Nel blu dipinto di blu

Einen blauen, zauberhaften und gut gelaunten Abend durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern bei der neuen Italo-Pop-Revue „Azzurrodue“ von Stefan Tilch mit den „I Dolci Signori“ verbringen. Italienische Musik vom Feinsten sorgte für Urlaubsstimmung und Tanzlaune, so dass die Theaterbesucher für ein paar Stunden den Alltag hinter sich lassen konnten.

Dass die Deutschen eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Urlaubsland Italien haben, war bereits das Erfolgsrezept des ersten Italo-Pop-Musicals „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte und mit dem sich die Band „I Dolci Signori“ seitdem in die Herzen vieler Besucher in ganz Deutschland gespielt hat.

Dieser Kassenschlager und die Geschichte um den italienischen Musiker Rocky, seine große Liebe Frauke aus Gelsenkirchen und all die herrlichen Vorurteile und Klischees in den deutsch-italienischen Beziehungen, schreien also geradezu nach einer Fortsetzung. Und da ist sie: „Azzurrodue“ erzählt, was nach „Azzurro“ geschah: Die Beziehung von Frauke und Rocky ist nicht immer einfach: Frauke hat Heimweh nach Deutschland, ihre grandiosen Geschäftsideen sind in Italien nur mäßig erfolgreich und auch Rocky kann von seiner Musik mehr schlecht als recht leben, so dass die beiden immer noch mit Nonno, Mamma und der ganzen Großfamilie unter einem Dach hausen. Als dann plötzlich ein Kreuzfahrtschiff – die MS Steinkohle (der ganze Abend ist ein einziges großes Augenzwinkern) – im Hafen von Bari ankert und einen Musikwettbewerb mit lukrativem Preisgeld ausschreibt, scheint die Lösung naheliegend zu sein: Rocky, sein bester Freund Gianni und Frauke schmuggeln sich als blinde Passagiere an Bord.

Jetzt ist es an Frauke, den Traumschiff-Kapitän – Johann Anzenberger liefert wirklich eine erstklassige Florian-Silbereisen-Parodie ab – zu becircen, dass die Band am Wettbewerb teilnehmen darf. Doch die Lokalmatadoren – eine Mallorca-Ballermann-Band – scheinen keine Konkurrenz neben sich zu dulden. Und so bleibt Rocky und Gianni erst einmal nichts anderes, als das Deck zu scheuern, Zumba-Stunden als Animateure zu übernehmen und zu schuften.

Viel Wirbel an Bord, Kreuzfahrttouristen wie aus dem Bilderbuch und Beziehungsstress – dass die chaotisch-komische Rahmenhandlung dieses Mal vielleicht nicht unbedingt den größten Tiefgang – um im Seefahrerjargon zu bleiben – aufweist, gerät bei all der fantastischen Musik und den schwungvollen Choreographien von Sunny Prasch ohnehin schnell in den Hintergrund und tut dem furiosen Vergnügen wirklich keinerlei Abbruch.

Und so kommt das Publikum in den Genuss von großartiger italienischer Musik quer durch mehrere Jahrzehnte: von Lucio Dalla und Adriano Celentano über Al Bano und Romina Power, Toto Cotugno, Gianna Nannini, Eros Ramazzotti bis zu Jovanotti und Nek – um nur einige zu nennen. Der Italo-Sound ist vollkommen authentisch, absolut mitreißend und die Stimme von Rocky Verardo als Leadsänger und Hauptdarsteller wunderbar – und teils unglaublich nah an den Originalen. Kein Wunder, dass das Publikum schon bald mitswingt, mitsingt und mittanzt.

Das variable Bühnenbild, das mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist, zaubert ebenso Urlaubsstimmung auf die Bühne, wie die komödiantischen Einlagen und schnellen Kostümwechsel von Johann Anzenberger, der als Mamma, Olli, Traumschiffkapitän, Heino und, und, und … wieder ein regelrechtes Feuerwerk an Parodien, Komik und Witz zünden darf.

Bei allem Klamauk, gelingt aber auch ein nachdenklicher und stiller Moment im Stück, der mit einer getragenen Interpretation des traditionellen „Bella Ciao“ unter die Haut geht und sich bei mir besonders ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Sunny Prasch hat für das Ensemble schwungvolle und fröhliche Choreografien gestaltet, die man gerne mittanzen möchte – zauberhaft auch die von Fred Astaire angehauchte Schirm-Choreografie zu „Volare“.

Die Liste der großartigen Songs aus „Azzurrodue“ wäre zu lang, um alle zu nennen und auch die Auswahl meiner persönlichen Höhepunkte festzulegen ist schwierig, aber ein paar Beispiele seien dennoch genannt: beginnend mit „Piazza grande“ und den Klassikern „L’italiano“ (vielleicht auch bekannt durch die erste Zeile „Lasciatemi cantare…“) und „Bello e impossibile“, mochte ich auch die Interpretation von „Almeno stavolta“ (Nek) und den Ramazzotti-Songs („Le cose della vita“ und „Adesso tu“) sehr gern. Aber auch das neu fürs Stück komponierte Stück von Frontmann Rocky Verardo „Nave della libertà“ ist ein richtiger Ohrwurm.

Der Star des Abends ist also ganz klar die Band und die Musik, die mitreißt und das Publikum von den Sitzen lockt – kein Wunder, dass getanzt und gesungen wird, der Applaus am Schluss nicht enden will und noch mehrere Zugaben gefordert werden.

Fortsetzungen oder zweite Teile nach großen Erfolgen haben es meist nicht leicht, doch „Azzurrodue“ bietet dem Theaterpublikum erneut die wunderbare, unbeschwerte Möglichkeit, sich einen Abend lang nach Italien und in die Welt der Musik entführen zu lassen, dabei zu tanzen, die liebgewonnenen Bekannten aus „Azzurro“ (Rocky, Gianni, Frauke, Mamma, Nonno usw.) wiederzutreffen und die Alltagssorgen einfach einmal zu vergessen. Einfach mal azzurro bzw. blau machen – einen Theaterbesuch lang.

Gesehen am 25. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Azzurrodue“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

***

Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Azzurrodue“:

Für den Gaumen:
Zwar verschmähen die Familienmitglieder in der Inszenierung die feinen, frisch gekochten Spaghetti der Mamma, aber ein schöner Teller Pasta passt wirklich hervorragend zu diesem italienisch inspirierten Theaterabend.

Zum Weiterhören oder Weiterschauen:
Am Anfang war die Band: Die „I Dolci Signori“ – die seit 2002 live gemeinsam unterwegs sind – sind das Herzstück der Inszenierung und Stefan Tilch hat mit „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte, und „Azzurrodue“ das Repertoire der Italo-Pop-Band jeweils inhaltlich verbunden und in eine Geschichte bzw. Rahmenhandlung eingeflochten. Im Anschluss an die erfolgreichen und umjubelten Aufführungen im Landestheater Niederbayern, tourt die Band mit beiden Revuen auch durch Deutschland (wer möchte, findet die Termine auf der Homepage der Band und kann dort auch in Hörproben ihrer bisher erschienenen CDs reinhören).

Zum Weiterlesen:
Da „Azzurrodue“ ja auf einem Kreuzfahrtschiff spielt, fällt auch eine kurze Anspielung auf „Novecento“ und „die Legende vom Ozeanpianisten“. Musiker auf einem großen Passagierschiff zu sein – das ist hier die Parallele. Der italienische Klassiker aus dem Jahr 1994 ist von Alessandro Baricco ursprünglich als Monolog und Theaterstück angelegt.

Alessandro Baricco, Novecento
Übersetzt von Karin Krieger
Atlantik Verlag
ISBN: 9783455650846

6 Gedanken zu “Nel blu dipinto di blu

  1. Das kling fantastico, liebe Barbara! Sie touren auch in Italien, habe ich gelesen … Dass aber einer ausgerechnet Nek nachsingt, tss, daran muss ich ein bisschen knabbern.😉 Mit Nek im Kopfhörer lernte ich 1999 noch in Deutschland meine ersten Worte Italienisch, Almeno Stavolta war in meinen ersten Jahren in Italien einer meiner Lieblingstitel, vor drei Jahren war ich endlich auch beim Konzert. Vielleicht sollte ich dazu mal etwas schreiben. Als nächstes ist aber erst Adriano (!) dran (schon zu lang kein Beitrag mehr in meiner Kategorie „Musica Italiana“). Darf ich fragen, welcher Celentano Song interpretiert wurde? Azzuro läge ja nahe …

    Gefällt 1 Person

    • Liebe Anke! Natürlich darfst Du fragen und Du glaubst nicht, wie oft ich während des Musicals an Deinen Blog denken musste. 😉 Witzig, denn als ich den ersten Teil „Azzurro“ gesehen habe, gab es Tuttopaletti noch nicht und jetzt gehört Dein Blog für mich schon zur Stammlektüre – und Deine Beiträge zur italienischen Musik lese ich immer sehr gerne. Von Adriano Celentano war „Una festa sui prati“ mit dabei… auch ein Klassiker und „Azzurro“ durfte natürlich auch nicht fehlen. Und weitere Artikel von Dir zur italienischen Musik… für mich immer gerne… 🙂 . Buona notte und ganz liebe Grüße nach Italien! Barbara

      Gefällt 2 Personen

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