Augustbowle 2020 – Reisen durch Bücher

Ein außergewöhnlicher August geht zu Ende – ein weiterer merkwürdiger Monat in einem Jahr, das aus der Reihe fällt und uns alle vor neue Fragen, Sorgen, Herausforderungen und Entscheidungen gestellt hat. Viele Blogger pflegen das Ritual des monatlichen Rückblicks und des „Revue passieren-Lassens“. Meine Kulturbowle ist noch jung – noch nicht mal einen Monat alt, aber ich versuche mich einfach mal an einem „halben“ Monatsrückblick, da ich am 14. August meinen Blog im Netz gestartet habe. Ob sich dieses monatliche Format bei mir regelmäßig etablieren wird, wird wie so vieles die Zeit zeigen.

Eine der Entscheidungen, welche die Corona-Pandemie uns abverlangt hat, war die Frage nach dem Sommerurlaub: Verreisen – ja oder nein? Ich habe mich für ein Nein zum Reisen und im Gegenzug für ein Ja zu diesem Blog entschieden. Die Idee, die Umsetzung und der Start fallen in meine Urlaubszeit – die Kulturbowle ist mein Sommer- bzw. Urlaubsprojekt 2020.

Und somit habe ich mein ganz persönliches, neues Abenteuer begonnen und ich habe mich vor allem auch in meiner Lektüre auf Reisen begeben. Schon seit meiner Kindheit liebe ich es, mich durch das Lesen von Büchern in andere Länder, Städte, andere Zeiten und andere Milieus entführen zu lassen. Reisen im Kopf, in der Fantasie – das ist die Macht der Bücher, die dies vermag und die mich immer wieder aufs Neue fasziniert, wenn ich abtauche in ein neues Buch, eine andere Welt.

„Wenn ein Kind lesen gelernt hat und gerne liest, entdeckt und erobert es eine zweite Welt, das Reich der Buchstaben. Das Land des Lesens ist ein geheimnisvoller, unendlicher Erdteil.“

(Erich Kästner, aus „Als ich ein kleiner Junge war“)

Wohin führte mich meine Buchauswahl im August bzw. seit Mitte des Monats? Zunächst ins wunderbare Salzburg, die Stadt der Nockerl und der Kugeln und die Stadt Mozarts und der Musik. So habe ich mich inspiriert durch die tolle „Così fan tutte“ der diesjährigen Festspiele, mit Vergnügen in die Lektüre von Rolando Villazóns „Amadeus auf dem Fahrrad“ gestürzt und wurde nicht enttäuscht. Dass der Opernsänger auch einen kurzweiligen und amüsanten Roman schreiben kann, der mit viel Augenzwinkern und südlichem Temperament verfasst ist, hat er für mich klar unter Beweis gestellt. Eine schöne, leichte Sommerlektüre, die vor allem das Warten auf die nächste Theatersaison und Besuche von Live-Veranstaltungen ein wenig verkürzen konnte.

Danach fand ich mich dann mit Robert Seethalers neuem Roman „Der letzte Satz“, der kurz danach auch den Weg auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 gefunden hat, auf einem Ozeandampfer wieder und begleitete den todkranken Komponisten Gustav Mahler auf seiner letzten Reise über den Atlantik nach Hause. Wellenrauschen und Seeluft inklusive. Obwohl der Roman in Bloggerkreisen durchaus kontrovers beurteilt wird, ist er für mich ein wunderbares Stück Literatur und hat meinen Nerv definitiv getroffen. Für mich das richtige Buch zur richtigen Zeit und sowohl sprachlich als auch thematisch (Musik, Kunst und Kultur) genau meine Wellenlänge.

Ohne mich danach lange in ein Flugzeug setzen zu müssen, reiste ich danach sofort zurück nach New York und verschlang in relativ kurzer Zeit die 496 Seiten von Elizabeth Gilberts „City of Girls“. Vierziger Jahre im Big Apple, eine bunt gewürfelte Theatertruppe und eine junge Frau, die sich zunächst im schillernden Nachtleben der Stadt austobt, um dann schmerzlich festzustellen, was wirklich wichtig ist im Leben. Ein leichtfüßiger Schmöker, der sich süffig liest und mich aufgrund der Schilderung des Theaterlebens (vor und hinter der Bühne) und der warmherzig gezeichneten Figuren sehr gut unterhalten hat.

August ist Poznanski-Jugendbuch-Zeit und im neu erschienenen „Cryptos“ nimmt die österreichische Autorin ihre Leser mit auf einen wilden Ritt durch Raum und Zeit und in eine Vielzahl unterschiedlichster Welten. Wenn man mal zu lesen anfängt, kann man das Buch schwer wieder weglegen, daher ist die Urlaubszeit hierfür ideal. Für mich interessant war vor allem, wie Ursula Poznanski das Thema Klimakatastrophe anpackt, für junge Leser greifbar macht und wie sie hier die sich bereits abzeichnenden Entwicklungen und Probleme gedanklich weiterspinnt.

Bella Italia und in diesem Falle Venedig war das nächste Ziel meiner August-Lesereise. Der Roman „Margherita“ zeichnet die Lebensgeschichte der Großmutter des Ehemanns der Autorin Jana Revedin nach und macht sie somit literarisch unsterblich. Ihre Geschichte liest sich wie ein wahr gewordenes Märchen und so trifft Margherita, die als einfache Zeitungsverkäuferin einen einflussreichen Adeligen heiratet, in Paris und später in Venedig auf alle künstlerischen Größen ihrer Zeit: Pablo Picasso, Coco Chanel, Giacometti, Poulenc. Die schillernde Persönlichkeit Peggy Guggenheim wird zu einer ihrer engsten Freundinnen. Ein atmosphärisches Buch, das einen wirklich in die engen Gassen und Kanäle der Serenissima versetzt.

Da Deutschland als Reiseziel dieses Jahr ja besonders beliebt ist, stand dann auch noch die Insel Sylt auf meinem Leseplan. Susanne Matthiessen hat mit „Ozelot und Friesennerz“ ihrer Heimat und ihren Sylter Mitbürgern ein ganz persönliches Buch gewidmet, das sich witzig, bissig und kritisch mit der Entwicklung und Geschichte der Insel auseinandersetzt. Im Zusammenspiel mit ihrer Familiengeschichte und der Schilderung ihrer eigenen Kindheit als gebürtiger Sylterin im florierenden Pelzgeschäft ihrer Eltern, fächert sie ein buntes Bild der wilden Siebziger Jahre auf der Insel und in der Bundesrepublik auf und erzählt mit gewisser Wehmut von Einheimischen und Gästen und der Insel im Wandel der Zeit.

Die letzte Station meiner Reise führte mich noch in den hohen Norden ins wunderschöne Norwegen – genau genommen ins Gudbrandsdal. Lars Myttings „Die Glocke im See“ hat mich als stimmungsvoller und stiller Roman mit seiner Ruhe und Kraft tief beeindruckt und war ein absolut würdiger Abschluss meiner Reise durch Bücher – meiner Lesereise „im Kopf“. Die ausführliche Rezension folgt hier im Blog in Kürze.

Aufgrund der Urlaubs- und daher verfügbaren Lesezeit ist für einen halben Monat doch einiges zusammengekommen und mit Lesen, Bloggen und Reisen in der Fantasie, hatte ich auch keine Zeit, eine wirkliche Reise zu vermissen.
Wenn für den Einen oder Anderen ein attraktives Reiseziel bzw. eine lohnende und lockende Lektüre dabei ist, freut es mich, denn mir hat dieser Lesemonat August und der Auftakt zur „Kulturbowle“ großen Spaß gemacht.

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:
Natürlich die „Kulturbowle“ bzw. Erdbeerbowle, die speziell für das Fotoshooting der Bilder für die Website mit viel Liebe zubereitet wurde und dann in kleiner, gemütlicher Runde genossen wurde.

Musikalisches im August:
Viel Wagner und der „Ring des Nibelungen“ dank der öffentlichen Streaming-Angebote von 3sat und ARD Alpha und als Trost für die entfallenen Bayreuther Festspiele. Und natürlich die schöne „Così fan tutte“ und auch die „Elektra“ von den Salzburger Festspielen im Fernsehen zu Hause auf meiner Couch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Passend zum oben verwendeten Zitat, kann ich das folgende, wunderbare Buch von Erich Kästner empfehlen – er berührt mich immer wieder und spricht mir aus der Seele:

Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war
Atrium
ISBN: 978-3038820031

Villazóns literarische Radtour durch Salzburg

Sommerzeit, Urlaubszeit, Festspielzeit – all das wird dieses Jahr durch die Corona-Pandemie gewaltig auf den Kopf gestellt. Doch die Salzburger Festspiele finden statt und man kommt derzeit auch zu Hause auf dem Sofa in den Genuss einiger Fernsehübertragungen (u.a. den „Jedermann“ vom Domplatz, die „Così fan tutte“ aus dem großen Festspielhaus und „Elektra“ aus der Felsenreitschule). Was könnte dazu besser passen als ein Roman von einem, der Salzburg und die Festspiele hinter den Kulissen kennt wie seine Westentasche und dazu noch jede Menge Lebensfreude und Urlaubslaune versprüht: Rolando Villazón. Sein dritter Roman „Amadeus auf dem Fahrrad“ ist eine Liebeserklärung an Salzburg, die Festspiele und vor allem an Mozart, den unsterblichen Sohn der Stadt an der Salzach.

Salzburg im Sommer, die Luft flirrt und der junge Mexikaner Vian kommt mit einem großen Traum in der Stadt an: der junge Opernsänger möchte einmal bei den Salzburger Festspielen auftreten und singen. Dafür ist er bereit, alles zu geben und er begegnet in Mozarts Geburtsstadt großen Stars, exaltierten Kollegen und Künstlern, schrulligen Vögeln, wahren Freunden, der großen Liebe und letztlich sich selbst. Hinter und vor den Kulissen von „Don Giovanni“ – Mozarts großartiger Höllenfahrt-Oper – stolpert der quirlige, südamerikanische Tollpatsch und „Winzling“ – wie er sich im Buch selbst bezeichnet – durch Höhen und Tiefen des Künstlerdaseins und erlebt eine Achterbahnfahrt der Gefühle.

So wie die Titelfigur der Oper sich dem „steinernen Gast“ – dem Komtur – nicht entziehen kann, so kämpft Vian darum, sich von seinem übermächtigen Vater zu lösen – Parallelen zu Mozart sind natürlich vom Autor nicht rein zufällig gewählt, sondern klar erwünscht. Denn der autoritäre Vater hat andere Pläne für seinen Sohn und möchte, dass dieser seine stotternde Sängerkarriere lieber heute als morgen beendet und sich stattdessen zu Hause in Mexiko einem einträglichen Brotberuf widmet. Und so scheint der sensible Nachzügler Vian in seinem Leben ständig zwischen den Welten zu stehen – zwischen Europa und Südamerika, zwischen Jugend und Erwachsensein, zwischen Geschwistern und Eltern, zwischen Pflicht und Lust und selbst seine Stimmlage lässt sich nicht eindeutig auf Tenor oder Bariton festlegen. Und doch schlägt sich der tapfere, aber auch ängstliche Spinnenphobiker mit Humor durchs Leben und versucht in Salzburgs Gassen, die zahlreiche Abenteuer für ihn bereit halten, sein Glück und seine Bestimmung im Leben zu finden.

Wie viel Villazón steckt in der Figur des Vian? Vermutliche einiges: die Liebe zur Musik, der Oper und zu Mozart, das quirlige, südliche Temperament und der Humor, der hilft, auch in schwierigen Situationen, die Hoffnung nicht aufzugeben und den Problemen laut ins Gesicht zu lachen.

Vor allem aber steckt sehr viel Villazón im gesamten Roman, der ein pralles, lebensfrohes und buntes Bild von Salzburg in all seiner künstlerischen Vielfalt zeichnet. Salzburg ist mehr als Mozart und doch dreht sich so vieles dort um ihn.

Das Buch enthält eine der längsten Liebeserklärungen, die ich je in der Literatur gelesen habe und ist zudem eine Liebeserklärung Villazóns an die Stadt, in der er seit 2019 als Intendant für die Mozartwoche verantwortlich zeichnet und einst an der Seite von Anna Netrebko in der umjubelten und legendären „La Traviata“ von 2005 zum Weltstar wurde.

Mit viel Augenzwinkern und einem gehörigen Schuss Selbstironie beleuchtet der Opernsänger liebevoll auch die Künstlerszene, die Festspielatmosphäre und lässt zwischen den Zeilen durchklingen, dass es bei viel Rampenlicht auch Schatten gibt. Mit großer Lust am Erzählen und Fabulieren scheint die Geschichte regelrecht aus ihm herauszusprudeln – und man fühlt sich beim Lesen an seine lebensfrohen, überbordenden und temperamentvollen Interviews erinnert. Mit zahlreichen Querverweisen und Bezügen zu Literatur, Film und bildender Kunst, aber auch Themenkomplexen wie die Eltern-Kind-Beziehung, Zivilcourage und Toleranz fächert er ein pralles, buntes Kaleidoskop auf, das in seiner Üppigkeit und Fülle vielleicht so gar manchem Leser an der einen oder anderen Stelle etwas zu viel werden könnte.

Stark ist der Roman für mich vor allem in den luftig-leichten Momenten, in welchen der spitzbübische Humor des Autors aufblitzt und er sich selbst und das Opernbusiness nicht zu ernst nimmt, aber auch dann, wenn er die Macht der Musik und der Liebe gefühlvoll beschreibt.

Für mich als Bücher- und Opernliebhaberin war dieser Roman ein wunderbares Sommerbuch und eine erfrischende, fröhliche Urlaubslektüre, die mir viel Lesefreude bereitet hat: kurzum das richtige Buch zur richtigen Zeit.

Buchinformation:
Rolando Villazón, Amadeus auf dem Fahrrad
Aus dem Spanischen von Willi Zurbrüggen
Rowohlt Verlag
ISBN:  978-3-498-07070-0

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Wozu hat mich das Buch inspiriert, woran erinnert und wie lässt sich der Genuss vertiefen:

Für den Gaumen:

Passend zur Salzburger und österreichischen Kaffeehauskultur ein „Verlängerter“ oder ein „großer Brauner“

Für die Ohren oder den nächsten Theaterbesuch:

  • Mozarts Oper „Don Giovanni“ – wer sie kennt, hat definitiv noch mehr von der Lektüre, weil sich zahlreiche Parallelen und Anspielungen im Roman entdecken lassen.
  • Peter Shaffers Schauspiel „Amadeus“ – im Stadttheater Landshut war in der vergangenen Spielzeit eine fulminante und geniale Inszenierung dieses Stückes zu erleben. Wo immer sich die Gelegenheit bietet, das Stück live zu sehen – ich kann es nur empfehlen. Der oscarprämierte Film von Forman, der auf diesem Stück basiert, ist zweifelsohne gut – aber Live-Theater ist besser.
  • Und zum Hören die wunderbaren Interpretationen von Mozarts Arien (auch fünf aus Don Giovanni) auf Christian Gerhahers Album „Mozart Arias“ (erschienen bei Sony Classical, 2015)

Für weiteren literarischen Genuss:

Zu Salzburg passen und stehen in meinem Regal:

  • Herbert Rosendorfer „Salzburg für Anfänger“;
    dtv Literatur, ISBN 978-3-423-13342-5
    (Ein fröhlicher und kurzweiliger literarischer Reiseführer durch die zauberhafte Stadt an der Salzach.)

… und eines meiner absoluten Herzensbücher:

  • Erich Kästner „Der kleine Grenzverkehr“;
    Atrium Verlag AG, ISBN 978-3038820154
    (Ich werde zu gegebener Zeit in diesem Blog sicherlich auf Erich Kästner zurückkommen, denn er ist einer meiner absoluten Lieblingsautoren, wenn nicht DER Lieblingsautor in meinem Leseleben.)
© Rowohlt Verlag

Così fan tutte in Salzburg

Gerade derzeit „machen es eben nicht alle so“, sondern die Salzburger Festspiele sind aktuell das große Kulturereignis, das es anders macht – es findet statt. In eingeschränkter Form, aber Salzburg versucht und wagt es, ein Zeichen zu setzen, dass Kultur auch in Zeiten der Pandemie einen Platz finden kann und muss. Dies erfordert Mut und es bleibt zu hoffen, dass dieser belohnt wird, so dass diese Jubiläumsfestspiele als besonders, aber gelungen in die 100-jährige Geschichte eingehen werden und ein positives, ermutigendes Zeichen setzen.

Die Neuinszenierung von Mozarts „Così fan tutte“ in einer gekürzten und coronatauglichen Form (d.h. ohne Pause), leistet ohne Zweifel ihren Beitrag zum Gelingen der Festspiele. Die reduzierte Fassung, welche die Dirigentin Joana Mallwitz – als erste Frau am Pult der Salzburger Festspiele – und Regisseur Christof Loy in der Kürze der Zeit gemeinsam erarbeitet haben, ist stimmig und verschafft dem Publikum den so dringend ersehnten Mozartgenuss: Balsam auf die Seele all derer, die so lange auf Oper verzichten mussten.

Mozarts Kammeroper mit sechs großen Partien, Liebeswirren und zeitloser musikalischer Schönheit erweist sich als bestens geeignet für die aktuell gebotenen Möglichkeiten, Opern aufzuführen. Die Wirkung des Stücks leidet nicht unter den Einschränkungen, welche die Pandemie dem Opernbetrieb auferlegt.

Fiordiligi und Dorabella – zwei junge und unbeschwerte Schwestern – lieben ihre Verlobten Guglielmo und Ferrando und fiebern der Hochzeit entgegen. Durch die heimtückische Wette, die Don Alfonso bei seinen Freunden anzettelt – er möchte den Beweis antreten und sie warnen, dass keine Frau wirklich treu ist – stürzt er die vier jungen Menschen in große Liebes- und Gefühlswirren. Den Schwestern – Elena Dreisig und Marianne Crebassa als hinreißende, unbeschwerte Damen, die in mir mehr als einmal die Assoziation von „Schneeweißchen und Rosenrot“ weckten und sich stimmlich, wie spielerisch wunderbar ergänzen – erzählt Don Alfonso, dass ihre Verlobten einrücken müssen. Die folgende Abschiedsszene und die Arie „Soave sia il vento“, ist für mich musikalisch und emotional einer der Höhepunkte und der Gänsehautmoment der Aufführung, zumal die warme Stimme des Weltklasse-Baritons Johannes Martin Kränzle und die frischen, jungen Stimmen der beiden Sängerinnen eine Harmonie und Klangfarbe erzeugen, die unter die Haut geht.

Wer „Così fan tutte“ kennt, weiß, wie es weitergeht: Mit Hilfe der durchtriebenen Kammerzofe Despina – Lea Desandre beweist in dieser Rolle ihr komödiantisches Talent und brilliert auch in den Szenen als verkleideter Arzt und Notar – schleust Don Alfonso die verkleideten jungen Burschen unerkannt zurück ins Haus, wo sie dann mit allerlei Tricks versuchen, die Verlobte des jeweils Anderen zu verführen.

Am Ende spricht einem der Schlusschor – derzeit aktueller denn je – aus der Seele, der in C-Dur den Menschen glücklich preist, der die guten Seiten sieht und auch in den Wechselfällen des Lebens lacht und Ruhe bewahrt.

Mich hat vor allem die immense Intensität und die enorme Energie beeindruckt, welche von dieser puristischen Fassung und der spielfreudigen Besetzung ausgehen. Gerade durch die Reduzierung aufs Wesentliche – die Bühne als großer, freier Raum ohne Requisiten und Möblierung – nur Treppen und Türen und ein Spiel mit Weiß und Schwarz – trägt dazu bei, dass sich alles auf die Musik und die Figuren konzentriert.

Die Sänger füllen diesen Raum mit Leben und Emotion und nutzen die Chance, die sich in der Einfachheit bietet. Jeder der sechs Akteure ist dieser Herausforderung, sich nur auf sich selbst und Mozarts Musik zu verlassen, zu jeder Zeit gewachsen. Stimmlich und darstellerisch agieren sie auf Augenhöhe. Der Star ist das Ensemble und wird zu Recht vom Publikum im Saal mit stürmischem Beifall bedacht.

Joana Mallwitz führt die Wiener Philharmoniker umsichtig und stellt die Musik in den Dienste der herausragenden Sängerriege: Allen voran die 29-jährige Elsa Dreisig, die der Fiordiligi vor allem in den Höhen eine unvergleichliche Leichtigkeit gibt und doch darstellerisch auch die Gefühlstiefe nicht vermissen lässt. Marianne Crebassa ergänzt Dreisigs klaren, hellen Sopran um einen dunkleren und warmen Mezzo – eine höchstklassige Besetzung der beiden Rollen, wie man sie nur äußerst selten erleben darf und zwei Sängerinnen, denen große Opernkarrieren offen stehen. Dem stehen der russische Tenor Bogdan Volkov und der Bariton Andre Schuen kaum nach und meistern ihre Partien sängerisch ebenfalls mit viel Gefühl und großer Bühnenpräsenz. Johannes Martin Kränzle präsentiert sich als Don Alfonso in hervorragender Verfassung und darf auch dank seiner grandiosen schauspielerischen Fähigkeiten bei Mimik und Körperhaltung aus dem Vollen schöpfen. Der erfahrene Bariton ergänzt so perfekt das junge, vibrierende Ensemble, denn auch die temperamentvolle Lea Desandre als Despina sprüht vor Spiellaune und beweist große Ausstrahlung auf der Bühne.

Christof Loys wohl durchdachte Personenregie schafft die Voraussetzung, dass das Publikum einen Opernabend erlebt, der getragen von der unsterblichen Musik Mozarts, vor allem durch die puren, intensiven gesanglichen und authentischen, emotionalen schauspielerischen Leistungen der Hauptakteure im Gedächtnis bleiben wird. Man spürt regelrecht mit welcher Lust und Freude die Akteure des Abends auf der Bühne stehen und es genießen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen.

Salzburg, Mozart, die Festspiele und die Wiener Philharmoniker sind untrennbar miteinander verbunden und werden hoffentlich in dieser Konstellation noch viele Besucher und Opernbegeisterte in den kommenden Jahrzehnten begeistern und verzaubern.

Gesehen auf ORF2, 07. August 2020, 20.15 Uhr

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Ich liebe es, während und nach einem kulturellen Erlebnis, die Gedanken fließen zu lassen, den Moment auszukosten, mir die Sinne umschmeicheln und mich inspirieren zu lassen. Kultur ist für mich das Zusammenspiel der Sinne (Hören, Sehen, Schmecken, Riechen und Fühlen) und regt mich zum Nachdenken und genießen an. So klingt und wirkt das Erlebte länger nach und hinterlässt dauerhafte Spuren. Für die Salzburger „Così“ sind das für mich:

Für den Gaumen: ein sommerlich-fruchtiges, gekühltes Glas Spätburgunder-Rosé

Für die Ohren: Zum immer wieder Nachhören die Arie „Soave sia il vento“. Sie ist musikalisch wie eine frische Brise am Meer, die Segel blähen sich und flattern fröhlich und ruhig im Wind, wenn die Streicher den wunderbaren Gesang der harmonierenden Frauenstimmen begleitet vom Fundament des erfahrenen Baritons fließend untermalen.

Und natürlich die Musik Mozarts in jeglicher Couleur – jeder, der ihn liebt, wird seine ganz persönlichen Lieblingsstücke haben – für mich gibt es unzählige…

Für literarischen Genuss:

Spontan fallen mir hier ein und stehen in meinem Regal:

  • Eva Baronsky „Herr Mozart wacht auf“;
    Aufbau Verlag, ISBN: 978-3-7466-2696-3
    (Das ich vor vielen Jahren in einem Wellness-Urlaub gelesen habe und das mich damals köstlich amüsiert hat, weil es mit viel Augenzwinkern geschrieben ist.)
  • Hanns-Josef Ortheil „Das Glück der Musik – Vom Vergnügen, Mozart zu hören“; Luchterhand, ISBN: 978-3-630-62082-4
    (Einer meiner absoluten Lieblingsautoren, der – neben vielen anderen Vorzügen – wie kein Zweiter über Musik schreiben kann)

Und als baldige Rezension im Blog geplant: