Die Tante zum Schluss

Mein Lesejahr 2020 neigt sich langsam dem Ende zu und zum Schluss konnte ich nochmal ein kleines, feines, literarisches Schmankerl genießen. Bei „Tante Martl“ von Ursula März handelt es sich noch um einen letzten Spontankauf im Dezember in meiner örtlichen Buchhandlung, bevor diese wieder schließen musste und wie schon bei „Alte Sorten“ hatte ich offenbar auch hier ein glückliches Händchen, denn gemäß dem Motto „Das Beste kommt zum Schluss“ zählt dieser schmale Band der ZEIT-Journalistin Ursula März nochmal zu den Büchern, die ich dieses Jahr besonders mochte.

Tante Martl hätte eigentlich ein Martin werden sollen. Als drittes Kind nach zwei Mädchen hätte der Vater dann doch gerne einen Jungen in den Armen gehalten und einen Stammhalter präsentiert und so beginnt Martl’s Leben gleich mit einem Eklat. Denn in Schockstarre lässt es der Vater auf dem Standesamt zu, dass die Geburtsurkunde für einen Jungen ausgestellt wird. Er bringt einfach den Mund nicht auf, um laut einzugestehen, wieder „nur“ ein Mädchen gezeugt zu haben. Erst nach einer Woche und unter lautstarkem Protest und Androhung ernster Konsequenzen durch seine Frau, lässt er den Irrtum amtlich korrigieren.

Martl wird 1925 in der Westpfalz geboren und wird ihr Leben lang im Schatten ihrer zwei älteren Schwestern Bärbl und Rosa stehen. Im Gegensatz zu ihnen wird sie nie heiraten, keine Familie gründen und ihr Leben lang im Elternhaus wohnen bleiben. Sie wird Lehrerin und sie – die ungeliebte Tochter – wird es auch sein, die den Vater am Ende pflegt und selbstlos ihr Leben in den Dienste anderer stellt.

„Martl aber fühlte sich immer weiter an den Rand gedrängt, und unbemerkt, so glaube ich, begann sie schon damals, auf Kosten ihres eigenen Lebens an dem der anderen wie eine Souffleuse teilzunehmen, die sich im Schatten hält und aushilft, wenn die Darsteller im Text hängen bleiben.“

(S.49)

Ursula März ist das Patenkind von „Tante Martl“ und schildert aus der Perspektive der Nichte das Leben dieser resoluten, patenten und doch stets im Hintergrund stehenden Frau. Eine Liebeserklärung an die Patentante, zugleich gerät das Buch aber auch zum Familienportrait und kann ebenfalls als Gesellschaftsportrait der Nachkriegszeit und der Zeit des Wirtschaftswunders gelesen werden.

In vielen Familien gab es damals eine solche „Tante“, die ledig blieb und sich um die Familie kümmerte, einfach mitlief und doch auch manchmal um die Unabhängigkeit und Selbstständigkeit beneidet wurde. Denn „Tante Martl“ machte den Führerschein, hatte ein eigenes Auto und fuhr alleine in den Urlaub. Als Lehrerin verdiente sie ihr eigenes Geld und war finanziell unabhängig, dennoch löste sie sich nie vom Elternhaus und blieb stets unter dem Dach ihrer Eltern wohnen.

Erst 1950/51 wurde übrigens die Klausel des „Lehrerinnenzölibats“ gesetzlich gelockert und abgeschafft – erst dann durften die „Fräulein Lehrerinnen“ auch heiraten und zugleich ihren Beruf weiter ausüben.

„Isch stör dich, gell?“, sagte sie dann pikiert. „Bischt aufm Drücker?“ Aber nein, beteuerte ich, sie störe überhaupt nicht, ich mache ohnehin gerade eine kurze Arbeitspause und läge auf der Couch. „Ei, dann sach doch gleich, dass de schloofe willscht“, murrte sie weiter, „des kann isch jo net wisse. Isch sitz am Telefon und net am Fernrohr.“

(S.8)

Was macht aber nun diesen gerade mal 190 Seiten starken Roman zu so etwas Besonderem? Es ist diese absolut unwiderstehliche, mit großem Humor und Schlagfertigkeit gesegnete, starke Frau im Mittelpunkt der Geschichte und es ist das hervorragende Auge der Autorin, die genau die richtigen Worte trifft, um dieses Charakterportrait für den Leser lebendig werden zu lassen. Da sitzt jedes Wort, jeder Satz und man spürt in jeder Zeile die Liebe und den Respekt für die Tante, die auf der einen Seite so uneigennützig agierte und doch selbstständig ihren eigenen, selbstgewählten Weg ging. Es ist aber auch die gelungene Mischung aus Komik und Tragik, denn die Stellen, die einem die Lachtränen in die Augen treiben, wechseln sich mit traurigen, nachdenklichen Szenen ab.

Ein Roman mitten aus dem Leben und in einer Sprache, die genau den angemessenen Ton trifft: witzig und doch respektvoll. Amüsant auch, dass März ihre Tante stets im pfälzischen Dialekt sprechen lässt – das gibt dem Ganzen noch eine weitere, liebenswürdige Färbung und zusätzliche Authentizität. Ein wunderbares Buch über eine tapfere und unerschrockene Frau, die dem Leben mit viel Humor und einem gesunden Sarkasmus begegnete. Eine uneingeschränkte Leseempfehlung für alle, die gerne lachen und weinen und ein amüsantes, warmherziges und einzigartiges Frauen- und Familienportrait lesen.

Eine weitere schöne Besprechung des Romans findet sich auch auf buchpost.

Buchinformation:
Ursula März, Tante Martl
Piper
ISBN: 978-3-492-31682-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Tante Martl“:

Für den Gaumen:
Vielleicht sollten wir uns jetzt nach den opulenten und üppigen Mahlzeiten der Weihnachtsfeiertage an die Devise von Tante Martl halten:

„Des is, was isch a redlisch Mahlzeit nenn: a Scheib Schwarzbrot und gut Butter drauf. Des is was für anständische Leut. Und die, wo sisch von Naschzeusch ernähre, die sin grad zu faul zum Kaue und halte sisch fir was Besseres.“

(S.24/25)

Zum Weiterhören:
Zum Jahresende gehört die champagner-launige Operette „Die Fledermaus“ zum Standardrepertoire der Theater- und Opernhäuser – ein wahrer Silvesterklassiker – und im Libretto von Carl Haffner findet sich folgendes schöne Zitat, das auch gut auf „Tante Martl“ passt: „Eine solche Tante wie diese Tante – noch keine Nichte Tante nannte!“

Zum Weiterlesen:
Stellenweise fühlte ich mich an einen Roman erinnert, den ich bereits vor vielen Jahren gelesen habe: Irene Dische’s „Großmama packt aus“. Ebenfalls ein satirisch-sarkastischer Familienroman mit verschrobenen Charakteren, der einen ganz eigenen, amüsanten Sound besitzt.

Irene Dische, Großmama packt aus
Aus dem Amerikanischen von Reinhard Kaiser
dtv
ISBN: 978-3-423-13521-4

Sylt bittersüß

Susanne Matthiessen ist ein waschechtes Sylter Inselkind – dort geboren und aufgewachsen – und beschreibt in „Ozelot und Friesennerz“ witzig, bissig und wehmütig ihre Kindheit, die Geschichte ihrer Familie und ihr bittersüßes Verhältnis zur liebsten Insel der Deutschen.

Die Bezeichnung „Roman einer Sylter Kindheit“ trifft es für mich nicht so ganz, vielmehr habe ich das Buch weniger als Roman, sondern eher als eine Sammlung von Anekdoten und Episoden aus dem Leben der Autorin gelesen. Geboren 1963 und aufgewachsen in den wilden Siebzigern kann Susanne Matthiessen viel erzählen, hat sie doch den touristischen Aufschwung und die Entwicklung der Insel hautnah miterlebt und auch über die berühmt-berüchtigten Gäste und furiosen High Society-Parties weiß sie so einiges zu berichten. Die Perspektive der Einheimischen macht es für den Leser interessant, der in aller Regeln Sylt nur durch den eigenen Urlaub oder gar nur vom Hörensagen kennt. Wann versetzt man sich schon einmal in die Perspektive der Gastgeber?

Wie ist es, als Kind auf dieser Urlaubsinsel zu leben und aufzuwachsen? Die Eltern betreiben ein florierendes Pelzgeschäft, das seit Generationen in der Hand der Familie ist. Pelze – Luxusgüter der damaligen Zeit, die perfekt auf die Insel und zu den wohlhabenden Gästen passten. Geld spielt bei den Inselgästen häufig keine Rolle und so klingelt die Kasse im Laden. Die Eltern arbeiten viel und lange und die Tochter läuft eher nebenher mit. So verbringt sie auch als Kind und Jugendliche viel Zeit im Geschäft, lernt die Kniffe und Tricks des Verkaufens und die extravaganten Sonderwünsche der Kundschaft kennen. Sie weiß von Strandleben, Parties und exzentrischen Urlaubern zu erzählen und wie es ist, sich das Haus stets mit Sommergästen teilen zu müssen.

„Ozelot und Friesennerz“ ist aber auch ein Buch über starke, emanzipierte und geschäftstüchtige Frauen, die auf der Insel bereits früher als anderswo ihr Schicksal und das Regiment in die eigenen Hände genommen haben – und ebenso ist es ein Stück Zeitgeschichte der Bundesrepublik. Wie war das denn damals in den Siebzigern?

So erzählt die Autorin im Plauderton unterhaltsam, scharfzüngig und teils fast zynisch über sich und ihre Familie als „aussterbende Spezies“. Aussterbend in vielerlei Hinsicht: Seit die Geburtsstation der Insel geschlossen hat, werden keine Kinder mehr dort geboren, sondern kommen auf dem Festland zur Welt. Die wenig verbliebenen Einheimischen können es sich kaum noch leisten auf der Insel zu leben, seit der Ausverkauf der Insel begonnen hat und die Immobilienpreise ins Astronomische gestiegen sind. Und auch das Geschäft der Eltern ist einen relativ plötzlichen Tod gestorben, denn Pelze sind mittlerweile verpönt und werden nicht mehr gekauft. Und so werden die waschechten Insulaner weniger und das zunächst positiv begrüßte Wirtschaftswunder ist auf der Insel nahtlos in einen gnadenlosen Finanzkapitalismus übergegangen, der für die meisten Einheimischen kaum noch Raum lässt.

Kritisch räumt die Autorin jedoch auch ein, dass sich die Sylter selbst hier auch teilweise an die eigene Nase fassen müssen, aber die Selbstkritik, die Trauer, der Schmerz und die Wut über die negativen Veränderungen auf der Insel, die nicht mehr zurückgedreht werden können und den ursprünglichen Charakter Sylts immer mehr verdrängt und verwässert haben, ist deutlich zu spüren. Da schwingt große Wehmut mit und Matthiessen versucht mit ihrem Buch der Insel etwas zurückzugeben und Erinnerungen festzuhalten, die sonst auch noch verloren gehen. So schreibt sie: „In mir wächst das Gefühl, dass ich der Insel etwas schulde. Auch wenn es am Ende nur dieses Buch sein wird.“ (Zitat, S. 245).

Die Lektüre war kurzweilig und unterhaltsam, auch wenn mir etwas weniger „Pelzdetails und Kürschnerhandwerk“, dafür etwas mehr „Sylt, Land und Leute“ oder vor allem Zeitgeschichte lieber gewesen wäre. Denn die Stärke des Buches kommt für mich vor allem dann zum Tragen, wenn Matthiessen in ihrer flapsig-amüsanten und humorvollen Art zu Schreiben den großen Bogen zur deutschen Geschichte schlägt und zum Beispiel fast nebenbei durch die Geschichte ihrer Großmutter, ihrer Mutter und ihrer eigenen, die Situation und Emanzipation der Frau in Westdeutschland erzählt. Wer also abtauchen will in die wilden Siebziger Jahre oder vielleicht demnächst einen Sylt-Urlaub plant – dem sei dieses Buch ans Herz gelegt – man erfährt interessante Hintergründe aus einem neuen Blickwinkel. Wer aber dem Sehnsuchtsort Sylt keine Kratzer im Lack zufügen möchte und sich lieber die Postkartenidylle und das Bild einer heilen Welt bewahren will anstatt sich kritisch mit der Inselgeschichte auseinanderzusetzen, der sollte das Buch lieber im Regal stehen lassen.

© Ullstein Verlag

Buchinformation:
Susanne Matthiessen, Ozelot und Friesennerz
Ullstein
ISBN 9783550200649

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Wozu inspirierte mich „Ozelot und Friesennerz“:

Für den Gaumen:
Der Sylter Klassiker ist für mich ganz klar ein Fischbrötchen – ganz frisch direkt am Hafen – leider in meiner Heimat in der Qualität so nicht zu bekommen. Schmeckt für mich daher immer nach Meer, Freiheit und Urlaub und die Austern überlasse ich gerne den anderen.

Für die Ohren:
Musikalisch gesehen waren die im Buch geschilderten Schallplattenkäufe der Autorin nicht ganz meine Zeit oder Wellenlänge, aber auf Sylt hört man doch am besten ohnehin den Wellen, der Brandung und dem Meeresrauschen zu.

Für weiteren literarischen Genuss:
Wer nach der kritischen Auseinandersetzung mit der Sylter Geschichte lieber doch nochmal ein bisschen mehr „Heile Welt“, Urlaubsstimmung und gute Laune braucht, dem sei die Inselwelt der Stockholmer Schären und ein absoluter Klassiker (und eines meiner Allzeit-Herzensbücher) ans Herz gelegt:

Astrid Lindgren, Ferien auf Saltkrokan
Oetinger
ISBN: 978-3-7891-4119-5