Kriminelles zwischen den Jahren

Zwischen den Jahren haben mich zwei hochkarätige Krimi-Bestseller aus Großbritannien brillant unterhalten und kriminell gut ins neue Jahr starten lassen. Daher möchte ich die beiden Kriminalromane, bei welchen jeder auf seine Art etwas Besonderes hat, in kürzerer Form, dafür aber gleich im Doppelpack vorstellen:
Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ – ein Krimi in Mails und Textnachrichten zum intensiven selbst Miträtseln – und Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, in welchem vier rüstige Rentner in einer luxuriösen Seniorenresidenz als Hobby und Zeitvertreib gemeinsam Kriminalfälle lösen und sogar mit einem Mord konfrontiert werden.
Beide Krimis sind auf ihre Art „very british“, folgen bester, britischer Krimitradition, d.h. sind klassisch angehaucht und eher der unblutigen Kategorie zuzuordnen. Zudem sind beide Romane mit einer ordentlichen Prise Humor ausgestattet.
Und noch etwas haben sie gemeinsam: Bei beiden handelt es sich um Debütromane. Janice Hallett hat zuvor als Journalistin und Zeitschriftenredakteurin gearbeitet, Richard Osman ist ein englischer Fernsehmoderator und Produzent.

Da ich bei Krimis grundsätzlich nicht zu viel von der Handlung vorab verraten möchte, halte ich mich hierzu jeweils kurz und beschreibe lieber, was mich an den Büchern gereizt bzw. was mir an den Krimis jeweils besonders gut gefallen hat.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt weiß, dass ich ein riesengroßer Theaterfan bin. Als ich gelesen habe, dass der Krimi von einem Mord im Umfeld einer Laientheatergruppe handelt, die Spenden für ein krebskrankes Mädchen sammeln will, wusste ich, dass ich Janice Hallett’s „Mord zwischen den Zeilen“ (englischer Originaltitel: „The Appeal“) unbedingt lesen möchte.

Gleich schossen mir positive Erinnerungen an Miss Marple’s Fall „Vier Frauen und ein Mord“, der im Theatermilieu spielt, durch den Kopf und auch optisch passte das aufwändig gestaltete Taschenbuch mit dem außergewöhnlichen Regentropfen-Cover – ein richtiger Hingucker – ebenfalls hervorragend zu den verregneten Tagen zwischen Weihnachten und Neujahr. Es war wie gemacht, um es sich damit auf der Couch mit einer Tasse Tee gemütlich zu machen.

„Femi: Wir müssen uns einfach konzentrieren, richtig eintauchen, damit wir später den Durchblick haben.

Charlotte: Aber hast du das gesehen? Lauter E-Mails und Nachrichten. Warum erzählt Tanner uns nicht mehr dazu? Bin gespannt.“

(aus Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen; S.8)

Zwei Angestellte einer Rechtsanwaltskanzlei erhalten ein umfangreiches Konvolut an Emails und Textnachrichten, die im Zusammenhang mit einem Mordfall stehen. Es handelt sich um die Korrespondenz zwischen den zahlreichen Mitgliedern der Laientheatergruppe „The Fairway Players“. Schnell wird klar, dass sich bei der bunt zusammengewürfelten Gruppe mehr als ein Abgrund auftut. Werden sie beim gewissenhaften Durcharbeiten der Unterlagen dem Mörder zwischen den Zeilen auf die Spur kommen?

Seit Daniel Glattauer’s „Gut gegen Nordwind“ und „Alle sieben Wellen“ habe ich keinen Roman in Form von Emails und Textnachrichten mehr gelesen – und einen Krimi meines Erachtens noch nie. Ein besonderes literarisches Experiment, das mir Spaß gemacht hat – ungewohnt, aber interessant. Selten habe ich bei einem Krimi selbst so intensiv versucht, „zwischen den Zeilen“ mitzulesen und mitzurätseln, ganz aufmerksam auf Zwischentöne geachtet, um der Lösung auf die Spur zu kommen, wie bei Janice Hallett’s Krimidebüt. Ein Buch, das die Gefahr birgt, die Nacht durchzulesen, denn man verschlingt Seite um Seite. Hallett hat eine satirische, stellenweise sehr überspitzte und überzeichnete Handlung geschaffen, die mit verblüffenden Wendungen aufwartet.

Noch runder, harmonischer und insgesamt für meinen Geschmack auch etwas warmherziger und liebenswürdiger war Richard Osman’s „Der Donnerstagsmordclub“, der aufgrund des originellen Schauplatzes in einer luxuriösen, englischen Seniorenresidenz und den herrlich verschrobenen Figuren ein richtig feines, funkelndes Krimijuwel darstellt.

Die Tage in Coopers Chase – einem Seniorenheim für gehobene Ansprüche – sind lange und gleichförmig. Da kommt den Bewohnern jede Abwechslung gerade recht: Joyce, Elizabeth, Ron und Ibrahim treffen sich daher jeden Donnerstag, um gemeinsam alte, ungelöste Kriminalfälle zu enträtseln. Schon bald überschlagen sich jedoch die Ereignisse und aus dem launigen Hobby wird eine ernstzunehmende Mordermittlung. Mit ihren ganz eigenen Waffen, Stärken und Erfahrungen machen die vier Rentner der örtlichen Polizei Konkurrenz.

Schließlich bringen Joyce mit ihrer allseits beliebten, herzlichen und mütterlichen Art, Elizabeth als ehemalige Geheimagentin, der pensionierte Psychiater Ibrahim und Ron, der kämpferische und rhetorisch beschlagene ehemalige Gewerkschaftsführer gemeinsam so viele Jahrzehnte Lebenserfahrung, große Leidenschaft, eine gewisse Unverfrorenheit und viel Freizeit mit in die Ermittlungen ein, so dass es für die Kollegen der Polizei schwerlich möglich ist, nur annähernd Schritt zu halten.

„Außerdem macht es ihnen einfach einen Heidenspaß, glaube ich. Ein paar Gläschen Wein und ein Kriminalfall. Sehr gesellig, aber auch blutig. Was gibt es Besseres?“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.30)

Einen Heidenspaß macht auch die Lektüre des „Donnerstagsmordclubs“. Das liest sich kurzweilig, unterhaltsam und süffig, wie ein schöner, gereifter Rotwein.
Traurig und lustig zugleich, amüsant, witzig und doch würdevoll – Osman gelingt die Gratwanderung, die rüstigen Senioren auf der einen Seite als witzige und lebensfrohe Truppe zu schildern und doch auch andererseits nachdenklichere, ruhigere Töne anzuschlagen, die dem letzten Lebensabschnitt ebenso angemessen sind.
Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet und wachsen einem sofort ans Herz. Man liest das Buch mit viel Schmunzeln und einem breiten Lächeln im Gesicht.

Beide Krimis haben mir unbeschwerte und entspannende Lesestunden beschert und ich konnte die Lektüre an den verregneten Tagen zwischen den Jahren gemütlich genießen. Für Freunde britischer Krimikunst sind die beiden Bücher, die jeweils mit einem besonderen Twist versehen sind (sei es durch die besondere literarische Form bei Hallett oder den außergewöhnlichen Schauplatz bzw. die spezielle Ermittlergruppe bei Osman), eine gute Wahl. Die hohen Verkaufszahlen in Großbritannien sprechen für sich und vielleicht schwappt die Begeisterung ja auch aufs europäische Festland herüber.

„Im Leben lernt man, dass es die guten Tage sind, die man zählen muss – sie in seinen Bau tragen und von ihnen zehren. Also trage ich diesen Tag jetzt in meinen Bau und lege mich schlafen.“

(aus Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub; S.114)
©Kulturbowle

Eine weitere Besprechung zu „Mord zwischen den Zeilen“ gibt es bei Nana-Der Bücherblog.

Weitere Besprechungen zu „Der Donnerstagsmordclub“ gibt es unter anderem bei buchpost (hier wurde ich auf den Krimi aufmerksam – Danke, Anna!) und bei Literaturwerkstattkreativ-Blog.

Buchinformationen:
Janice Hallett, Mord zwischen den Zeilen
Aus dem Englischen von Sabine Schilasky
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-00446-9

Richard Osman, Der Donnerstagsmordclub
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36014-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden britischen Krimi-Bestseller:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist „Der Donnerstagsmordclub“ etwas reicher ausgestattet als „Mord zwischen den Zeilen“. So erfahren wir, dass es zum Beispiel am Montag in der Seniorenresidenz Coopers Chase immer Shepherd’s Pie – ein traditionelles britisches Gericht aus zwei Schichten (unten Hackfleisch, oben pürierte oder fein geriebene Kartoffeln) – gibt. Zudem hat Joyce eine Schwäche für Gin Tonic aus der Dose von Marks&Spencer.
In „Mord zwischen den Zeilen“ erfahren wir nur, dass es auf dem Charity Event für Poppy leckere Süßigkeiten gibt, die reißend Absatz gefunden haben. Sonst bleibt während der Spendensammelaktionen, der Theaterproben und -aufführungen und den zahlreichen Verwicklungen im Krimi kaum Zeit für das leibliche Wohl.

Zum Weiterlesen:
Janice Hallett hat in Großbritannien bereits ihren zweiten Krimi veröffentlicht „The Twyford Code“ – zu einer deutschen Übersetzung ist mir aktuell noch nichts bekannt.
Fans von Richard Osman müssen jedoch nicht mehr lange auf die Fortsetzung des Donnerstagsmordclubs warten. Ende Januar erscheint auch der zweite Band in deutscher Übersetzung: „Der Mann, der zweimal starb“. Die vier rüstigen Senioren ermitteln in ihrem zweiten Fall.

Richard Osman, Der Mann, der zweimal starb
Aus dem Englischen von Sabine Roth
List
ISBN: 978-3-471-36013-2

11 Gedanken zu “Kriminelles zwischen den Jahren

    • Ja, ich fühlte mich wirklich großartig unterhalten und ich mag von Zeit zu Zeit solche auf liebenswürdige Art „oldfashioned“ Krimis wirklich gerne. Ist mir persönlich lieber als effekthascherische, blutrünstige Psychothriller. Herzliche Sonntagsgrüße in die Schweiz! Barbara

      Gefällt 1 Person

    • Stimmt. Danke Christoph für den Tip! Ich weiß noch, dass ich damals die Vorschau gesehen hatte, aber es dann leider – wie so oft – dann doch nicht ins Kino geschafft hatte. Aber das ist eine gute Idee, das kommt auf die Merkliste, vielleicht lässt sich diese Lücke ja bald einmal schließen. Einen schönen, geruhsamen Sonntag und herzliche Grüße aus dem nebligen Niederbayern nach Franken!

      Gefällt 2 Personen

    • Hallo Barbara,
      erst einmal vielen Dank für die Verlinkung. Ich habe mir den zweiten Band um die ermittelnde Seniorengang schon mal auf die Merkliste gepackt, denn noch hält mein Buchkaufstopp 🙂 Das Buch von Hallett liegt hier schon. Aber nach den ersten Seiten hab ich es erst einmal wieder weggelegt. Irgendwie sprang der Funke nicht sofort über.
      Was dir im Krimibereich möglicherweise auch gut gefallen könnte, wäre „Tod eines Gentleman“ von Christopher Huang. Den fand ich ganz ausgezeichnet.
      Dir einen entspannten Sonntag und viele Grüße
      Anna

      Gefällt 1 Person

      • Hallo Anna,
        bitteschön, das Verlinken war mir eine Ehre und Freude. Der Osman ist damals nach Deiner Besprechung sofort auf meiner Merkliste gelandet. 🙂
        Wenn ich beide vergleiche, finde ich den Osman auch insgesamt ein wenig runder.
        In den Huang habe ich gerade reingestöbert… da könntest Du Recht haben, das hört sich sehr nach meinem Geschmack an.
        Respekt was Deinen Buchkaufstopp betrifft – zwei Wochen sind schon geschafft. 🙂
        Ich habe mir auch vorgenommen, dieses Jahr mehr aus dem Vorrat zu lesen, aber einen Stopp würde ich nicht lange durchhalten – ich kenne mich. 😉
        Sehr gut möglich, dass ich bei Deinem schönen Tip „Tod eines Gentleman“ schon bald wieder schwach werde.
        Dir einen wunderbaren Sonntag und ganz herzliche Grüße,
        Barbara

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