Allerseelen auf Sizilien

Einen für mich neuen, italienischen Autor und einen spannenden Kriminalfall durfte ich mit Santo Piazzese’s „Blaue Blumen zu Allerseelen“ kennenlernen. Dieser Krimi des Sizilianers und gebürtigen Palermitaners (*1948) erschien in seiner Heimat bereits 2002, wurde aber erst viele Jahre später von Monika Lustig ins Deutsche übersetzt und als erster Band ihres „Ein-Frau-Verlags“ Edition Converso 2019 auf den Markt gebracht.

So kann man jetzt auch in diesen Genuss – zudem in hochwertiger, edler Ausstattung mit Lesebändchen – kommen, wenn die eigenen Italienischkenntnisse vielleicht nicht für eine entspannte Krimilektüre im Original reichen.

„Spotorno war immer ein Anhänger der Drei-Tage-Regel gewesen: drei Tage Dauer für einen echten Schirokko, drei Tage hoher Wellengang bei Westwind, drei Tage zur Bekämpfung eines heftigen Fiebers, drei Tage höchstens, um einen Mordfall aufzuklären.“

(S.166)

Vittorio Spotorno ist ein erfahrener Commissario und ermittelt schon lange in Palermo. Er kennt diese Stadt, die Strukturen und die Bewohner. Als er plötzlich in mehreren – zunächst unabhängig erscheinenden – Mordfällen ermitteln muss, glaubt er nicht an Zufälle. Gemeinsam mit seinen Kollegen taucht er ein in die Abgründe und dunklen Wahrheiten, welche die Ermittlungen ans Tageslicht befördern und kommt unweigerlich auch schnell mit dem Netz der organisierten Kriminalität in Berührung. Auch wenn die Opfer zunächst nicht auf die Mafia hindeuten, wird bald klar, dass in dieser Stadt kaum Wege an ihr vorbei führen.

Spotorno – Ehemann und Familienvater – ist kein Schreibtischtäter und immer in Bewegung: er ermittelt im Herzen der Stadt – auf der Straße, in den Lokalen und Geschäften, in den Kirchen und auf dem Friedhof. Über die Handlung möchte ich nicht zu viel verraten, aber an Allerseelen kommt es schließlich zum großen Finale und Spotorno steht vor der Lösung der Mordfälle.

Am 2. November ist der Allerseelentag – gerade erst ein paar Tage sind seitdem vergangen, somit war die Lektüre gerade jetzt in dieser Zeit naheliegend. Zudem lässt der Autor den Leser auch an den sizilianischen Traditionen teilhaben:

„(…) auch wenn sie die Tradition des Allerseelenfestes am 2. November in Ehren hielten: Da gab es für die Kinder am Morgen Spielsachen, Zuckerpuppen und frutta die martorana.“

(S.296)

Schön auch, dass erklärt wird, welche Tradition sich hinter diesen bunten Marzipanfrüchten verbirgt: Im Jahr 1308 hängten Nonnen aus dem palermitanischen Kloster La Martorana bei einem Festessen für den Papst diese an Bäume, so dass sie daran täuschend echt wirkten. Gerade solche Geschichten und Details bereichern in meinen Augen und machen diesen Krimi zu etwas Besonderem.

Persönlich mochte ich vor allem aber auch die Figurenzeichnung Piazzese’s sehr und gerade dieser Commissario Vittorio Spotorno ist ein interessanter, starker Charakter, den ich gerne bei seinen Ermittlungen begleitet habe.

„Die Marktverkäufer waren schon dabei, ihre Stände abzubauen und damit Teile einer allzu schamhaften Stadt freizulegen, die ihre Schönheit hinter Automobilen und Ruinen verbarg, in der Hoffnung, dass der Staub der Jahrhunderte – oder das Vergessen – sie am Ende völlig begraben würden. Eine Stadt im Schwebezustand zwischen Agonie und überschäumender Vitalität.“

(S.287)

Solche Zitate sprechen in meinen Augen für sich und zeichnen das Buch aus: Der heimliche Star des Romans ist Palermo – diese Stadt, die in ihrer Schönheit aber auch Zerrissenheit eine wohl einzigartige Atmosphäre besitzt, welche Piazzese literarisch schildert und einfängt. Er zeichnet ein stimmungsvolles Porträt dieser Stadt mit all ihrem Licht und Schatten.

„Ein Zufall? Los Beltramini, wir sind doch volljährig und trocken hinter den Ohren – keiner von uns kann ernsthaft glauben, dass es in einer Stadt wie dieser Zufälle gibt. Das wäre wie an die Befana glauben, die auf einem Besen durch die Lüfte reitet.“

(S.256)

Piazzese hat einen intelligenten und eleganten Krimi geschrieben, der von seiner Atmosphäre und subtiler Spannung lebt. Ein Krimi, der es in sich hat – ohne blutrünstig zu sein – und der facettenreich und fundiert auch die Sicht eines Einheimischen und Sohnes der Stadt auf sein Palermo – Land und Leute – transportiert. Einmal Sizilien und zurück? Für Krimifreunde und eine Lesesessel-Reise ist Santo Piazzese’s „Blaue Blumen zu Allerseelen“ sicher eine gute Wahl.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Santo Piazzese, Blaue Blumen zu Allerseelen
Übersetzt von Monika Lustig
Edition Converso
ISBN: 9783981976304

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Santo Piazzese’s „Blaue Blumen zu Allerseelen“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat dieser Krimi einiges zu bieten, so dass die Auswahl fast schwerfällt: Für mich bisher unbekannt und daher besonders interessant waren die Ines al forno (oder auch Iris al forno), die dankenswerter Weise mit einer Fußnote näher beschrieben werden:

„Die Ines – sowohl in der Version aus dem Ofen als auch die im Öl ausgebackene – ist eine typisch Palermitanische Süßspeise: Sie hat die Form einer kleinen Kuppel, ist gefüllt mit Ricotta, Schokoladenstückchen und kandiertem Kürbis.“

(S.69)

Zum Weiterklicken:
Aufmerksam auf die Edition Converso und die Verlegerin Monika Lustig wurde ich durch folgenden, interessanten Beitrag auf dem Hotlistblog. Dieser machte mich neugierig auf das mediterrane Programm der Verlegerin und da ich ein Freund von italienischer Literatur und Krimis bin, war dann mein erstes Buch dieses Verlages schnell gefunden.

Zum Weiterhören:
Duke Ellington’s herrlicher Jazzstandard „Sophisticated lady“ ist der Soundtrack für das Kennenlernen von Vittorio Spotorno und seiner Amalia – das nenne ich stilvoll. Und eine schöne Anregung, in das Stück reinzuhören, ist es zudem.

Zum Weiterlesen:
Im Roman wird auch auf den italienischen Klassiker „Il Gattopardo“ oder auf deutsch „Der Leopard“ von Giuseppe Tomasi die Lampedusa Bezug genommen – ein Werk, das immer wieder und schon mehrfach auf meiner geistigen Leseliste gelandet ist, aber das ich bisher noch nie in Angriff genommen habe. Jetzt gibt es also wieder einen weiteren Grund, dieses Werk endlich mal zu lesen.

Giuseppe Tomasi di Lampedusa, Der Leopard
Übersetzt von: Burkhart Kroeber
Piper
ISBN: 978-3-492-05984-8

In den Fängen des Tintenfischs

Venedig im Mai 2020 – die Stadt befindet sich auf dem behutsamen Weg heraus aus dem ersten, strengen Lockdown. Wolfgang Schorlau und Claudio Caiolo haben mit ihrem zweiten Band der Morello-Reihe „Der Tintenfischer“ bereits einen Krimi vorgelegt, der in der Corona-Zeit spielt.

Und so ermittelt die venezianische Polizei unter anderem gegen eine Bande von Corona-Kriminellen, die alte Leute ausraubt, indem sie sich an der Haustür als Mitarbeiter des roten Kreuzes ausgeben, um die Wohnung zu desinfizieren.
Ansonsten ist die Stadt wie ausgestorben – die Gassen und Kanäle sind leer – es herrscht strenge Ausgangssperre. Commissario Morello, der zu seiner eigenen Sicherheit in den Norden versetzte Sizilianer fremdelt immer noch ein wenig mit der Lagunenstadt, doch als plötzlich ein Flüchtling sich medienwirksam filmt, als er in Selbstmordabsicht von einer Brücke springt, um auf die Missstände aufmerksam zu machen, bleibt Morello und seiner Kollegin Anna Klotze nicht viel Zeit zu überlegen. Anna rettet ihn aus dem Kanal und der junge Nigerianer erzählt ihnen nach und nach die Geschichte seiner Flucht.

Er ist auf der Suche nach einer jungen Frau, in die er sich während seiner Flucht verliebt hat und die er aus den Augen verloren hat. Er vermutet sie in der Gewalt von Menschenhändlern, die sie zur Prostitution zwingen.
Schon bald führen die Ermittlungen Anna und Morello auf eine abenteuerliche Reise nach Sizilien, wo sie das Mädchen aufspüren wollen. Jedoch birgt jeder Besuch in der alten Heimat für den Commissario, der von der Mafia gesucht wird, große Gefahr.

Nach dem ersten Band „Der freie Hund“ ist „Der Tintenfischer“ der zweite Fall des sizilianischen Commissario’s Morello, welcher in Venedig ermittelt. Das Autorenduo Schorlau und Caiolo haben einen routinierten, spannenden Italien-Krimi geschrieben, der hochaktuell auch schon die Corona-Thematik behandelt. Die neue Bedrohung, für die sich gerade in der Stadt Venedig der Vergleich mit der Pest anbietet – in der Stadt in der sich im Karneval immer noch Menschen mit Masken als Pestärzte verkleiden und in der die Seuche unauslöschliche Spuren hinterlassen hat.
In diesem Krimi beschreiben die Autoren nun die Plagen der neuen Zeit.

Gespenstisch die Atmosphäre des ausgestorbenen Venedig – sofort hat man die Bilder aus dem letzten Jahr im Kopf: ein menschenleerer Markusplatz – bis zur Coronakrise unvorstellbar.

„Der Tintenfischer“ ist spannend und liest sich schnell. Schorlau und Caiolo greifen auf ein bewährtes Krimi-Kochrezept zurück: viel Lokalkolorit, ein kantiger, eigenwilliger Commissario, der gerne und viel kocht, italienische Musik hört und eine Prise Liebesknistern in einem spannenden Kriminalfall. Das alles geschieht auf stimmigem und intellektuell hohem Niveau und lässt sich süffig lesen. Lediglich einige wenige Szenen, in welchem Kollegin Anna fast als Reiseführerin agiert und Morello Venedigs Sehenswürdigkeiten erklärt, fand ich persönlich ein wenig zu konstruiert. Der Szenenwechsel von Venedig nach Sizilien jedoch bereichert und schafft Atmosphäre.

Der Roman greift ernste, brisante Themen auf: die Situation der Flüchtlinge, die Mafia, politische Verwicklungen – das ist für mich die große Stärke dieses Krimis. Die Autoren trauen sich, auch schwierige Inhalte anzupacken und zu vermitteln. Der Tintenfisch mit seinen Tentakeln, die sich überall hineinschlängeln, ist ein gelungenes Bild für die kriminellen und politischen Verstrickungen in Italien und ein gut gewählter Titel.

„Diese Stadt greift nach mir, denkt er. Wie ein Tintenfisch greift sie nach mir mit tausend Armen und zieht mich immer weiter hinein in die Lagune und in ihre Kanäle.“

(S.68)

Um so interessanter fand ich, dass die Autoren auch Venedig mit einem Oktopus vergleichen, der auf vielfältige Art und Weise den Commissario immer mehr verführt und in Beschlag nimmt. Ob er dort doch noch heimisch werden wird? Weitere Fälle werden es hoffentlich noch zeigen.

Seit der Lektüre weiß ich, wie man einen Tintenfisch fängt – eine Fähigkeit, die der Sizilianer Morello von seinem Vater gelernt hat. Zudem bietet das Buch zahlreiche kulinarische, literarische und musikalische Inspirationen, die ich immer gerne aufnehme. Vielleicht – aber das tat dem Lesegenuss keinen Abbruch – fehlte mir persönlich der ultimative, würzige Pfiff zum ganz großen Wurf bzw. zum Abrunden des Geschmacks. Aber wer Pasta und Italien liebt, ist bei diesem Roman auf jeden Fall gut aufgehoben: die Zutaten stimmen, schmecken und machen Spaß und ich werde die Reihe sicherlich weiter verfolgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo, Der Tintenfischer
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00101-3

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Tintenfischer“:

Für den Gaumen:
In diesem Krimi wird viel gekocht und geschlemmt – gerne Pasta – und am Ende des Buches finden sich als Zugabe sogar die Lieblingsrezepte des Commissario zum selbst Nachkochen. Eines dieser Rezepte sind die berühmten Pasta alla Norma (mit Auberginen) und wer nicht so lange warten kann bis er den Krimi in Händen hält, findet hierzu auch ein schönes und gut beschriebenes Rezept auf dem vielseitigen Blog Arcimboldi’s World.

Zum Weiterhören:
Aktuell begegnet mir in der Literatur immer öfter der italienische Cantautore (Liederdichter) Fabrizio de André (1940-1999) – war es in einem Sardinien-Krimi vor kurzem der Song „Geordie“, so wird in „Der Tintenfischer“ sein Lied „Preghiera in Gennaio“ erwähnt.

Zum Weiterlesen (I):
Ich finde es immer spannend, wenn Romanfiguren selbst zu Büchern greifen. Schorlau und Caiolo lassen ihren Commissario Morello – der selbst leidenschaftlich gegen die Mafia kämpft – Leonardo Sciascia’s Mafiaroman „Der Tag der Eule“ lesen. Kein Wunder, dass dieser jetzt auch auf meine (immer länger werdende) Leseliste gewandert ist – zumal ich diesen Klassiker der sizilianischen Kriminalliteratur bisher noch nicht kenne:

Leonardo Sciascia, Der Tag der Eule
Aus dem Italienischen von Arianna Giachi
Wagenbach
ISBN: 978-3-8031-2619-1

Zum Weiterlesen (II) oder vorher lesen:
Im letzten Frühjahr war der erste Teil der Krimi-Reihe „Der freie Hund“ eines der Bücher, die mich im ersten Lockdown ablenken konnten und gedanklich nach Italien entführten. Wer also erfahren möchte, wie es den sizilianischen Commissario nach Venedig verschlagen hat und wie er sich nach anfänglichem Widerwillen dieser Stadt doch annähert, der sollte vor der Lektüre des Tintenfischers zum ersten Fall der Reihe greifen, in welchem unter anderem der Overtourism und die großen Kreuzfahrtschiffe in der Lagunenstadt thematisiert werden.

Wolfgang Schorlau/Claudio Caiolo, Der freie Hund
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-00147-1