Così fan tutte in Salzburg

Gerade derzeit „machen es eben nicht alle so“, sondern die Salzburger Festspiele sind aktuell das große Kulturereignis, das es anders macht – es findet statt. In eingeschränkter Form, aber Salzburg versucht und wagt es, ein Zeichen zu setzen, dass Kultur auch in Zeiten der Pandemie einen Platz finden kann und muss. Dies erfordert Mut und es bleibt zu hoffen, dass dieser belohnt wird, so dass diese Jubiläumsfestspiele als besonders, aber gelungen in die 100-jährige Geschichte eingehen werden und ein positives, ermutigendes Zeichen setzen.

Die Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ in einer gekürzten und coronatauglichen Form (d.h. ohne Pause), leistet ohne Zweifel ihren Beitrag zum Gelingen der Festspiele. Die reduzierte Fassung, welche die Dirigentin Joana Mallwitz – als erste Frau am Pult der Salzburger Festspiele – und Regisseur Christof Loy in der Kürze der Zeit gemeinsam erarbeitet haben, ist stimmig und verschafft dem Publikum den so dringend ersehnten Mozartgenuss: Balsam auf die Seele all derer, die so lange auf Oper verzichten mussten.

Mozarts Kammeroper mit sechs großen Partien, Liebeswirren und zeitloser musikalischer Schönheit erweist sich als bestens geeignet für die aktuell gebotenen Möglichkeiten, Opern aufzuführen. Die Wirkung des Stücks leidet nicht unter den Einschränkungen, welche die Pandemie dem Opernbetrieb auferlegt.

Fiordiligi und Dorabella – zwei junge und unbeschwerte Schwestern – lieben ihre Verlobten Guglielmo und Ferrando und fiebern der Hochzeit entgegen. Durch die heimtückische Wette, die Don Alfonso bei seinen Freunden anzettelt – er möchte den Beweis antreten und sie warnen, dass keine Frau wirklich treu ist – stürzt er die vier jungen Menschen in große Liebes- und Gefühlswirren. Den Schwestern – Elena Dreisig und Marianne Crebassa als hinreißende, unbeschwerte Damen, die in mir mehr als einmal die Assoziation von „Schneeweißchen und Rosenrot“ weckten und sich stimmlich, wie spielerisch wunderbar ergänzen – erzählt Don Alfonso, dass ihre Verlobten einrücken müssen. Die folgende Abschiedsszene und die Arie „Soave sia il vento“, ist für mich musikalisch und emotional einer der Höhepunkte und der Gänsehautmoment der Aufführung, zumal die warme Stimme des Weltklasse-Baritons Johannes Martin Kränzle und die frischen, jungen Stimmen der beiden Sängerinnen eine Harmonie und Klangfarbe erzeugen, die unter die Haut geht.

Wer „Così fan tutte“ kennt, weiß, wie es weitergeht: Mit Hilfe der durchtriebenen Kammerzofe Despina – Lea Desandre beweist in dieser Rolle ihr komödiantisches Talent und brilliert auch in den Szenen als verkleideter Arzt und Notar – schleust Don Alfonso die verkleideten jungen Burschen unerkannt zurück ins Haus, wo sie dann mit allerlei Tricks versuchen, die Verlobte des jeweils Anderen zu verführen.

Am Ende spricht einem der Schlusschor – derzeit aktueller denn je – aus der Seele, der in C-Dur den Menschen glücklich preist, der die guten Seiten sieht und auch in den Wechselfällen des Lebens lacht und Ruhe bewahrt.

Mich hat vor allem die immense Intensität und die enorme Energie beeindruckt, welche von dieser puristischen Fassung und der spielfreudigen Besetzung ausgehen. Gerade durch die Reduzierung aufs Wesentliche – die Bühne als großer, freier Raum ohne Requisiten und Möblierung – nur Treppen und Türen und ein Spiel mit Weiß und Schwarz – trägt dazu bei, dass sich alles auf die Musik und die Figuren konzentriert.

Die Sänger füllen diesen Raum mit Leben und Emotion und nutzen die Chance, die sich in der Einfachheit bietet. Jeder der sechs Akteure ist dieser Herausforderung, sich nur auf sich selbst und Mozarts Musik zu verlassen, zu jeder Zeit gewachsen. Stimmlich und darstellerisch agieren sie auf Augenhöhe. Der Star ist das Ensemble und wird zu Recht vom Publikum im Saal mit stürmischem Beifall bedacht.

Joana Mallwitz führt die Wiener Philharmoniker umsichtig und stellt die Musik in den Dienste der herausragenden Sängerriege: Allen voran die 29-jährige Elsa Dreisig, die der Fiordiligi vor allem in den Höhen eine unvergleichliche Leichtigkeit gibt und doch darstellerisch auch die Gefühlstiefe nicht vermissen lässt. Marianne Crebassa ergänzt Dreisigs klaren, hellen Sopran um einen dunkleren und warmen Mezzo – eine höchstklassige Besetzung der beiden Rollen, wie man sie nur äußerst selten erleben darf und zwei Sängerinnen, denen große Opernkarrieren offen stehen. Dem stehen der russische Tenor Bogdan Volkov und der Bariton Andre Schuen kaum nach und meistern ihre Partien sängerisch ebenfalls mit viel Gefühl und großer Bühnenpräsenz. Johannes Martin Kränzle präsentiert sich als Don Alfonso in hervorragender Verfassung und darf auch dank seiner grandiosen schauspielerischen Fähigkeiten bei Mimik und Körperhaltung aus dem Vollen schöpfen. Der erfahrene Bariton ergänzt so perfekt das junge, vibrierende Ensemble, denn auch die temperamentvolle Lea Desandre als Despina sprüht vor Spiellaune und beweist große Ausstrahlung auf der Bühne.

Christof Loys wohl durchdachte Personenregie schafft die Voraussetzung, dass das Publikum einen Opernabend erlebt, der getragen von der unsterblichen Musik Mozarts, vor allem durch die puren, intensiven gesanglichen und authentischen, emotionalen schauspielerischen Leistungen der Hauptakteure im Gedächtnis bleiben wird. Man spürt regelrecht mit welcher Lust und Freude die Akteure des Abends auf der Bühne stehen und es genießen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen.

Salzburg, Mozart, die Festspiele und die Wiener Philharmoniker sind untrennbar miteinander verbunden und werden hoffentlich in dieser Konstellation noch viele Besucher und Opernbegeisterte in den kommenden Jahrzehnten begeistern und verzaubern.

Gesehen auf ORF2, 07. August 2020, 20.15 Uhr

***

Ich liebe es, während und nach einem kulturellen Erlebnis, die Gedanken fließen zu lassen, den Moment auszukosten, mir die Sinne umschmeicheln und mich inspirieren zu lassen. Kultur ist für mich das Zusammenspiel der Sinne (Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Fühlen) und regt mich zum Nachdenken und genießen an. So klingt und wirkt das Erlebte länger nach und hinterlässt dauerhafte Spuren. Für die Salzburger „Così“ sind das für mich:

Für den Gaumen: ein sommerlich-fruchtiges, gekühltes Glas Spätburgunder-Rosé

Für die Ohren: Zum immer wieder Nachhören die Arie „Soave sia il vento“. Sie ist musikalisch wie eine frische Brise am Meer, die Segel blähen sich und flattern fröhlich und ruhig im Wind, wenn die Streicher den wunderbaren Gesang der harmonierenden Frauenstimmen begleitet vom Fundament des erfahrenen Baritons fließend untermalen.

Und natürlich die Musik Mozarts in jeglicher Couleur – jeder, der ihn liebt, wird seine ganz persönlichen Lieblingsstücke haben – für mich gibt es unzählige…

Für literarischen Genuss:

Spontan fallen mir hier ein und stehen in meinem Regal:

  • Eva Baronsky „Herr Mozart wacht auf“;
    Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-7466-2696-3
    (Das ich vor vielen Jahren in einem Wellness-Urlaub gelesen habe und das mich damals köstlich amüsiert hat, weil es mit viel Augenzwinkern geschrieben ist.)
  • Hanns-Josef Ortheil „Das Glück der Musik – Vom Vergnügen, Mozart zu hören“; Luchterhand, ISBN: 978-3-630-62082-4
    (Einer meiner absoluten Lieblingsautoren, der – neben vielen anderen Vorzügen – wie kein Zweiter über Musik schreiben kann)

Und als baldige Rezension im Blog geplant:

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