aber auch zu neunzig Jahren „Italien in einer Nussschale“ – eine lebendige Lehrstunde in italienischer Geschichte.

Als Junge und Jugendlicher erlebte Camilleri das faschistische Italien und wandelte sich später – aufgrund einiger Schlüsselerlebnisse – vom Mitglied der faschistischen Jugendorganisation Balilla zum überzeugten Kommunisten.
Er beschreibt die Stimmung der damaligen Zeit und er beschreibt auch seinen weiteren schulischen und beruflichen Werdegang, den Umzug von Sizilien nach Rom – seine ersten Schritte am Theater, seine Karriere beim Fernsehen (RAI), als Dozent und seine schriftstellerische Entwicklung. Ein arbeitsreiches und kulturell reiches Schaffen, auf das er zurückblicken kann und das er hier auffächert.

Und er erzählt auch über die Liebe, seine Frau und die Familie, der er – wie er im Nachhinein selbstkritisch anmerkt – in manchen Phasen nicht genügend Aufmerksamkeit geschenkt hat.

„Ich erzähle dir diese Geschichten, Matilda, um dir zu zeigen, dass ich nie ein besonders sanftmütiger Charakter gewesen bin. Mich irgendeiner Disziplin zu unterwerfen, still zu bleiben, wenn ich etwas zu sagen hatte, mich nicht gegen einen meiner Meinung nach unsinnigen Befehl aufzulehnen, war mir unmöglich, es passte einfach nicht zu meinem Wesen.“

(S.43/44)

Vielleicht mag bei manchen Themen etwas Altersmilde gewaltet haben – falls ja, verzeiht man dies gerne – aber man hat doch das Gefühl, dass Camilleri auch an einigen Stellen offen und ehrlich seine Schwächen und Fehler anspricht.

Und auch die italienische Geschichte und Politik beleuchtet er scharfsinnig und kritisch. Es ist hochgradig interessant zu lesen, wie er die Geschehnisse und Entwicklungen im Land einordnet und bewertet. So bekommt man auf engem Raum eine sehr persönliche Sicht auf die italienische Zeitgeschichte der letzten 90 Jahre.

Spannend fand ich aber auch, wie spät der Autor mit Commissario Montalbano erst so richtig erfolgreich wurde (1994 als der erste Roman der Reihe „Die Form des Wassers“ erschien, war er immerhin schon fast Siebzig) und dass er dieser Figur doch eher zwiespältig gegenüber stand.

„Doch irgendwann begann dieser Montalbano, mit mir zusammenzuleben, und je größer der Erfolg wurde, desto mehr fühlte ich mich als sein Gefangener. Kurz, zwischen mir und meiner Figur entstand eine Hassliebe, die bis heute andauert.“

(S.85)

Nichtsdestotrotz: Montalbano wurde Kult und Phänomen und ist auch bei prominenten Lesern wie z.B. Axel Hacke beliebt, der Camilleri’s Werke ebenfalls zu seinen Lieblingskrimis zählt.

Als Camilleri diesen Brief an Matilda im Jahr 2017 schrieb, war die Flüchtlingskrise gerade in Italien immer noch ein zentrales Thema mit großer Bedeutung, so dass er die Gelegenheit auch nutzte, sich diesbezüglich zu äußern. Camilleri war ein politischer Mensch und bezog Stellung – die wechselvolle Geschichte Italiens hat sein Leben geprägt.

Die Ausdrucksweise und die Melodie des Buches ist auf eine junge Leserschaft bzw. die Urenkelin angelegt und er beherrscht die große Kunst, schwierige Themen und Sachverhalte in eine verständliche, klare und emotionale Sprache zu packen – sehr schön ins Deutsche übersetzt von Annette Kopetzki.

„Tatsächlich griffen wir zum Italienischen, wenn wir eine Situation förmlicher gestalten, jedes Gefühl aus ihr heraushalten wollten. Wann immer es aber um Gefühlsbekundungen ging, um den Wunsch nach Nähe, Vertrautheit, oder wenn wir unseren Worten mehr Nachdruck verleihen wollten, dann sprachen wir im Dialekt.“

(S.79)

Andrea Camilleri schrieb in seinen Werken teilweise eine Mischung aus Hochitalienisch und sizilianischem Dialekt und was zunächst für Ablehnung seines ersten Romans durch die Verlage sorgte, wurde später sehr wohlwollend besprochen. Persönlich kann ich es gut nachvollziehen, dass man gewisse Dinge im Dialekt einfach treffender ausdrücken kann und einem so eine andere Ausdrucksmöglichkeit zur Verfügung steht, die über das übliche Maß der Hochsprache hinausgeht.

Andrea Camilleri wurde 1925 in Porto Empedocle auf Sizilien geboren.
„Brief an Matilda“ erschien 2018 in Italien – der Autor hatte das Werk aufgrund seiner Erblindung diktiert – und er verstarb am 17. Juli 2019 im Alter von 93 Jahren in Rom.

„Wie man sein Leben führen soll, lernt man nur, indem man es lebt.“

(S.122)

In diesem kleinen Büchlein mit gerade mal 126 Seiten steckt unglaublich viel drin: über 90 Jahre Italienisches Leben, viel Weisheit, viel Liebe, viel Leidenschaft für Theater und Literatur, viel kritischer und politischer Geist. Ein langes und erfülltes Leben und ein paar gute Ratschläge für die Urenkelin, ihren eigenen Weg zu gehen und sich selbst treu zu bleiben. Man würde sich wünschen, der eigene Urgroßvater oder Großvater hätte einen solchen Brief hinterlassen.

Mich hat dieser Blick hinter die Kulissen und hinein in die persönliche Lebensgeschichte des Schriftstellers sehr bewegt. Schön, dass Matilda dieses Vermächtnis mit den Leserinnen und Lesern ihres Urgroßvaters teilt, denn es ist zweifelsohne bereichernd – ein kluges, warmherziges, besonderes, berührendes und lange nachklingendes Buch!

Buchinformation:
Andrea Camilleri, Brief an Matilda – Ein italienisches Leben
Aus dem Italienischen von Annette Kopetzki
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-00002-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Andrea Camilleri’s „Brief an Matilda“:

Für den Gaumen:
Auch in Andrea Camilleri’s Leben gab es schwierige und ärmliche Zeiten, in welchen das Geld manchmal nicht einmal für ordentliche Mahlzeiten reichte:

„Ich ernährte mich von Cappuccino und Brioche; schon von Natur aus schmal, war ich inzwischen abgemagert.“

(S.45)

Da hilft dann nur noch, in kulinarischen Erinnerungen zu schwelgen:

„Trotzdem kam es vor, dass ich von den Reiskroketten träumte, die Nonna Elvira so meisterhaft kochte, oder von der Ofenpasta meiner Mutter.“

(S.47)

Zum Weiterlesen oder für einen Theaterbesuch:
Andrea Camilleri war ein Theatermensch und Theatermacher. Er studierte und lehrte Regie, arbeitete über viele Jahre fürs Theater und fürs Fernsehen.
Seine Doktorarbeit verfasste er über das ideale Regiekonzept für das Drama „So ist es (wenn es euch so scheint)“ des Literaturnobelpreisträgers Luigi Pirandello, der als einer der bedeutendsten Dramatiker Italiens gilt. In Deutschland findet man ihn kaum auf den Theaterspielplänen, so dass ich bisher noch keines seiner Stücke sehen konnte.

Zum Weiterlesen:
Schon seit einiger Zeit wartet ein weiterer Camilleri bei mir auf seine Lektüre – ein schmaler Roman mit dem Titel „Die sizilianische Oper“. Interessanterweise schreibt Camilleri in „Brief an Matilda“, dass ihm persönlich die „Nicht-Montalbano-Bücher“ teilweise mehr bedeuteten:

„Trotzdem glaube ich auch weiterhin, dass meine besten Bücher die sogenannten „historischen und bürgerlichen Romane“ sind, wie zum Beispiel König Cosimo, Die sizilianische Oper und Der unschickliche Antrag (…)“

(S.86)

Ich denke, das sollte ich als Wink mit dem Zaunpfahl verstehen, dass die Zeit für „Die sizilianische Oper“ jetzt demnächst wirklich gekommen ist:

Andrea Camilleri, Die sizilianische Oper
Aus dem Italienischen von Monika Lustig
Piper Original
ISBN: 3-492-27002-6

Ein Sizilianer in München

Mario Giordano ist den Meisten bisher wohl durch seine „Tante Poldi“-Krimis bekannt – mit „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“ wagt er sich jetzt auf neues Terrain und verarbeitet seine eigenen familiären Wurzeln in einer großen, opulenten Familiensaga. Er erzählt die abenteuerliche Geschichte Barnaba Carbonaro’s, der im Sizilien der Jahrhundertwende aufwächst, den Anbau und das Geschäft mit Zitrusfrüchten dort von der Pike auf lernt und später sein Glück fernab der Heimat in der Großmarkthalle Münchens sucht, um seinen Nachkommen ein besseres Leben zu ermöglichen.

„Auf und ab treibt uns das Leben, immer wieder müssen wir hoch an die Oberfläche des Ozeans der Möglichkeiten, um zu atmen und Entscheidungen zu treffen, doch am liebsten würden wir unten im schlammigen Grund unserer Existenz die Zeit verträumen.“

(S.33)

Die Geschichte beginnt im sizilianischen Taormina Ende des 19. Jahrhunderts. In Rückblenden wird die verschlungene Familiengeschichte Barnaba Carbonaro’s erzählt – eine archaische und hierarchische Gesellschaft, in der es schwer ist, sich über die Klassenschranken hinweg nach oben zu kämpfen.

Doch Barnaba ist ein kluger Kopf, schnell im Rechnen und getrieben von einem enormen Ehrgeiz. Er lernt schnell, ist rebellisch und steckt selbst schlimmste Schicksalsschläge immer wieder weg. Als sich ihm plötzlich die Möglichkeit eröffnet, ein Geschäft mit sizilianischen Zitrusfrüchten in München zu starten, zögert er nicht lange und packt sein Schicksal beim Schopf.

„In der Au dagegen sieht er nur vereinzelte Markstände, und die brechen ihm fast das Herz, so kümmerlich sind sie. Viel mehr als Kartoffeln, Karotten, Rotkohl und harte Birnen wird da nicht angeboten.“

(S.337)

Er ist ein Schlitzohr mit einem Geschäftssinn, der zwar seinesgleichen sucht aber auch Neider anzieht, und ein Patriarch, der vor allem stets das Beste für seine Familie und seine 24 Kinder erreichen möchte und doch meint es das Leben – sowohl in Sizilien als auch in Deutschland – nicht immer gut mit ihm. Oft heißt es: wie gewonnen so zerronnen.

„Zwischen Hoffnung und Erwartung haben die Götter einst eine feine Linie gezogen, kaum zu erkennen, um feixend zuzusehen, wie ihre Spielzeuge sie arglos übertreten und unglücklich werden. Auf diesem schmalen Grat namens Zuversicht balancieren die Pancrazias oder Barnabas der Familie Carbonaro. Schwindelfrei, manchmal verwirrt, manchmal verbissen, aber tapfer Schritt für Schritt.“

(S.326)

Mario Giordano hat viel reingepackt in dieses Buch und eine richtige Schatzkiste und Fundgrube an zeitgeschichtlichen Anekdoten, Münchner Lokalkolorit und sizilianischem Lebensgefühl geschaffen, die den Roman aufgrund der überbordenden Fabulierfreude zu einem üppigen, opulentem Leseerlebnis für alle Sinne werden lässt. Man taucht nicht nur ab ins Sizilien der Jahrhundertwende und das München der 60er Jahre, sondern kann auch viel Neues lernen und entdecken.
So konnte ich zum Beispiel bei der Lektüre lernen, was ein Theatrophon ist oder erfahren, dass im Jahr 1960 tatsächlich ein Flugzeug in der Münchner Innenstadt abgestürzt ist.

Cu nasci tunnu nun pò moriri quatratu“, wer rund geboren ist, stirbt nicht quadratisch.“

(S.129)

Barnaba ist Pechvogel und Stehaufmännchen zugleich und obwohl er für unser heutiges Empfinden natürlich zu sehr Patriarch und Macho ist und in vielen Punkten ein Zuviel an Männlichkeit und Vulgarität aufweist, wünscht man ihm, dass er sich seinen Traum von der eigenen, großen „famiglia“ erfüllen kann.

Cchiù scuri di mezzanotti nun pò fari, denkt Barnaba, dunkler als Mitternacht kann es nicht werden.“

(S.326)

Sizilianische Sprichworte, Blicke hinter die Kulissen des Anbaus von Zitrusfrüchten, die Hausgeister bzw. Patruneddi und eine äußerst sinnliche, lebhafte und leidenschaftliche Sprache lassen einen wahren Funkenregen des italienischen Feuers auf die Leserschaft sprühen – eine geballte Charme-Offensive an „Italianità“, der man sich kaum entziehen kann.

„Trotzdem mag sie München. Natürlich möchte sie irgendwann zurück, in der Casa degli Italiani sprechen alle ständig vom Zurückgehen, irgendwann. Aber sie weiß, dass sie auch dort längst fremd ist.“

(S.185)

Der Roman schwankt zwischen unbändiger Lebensfreude und melancholischer Wehmut – zwischen sizilianischer Zitrusplantage und bayerischer Großmarkthalle. Ein Leben zwischen zwei Welten – das Schicksal der Gastarbeiter, für die es schwer ist und die sich weder in der alten noch in der neuen Heimat richtig zu Hause zu fühlen. Es ist ein weiter, verschlungener Weg für Barnaba und während dieser großen Familiensaga bangt man mit ihm und begleitet ihn mit Spannung auf seiner Suche nach dem Glück. Bittersüß und erfrischend wie der Saft aus besten sizilianischen Mandarinen und zugleich leuchtend wie die mediterrane Sonne!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Goldmann Verlag (Penguin Randomhouse), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Mario Giordano, Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen
Goldmann
ISBN: 978-3-442-31560-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Mario Giordano’s „Terra di Sicilia – Die Rückkehr des Patriarchen“:

Für den Gaumen:
Auch kulinarisch geht es natürlich – abgesehen von den vielen verschiedenen Sorten von Zitrusfrüchten, die eine so wichtige Rolle im Buch spielen – typisch sizilianisch zu: und zwar mit einer traditionellen Süßspeise – Cannoli.

„Der Fotograf reicht ihm ein mit Ricotta gefülltes Cremeröllchen und sieht zu, wie Barnaba mit aufgerissenen Augen den ersten cannolo seines Lebens verschlingt. (…) Der cannolo überrennt seine Sinne. Die Kruste des Röllchens zersplittert beim ersten Biss, und sein Mund füllt sich mit einer Wolke aus schneeweißem Quark. Aromen verpuffen wie Feuerwerksböller an San Pancrazio. Da knistert Karamell, pocht Vanille an seinem Gaumen, kandierte Kirschen und geröstete Pistazien.“

(S.14)

Auf Ariane’s Blog Tradolceedamaro findet sich ein Rezept, wenn man sich selbst einmal daran wagen möchte, Cannoli zu machen.

Zum Weiterhören:
Barnaba mag den „karamelldunklen“ (S.133) Belcanto seines Landsmannes Enrico Caruso. Besonders emotional aufgeladen ist für ihn die Arie „Vesti la giubba“ des Clowns aus Ruggero Leoncavallo’s Oper „Pagliacci“,

„der sich auch mit gebrochenen Herzen das Gesicht pudert, weil das Publikum schließlich bezahlt hat, um zu lachen.“

(S.434)

Zum Weiterlesen:
Für alle, die nicht genug von Sizilien bekommen können, gibt es mit Santo Piazzese’s Krimi „Blaue Blumen zu Allerseelen“ eine weitere Möglichkeit, die Insel literarisch zu bereisen – diesen habe ich vergangenen Herbst hier auf der Kulturbowle vorgestellt.

Santo Piazzese, Blaue Blumen zu Allerseelen
Übersetzt von Monika Lustig
Edition Converso
ISBN: 9783981976304

Allerseelen auf Sizilien

Einen für mich neuen, italienischen Autor und einen spannenden Kriminalfall durfte ich mit Santo Piazzese’s „Blaue Blumen zu Allerseelen“ kennenlernen. Dieser Krimi des Sizilianers und gebürtigen Palermitaners (*1948) erschien in seiner Heimat bereits 2002, wurde aber erst viele Jahre später von Monika Lustig ins Deutsche übersetzt und als erster Band ihres „Ein-Frau-Verlags“ Edition Converso 2019 auf den Markt gebracht.

So kann man jetzt auch in diesen Genuss – zudem in hochwertiger, edler Ausstattung mit Lesebändchen – kommen, wenn die eigenen Italienischkenntnisse vielleicht nicht für eine entspannte Krimilektüre im Original reichen.

„Spotorno war immer ein Anhänger der Drei-Tage-Regel gewesen: drei Tage Dauer für einen echten Schirokko, drei Tage hoher Wellengang bei Westwind, drei Tage zur Bekämpfung eines heftigen Fiebers, drei Tage höchstens, um einen Mordfall aufzuklären.“

(S.166)

Vittorio Spotorno ist ein erfahrener Commissario und ermittelt schon lange in Palermo. Er kennt diese Stadt, die Strukturen und die Bewohner. Als er plötzlich in mehreren – zunächst unabhängig erscheinenden – Mordfällen ermitteln muss, glaubt er nicht an Zufälle. Gemeinsam mit seinen Kollegen taucht er ein in die Abgründe und dunklen Wahrheiten, welche die Ermittlungen ans Tageslicht befördern und kommt unweigerlich auch schnell mit dem Netz der organisierten Kriminalität in Berührung. Auch wenn die Opfer zunächst nicht auf die Mafia hindeuten, wird bald klar, dass in dieser Stadt kaum Wege an ihr vorbei führen.

Spotorno – Ehemann und Familienvater – ist kein Schreibtischtäter und immer in Bewegung: er ermittelt im Herzen der Stadt – auf der Straße, in den Lokalen und Geschäften, in den Kirchen und auf dem Friedhof. Über die Handlung möchte ich nicht zu viel verraten, aber an Allerseelen kommt es schließlich zum großen Finale und Spotorno steht vor der Lösung der Mordfälle.

Am 2. November ist der Allerseelentag – gerade erst ein paar Tage sind seitdem vergangen, somit war die Lektüre gerade jetzt in dieser Zeit naheliegend. Zudem lässt der Autor den Leser auch an den sizilianischen Traditionen teilhaben:

„(…) auch wenn sie die Tradition des Allerseelenfestes am 2. November in Ehren hielten: Da gab es für die Kinder am Morgen Spielsachen, Zuckerpuppen und frutta die martorana.“

(S.296)

Schön auch, dass erklärt wird, welche Tradition sich hinter diesen bunten Marzipanfrüchten verbirgt: Im Jahr 1308 hängten Nonnen aus dem palermitanischen Kloster La Martorana bei einem Festessen für den Papst diese an Bäume, so dass sie daran täuschend echt wirkten. Gerade solche Geschichten und Details bereichern in meinen Augen und machen diesen Krimi zu etwas Besonderem.

Persönlich mochte ich vor allem aber auch die Figurenzeichnung Piazzese’s sehr und gerade dieser Commissario Vittorio Spotorno ist ein interessanter, starker Charakter, den ich gerne bei seinen Ermittlungen begleitet habe.

„Die Marktverkäufer waren schon dabei, ihre Stände abzubauen und damit Teile einer allzu schamhaften Stadt freizulegen, die ihre Schönheit hinter Automobilen und Ruinen verbarg, in der Hoffnung, dass der Staub der Jahrhunderte – oder das Vergessen – sie am Ende völlig begraben würden. Eine Stadt im Schwebezustand zwischen Agonie und überschäumender Vitalität.“

(S.287)

Solche Zitate sprechen in meinen Augen für sich und zeichnen das Buch aus: Der heimliche Star des Romans ist Palermo – diese Stadt, die in ihrer Schönheit aber auch Zerrissenheit eine wohl einzigartige Atmosphäre besitzt, welche Piazzese literarisch schildert und einfängt. Er zeichnet ein stimmungsvolles Porträt dieser Stadt mit all ihrem Licht und Schatten.

„Ein Zufall? Los Beltramini, wir sind doch volljährig und trocken hinter den Ohren – keiner von uns kann ernsthaft glauben, dass es in einer Stadt wie dieser Zufälle gibt. Das wäre wie an die Befana glauben, die auf einem Besen durch die Lüfte reitet.“

(S.256)

Piazzese hat einen intelligenten und eleganten Krimi geschrieben, der von seiner Atmosphäre und subtiler Spannung lebt. Ein Krimi, der es in sich hat – ohne blutrünstig zu sein – und der facettenreich und fundiert auch die Sicht eines Einheimischen und Sohnes der Stadt auf sein Palermo – Land und Leute – transportiert. Einmal Sizilien und zurück? Für Krimifreunde und eine Lesesessel-Reise ist Santo Piazzese’s „Blaue Blumen zu Allerseelen“ sicher eine gute Wahl.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Santo Piazzese, Blaue Blumen zu Allerseelen
Übersetzt von Monika Lustig
Edition Converso
ISBN: 9783981976304

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Santo Piazzese’s „Blaue Blumen zu Allerseelen“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat dieser Krimi einiges zu bieten, so dass die Auswahl fast schwerfällt: Für mich bisher unbekannt und daher besonders interessant waren die Ines al forno (oder auch Iris al forno), die dankenswerter Weise mit einer Fußnote näher beschrieben werden:

„Die Ines – sowohl in der Version aus dem Ofen als auch die im Öl ausgebackene – ist eine typisch Palermitanische Süßspeise: Sie hat die Form einer kleinen Kuppel, ist gefüllt mit Ricotta, Schokoladenstückchen und kandiertem Kürbis.“

(S.69)

Zum Weiterklicken:
Aufmerksam auf die Edition Converso und die Verlegerin Monika Lustig wurde ich durch folgenden, interessanten Beitrag auf dem Hotlistblog. Dieser machte mich neugierig auf das mediterrane Programm der Verlegerin und da ich ein Freund von italienischer Literatur und Krimis bin, war dann mein erstes Buch dieses Verlages schnell gefunden.

Zum Weiterhören:
Duke Ellington’s herrlicher Jazzstandard „Sophisticated lady“ ist der Soundtrack für das Kennenlernen von Vittorio Spotorno und seiner Amalia – das nenne ich stilvoll. Und eine schöne Anregung, in das Stück reinzuhören, ist es zudem.

Zum Weiterlesen:
Im Roman wird auch auf den italienischen Klassiker „Il Gattopardo“ oder auf deutsch „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi die Lampedusa Bezug genommen – ein Werk, das immer wieder und schon mehrfach auf meiner geistigen Leseliste gelandet ist, aber das ich bisher noch nie in Angriff genommen habe. Jetzt gibt es also wieder einen weiteren Grund, dieses Werk endlich mal zu lesen.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Der Leopard
Übersetzt von: Burkhart Kroeber
Piper
ISBN: 978-3-492-05984-8

In den Fängen des Tintenfischs

Venedig im Mai 2020 – die Stadt befindet sich auf dem behutsamen Weg heraus aus dem ersten, strengen Lockdown. Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo haben mit ihrem zweiten Band der Morello-Reihe „Der Tintenfischer“ bereits einen Krimi vorgelegt, der in der Corona-Zeit spielt.

Und so ermittelt die venezianische Polizei unter anderem gegen eine Bande von Corona-Kriminellen, die alte Leute ausraubt, indem sie sich an der Haustür als Mitarbeiter des roten Kreuzes ausgeben, um die Wohnung zu desinfizieren.
Ansonsten ist die Stadt wie ausgestorben – die Gassen und Kanäle sind leer – es herrscht strenge Ausgangssperre. Commissario Morello, der zu seiner eigenen Sicherheit in den Norden versetzte Sizilianer fremdelt immer noch ein wenig mit der Lagunenstadt, doch als plötzlich ein Flüchtling sich medienwirksam filmt, als er in Selbstmordabsicht von einer Brücke springt, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, bleibt Morello und seiner Kollegin Anna Klotze nicht viel Zeit zu überlegen. Anna rettet ihn aus dem Kanal und der junge Nigerianer erzählt ihnen nach und nach die Geschichte seiner Flucht.

Er ist auf der Suche nach einer jungen Frau, in die er sich während seiner Flucht verliebt hat und die er aus den Augen verloren hat. Er vermutet sie in der Gewalt von Menschenhändlern, die sie zur Prostitution zwingen.
Schon bald führen die Ermittlungen Anna und Morello auf eine abenteuerliche Reise nach Sizilien, wo sie das Mädchen aufspüren wollen. Jedoch birgt jeder Besuch in der alten Heimat für den Commissario, der von der Mafia gesucht wird, große Gefahr.

Nach dem ersten Band „Der freie Hund“ ist „Der Tintenfischer“ der zweite Fall des sizilianischen Commissario’s Morello, welcher in Venedig ermittelt. Das Autorenduo Schorlau und Caiolo haben einen routinierten, spannenden Italien-Krimi geschrieben, der hochaktuell auch schon die Corona-Thematik behandelt. Die neue Bedrohung, für die sich gerade in der Stadt Venedig der Vergleich mit der Pest anbietet – in der Stadt in der sich im Karneval immer noch Menschen mit Masken als Pestärzte verkleiden und in der die Seuche unauslöschliche Spuren hinterlassen hat.
In diesem Krimi beschreiben die Autoren nun die Plagen der neuen Zeit.

Gespenstisch die Atmosphäre des ausgestorbenen Venedig – sofort hat man die Bilder aus dem letzten Jahr im Kopf: ein menschenleerer Markusplatz – bis zur Coronakrise unvorstellbar.

„Der Tintenfischer“ ist spannend und liest sich schnell. Schorlau und Caiolo greifen auf ein bewährtes Krimi-Kochrezept zurück: viel Lokalkolorit, ein kantiger, eigenwilliger Commissario, der gerne und viel kocht, italienische Musik hört und eine Prise Liebesknistern in einem spannenden Kriminalfall. Das alles geschieht auf stimmigem und intellektuell hohem Niveau und lässt sich süffig lesen. Lediglich einige wenige Szenen, in welchem Kollegin Anna fast als Reiseführerin agiert und Morello Venedigs Sehenswürdigkeiten erklärt, fand ich persönlich ein wenig zu konstruiert. Der Szenenwechsel von Venedig nach Sizilien jedoch bereichert und schafft Atmosphäre.

Der Roman greift ernste, brisante Themen auf: die Situation der Flüchtlinge, die Mafia, politische Verwicklungen – das ist für mich die große Stärke dieses Krimis. Die Autoren trauen sich, auch schwierige Inhalte anzupacken und zu vermitteln. Der Tintenfisch mit seinen Tentakeln, die sich überall hineinschlängeln, ist ein gelungenes Bild für die kriminellen und politischen Verstrickungen in Italien und ein gut gewählter Titel.

„Diese Stadt greift nach mir, denkt er. Wie ein Tintenfisch greift sie nach mir mit tausend Armen und zieht mich immer weiter hinein in die Lagune und in ihre Kanäle.“

(S.68)

Um so interessanter fand ich, dass die Autoren auch Venedig mit einem Oktopus vergleichen, der auf vielfältige Art und Weise den Commissario immer mehr verführt und in Beschlag nimmt. Ob er dort doch noch heimisch werden wird? Weitere Fälle werden es hoffentlich noch zeigen.

Seit der Lektüre weiß ich, wie man einen Tintenfisch fängt – eine Fähigkeit, die der Sizilianer Morello von seinem Vater gelernt hat. Zudem bietet das Buch zahlreiche kulinarische, literarische und musikalische Inspirationen, die ich immer gerne aufnehme. Vielleicht – aber das tat dem Lesegenuss keinen Abbruch – fehlte mir persönlich der ultimative, würzige Pfiff zum ganz großen Wurf bzw. zum Abrunden des Geschmacks. Aber wer Pasta und Italien liebt, ist bei diesem Roman auf jeden Fall gut aufgehoben: die Zutaten stimmen, schmecken und machen Spaß und ich werde die Reihe sicherlich weiter verfolgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo, Der Tintenfischer
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00101-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Tintenfischer“:

Für den Gaumen:
In diesem Krimi wird viel gekocht und geschlemmt – gerne Pasta – und am Ende des Buches finden sich als Zugabe sogar die Lieblingsrezepte des Commissario zum selbst Nachkochen. Eines dieser Rezepte sind die berühmten Pasta alla Norma (mit Auberginen) und wer nicht so lange warten kann bis er den Krimi in Händen hält, findet hierzu auch ein schönes und gut beschriebenes Rezept auf dem vielseitigen Blog Arcimboldi’s World.

Zum Weiterhören:
Aktuell begegnet mir in der Literatur immer öfter der italienische Cantautore (Liederdichter) Fabrizio de André (1940-1999) – war es in einem Sardinien-Krimi vor kurzem der Song „Geordie“, so wird in „Der Tintenfischer“ sein Lied „Preghiera in Gennaio“ erwähnt.

Zum Weiterlesen (I):
Ich finde es immer spannend, wenn Romanfiguren selbst zu Büchern greifen. Schorlau und Caiolo lassen ihren Commissario Morello – der selbst leidenschaftlich gegen die Mafia kämpft – Leonardo Sciascia’s Mafiaroman „Der Tag der Eule“ lesen. Kein Wunder, dass dieser jetzt auch auf meine (immer länger werdende) Leseliste gewandert ist – zumal ich diesen Klassiker der sizilianischen Kriminalliteratur bisher noch nicht kenne:

Leonardo Sciascia, Der Tag der Eule
Aus dem Italienischen von Arianna Giachi
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2619-1

Zum Weiterlesen (II) oder vorher lesen:
Im letzten Frühjahr war der erste Teil der Krimi-Reihe „Der freie Hund“ eines der Bücher, die mich im ersten Lockdown ablenken konnten und gedanklich nach Italien entführten. Wer also erfahren möchte, wie es den sizilianischen Commissario nach Venedig verschlagen hat und wie er sich nach anfänglichem Widerwillen dieser Stadt doch annähert, der sollte vor der Lektüre des Tintenfischers zum ersten Fall der Reihe greifen, in welchem unter anderem der Overtourism und die großen Kreuzfahrtschiffe in der Lagunenstadt thematisiert werden.

Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo, Der freie Hund
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00147-1