Villazóns literarische Radtour durch Salzburg

Sommerzeit, Urlaubszeit, Festspielzeit – all das wird dieses Jahr durch die Corona-Pandemie gewaltig auf den Kopf gestellt. Doch die Salzburger Festspiele finden statt und man kommt derzeit auch zu Hause auf dem Sofa in den Genuss einiger Fernsehübertragungen (u.a. den „Jedermann“ vom Domplatz, die „Così fan tutte“ aus dem großen Festspielhaus und „Elektra“ aus der Felsenreitschule). Was könnte dazu besser passen als ein Roman von einem, der Salzburg und die Festspiele hinter den Kulissen kennt wie seine Westentasche und dazu noch jede Menge Lebensfreude und Urlaubslaune versprüht: Rolando Villazón. Sein dritter Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ ist eine Liebeserklärung an Salzburg, die Festspiele und vor allem an Mozart, den unsterblichen Sohn der Stadt an der Salzach.

Salzburg im Sommer, die Luft flirrt und der junge Mexikaner Vian kommt mit einem großen Traum in der Stadt an: der junge Opernsänger möchte einmal bei den Salzburger Festspielen auftreten und singen. Dafür ist er bereit, alles zu geben und er begegnet in Mozarts Geburtsstadt großen Stars, exaltierten Kollegen und Künstlern, schrulligen Vögeln, wahren Freunden, der großen Liebe und letztlich sich selbst. Hinter und vor den Kulissen von „Don Giovanni“ – Mozarts großartiger Höllenfahrt-Oper – stolpert der quirlige, südamerikanische Tollpatsch und „Winzling“ – wie er sich im Buch selbst bezeichnet – durch Höhen und Tiefen des Künstlerdaseins und erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

So wie die Titelfigur der Oper sich dem „steinernen Gast“ – dem Komtur – nicht entziehen kann, so kämpft Vian darum, sich von seinem übermächtigen Vater zu lösen – Parallelen zu Mozart sind natürlich vom Autor nicht rein zufällig gewählt, sondern klar erwünscht. Denn der autoritäre Vater hat andere Pläne für seinen Sohn und möchte, dass dieser seine stotternde Sängerkarriere lieber heute als morgen beendet und sich stattdessen zu Hause in Mexiko einem einträglichen Brotberuf widmet. Und so scheint der sensible Nachzügler Vian in seinem Leben ständig zwischen den Welten zu stehen – zwischen Europa und Südamerika, zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen Geschwistern und Eltern, zwischen Pflicht und Lust und selbst seine Stimmlage lässt sich nicht eindeutig auf Tenor oder Bariton festlegen. Und doch schlägt sich der tapfere, aber auch ängstliche Spinnenphobiker mit Humor durchs Leben und versucht in Salzburgs Gassen, die zahlreiche Abenteuer für ihn bereit halten, sein Glück und seine Bestimmung im Leben zu finden.

Wie viel Villazón steckt in der Figur des Vian? Vermutliche einiges: die Liebe zur Musik, der Oper und zu Mozart, das quirlige, südliche Temperament und der Humor, der hilft, auch in schwierigen Situationen, die Hoffnung nicht aufzugeben und den Problemen laut ins Gesicht zu lachen.

Vor allem aber steckt sehr viel Villazón im gesamten Roman, der ein pralles, lebensfrohes und buntes Bild von Salzburg in all seiner künstlerischen Vielfalt zeichnet. Salzburg ist mehr als Mozart und doch dreht sich so vieles dort um ihn.

Das Buch enthält eine der längsten Liebeserklärungen, die ich je in der Literatur gelesen habe und ist zudem eine Liebeserklärung Villazóns an die Stadt, in der er seit 2019 als Intendant für die Mozartwoche verantwortlich zeichnet und einst an der Seite von Anna Netrebko in der umjubelten und legendären „La Traviata“ von 2005 zum Weltstar wurde.

Mit viel Augenzwinkern und einem gehörigen Schuss Selbstironie beleuchtet der Opernsänger liebevoll auch die Künstlerszene, die Festspielatmosphäre und lässt zwischen den Zeilen durchklingen, dass es bei viel Rampenlicht auch Schatten gibt. Mit großer Lust am Erzählen und Fabulieren scheint die Geschichte regelrecht aus ihm herauszusprudeln – und man fühlt sich beim Lesen an seine lebensfrohen, überbordenden und temperamentvollen Interviews erinnert. Mit zahlreichen Querverweisen und Bezügen zu Literatur, Film und bildender Kunst, aber auch Themenkomplexen wie die Eltern-Kind-Beziehung, Zivilcourage und Toleranz fächert er ein pralles, buntes Kaleidoskop auf, das in seiner Üppigkeit und Fülle vielleicht so gar manchem Leser an der einen oder anderen Stelle etwas zu viel werden könnte.

Stark ist der Roman für mich vor allem in den luftig-leichten Momenten, in welchen der spitzbübische Humor des Autors aufblitzt und er sich selbst und das Opernbusiness nicht zu ernst nimmt, aber auch dann, wenn er die Macht der Musik und der Liebe gefühlvoll beschreibt.

Für mich als Bücher- und Opernliebhaberin war dieser Roman ein wunderbares Sommerbuch und eine erfrischende, fröhliche Urlaubslektüre, die mir viel Lesefreude bereitet hat: kurzum das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Buchinformation:
Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

***

Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen:

Passend zur Salzburger und österreichischen Kaffeehauskultur ein „Verlängerter“ oder ein „großer Brauner“

Für die Ohren oder den nächsten Theaterbesuch:

  • Mozarts Oper „Don Giovanni“ – wer sie kennt, hat definitiv noch mehr von der Lektüre, weil sich zahlreiche Parallelen und Anspielungen im Roman entdecken lassen.
  • Peter Shaffers Schauspiel „Amadeus“ – im Stadttheater Landshut war in der vergangenen Spielzeit eine fulminante und geniale Inszenierung dieses Stückes zu erleben. Wo immer sich die Gelegenheit bietet, das Stück live zu sehen – ich kann es nur empfehlen. Der oscarprämierte Film von Forman, der auf diesem Stück basiert, ist zweifelsohne gut – aber Live-Theater ist besser.
  • Und zum Hören die wunderbaren Interpretationen von Mozarts Arien (auch fünf aus Don Giovanni) auf Christian Gerhahers Album „Mozart Arias“ (erschienen bei Sony Classical, 2015)

Für weiteren literarischen Genuss:

Zu Salzburg passen und stehen in meinem Regal:

  • Herbert Rosendorfer „Salzburg für Anfänger“;
    dtv Literatur, ISBN 978-3-423-13342-5
    (Ein fröhlicher und kurzweiliger literarischer Reiseführer durch die zauberhafte Stadt an der Salzach.)

… und eines meiner absoluten Herzensbücher:

  • Erich Kästner „Der kleine Grenzverkehr“;
    Atrium Verlag AG, ISBN 978-3038820154
    (Ich werde zu gegebener Zeit in diesem Blog sicherlich auf Erich Kästner zurückkommen, denn er ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren, wenn nicht DER Lieblingsautor in meinem Leseleben.)
© Rowohlt Verlag

2 Gedanken zu “Villazóns literarische Radtour durch Salzburg

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