Sunshine, Swing and Smile

Nach einem Theaterabend beglückt, beschwingt, innerlich hüpfend, tänzelnd und summend aus dem Theater schweben, das durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern erleben bei einer bezaubernden Vorstellung von „Me and my girl“ von Noel Gay. Quasi Wolke Sieben für Theaterfreunde, Musicalliebhaber und Fans der Musik bzw. des Swings der Dreißiger Jahre. Fetzige Stepptanz-Nummern, eingängige Melodien, traumhafte Kostüme und opulente Ausstattung… wie man unschwer merkt: ich war und bin immer noch hin und weg.

„Me and my girl“ hat eine äußerst ungewöhnliche Aufführungsgeschichte:
Entstanden in den Dreißiger Jahren und uraufgeführt 1937 im Victoria Palace Theatre in London, wurde es schnell zu einem der erfolgreichsten britischen Musicals der damaligen Zeit. Unglaubliche 1646 Vorstellungen – auch noch während des zweiten Weltkriegs – und teils sogar mit royalem Publikum: King George VI. besuchte mit seiner Frau Elizabeth alias Queen Mum das Stück wohl mehrfach.

Doch nach 1952 geriet das Stück in Vergessenheit und war lange nicht mehr auf den Bühnen präsent. Dies führte sogar dazu, dass das Original-Buch mit den Dialogen unwiederbringlich verschwand – es gilt bis heute als verschollen. Als in den Achtziger Jahren Richard Armitage, der Sohn Noel Gays, das Stück wieder zur Aufführung bringen wollte, musste es komplett rekonstruiert werden, was unter anderem mit Hilfe eines alten BBC-Rundfunkmitschnitts und der Erinnerungen der ersten Darstellerin der Sally gelang. Für die Zwischentexte, Gags und die Rekonstruktion des Buchs zeichnete kein geringerer als Stephen Fry verantwortlich, der vielen Lesern vielleicht unter anderem durch seine humorvollen Werke „Mythos“ oder „Helden“ bekannt ist. Und so erlebte das Musical ab 1985 seine Renaissance und wurde erneut zu einem Riesenerfolg im Londoner Westend und auch auf dem Broadway.

Doch um was geht es in dem Stück?
So mancher wird sich ein wenig an „My Fair Lady“ erinnert fühlen – doch das Musical kam erst 20 Jahre nach „Me and my girl“ auf die Bühne: Ein junger Mann aus dem Londoner Stadtteil Lambeth – einem Arbeiterviertel – wird von einem Anwalt als Erbe des Earl von Hareford ausfindig gemacht. Er spricht derbes Cockney (im britischen sogar den berühmt berüchtigten und für Aussenstehende schwer verständlichen Cockney Rhyme – die Landshuter Inszenierung wählte den guten alten Kalauer als „deutsche Entsprechung“), d.h. er kalauert nahezu non-stop vor sich hin und passt so gar nicht in die britische Adelsklasse. Da ist einiges an Erziehung seitens der Verwandtschaft – unter anderem der gestrengen Tante Maria – von Nöten, um ihn für seine zukünftige Aufgabe als Earl tauglich zu machen.

Als diese ihm aber auch noch sein geliebtes „Girl“ Sally ausreden möchte, geht ihm das Ganze zu weit. Kurz und gut: eine Komödie, die mit britischen Klassenunterschieden spielt und immer wieder zu witzigen und lustigen Begegnungen führt. Denn auch Cousin und Cousine hätten es auf das Erbe abgesehen und verfolgen ihre eigene Agenda.

Das absolute Glanzlicht ist die Musik, neben der die Handlung im Grunde fast nebensächlich wird und die einen einfach mitreißen muss, weil sie mit einer enormen Dichte an großartigen Nummern aufwartet, die allesamt sofort ins Ohr und in die Beine gehen.
Am berühmtesten ist wohl das Finale des ersten Akts geworden, der legendäre „Lambeth Walk“, bei dem Sally und Bill den anfangs steifen, noblen Gästen ihren ganz eigenen Tanzstil beibringen – „ev’rything free and easy“.

Doch auch bei den Stücken „The Sun Has Got His Hat On“, „Leaning On A Lamppost“ und „Me And My Girl“ handelt es sich um Melodien, die sich nachhaltig ins Gedächtnis einprägen und die man noch in den Tagen danach gut gelaunt vor sich hinsummt.
Eine richtige Rarität bzw. Musical-Perle, die Stefan Tilch hier ausgegraben und mit seinem Ensemble in einer aufwändigen und opulenten Inszenierung auf die Bühne gezaubert hat.

Verstärkt durch Cornelia Mooswalder als Sally Smith und Jan Bastel als Bill Snibson in den Hauptrollen, die ein spritziges und herzerfrischendes Traumpaar bilden, das gesanglich, schauspielerisch und tänzerisch perfekt harmoniert, sind sämtliche Partien hervorragend besetzt.
Reinhild Buchmayer, die sich im verführerischen Marilyn Monroe-Look als Lady Jaqueline naiv die Seele aus dem Leib flirtet, um den reichen Erben zu becircen, spielt ihre Rolle ebenso überzeugend wie Peter Tilch den zynisch-grummeligen, aber liebevollen Onkel Sir John Tremayne oder Daniel Preis den hilflos schrulligen Gerald, der an einer seltenen Metaphern-Krankheit leidet, die immer wieder mit Tropfen behandelt werden muss, damit er nicht ständig vor sich hinfaselt. Henrike Henoch gibt eine resolute Herzogin Maria und Miroslav Stričević einen komödiantischen, leichtfüßigen Familienanwalt.

Auch Chor und Statisterie sind bei den großen Ensemble-Nummern stimmlich und tänzerisch gut aufgelegt und haben sichtlich Spaß, der mit Sicherheit zu einem großen Teil auch auf die fröhliche und gewitzte Choreografie der Tanzeinlagen von Sunny Prasch zurückzuführen ist. Da wird geswingt, gesteppt und getanzt, was das Zeug hält, so dass auch das Publikum sich am liebsten gleich mitbewegen möchte.

Die musikalische Leitung ist bei GMD Basil H.E. Coleman in bewährten, souveränen Händen, der sich selbst sogar eine Einlage als Barpianist auf der Bühne gönnt und auch während und nach der Applausordnung noch mit einer musikalischen Zugabe dem begeisterten Publikum ein weiteres Zuckerl und Geschenk bereitet hat.

Eine Produktion, in der ganz viel Liebe steckt: Liebe zum Detail, Liebe zur Musik, Liebe zum Tanz – Liebe zum Publikum, dem man in schweren Zeiten einen schönen und freudigen Theaterabend schenken will.

Intendant Stefan Tilch, der das niederbayerische Publikum immer wieder aufs Neue mit unvergesslichen Musicalproduktionen begeistert und selbst Regie geführt hat, ist hier erneut ein Glücksgriff gelungen.
Interessant auch, dass er selbst das Stück in den Achtzigern Jahren als Schüler auf einer Klassenfahrt nach London – mit Emma Thompson in der Hauptrolle – kennen und lieben gelernt hat. Jetzt teilt er viele Jahre später seine Faszination für dieses Werk, das nur selten gespielt wird, auch mit seinem Publikum. Der Funke ist definitiv übergesprungen.

Grandioses Musicaltheater mit einer Prise Nostalgie, die den TheaterbesucherInnen zweieinhalb Stunden feinste Unterhaltung und wunderbare Musik schenkt, so dass man die Alltagssorgen einfach mal für kurze Zeit vergessen kann. Edelster Eskapismus, der gerade besonders wertvoll ist und einem ein breites Lächeln aufs Gesicht zaubert, das lange anhält:

„Here’s a little trick,
Whenever things get a little bit thick
Just you take it on the chin,
Put on a little grin and smile, smile!“

(aus dem Song „Take It On the Chin“; Lyrics: L.Arthur Rose und Douglas Furber)

Gesehen am 29. Mai 2022 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Me and my girl“ ist in dieser und als Wiederaufnahme in der nächsten Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos und einen kurzen Videotrailer der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Me and my girl“:

Für den Gaumen:
Die Hauptfiguren haben alle ihr Päckchen zu tragen, so leidet Gerald zum Beispiel an einer Metaphern-Diarrhö (steht so im Programmheft – ehrlich!) und sucht sich seine sprachlichen Bilder gerne im kulinarischen Milieu: und da geht es natürlich very british zu: Yorkshire Pudding, Mince pie, Shortbread bis hinzu Bio-Cranberry-Trüffel auf Ham and Eggs

Zum Weiterhören und zum Weiterklicken:
Auf YouTube gibt es unter anderem eine Aufnahme des „Lambeth Walk“ aus der 1986er Produktion mit Robert Lindsay zu sehen. Wer einfach mal reinhören und reinschauen will, kann das hier tun. Aber Achtung: Ohrwurmgefahr!

Zum Weiterschauen oder für den nächsten Theaterbesuch:
Me and my girl“ steht eher selten auf deutschen Spielplänen und ist daher wirklich ein Geheimtip: Aktuell gibt es jedoch auch noch eine weitere Inszenierung an der musikalischen Komödie in Leipzig zu sehen.

Maibowle 2022 – Wirbelwinde und Lektürehäppchen

Der Mai war turbulent und teilweise stürmisch, brachte uns aber auch bereits erste schöne Sommertage. Mein Kultur- und Lesemonat war vielseitig und abwechslungsreich und auch wenn manchmal die Zeit und Konzentration für ausgiebige Lektüren fehlte, war doch einiges geboten, über das es sich zu berichten lohnt.

Ein musikalisches Glanzlicht war diesen Monat auf jeden Fall das Konzert des Vokalensembles Singer Pur in der Landshuter Heilig Kreuz-Kirche im Rahmen der 20. Landshuter Hofmusiktage. Gesangliche Perfektion mit viel Gefühl und ein hochinteressantes Programm, das vor allem auch das Werk von Komponistinnen in den Fokus rückte und mich zudem auf die hörenswerte CD „Among Whirlwinds“ aufmerksam machte.

Und endlich hat es auch mit der verschobenen Landshuter Premiere des Musicals „Me and my girl“ im Landestheater Niederbayern geklappt – eine wunderbare Inszenierung wie aus dem Bilderbuch, grandiose Kostüme, tolle Ausstattung, bestens gelaunte Sängerinnen und Sänger, tolle Tanzeinlagen, ohrwurmverdächtige Melodien – ein rundum beschwingtes Theatervergnügen! Großartig!

Besonders im Gedächtnis geblieben ist mir auch die BR-Dokumentation aus der Reihe „Lebenslinien“ über den Theatermacher, Intendanten des Münchner Volkstheaters und Spielleiter der Oberammergauer Passionsspiele Christian Stückl, die aktuell noch in der BR-Mediathek abrufbar ist – für eventuelle Oberammergaubesucher oder Theaterfans im allgemeinen unbedingt sehenswert!

Und auch zwei Filme, die ich diesen Monat gesehen habe, sind empfehlens- und erwähnenswert:

Auf ARTE lief der Film „Il Traditore – Als Kronzeuge gegen die Cosa Nostra“ des italienischen Regisseurs Marco Bellocchio, der in eindringlichen Bildern und mit hervorragenden Darstellern die Geschichte des ersten Kronzeugen im Maxi-Prozess erzählt. Auch die dazugehörige Dokumentation im Anschluss war sehr interessant und aufschlussreich.

Ebenso auf ARTE konnte mich Volker Schlöndorff’s Film „Diplomatie“ aus dem Jahr 2014 überzeugen – ein filmisches Kammerspiel, das sich um die letzten Tage der deutschen Besatzung in Paris im August 1944 dreht und erzählt, wie der schwedische Konsul versucht, den deutschen Stadtkommandanten zu überzeugen, die Stadt trotz Befehl nicht zu zerstören.

Diesen Monat habe ich mich mangels Zeit und Konzentration mit wenigen Ausnahmen eher an schlankere Bücher gehalten, aber manchmal liegt ja auch in der Kürze die Würze und es waren wirklich sehr schöne, kleine, feine Entdeckungen dabei:

Carsten Gansel’s „Kind einer schwierigen Zeit: Otfried Preußlers frühe Jahre“ ließ mich zu Monatsbeginn einen für mich sehr prägenden Autor näher kennenlernen und besser verstehen. Die hochinteressante, sehr gut lesbare Biografie, die vor allem die Kindheit, Jugend und Preußler’s Zeit in russischer Kriegsgefangenschaft näher beleuchtet, hat mir viele neue Aspekte und Sichtweisen auf die so geliebten Kinder- und Jugendbücher wie „Die kleine Hexe“, „Räuber Hotzenplotz“ oder „Krabat“ und den Menschen hinter diesen Geschichten eröffnet.

Das Thema Kunst und das „wie und warum sie entsteht“ begegnete mir auch in völlig anderer Form in Franziska Hauser’s neuem Roman „Keine von ihnen“. Eine junge Frau ermogelt sich einen dreimonatiges Stipendium in einem Künstlerhaus und blickt auf einmal – angeregt durch die Begegnungen mit ihren Mitstipendiaten – mit einem neuen, inspirierten Blick kritisch auf ihr bisheriges Leben. Eine spannende Auseinandersetzung mit der Frage: Was ist Kunst?

Künstlerisch ging es auch weiter und zwar mit dem Komponisten Gustav Mahler und seiner berühmten Frau Alma: Lenz Koppelstätter hat mit seinem Roman „Almas Sommer“ ein kurzes Lebenskapitel der beiden ausgewählt und den Sommerurlaub der beiden im Südtiroler Toblach im Jahre 1910 lebendig werden lassen. Alma, die sich nicht zwischen ihrem Ehemann und der Affäre mit Walter Gropius entscheiden möchte und Gustav Mahler ein hochsensibler, kränkelnder Künstler, der zwischen Eifersucht und dem quälenden Schaffensprozess seiner Kompositionen zerrissen wird.

Von der Südtiroler Bergwelt ging es an den schönen Lago Maggiore nach Ancona mit Victoria Wolff’s Roman „Die Welt ist blau“. Ein schnörkelloser und doch raffinierter Roman aus der Zeit der neuen Sachlichkeit bzw. dem Jahr 1934.
Und weil’s so schön war, verweilte ich auch gerne noch ein wenig länger dort:
Edgar Rai’s Roman „Ascona“, der letztes Jahr erschienen ist, beschreibt die Zeit, die Erich Maria Remarque im Schweizer Exil ab 1933 in seiner Casa Monte Tabor verbrachte – ein Buch, das mich gepackt und völlig in seinen Bann gezogen hat (ich werde bald näher berichten).

Ein kleines, feines Buch ist auch Andrea Camilleri’s „Brief an Matilda – Ein italienisches Leben“, in dem er in einem langen Brief an seine vierjährige Urenkelin als über Neunzigjähriger auf sein Leben zurückblickt und erzählt. Ein intimes, wunderbares Vermächtnis eines großen Künstlers und Schriftstellers, das zugleich ein Zeitzeugnis italienischer Geschichte ist.

Und ich verweilte noch ein wenig länger literarisch in Sizilien: Durch den Film „Il Traditore“ bereits im Thema, widmete ich mich einem italienischen Krimi-Klassiker aus dem Jahr 1961 mit Leonardo Sciascia’s „Der Tag der Eule“, der als einer der ersten Kriminalromane gilt, die sich mit dem Thema Mafia auseinandersetzten und später auch verfilmt wurde. Ein kompakter, knackiger Krimi auf knapp 140 Seiten, der vieles zwischen den Zeilen nur andeutungsweise erahnen lässt.

Als Kontrastprogramm zur italienischen Krimikost gab es dann zum Monatsende noch ein richtiges, literarisches Schmankerl: Der Roman „Die Sekretärinnen“ der schwedischen Autorin und Feministin Elin Wägner aus dem Jahr 1908. Vier junge Frauen in Stockholm Anfang des 20. Jahrhunderts, die sich gegen die damaligen Konventionen auflehnen, eine Wohngemeinschaft bilden, sich ihren Lebensunterhalt in der Großstadt selbst verdienen möchten und sich schon bald auch politisch für Frauenrechte engagieren. Hierzu folgt sicher in Kürze mehr.

Was bringt der Juni?

Hoffentlich viel Zeit im Freien, schöne, lange Sommertage mit Licht und Luft zum Durchatmen. Dazu Kulturgenuss und Sommerlektüre, die hoffentlich für etwas Leichtigkeit in unseren schwierigen Zeiten sorgen.

Ich wünsche allen einen hellen, freundlichen und friedlichen Juni, schöne Pfingst- und Mittsommertage sowie Zeit für die schönen Dinge des Lebens!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Mai:
Bei schönem Wetter konnte die bayerische Biergarten-Saison eröffnet werden und passend zum Monat war auch das Bierangebot: ein Maibock, d.h. ein untergäriges Starkbier mit malzigem Aroma, für das man schon eine gute Unterlage braucht.

Musikalisches im Mai:
Diesen Monat habe ich das Album „Odyssee“ von Quadro Nuevo für mich entdeckt: Musik, die mich – ähnlich wie bereits das Album „Mare“ in Sommerstimmung versetzt und gemäß dem Untertitel „a journey into the light“ für helle und lichte Momente sorgt.

Mai
Nun aber hebt zu singen an
Der Mai mit seinen Winden.
Wohl dem, der suchen gehen kann
Und bunte Blumen finden!

Die Schönheit steigt millionenfach
Empor aus schwarzer Erden;
Manch eingekümmert Weh und Ach
Mag nun vergessen werden.

Denn dazu ist der Mai gemacht,
Daß er uns lachen lehre.
Die Herzen hoch! Und fortgelacht
Des Grames Miserere!

Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)

Nel blu dipinto di blu

Einen blauen, zauberhaften und gut gelaunten Abend durfte ich vor kurzem im Landestheater Niederbayern bei der neuen Italo-Pop-Revue „Azzurrodue“ von Stefan Tilch mit den „I Dolci Signori“ verbringen. Italienische Musik vom Feinsten sorgte für Urlaubsstimmung und Tanzlaune, so dass die Theaterbesucher für ein paar Stunden den Alltag hinter sich lassen konnten.

Dass die Deutschen eine ganz besondere Beziehung zu ihrem Urlaubsland Italien haben, war bereits das Erfolgsrezept des ersten Italo-Pop-Musicals „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte und mit dem sich die Band „I Dolci Signori“ seitdem in die Herzen vieler Besucher in ganz Deutschland gespielt hat.

Dieser Kassenschlager und die Geschichte um den italienischen Musiker Rocky, seine große Liebe Frauke aus Gelsenkirchen und all die herrlichen Vorurteile und Klischees in den deutsch-italienischen Beziehungen, schreien also geradezu nach einer Fortsetzung. Und da ist sie: „Azzurrodue“ erzählt, was nach „Azzurro“ geschah: Die Beziehung von Frauke und Rocky ist nicht immer einfach: Frauke hat Heimweh nach Deutschland, ihre grandiosen Geschäftsideen sind in Italien nur mäßig erfolgreich und auch Rocky kann von seiner Musik mehr schlecht als recht leben, so dass die beiden immer noch mit Nonno, Mamma und der ganzen Großfamilie unter einem Dach hausen. Als dann plötzlich ein Kreuzfahrtschiff – die MS Steinkohle (der ganze Abend ist ein einziges großes Augenzwinkern) – im Hafen von Bari ankert und einen Musikwettbewerb mit lukrativem Preisgeld ausschreibt, scheint die Lösung naheliegend zu sein: Rocky, sein bester Freund Gianni und Frauke schmuggeln sich als blinde Passagiere an Bord.

Jetzt ist es an Frauke, den Traumschiff-Kapitän – Johann Anzenberger liefert wirklich eine erstklassige Florian-Silbereisen-Parodie ab – zu becircen, dass die Band am Wettbewerb teilnehmen darf. Doch die Lokalmatadoren – eine Mallorca-Ballermann-Band – scheinen keine Konkurrenz neben sich zu dulden. Und so bleibt Rocky und Gianni erst einmal nichts anderes, als das Deck zu scheuern, Zumba-Stunden als Animateure zu übernehmen und zu schuften.

Viel Wirbel an Bord, Kreuzfahrttouristen wie aus dem Bilderbuch und Beziehungsstress – dass die chaotisch-komische Rahmenhandlung dieses Mal vielleicht nicht unbedingt den größten Tiefgang – um im Seefahrerjargon zu bleiben – aufweist, gerät bei all der fantastischen Musik und den schwungvollen Choreographien von Sunny Prasch ohnehin schnell in den Hintergrund und tut dem furiosen Vergnügen wirklich keinerlei Abbruch.

Und so kommt das Publikum in den Genuss von großartiger italienischer Musik quer durch mehrere Jahrzehnte: von Lucio Dalla und Adriano Celentano über Al Bano und Romina Power, Toto Cotugno, Gianna Nannini, Eros Ramazzotti bis zu Jovanotti und Nek – um nur einige zu nennen. Der Italo-Sound ist vollkommen authentisch, absolut mitreißend und die Stimme von Rocky Verardo als Leadsänger und Hauptdarsteller wunderbar – und teils unglaublich nah an den Originalen. Kein Wunder, dass das Publikum schon bald mitswingt, mitsingt und mittanzt.

Das variable Bühnenbild, das mit viel Liebe zum Detail gestaltet ist, zaubert ebenso Urlaubsstimmung auf die Bühne, wie die komödiantischen Einlagen und schnellen Kostümwechsel von Johann Anzenberger, der als Mamma, Olli, Traumschiffkapitän, Heino und, und, und … wieder ein regelrechtes Feuerwerk an Parodien, Komik und Witz zünden darf.

Bei allem Klamauk, gelingt aber auch ein nachdenklicher und stiller Moment im Stück, der mit einer getragenen Interpretation des traditionellen „Bella Ciao“ unter die Haut geht und sich bei mir besonders ins Gedächtnis eingebrannt hat.

Sunny Prasch hat für das Ensemble schwungvolle und fröhliche Choreografien gestaltet, die man gerne mittanzen möchte – zauberhaft auch die von Fred Astaire angehauchte Schirm-Choreografie zu „Volare“.

Die Liste der großartigen Songs aus „Azzurrodue“ wäre zu lang, um alle zu nennen und auch die Auswahl meiner persönlichen Höhepunkte festzulegen ist schwierig, aber ein paar Beispiele seien dennoch genannt: beginnend mit „Piazza grande“ und den Klassikern „L’italiano“ (vielleicht auch bekannt durch die erste Zeile „Lasciatemi cantare…“) und „Bello e impossibile“, mochte ich auch die Interpretation von „Almeno stavolta“ (Nek) und den Ramazzotti-Songs („Le cose della vita“ und „Adesso tu“) sehr gern. Aber auch das neu fürs Stück komponierte Stück von Frontmann Rocky Verardo „Nave della libertà“ ist ein richtiger Ohrwurm.

Der Star des Abends ist also ganz klar die Band und die Musik, die mitreißt und das Publikum von den Sitzen lockt – kein Wunder, dass getanzt und gesungen wird, der Applaus am Schluss nicht enden will und noch mehrere Zugaben gefordert werden.

Fortsetzungen oder zweite Teile nach großen Erfolgen haben es meist nicht leicht, doch „Azzurrodue“ bietet dem Theaterpublikum erneut die wunderbare, unbeschwerte Möglichkeit, sich einen Abend lang nach Italien und in die Welt der Musik entführen zu lassen, dabei zu tanzen, die liebgewonnenen Bekannten aus „Azzurro“ (Rocky, Gianni, Frauke, Mamma, Nonno usw.) wiederzutreffen und die Alltagssorgen einfach einmal zu vergessen. Einfach mal azzurro bzw. blau machen – einen Theaterbesuch lang.

Gesehen am 25. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

Azzurrodue“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Azzurrodue“:

Für den Gaumen:
Zwar verschmähen die Familienmitglieder in der Inszenierung die feinen, frisch gekochten Spaghetti der Mamma, aber ein schöner Teller Pasta passt wirklich hervorragend zu diesem italienisch inspirierten Theaterabend.

Zum Weiterhören oder Weiterschauen:
Am Anfang war die Band: Die „I Dolci Signori“ – die seit 2002 live gemeinsam unterwegs sind – sind das Herzstück der Inszenierung und Stefan Tilch hat mit „Azzurro“, das 2017 in Landshut Premiere feierte, und „Azzurrodue“ das Repertoire der Italo-Pop-Band jeweils inhaltlich verbunden und in eine Geschichte bzw. Rahmenhandlung eingeflochten. Im Anschluss an die erfolgreichen und umjubelten Aufführungen im Landestheater Niederbayern, tourt die Band mit beiden Revuen auch durch Deutschland (wer möchte, findet die Termine auf der Homepage der Band und kann dort auch in Hörproben ihrer bisher erschienenen CDs reinhören).

Zum Weiterlesen:
Da „Azzurrodue“ ja auf einem Kreuzfahrtschiff spielt, fällt auch eine kurze Anspielung auf „Novecento“ und „die Legende vom Ozeanpianisten“. Musiker auf einem großen Passagierschiff zu sein – das ist hier die Parallele. Der italienische Klassiker aus dem Jahr 1994 ist von Alessandro Baricco ursprünglich als Monolog und Theaterstück angelegt.

Alessandro Baricco, Novecento
Übersetzt von Karin Krieger
Atlantik Verlag
ISBN: 9783455650846

Septemberbowle 2021 – Sonnenstrahlen und Lebensgeister

Der September verwöhnte uns mit Wärme, hellen, freundlichen und sehr sonnigen Tagen und so kamen tatsächlich noch einmal Sommergefühle auf. Noch einmal Sonnenstrahlen auf die Nase scheinen lassen und die Zeit im Freien genießen – all das weckte die Lebensgeister ebenso wie der Beginn der neuen Theaterspielzeit und die zunehmenden kulturellen Möglichkeiten.

Die neue Spielzeit des Landestheater Niederbayern startete mit einem Vorgeschmack auf das Programm 2021/2022 im Rahmen einer Spielplanshow, die in einer Art „Best of“ in kurzen Szenen von einigen Minuten jeweils einen Eindruck in die Schauspiele, Opern und Musicals gab, auf die man sich in dieser Saison freuen darf. Da ist sehr viel Spannendes und Schönes dabei und schon die erste Premiere „The King’s Speech“ konnte mich gleich hellauf begeistern.
Zudem werde ich wohl mit einiger Sicherheit auch bald vom neuen Italo-Pop-Musical „Azzurrodue“ berichten, das ebenfalls im September in Landshut Premiere feiern durfte – ein Abend mit grandioser Musik und guter Laune pur!

Auch im Filmbereich habe ich für mich Neues entdeckt: „Yesterday“ – ein liebenswerter, feiner Film mit einer witzigen Idee: Stell Dir vor, Du erwachst und bist der einzige Mensch auf der Welt, der noch weiß, wer die „Beatles“ sind und ihre Lieder kennt. Eine schöne Erinnerung an tolle Musik und kurzweilige Unterhaltung.

Überhaupt war der September ein sehr musikalischer Monat: Mit einem besuchten Livekonzert von „Evi Keglmaier und Johannes Öllinger“ im Rahmen des Landshuter Kulturfestivals, der Oper „Turandot“ aus St. Margarethen im Fernsehen und dank des 3Sat-Mitschnitts der „Last Night of the Proms“ aus der Londoner Royal Albert Hall.

Zudem war der September auch ein Monat des Gedenkens:
Am 11. September jährte sich 9/11 zum zwanzigsten Mal. Die berühmte Kugelkaryatide des Landshuter Künstlers Fritz Koenig, die vor dem World Trade Center stand, überstand den Anschlag – zwar verletzt und beschädigt – und wurde zum Mahnmal: Ein Anlass für das Landshuter Koenigmuseum vom 11.09.2021 – 11.02.2022 die Ausstellung „9/11 und die Koenig Kugel“ zu zeigen.
Sehenswert ist in diesem Zusammenhang auch der Dokumentarfilm vom Percy Adlon „Koenigs Kugel“ und auch der Bayerische Rundfunk widmete der Kugel eine neue Sendung „Koenigs New Yorker Kugel – Eine Skulptur wird zu Symbol“, die noch bis zum 09.09.2022 in der BR Mediathek zu sehen ist.

Aufgrund des behutsam wieder zurückkehrenden Alltags, der zunehmenden Möglichkeiten, des Auskostens des fantastischen Wetters und der schönen Liveerlebnisse im Theater, blieb dann auch etwas weniger Zeit für die Buchlektüre übrig.

Doch der September hat dennoch eine schöne, literarische Mischung für mich bereitgehalten:
Ein Krimi so richtig nach meinem Kulturbowle-Geschmack war Leif Karpe’s „Die Göttin, die von Blüten träumte“, der ein wahres Feuerwerk an Querbezügen zu Kunst, Malerei, Musik, Film und Literatur zündete. Der zweite Fall um Peter Falcon wurde so für mich zur inspirierenden und äußerst unterhaltsamen Krimilektüre, die bei mir die Lust weckte, auch den ersten Fall auf meine Leseliste zu setzen. Ein kreativer und künstlerischer Krimi, den ich einmal angefangen kaum noch weglegen konnte.

Ein weiterer Krimi, der sich ebenso wohltuend von den üblichen Mainstream-Krimis von der Stange unterscheidet, ist Constanze Scheib’s „Der Würger von Hietzing“, in dem sie zum ersten Mal die „gnä’ Frau“ Ehrenstein ermitteln lässt. Wien in den wilden Siebziger Jahren und die feine Dame aus noblem Hause ermittelt aus Langeweile auf eigene Faust in einem Mordfall. Wer Wien liebt, gerne komödiantisch-witzige und unblutige Krimis mit leicht verschroben-schrägen Figuren und der gehörigen Portion „Schmäh“ mag, der kann mit diesem Buch – wie ich – amüsante Krimistunden verbringen.

Ein leuchtend gelber Umschlag und ein Titel, der mich aus verständlichen Gründen, regelrecht anspringt: An Alina Bronsky’s „Barbara stirbt nicht“ konnte ich also quasi gar nicht vorbei und habe es auch keine Sekunde bereut. Ich mochte schon „Baba Dunjas letzte Liebe“ sehr und auch der neue Roman der Autorin ist ein besonderes Leseerlebnis. Große Gefühle, feine Beobachtungen, eine unverwechselbare Hauptfigur und eine famose Mischung aus Tragik und Komik, wie man sie nur selten zu lesen bekommt. Witz und Tiefgang gepaart mit großer Menschlichkeit – herzerwärmend!

Eine intensive und lange nachklingende Lektüre war ein Roman aus dem Jahr 1937, der jetzt wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde: Theodor Wolff „Die Schwimmerin“. Ein vielschichtiges Werk, das vor allem aufgrund seiner Klugheit und Weitsicht, sowie der feinen, präzisen Beschreibungen der Personen und zeitlichen Umstände eine ganz besondere Faszination ausübt. Ein Buch, das im Kontext zur heutigen Zeit gelesen kaum aktueller und zeitloser sein könnte.

Kindheitserinnerungen an Wilhelm Busch und die Streiche der ewigen Lausbuben weckte Johannes Wilkes mit seinem Krimi „Max und Moritz – Was wirklich geschah“. Phantasievoll erzählt er die spannende, neue Geschichte hinter den Ereignissen um Witwe Bolte, Schneider Böck, Lehrer Lämpel, Onkel Fritz und den beiden Jungen. Denn als letztere spurlos verschwinden, müssen Kommissar Mütze und sein Partner Karl-Dieter sich auf die Suche nach ihnen und der Wahrheit begeben.

Was bringt der Oktober?
Für mich geht es sicher wieder ins Theater und auch an die frische Luft: Durchschnaufen, Atem holen und buntes, raschelndes Laub und herbstliche Farben genießen. Ich hoffe auf einen goldenen Oktober, schöne Herbsttage, Zeit in der Natur und für gute Lektüre, denn auf meinem Stapel wartet so einiges, das endlich entdeckt werden will.

Genießt die Zeit! Geht ins Kino, Theater oder ins Konzert und unterstützt die Kulturszene, die sich so sehr über die Wiederbegegnung mit dem Publikum und über Besucher freut! In diesem Sinne wünsche ich allen einen schönen, farbenfrohen, freundlichen und gesunden Herbst!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

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Gaumen-Highlight September:
Wenn der Sommer geht und der Herbst kommt, dann ist auch wieder Suppenzeit: ein Klassiker, durch den und für den ich mich immer wieder erwärmen kann, ist eine schöne Grießnockerlsuppe – wärmt, sättigt, macht glücklich.

Musikalisches im September:
Die größte musikalische Überraschung diesen Monat war für mich das Comeback von ABBA mit zwei neuen Singles „I still have faith in you“ und „Don’t shut me down“ – der unverwechselbare, einzigartig ABBA-Klang ist wieder da! Nach fast 40 Jahren – ABBA hatte sich 1982 getrennt – gibt es jetzt tatsächlich wieder neue Musik der schwedischen Band und ab November soll dann das Album „Voyage“ erhältlich sein. Falls noch nicht geschehen, kann ich nur empfehlen in die zwei neuen Songs mal reinzuhören.

Ach!“ spricht er, „die größte Freud’
ist doch die Zufriedenheit!“


(Wilhelm Busch, aus „Max und Moritz“)

Freilufttheaterseligkeit

Die kulturelle Durststrecke und Live-Theaterabstinenz war lang – sehr lang. Um so schöner, stimmungsvoller und beseelender war jetzt der erste Theaterbesuch nach langer Zeit. Ein grandioses Freilufttheatererlebnis an einem perfekten, lauen Sommerabend vor der traumhaften Kulisse des Landshuter Prantlgartens. Mit „Der Watzmann ruft!“ hat sich das Landshuter Schauspielensemble des Landestheater Niederbayern eindrucksvoll zurückgemeldet und präsentiert dem Publikum eine unterhaltsame, stimmige und schwungvolle Inszenierung des Kult-Alpen-Rustical’s von Wolfgang Ambros, Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz. Rockige Musik der Siebziger, ein Ensemble voller Spielfreude und mit hoher gesanglicher Qualität, eine Regie von Marcus Everding, welche dem Stück einen intelligenten Rahmen gibt, welcher zum Nachdenken anregt und den Zuschauern einen Theaterabend beschert, der glücklich macht. Theaterherz, was willst Du mehr?

Die Handlung ist schnell erzählt und nimmt auch im Programmheft nur wenige Zeilen ein. In meinen eigenen, kurzen Worten:
Ein kleiner Bauernhof am Fuße des Watzmannmassivs – der Hof wird patriarchalisch vom Bauern geführt, der zwar keine Frau mehr hat, aber einen Sohn – den Bua – der das kleine Anwesen irgendwann übernehmen und erben soll. Das Personal ist übersichtlich – zwei Knechte und zwei Mägde, die das Arbeiten nicht immer erfunden haben. Über allem thront der Watzmann und hat schon viele junge Abenteurer ins Verderben gelockt, die erfolglos versucht haben, den Gipfel zu erklimmen und stets mit dem Leben bezahlt haben. Und auch die verführerische Gailtalerin hat ihren Anteil daran, dass es zum Streit zwischen Bauer und Bua kommt, weil es den Jungen mit aller Macht auf den Berg hinauf zieht.

In der Landshuter Inszenierung hat Regisseur Marcus Everding dem Stück mit dem Erzähler (Joachim Vollrath) einen ruhigen, ordnenden Rahmen gegeben, der bei aller Parodie, Satire und Komik, dem Ganzen eine philosophische, nachdenkliche und aufwertende Komponente hinzufügt. Allwissend, in sich ruhend und lebenserfahren moderiert und sortiert er das Geschehen auf der Bühne.
Die Rollen sind durchwegs perfekt besetzt: Reinhard Peer verkörpert auf unnachahmliche Weise den polternden, grantelnden und besorgten Vater, der seinen Sohn vor dem Unglück bewahren will.
Stefan Sieh gibt ausdrucksstark den zu Beginn unbeholfenen, aufmüpfigen Bua, der im Stück zum Mann werden soll und welcher nach und nach der magischen Anziehung des Watzmann’s und der Gailtalerin erliegt.
Großartig sind aber auch die Rollen der beiden arbeitsscheuen Knechte besetzt: Julian Ricker und Alexander Nadler brillieren in witzigen Szenen und überzeugen durch ihr komödiantisches Können. Dem stehen die gottesfürchtigen, frömmelnden und betschwestrigen Dienstmägde – herrlich dargestellt durch Antonia Reidel und Friederike Baldin – an Komik in nichts nach.
Akrobatisch, erotisch und verführerisch schwebt, turnt und tanzt Katharina Elisabeth Kram als Gailtalerin über die Bühne. Eine geschlossene Ensembleleistung, die absolut begeistert.

Bernd Meyer führt die Band souverän und gibt dem alpinen Rustical den rockigen Sound, der auch schon das Original aus den Siebzigern (Uraufführung war bei den Wiener Festwochen 1972) ausgezeichnet hat. So können die Ensemblemitglieder durchwegs auch gesanglich überzeugen und glänzen.

Das Publikum kommt in den Genuss von mitreißender Musik, herzerfrischend unterhaltsamen Szenen, zündenden Gags und kann sich am Ende dennoch auch Gedanken machen, ob es denn auch einen Watzmann in ihrem Leben gibt, etwas das sie umtreibt, dem sie nachlaufen und dem sie vielleicht auch eine übersteigerte oder ungesunde Aufmerksamkeit zukommen lassen. Theater wie es sein soll und wie wir es in den letzten Monaten so sehr vermisst haben.
Es war eine Freude, am Ende den begeisterten Applaus und die glücklichen Gesichter der Zuschauer und des Ensembles sehen zu können. Ein emotionaler Moment.

Ich wünsche allen kulturellen Einrichtungen und Künstlern, die uns jetzt dieses lange ersehnte, kulturelle Erwachen schenken und uns mit ihrem Können begeistern, einen guten Neustart, gelungene und gut besuchte Vorstellungen, glückliche Zuschauer und allen Freiluftveranstaltungen gutes Wetter! Toi, toi, toi!

Gesehen am 20. Juni 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Prantlgarten)

Der Watzmann ruft!“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut und Passau zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Der Watzmann ruft!“:

Für den Gaumen:
Das Leben auf dem Bergbauernhof ist karg und einfach. Der Bauer hat stets das Recht, als Erster aus dem Topf zu essen und den größten Löffel (zumindest in dieser Landshuter Inszenierung ist das so). Was wohl drin war im Topf? Eine kräftige Suppe vielleicht? Beim „Amuserl“ wird dann aber doch wohl dem Bier und Schnaps zugesprochen worden sein.

Weiterer Theatergenuss:
Als zweite Premiere der diesjährigen Burgenfestspiele meines Heimattheaters darf ich mich im Juli auf den Wiener Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ freuen, den das Musiktheaterensemble aus Passau auf die Freiluftbühnen Niederbayerns zaubern wird – hoffentlich bei gutem, stabilem Sommerwetter. Die Homepage des Theaters verspricht einen „weinseligen Abend“… ich bin gespannt und freue mich darauf.

Zum Weiterlesen:
Die Berge stehen auch im Zentrum eines sehr bewegenden und für mich unvergesslichen Romans: Paolo Cognetti’s „Acht Berge“, der in Italien mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnet wurde. Im Angesicht der Bergwelt suchen die Menschen Antwort auf existenzielle Fragen – eine intensive und bereichernde Lektüre.

Paolo Cognetti, Acht Berge
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60202-6