Düsteres Island

Ragnar Jónassons „Dunkel“ als Auftakt zu einer vielgepriesenen Thriller-Trilogie aus Island lässt mich als Leser etwas zwiegespalten zurück. Diese karge Insel im hohen Norden Europas mit seiner atemberaubenden Landschaftsvielfalt, der ungezähmten Kraft der Naturgewalten, der großen Weite und Einsamkeit übt eine ganz besondere Faszination aus und dies hatte mich letztlich wohl auch bewogen, mal wieder einen Ausflug in ein Genre zu machen, das in der Regel nicht unbedingt das meine ist. Denn normalerweise lese ich – wenn es denn spannend sein soll – deutlich häufiger mal einen guten Krimi und nur selten einen Thriller.

Hulda – deren Name laut Wikipedia entweder aus dem modernen Schwedisch stammt und „nett, liebenswert“ bedeutet oder aber in der nordischen Sagenwelt eine „Zauberin“ oder „Hexe“ bezeichnet – steht kurz vor ihrer Pensionierung als Polizistin. Ein neuer Lebensabschnitt, für welchen sie mental noch nicht bereit ist, und so erwischt es sie kalt, als ihr Vorgesetzter ihr eröffnet, dass sie bereits in den nächsten Tagen vorzeitig ihren Platz für einen jüngeren Nachfolger räumen soll. Von allen aktuellen Fällen bereits abgezogen kann sie lediglich noch heraushandeln, sich mit einem alten, ungelösten Fall noch eine Weile beschäftigen zu dürfen, um sich dann mit einer gewissen Würde in den Ruhestand verabschieden zu können.

So wählt sie sich als letzte Ermittlungsaufgabe den ungeklärten Todesfall einer russischen Asylbewerberin, die vor einigen Monaten ertrunken an einem einsamen Ufer der Insel aufgefunden wurde. Ein Fall, der ihr keine Ruhe lässt, sie tief berührt und schon bald auf verhängnisvolle Spuren führt. Denn die schlampig geführten Ermittlungen ihres Kollegen, der den Vorgang vorschnell als Selbstmord zu den Akten gelegt hat, weisen immer mehr Unstimmigkeiten auf, die Hulda vor ihrem Ruhestand noch einmal gewaltig fordern und selbst in Gefahr bringen. Dabei könnte sie doch auch einfach bequem und unbeschwert ihren Lebensabend mit ihrer neuen Bekanntschaft Pétur genießen.

Dieses Buch macht mir – offen gestanden – die Rezension nicht ganz leicht, denn zum einen ist der Thriller – wie bereits angemerkt – in der Regel nicht mein bevorzugtes literarisches Spielfeld. Das heißt ich habe generell weniger Vergleichsmöglichkeiten innerhalb des Genres, es gehört von Grunde auf nicht zu meiner Lieblingslektüre und hat deshalb vielleicht grundsätzlich einen schwereren Stand bei mir als andere Bücher. Dazu mag sich auch noch der Aspekt gesellen, dass ein Buch, das derart omnipräsent im Handel und in den Medien ist, auch eine sehr hohe Erwartungshaltung weckt, die dann oft schwer zu erfüllen ist.

Zweifelsohne liest sich dieser Roman flüssig, süffig und man kommt sehr schnell voran. Persönlich fehlten mir jedoch ein wenig die Ecken und Kanten, die einen als Leser mal zum Nachdenken anregen oder etwas fordern – so ist die Lektüre zwar spannend, aber ich hätte mir mehr Verblüffungseffekte oder Aha-Erlebnisse gewünscht. Ich fühlte mich ein wenig, wie nach einem soliden Tatort am Sonntagabend, der einem zwar einen Abend lang die Zeit vertreibt, aber letztlich doch nicht komplett fesselt oder den Atem stocken lässt, so dass er noch lange nachwirken würde. Ich fühlte mich dennoch gut unterhalten und wer eine Lektüre als Alltagsausgleich sucht, der wird hier sicherlich auf seine Kosten kommen und taucht ein paar Stunden ab in diese isländische Kriminalgeschichte.

Was das Buch für mich interessant machte und daher die positive Seite meines Zwiespalts darstellt, war neben der ungewöhnlichen Erzählweise – die Handlung quasi chronologisch rückwärts vom Ende her beginnend zu erzählen – vor allem die Hauptfigur: Hulda. Wie Jónasson nach und nach immer mehr Facetten und Charakterzüge zu einer komplexen Persönlichkeit anreichert, ist gut gemacht und spannend. Der Leser lernt Stück für Stück, warum Hulda zu der Frau wurde, die sie ist, was sie antreibt, ihre Stärken, Schwächen, Sehnsüchte und Nöte. Sie ist der absolute Mittelpunkt des Geschehens. Alles dreht sich um sie. Da werden die Kriminalfälle, in welchen sie ermittelt, bald zur Nebensache und man nähert sich mehr und mehr dem Menschen Hulda an und meint, sie von Seite zu Seite besser zu verstehen.

Mein Fazit ist also dieses Mal nicht so schwarz-weiß wie das schön gestaltete Cover, sondern weist ebenfalls Licht und Schatten auf. Der oft beworbene und versprochene große Wow-Effekt ist bei mir ausgeblieben und doch habe ich das Buch zu meiner Unterhaltung in kürzester Zeit mit Spannung und gerne gelesen. Eine interessante Hauptfigur und ein solider Thriller in einem faszinierenden Land, von dem lediglich der letzte Funke aus dem Dunkel, der eine ganz besondere Lektüre ausmacht, auf mich leider nicht ganz übergesprungen ist. Doch wenn die Tage im Herbst jetzt kürzer werden und die Dunkelheit früher einsetzt, kann dieser Thriller einem Leser, der abschalten möchte, definitiv ein paar kurzweilige und unterhaltsame Abendstunden bescheren.

Buchinformation:
Ragnar Jónasson, Dunkel
Aus dem Englischen von Kristian Lutze
btb
ISBN: 978-3-442-75860-9

© btb Verlag

***

Was passt zu „Dunkel“:

Für den Gaumen:
Hulda trinkt Rotwein – im Zweifelsfall auch mal zu viel davon, aber an einem dunklen Herbstabend würde zumindest ein (!) Glas sicherlich dennoch gut zur Lektüre passen.

Für die Ohren:
Musikalisch passt für mich die Musik von Anna Ternheim ganz gut zur Stimmung des Buches, z.B. „Shoreline“. Sie stammt zwar aus Schweden und nicht aus Island, aber die Himmelsrichtung und vor allem die Atmosphäre stimmen auf alle Fälle.

Zum Weiterlesen:
Die Trilogie wird mit den Bänden „Insel“, der bereits erhältlich ist und „Nebel“, der jetzt im September erscheint, vervollständigt. Wer Huldas Geschichte also rückwärts bis zum Anfang verfolgen möchte, hat in diesen Büchern die Möglichkeit dazu.

Ragnar Jónasson, Insel
Aus dem Englischen von Kristian Lutze
btb
ISBN: 978-3-442-75861-6

Ragnar Jónasson, Nebel
Aus dem Englischen von Andreas Jäger
btb
ISBN: 978-3-442-75862-3

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