Der fünfte Roman der amerikanischen Autorin Susan Choi gibt so manches Rätsel auf und schafft Illusionen, um diese wieder zu entzaubern. „Vertrauensübung“ spielt in den Achtziger Jahren an einer Elite-Schauspielschule in den Vereinigten Staaten, an der talentierte junge Menschen versuchen, sich den Traum einer Bühnenkarriere zu erfüllen. Ein doppelbödiges Werk, das wie ein dramatisches Theaterstück auch so manchen unerwarteten Abgrund offenbart.
Was erwartet die Leserschaft, wenn der Vorhang sich hebt?
Ein sehr direkter und unmittelbarer Einstieg, man ist sofort mitten im Geschehen. Sarah und David gehören zu den wenigen Auserwählten, die an der CAPA – einer Elite-Schauspielschule – angenommen wurden. Gerade einmal fünfzehn Jahre jung starten sie ins erste Schuljahr und werden mit einer vollkommen neuen Welt konfrontiert.
„Alle waren sie Kinder, denen es bis dahin nicht gelungen war, sich anzupassen, oder denen es, bis hin zur tiefsten Verzweiflung, nicht gelungen war, eine Zufriedenheit zu empfinden, und so hatten sie, in der Hoffnung auf Rettung, den Anstoß zum Kreativsein mit beiden Händen ergriffen.“
(S.21)
Sie stammen aus sehr unterschiedlichen Elternhäusern – Sarah aus einfachen Verhältnissen, David ist der Spross einer reichen Familie. Frühreif und hochbegabt prallen sie nahezu ungebremst aufeinander und befinden sich schnell in einem Strudel aus intensiven Erfahrungen in den anspruchsvollen, oft verwirrenden Unterrichtsstunden, sowie aus tiefen Emotionen und sexuellen Erlebnissen.
Sie besuchen Fächer wie „Bühnenkunde“, „Vom-Blatt-Singen“, „Shakespeare“ oder „Vertrauensübungen“. Der charismatische Lehrer Mr Kingsley weist seine Studierenden darauf hin von der „Bühne“ und nicht vom Theater zu sprechen. Er ist eine mysteriöse Figur – nicht immer ist klar, was ihn wirklich treibt. Seine Unterrichtseinheiten führen die Studierenden oft weit hinaus aus der persönlichen Komfortzone.
„Trotz all der vielen Regeln – den Wiederholungen ohne hinzugefügte Wörter, der Entspannungsübung, bei der die Arme die Flanken nicht berühren durften, der dreistufigen Vollatmung – gibt es noch keine Regeln für ihr Verhältnis zu ihren Lehrpersonen.“
(S.97)
Während für vieles Regeln zu fehlen scheinen, Grenzen fließend werden, gibt es doch eine klare Hackordnung an der Schule. Die älteren Jahrgänge stehen über den jüngeren Klassen und die SchülerInnen, die schauspielerisch, gesanglich und tänzerisch glänzen, sind als angehende Musical-DarstellerInnen die unangefochtenen Stars der Schule. Sie dürfen den Traum vom Broadway und der großen Musical-Karriere träumen, während die reinen SchauspielerInnen an der Einrichtung ein wenig im Schatten zu stehen scheinen.
„Bis zu diesem Punkt in ihrem Leben hat Sarah bei Opern immer nur an Bugs Bunny mit Zopfperücke gedacht, an Bildungsfernsehen, an übergewichtige Männer im Wams, an kreischende Frauen und berstende Gläser. Und weil sie natürlich nie eine Oper live gesehen, aber auch nie eine halbwegs gelungene Aufführung im Fernsehen gehört hat, nicht mal in Ausschnitten, hat sie auch nie begriffen, dass Oper tatsächlich die heiligste Erfüllung allen Sehnens ist. Ihre eigene Qual, errettet durch die Musik.“
(S.61)
Doch in so mancher und so manchem schlummern durchaus noch verborgene Talente, die plötzlich buchstäblich ins Rampenlicht geholt werden.
Es ist eine komplizierte Zeit im Leben der jungen Menschen, die neben dem täglichen Konkurrenzkampf, all den neuen Eindrücken und komplexen Unterrichtsinhalten, auch mit sich selbst, ihren Gefühlen und dem Heranwachsen klar kommen müssen. In der Zeitspanne zwischen 15 und 18 Jahren passiert viel.
„Es gab Gedanken, die zu Gefühlen, und Gefühle, die zu Gedanken führten, aber es wurde auch viel gekichert, geraucht, in Tagebücher gekritzelt und gemeinsam Walkman gehört. Wir wissen meistens nicht, was wir wissen, bis wir es eben wissen.“
(S.286)
Das Buch gliedert sich in drei Teile und der zweite beginnt mit einem Perspektivwechsel und Zeitsprung: man begegnet den Figuren zwölf Jahre später – also im Alter von etwa dreißig Jahren – wieder. Was ist aus ihnen geworden? Wer hat es geschafft, den Traum von der Bühne zu leben? Welche Spuren hat die Zeit an der CAPA hinterlassen?
„In unserer Erziehung – (…); mit „Erziehung“ meine ich, dass uns eine Vorstellung davon mitgegeben wurde, was uns am meisten bedeutet, und zwar nicht von unseren Eltern, sondern von unseren Lehrern und Freunden – war Talent die einzige Religion, die einzige Glaubensgrundlage, über die man sich nicht lustig machte. Talent war etwas Göttliches, verkörpert im Menschen. Man hatte es entweder oder nicht, war entweder gesegnet oder nicht. So oder so huldigte man ihm.“
(S.185)
Es gibt Szenen im Buch, die selbst wie ein Theaterstück geschrieben sind: Dialoge in verteilten Rollen, Regieanweisungen. So lässt die Autorin die Kunstform, um die sich im Leben der SchülerInnen alles zu drehen scheint, auch formal im Buch Einzug halten.
Und es gibt Stellen, die schmerzen bei der Lektüre, denn die Jugendlichen leiden, machen Fehler und stehen in vielerlei Hinsicht unter Druck. Choi glorifiziert nichts, vielmehr beschreibt sie die intensive Zeit des Erwachsenwerdens, voller Emotionen und Gefühlsstürme als eine oft schmerzhafte Sturm und Drang-Zeit, die nicht alle Figuren des Romans unbeschadet überstehen.
„Erinnerungen an den unfassbaren Ereignisreichtum aus Zeit, Wandel und Emotion, zusammengepresst wie Schießpulver im Gewehrlauf. Erinnerungen an die Ausdehnung, die Zerstreuung, die Jahre innerhalb weniger Tage. Ihre waren endlos; ganze Leben erblühten und welkten zwischen Aufstehen und Mittagessen.“
(S.23)
Über allem schwebt eine bedrohliche Atmosphäre und ich hatte während der Lektüre ständig das Gefühl, gleichsam in permanenter Habacht-Stellung zu lesen, immer mit allem – und oft auch mit Negativem – rechnen zu müssen.
Da werden Grenzen ausgelotet und überschritten, es werden Spielchen gespielt, es geht um Macht und Missbrauch, toxische Beziehungen, um Neid, um Missgunst und um Abhängigkeiten.
Susan Choi schreibt über Jugendliche auf der Suche nach sich selbst und einem Platz im Leben. Und neben allem Schein und Spiel sind sie auch auf der Suche nach Sein und Wahrhaftigkeit. Trotz allem Talent zählt schließlich auch die Begabung in der Kunst, das reale Leben zu meistern.
Am Ende ist man froh, nicht Teil dieser Schulgemeinschaft gewesen zu sein, sich nicht mit den Figuren identifizieren zu müssen, eine gewisse Distanz wahren zu können. Man beneidet die Elite-Schüler nicht um die Erfahrungen, die sie machen und der Mythos Schauspielschule erfährt in Chois Roman, der 2019 entstand und sicher auch Aspekte der MeToo-Bewegung einfließen ließ, eine gewisse Entzauberung.
„Vertrauensübung“ ist somit kein Wohlfühlroman, sondern vielmehr ein vielschichtiges, abgründiges Werk über große menschliche Themen, das mit Perspektivwechseln und unerwarteten Wendungen aufwartet und der Leserschaft so manches Rätsel aufgibt.

Mit Susan Chois „Vertrauensübung“ habe ich zudem wieder einen weiteren Punkt meiner „23 für 2023“ erfüllt – Punkt Nummer 14) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, in dem Theater/Oper eine Rolle spielt, lesen. Der Traum von der Bühne bzw. einem Künstlerleben treibt die jungen Menschen an der Schauspielschule an – nicht für alle geht er in Erfüllung.
Weitere Besprechungen gibt es bereits bei Bookster HRO und Seitengang.
Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kjona Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Susan Choi, Vertrauensübung
Aus dem Amerikanischen von Tanja Handels und Katharina Martl
Kjona
ISBN: 978-3-910372-11-5
***
Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Susan Chois „Vertrauensübung“:
Für den Gaumen:
Es passiert höchst selten, dass ich mir bei einer Lektüre keine kulinarischen Stellen notiere. Doch dieses Mal hatte sich offenbar wirklich nichts aufgedrängt. Es wird vielmehr von und für die Kunst und die Bühne gelebt. Erst bei einem kurzen Daumenkino im Anschluss konnte ich dann doch noch etwas – in diesem Fall Alkoholisches – entdecken:
„Sie hatte ihren Daiquiri schon fast geleert (…)“
(S.239)
Zum Weiterhören (I) oder für einen Theaterbesuch:
Die meisten Schüler der CAPA haben Lieblingsmusicals:
„David liebt Jesus Christ Superstar, er kann alle Texte auswendig, und wenn er allein ist, singt er falsch zu seiner Langspielplatte. Sarah hat das gleiche heimliche Verhältnis zu Evita.“
(S.53)
Zum Weiterhören (II):
Bei einem Vorsingen wird für die Damen das Stück „Razzle Dazzle“ aus dem Musical „Chicago“ gewählt. In der bekannten Verfilmung von 2003 (u.a. mit Renée Zellweger, Catherine Zeta-Jones und Richard Gere) wird der Song übrigens von Richard Gere gesungen.
Zum Weiterlesen:
Beim Thema Schauspielschule musste ich natürlich sofort an Joachim Meyerhoffs autobiografisches Buch „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ denken, das ich einfach großartig fand und wahnsinnig gerne gelesen habe. Der gelungene Mix aus witzigen, unterhaltsamen Szenen aus der Münchner Otto Falckenberg-Schule und den gefühlvollen, warmherzigen Schilderungen aus dem Haus seiner Großeltern, ist einfach unwiderstehlich:
Joachim Meyerhoff, Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
KiWi Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-05034-9
Ich musste beim Lesen Deiner Rezension einige Male an „Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke“ denken – und schon taucht es als Empfehlung auf. Das werde ich bald mal wieder lesen. Vor einer Weile habe ich nach Jahren „Wann wird es endlich wieder so, wie es nie war“ zum zweiten Mal gelesen und fand es wieder grandios.
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Ja, ich mochte die ersten drei Bände von Meyerhoff auch sehr.
Band 4 und 5 habe ich auch schon hier liegen, aber mir bis jetzt noch „aufgespart“, um die Vorfreude noch ein bisschen zu genießen… mal sehen, wann ich nicht mehr widerstehen kann. 🙂
Die Schauspielschule kommt jedoch bei Meyerhoff im Vergleich zu Chois Roman sehr viel positiver und besser weg. Herzliche Grüße und weiterhin einen guten Sommer!
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