Düsteres aus dem Grenzgebiet

Die Feuilletons sind seit Herbst voll und auch in der Bloggersphäre hat Eva Menasse’s neuer Roman „Dunkelblum“ bereits viel Aufmerksamkeit erhalten. Der Schauplatz an der österreichisch-ungarischen Grenze im Burgenland, der Zeitpunkt 1989 während der eiserne Vorhang durchlässig wurde und die Handlung, in welcher verdrängte Verbrechen wieder ans Tageslicht dringen, haben dazu geführt, dass auch ich nicht mehr an diesem Roman vorbei konnte und wollte. Die Lektüre möchte ich keinesfalls missen – ein rundum faszinierender und intelligenter Roman, der die mediale Aufmerksamkeit und die der Leserschaft vollkommen verdient hat.

„Während man darin schwimmt, sind Zeit und Ereignisse flüssig, aber daran denkt man selten, wenn man Jahre oder Jahrzehnte später Worte wie Kriegsende sagt. Dann hält man das für eine klare Begrenzung im Strom, befestigt und gut erkennbar, etwas Stabiles, wie, nur zum Beispiel, ein Wellenbrecher.“

(S.90)

Ich persönlich finde es gar nicht so leicht, einen Beitrag über ein Buch zu schreiben, über das die meisten schon viel gelesen und gehört haben, aber versuchen möchte ich es trotzdem und meine Eindrücke der Lektüre schildern.

Worum geht es in „Dunkelblum“?
Dunkelblum ist ein kleiner Ort im österreichischen Burgenland – die Grenze zu Ungarn ist nah. Es ist Sommer 1989 und die Nachrichten beginnen sich zu überschlagen. DDR-Bürger veranstalten ein paneuropäisches Picknick, versuchen über Ungarn in den Westen auszureisen, flüchten sich in die Prager Botschaft – Wendezeit. Und auch in Dunkelblum kommt etwas in Bewegung. Es geschehen ungewohnte Dinge und einige Einwohner und Einwohnerinnen versuchen, lange Verdrängtes aufzuspüren und ans Licht zu bringen.

„Etwas tut sich: ich weiß nicht genau, was. Eher nur so ein Gefühl. Aber die Leut reden, und sie stehen auf den Gassen umeinand.“

(S.111)

Junge Leute befreien den vernachlässigten, verwilderten jüdischen Friedhof von wucherndem Gestrüpp und Unkraut und sie fördern Unerwartetes zutage. Ein seltsamer, mysteriöser Besucher taucht im Dorf auf und ein junges Mädchen, sowie weitere engagierte Bürger wollen für ein Stadtmuseum die Geschichte des Ortes erforschen und rekonstruieren.

„Sie musste nirgends hingehen, um etwas zu erfahren, denn alles, was in Dunkelblum geschah, fand seinen Weg zu ihr. Sie bewahrte es still auf, behielt das meiste im Gedächtnis, auch das sehr lang Zurückliegende.“

(S.163)

Was hatte es mit dem Brand des Schlosses auf sich? Was wird man bei den Grabungen auf der Rotensteinwiese entdecken? Warum wurde so mancher lange zurückliegende Mord bis heute vertuscht und nicht aufgeklärt? Was geschah in den letzten Tagen des zweiten Weltkriegs? Was ist aus der ehemaligen jüdischen Bevölkerung im Ort geworden?

Rätsel über Rätsel, Fragen über Fragen und schnell wird klar, dass es viele Dunkelblumer gibt, die gar kein Interesse an Aufklärung oder einer Aufarbeitung der Vergangenheit haben. Viele Jahre wurde ausgeblendet, verdrängt und verschwiegen.

„Da, lange zurück, gibt es eine reiche und stolze Geschichte von Dunkelblum. Aber dann, hoppala, ist die Geschichte irgendwie gestolpert und hat sich nur mit einem beherzten Sprung aufrechthalten können.“

(S.196)

Menasse erzählt eine fesselnde, spannende Geschichte über die Menschen und die Ereignisse in diesem Ort, die eine ganz besondere Dynamik entwickeln und sich mehr und mehr überschlagen. Zu lange wurde der Deckel auf dem Topf der Kriegsvergangenheit gehalten, der jetzt viele Jahrzehnte später brodelnd und explosiv überkocht.

Die Autorin ist eine Meisterin der feinen Zwischentöne, versteht die Kunst des Weglassens und der Zweideutigkeit, was perfekt zu der Thematik passt. Vieles geschieht zwischen den Zeilen und das macht für mich den Reiz des Romans aus.
Diese düstere, verdruckste und geheimniskrämerische Atmosphäre in der kleinen Ortschaft – die dunkle Seite Dunkelblums – das ist wirklich großartig herausgearbeitet. Oft sind es kleine Nuancen und sprachliche Feinheiten, die den entscheidenden Unterschied machen.
Die Figurenzeichnung und die Charaktere sind hervorragend gelungen, fein gezeichnet und man sieht die verschiedenen Typen der Ortsbewohner wirklich regelrecht plastisch vor Augen.

Sprachlich liest sich das Buch herrlich süffig und flüssig. Ich mag die österreichische Einfärbung, die Ausdrücke im Dialekt und die Klangfarbe, welche Menasse einfließen lässt. Ich mag es, wenn ein junges Mädchen „goschert“ ist oder sich die Damen in der „Greißlerei“ treffen – das macht den Flair und die Authentizität des Romans aus. Und sollte man mit den österreichischen Ausdrücken nicht so vertraut sein, gibt es im Anhang eine Übersicht der wichtigsten Austriazismen zum Nachschlagen.

„So funktioniert ja das Gedächtnis: Alles scheint weg, hallende Leere, ein tiefer, dunkler Raum, aber beim Tasten findet man spinnwebfeine Fäden, an denen tatsächlich etwas hängt, sobald man zieht.“

(S.198)

Dunkelblum ist ein grandioser, brillanter und kluger Roman über Wahrheit, Erinnerungen, über das Vergessen sowie über die Mechanismen von Verdrängen und Verschweigen. Ein absolut zeitloser Roman, der für mich das Zeug dazu hat, ein zukünftiger Klassiker zu werden. Ein literarisches Spiel mit Licht und Schatten, das ich wirklich empfehlen kann.

„Und das ist eben das Problem mit der Wahrheit. Die ganze Wahrheit wird, wie der Name schon sagt, von allen Beteiligten gemeinsam gewusst. Deshalb kriegt man sie nachher nie mehr richtig zusammen. Denn von jenen, die ein Stück von ihr besessen haben, sind dann immer gleich ein paar schon tot. Oder sie lügen, oder sie haben ein schlechtes Gedächtnis.“

(S.253)

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Archimboldi’s World, Buch-Haltung und Literaturleuchtet.

Buchinformation:
Eva Menasse, Dunkelblum
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04790-5

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Eva Menasse’s „Dunkelblum“:

Für den Gaumen (I):
Es ist schon ein wunderbarer Zufall, dass Günter auf seinem herrlichen Foodblog „Ein Nudelsieb bloggt“ nahezu zeitgleich zu meiner Dunkelblum-Lektüre das perfekte Gericht zum Buch vorgestellt hat: Somlauer Nockerl. Das Rezept und die Fotos sind so verführerisch, dass einem schon vom Anschauen das Wasser im Mund zusammenläuft. Eine ungarisch-burgenländische Spezialität, die auch im Roman entsprechend gewürdigt wird:

„Er aß im Hotel Tüffer zu Mittag (die Einschusslöcher in der Ecke waren bereits vergipst und überstrichen), küsste der errötenden Resi Reschen die Hand und nahm die Jause im relativ neu eröffneten Café Posauner ein. Er lobte den Nussstrudel und die Somlauer Nockerl, eine Spezialität der Gitta, obwohl sie aus der Steiermark war.“

(S.267/268)

Für den Gaumen (II):
Kulinarisch ist „Dunkelblum“ aber wirklich sehr ergiebig: Da gibt es „Zwetschkenfleck“ (S.103), „die Strauben und den Heidensterz“ (S.122) und auch noch „Grammelpogatschen“ (S.290) – zu letzteren dann einen Blaufränkisch oder einen Welschriesling. Wie soll man da beim Lesen keinen Appetit bekommen?

Zum Weiterlesen:
Bisher habe ich von Eva Menasse ihren großen Familienroman „Vienna“ gelesen und war erstaunt zu sehen, dass dieser tatsächlich schon 2005 erschienen ist. So lange ist das schon her? Im Vergleich fand ich jedoch „Dunkelblum“ persönlich überzeugender und ausgereifter – weniger anekdotisch und mehr roter Faden. Doch für alle, die sich selbst eine Meinung von Eva Menasse’s Debütroman bilden möchten:

Eva Menasse, Vienna
btb
ISBN: 978-3-442-73253-1

7 Gedanken zu “Düsteres aus dem Grenzgebiet

  1. Das ist ja wirklich ein Zufall, dass meine Somlauer Nockerl fast gleichzeitig mit deinem Beitrag erschienen sind. Ich bin ja im Burgenland aufgewachsen und habe dort meine Jugendjahre verbracht. Logischerweise nicht weit von der ungarischen Grenzen entfernt – das geht dort gar nicht anders😉 Deine Beschreibung des Romans hat mich sofort neugierig gemacht und ich habe es spontan bestellt. Es wird spannend sein, wie weit mich das Buch in meine alte Heimat zurückholt.
    Dankeschön, auch für die nette Erwähnung!
    Ganz liebe Grüße eines Exil-Burgenländers aus Graz😜
    Günter

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Günter! Sehr gerne, das hat einfach perfekt gepasst. Ich mag diese Brückenschläge zwischen Literatur und Kulinarischem – und Deine Somlauer Nockerl sehen wirklich fantastisch aus.
      Und ich bin auch gespannt, was der gebürtige Burgenländer zu der Lektüre sagen wird – ich wünsche Dir ganz viel Freude beim Lesen. Mich hat das Buch wirklich gepackt. Leider habe ich es schon einige Zeit (auch corona-bedingt) nicht mehr geschafft, ins Burgenland zu reisen. Aber sobald sich die Lage bessert, steht es sicherlich wieder auf der Urlaubsliste weit oben, da ich die Gegend um den Neusiedler See sehr schätze – auch kulinarisch 😉
      Ganz herzliche Grüße nach Graz (das ich bisher noch nicht besucht habe, aber auch unbedingt gerne mal kennenlernen würde), Barbara

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    • Gerne, und aus meiner Sicht ein verdienter Bestseller. Danke auch für den Tip bezüglich Max Annas „Der Hochsitz“, das werde ich mir gleich mal näher anschauen, aber am besten warte ich vielleicht auf Deine ausführliche Besprechung – da freue ich mich schon darauf… Schönen Abend und herzliche Grüße, Barbara

      Gefällt 1 Person

    • Ja, diese Nockerl haben es in sich – eine sehr gehaltvolle Variante…
      Und ich habe zu danken, für die schöne Rückmeldung, die mich sehr freut. Für „Dunkelblum“ braucht man etwas Muße und Zeit – das ist nichts, was man so schnell mal nebenbei lesen kann – aber aus meiner Sicht lohnt sich die Lektüre. Ich habe sie genossen… Herzliche Grüße!

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