Schatten und Schattierungen

Bereits 1929 hat Wallace Thurman seinen Roman „The Blacker the Berry“ veröffentlicht, der als eines der Hauptwerke und als Schlüsselroman der Harlem Renaissance gilt. Dass dieser Roman nun auch in einer deutschen Erstausgabe erscheint, belegt, wie wichtig die aktuelle Auseinandersetzung mit den Themen Rassismus, Ausgrenzung und Diskriminierung auch heute noch ist.

Die Szenen, die Thurman – gespeist durch seine persönlichen autobiografischen Erfahrungen im Harlem der späten Zwanziger Jahre – beschreibt, sind leider in großen Teilen immer noch hochaktuell, legen den Finger in unverheilte Wunden und schmerzen bei der Lektüre.

Dem Buch ist die afroamerikanische Volksweisheit vorangestellt, die ihm auch den Titel gegeben hat:

„The blacker the berry, the sweeter the juice…“

Und schon hier klingt durch die Steigerungsform an, dass es selbst innerhalb des Schwarzen Unterschiede zu geben scheint. Und es sind diese Unterschiede, Schattierungen und Nuancen, welche Thurman ins Zentrum seines Romans stellt.

Eine sprachliche Herausforderung – auch für die Übersetzerin – welche sich dazu entschieden hat, einer Skala zu folgen, „die Fran Ross in ihrem 2015 wiederentdeckten Buch Oreo (1974; dt. 2019 von Pieke Biermann) zusammengestellt hat“ (S.215), wie sie in einer Anmerkung am Ende des Buches erläutert. Demnach liegen zwischen white/weiß und black/schwarz noch acht weitere Schattierungen, die im US-amerikanischen Sprachgebrauch für die Selbstbezeichnung der Hautfarben vorkommen und welche auch Thurman verwendete.
Bereits der erste Satz des Romans macht klar, worum es gehen wird und wo auf dieser Skala sich Emma Lou – die Hauptfigur – einordnet:

„Schwerer als jemals zuvor spürte Emma Lou die Bürde ihrer tiefschwarz glänzenden Haut, spürte wieder den Fluch dieser Farbvariante, die sie so deutlich von den Menschen ihrer Umgebung unterschied. Nicht dass es ihr grundsätzlich etwas ausmachte, eine Schwarze zu sein, was natürlicherweise eine dunkle Hautfarbe mit sich brachte, aber es machte ihr etwas aus, viel zu schwarz zu sein.“

(S.7)

Emma Lou wächst in Boise in Idaho auf und erfährt bereits früh, dass sie aufgrund ihrer Hautfarbe in vielen Aspekten ausgegrenzt und benachteiligt wird. Sei es in der Schule oder im kalifornischen College in Los Angeles, das sie im Anschluss besucht – in der Hoffnung auf mehr Toleranz, Offenheit und Chancengleichheit – und doch wieder auf Ablehnung stößt.

Ihr junges Leben ist geprägt von großer Einsamkeit und meist vergeblichen Bemühungen, Kontakte zu knüpfen, Freundschaften zu schließen oder gleichberechtigte Beziehungen zu anderen Menschen aufzubauen.
Auch der Umzug nach New York und in das Harlem der Zwanziger Jahre – wo sie trotz Studium zunächst lediglich als persönliche Assistentin einer erfolgreichen Sängerin arbeiten kann – scheint nicht allzu viel zu ändern.

Immer wieder gerät sie an Menschen, welche ihr nicht auf Augenhöhe begegnen, sie nicht respektvoll behandeln und sie ausnutzen. Mehr als einmal wird ihre Gutmütigkeit und ihr Wunsch nach menschlicher Nähe missbraucht, um sie auszubeuten. Dass sie die Diskriminierung auch innerhalb der People of Colour erfährt, wird in Thurman’s Schilderungen ein ums andere Mal deutlich.

Der Autor lässt uns tief in Emma Lou’s Seelenleben und Gedankenwelt eintauchen und beschreibt eindrucksvoll, wie sie auch versucht, aus Niederlagen zu lernen und an ihrer Zukunft zu arbeiten. Dass sie dabei jedoch auch selbst nicht frei von Vorurteilen Anderen gegenüber ist, macht den Charakter um so glaubwürdiger und vielschichtiger.

„Sie war des Herumirrens in Sackgassen so überdrüssig, die sich alle kreuzten und vor stets derselben leeren Wand endeten.“

(S.202)

Besonders interessant fand ich, wie Thurman das Harlem der Zwanziger Jahre, die Atmosphäre, die Nachtclubs und das alltägliche Leben eingefangen hat. So wird der Roman auch zu einem authentischen Zeitdokument aus erster Hand.

Rassismus, Alkoholismus, Drogen, Arbeitslosigkeit, aussichtslose Kämpfe und zerplatzte Träume – schonungslos bringt Thurman die Schattenseiten, Ungerechtigkeiten und Probleme der damaligen Zeit zu Papier. Als Leser schluckt man mehr als einmal, wenn einem durch die Lektüre so wieder bewusst und vor Augen geführt wird, dass sich bei vielen Missständen bis heute immer noch viel zu wenig geändert hat.

Ein wichtiges Buch, ein schmerzhaftes Buch und ein Werk, das authentisch und schonungslos zahlreiche Facetten des Rassismus und der Diskriminierung behandelt und so den Ausgegrenzten ein Gesicht und eine Stimme gibt, die man nach der Lektüre nicht mehr vergisst.

Wallace Thurman gilt als einer der wichtigsten Vertreter der Harlem Renaissance. Er war Mitbegründer des literarischen Journals Fire!!, das zu den wichtigsten Veröffentlichungen dieser künstlerischen Bewegung gehörte.
Er verfasste drei Romane und starb bereits im Alter von 32 Jahren an Tuberkulose.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim ebersbach & simon Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Wallace Thurman, The Blacker the Berry
Aus dem Amerikanischen von Heddi Feilhauer
ebersbach & simon
ISBN: 978-3-86915-246-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Wallace Thurman’s „The Blacker the Berry“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch gibt es im Roman wenig attraktive Anregungen, vielmehr leidet Emma Lou unter der Einseitigkeit des Speiseplans ihrer Zimmerwirtin und den damit verbundenen Gerüchen, die sie in ihrem Zimmer erdulden muss:

„Und es roch fast immer nach gebratenem Fisch oder gekochtem Kohl.“

(S.83)

Zum Weiterhören:
Der Verlag hat den Roman dankenswerterweise mit einem Nachwort von Karl Bruckmaier, biografischen Hintergründen und Anmerkungen der Übersetzerin Heddi Feilhauer ergänzt, die helfen, das Werk besser zu verstehen und einordnen zu können.
So schreibt Bruckmaier über die Zeit und verortet sie auch musikalisch:

„Wir sind zeitlich mittendrin zwischen den beiden Weltkriegen, zwischen Boom und Wirtschaftskrise. Zwischen Duke Ellington und Cab Calloway auf der einen und einem Paul Whiteman auf der anderen Seite.“

(S.208)

Zum Weiterlesen:
Anfang des Jahres habe ich Thomas Mullen’s Kriminalroman „Darktown“ hier auf dem Blog vorgestellt. Dieser erzählt von einer PoC-Polizeieinheit im Atlanta des Jahres 1948 – eine andere Art und Weise, sich mit dem Thema Rassismus auseinanderzusetzen.

Thomas Mullen, Darktown
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8353-0

Wegbereiter im Dunkel

Thomas Mullen’s „Darktown“ stand schon eine ganze Weile auf meiner Liste der Bücher, die ich lesen möchte, und im Januar war dann die richtige Zeit gekommen. Eine Reihe, die schon seit langem in Bloggerkreisen und auf dem Buchmarkt große Aufmerksamkeit genießt und schon häufig besprochen wurde. Jetzt kann ich dies für den ersten Band auch selbst beurteilen: zu Recht.

Denn die Grundidee des Autors, Rassismus in Kriminalromanen zu thematisieren, somit einer breiteren Öffentlichkeitsschicht zugänglich zu machen und hierfür den geschichtlichen Hintergrund bzw. die wahre Geschichte der ersten farbigen Polizisten im Police Department Atlanta’s zu verarbeiten, ist brilliant und auch hervorragend umgesetzt.

„Dieselben Stadträte, die endlich Dienstmarken an Negroes ausgegeben hatten, konnten sich immer noch keine Welt vorstellen, in der farbige Polizisten neben weißen saßen oder mit ihnen gemeinsam aßen, duschten, sich in denselben Umkleidekabinen umzogen oder dieselben Klos benutzten.“

(S.68)

Atlanta 1948 – „Darktown“ ist der Teil der Stadt, in welchem hauptsächlich farbige Bewohner leben. Und genau dort kommen auch die ersten farbigen Polizisten zum Einsatz – in einer Einheit des Police Departments, die neu gegründet wurde – ein Pilotprojekt. Lucius Boggs und Tommy Smith gehören zu dieser Gruppe von Wegbereitern und sind Teil dieser „besonderen“ Einheit. Noch traumatisiert durch die Erlebnisse im zweiten Weltkrieg bahnen sich die beiden ihren Weg durch das Viertel und die menschlichen Abgründe, auf welche sie stoßen.

Offener Rassismus durch weiße Kollegen und Mitmenschen gehört zu ihrem Alltag. Schikanen jeglicher Art, verbale und körperliche Gewalt und die Behinderung ihrer Arbeit sind an der Tagesordnung. Tagtäglich kämpfen sie um Akzeptanz, Respekt und Anerkennung und erfahren selbst von farbigen Mitbürgern häufig nur Skepsis und Ablehnung ihrer Arbeit.

„Das war alles, was Officer Lucius Boggs für seine farbigen Mitbürger tun konnte, sie in die nächste Hölle schicken.“

(S.144)

Nicht mit den selben Befugnissen und Rechten ihrer Kollegen ausgestattet, müssen sie teils hilflos mit ansehen, wie sich der offene Rassismus auch in Polizeigewalt der weißen Kollegen gegenüber ihren farbigen Mitmenschen Bahn bricht.

Als eine junge farbige Frau tot aufgefunden wird, die sie kurz vorher noch in der Begleitung eines weißen Mannes gesehen hatten, wird schnell klar, dass auf breiter Front wenig Interesse an der Aufklärung des Falls und der Wahrheit besteht. Schnell werden Aussagen angezweifelt, Berichte umgeschrieben und Hilfe verweigert, um sie in ihrer Arbeit zu behindern. Doch dieses Verbrechen lässt sie nicht los und so wird auf eigene Faust und unter großer Gefahr ermittelt.

Und plötzlich erfahren sie überraschend Unterstützung von einer Seite, von welcher sie diese nicht erwartet hätten, denn auch ein weißer Kollege ist zunehmend angewidert vom offenen Rassismus und den Gewalttaten seines Ermittlungspartners.

Die großen Stärken des Romans sind für mich die detaillierte Schilderung der geschichtlichen Hintergründe und die unmittelbaren, schmerzlichen und direkten Beschreibungen der Situationen, in welchen Boggs und Smith Diskriminierung, Ausgrenzung und Hass aufgrund ihrer Hautfarbe erfahren und erleiden müssen. Mullen macht unmissverständlich klar, dass von Chancengleichheit und Gleichberechtigung keine Rede sein kann. Dem Leser die Einschränkungen und die Ungleichbehandlung klar zu machen und ihn mit jeder Seite mehr und mehr verstehen zu lassen, wie sich dies konkret in alltäglichen Situationen stets aufs Neue bemerkbar macht, das ist für mich die große Leistung des Autors. Es sind keine subtilen, kleinen Nicklichkeiten, welche Boggs und Smith widerfahren, das sind himmelschreiende Ungerechtigkeiten und unmenschliche physische und psychische Gewalt.

Leser verstehen nach der Lektüre etwas mehr über Rassismus, die Geschichte der farbigen Bürger der USA, den Ku-Klux-Klan, gesellschaftliche Verwerfungen und aufgeheizte, politische Debatten. Ein wichtiges und opulentes Buch und ein gelungener Auftakt einer Krimireihe, die Thomas Mullen mit „Weisses Feuer“ und „Lange Nacht“ zu einer Trilogie ausgebaut hat.

Meine Empfehlung ist, sich für das Buch Zeit zu nehmen, es in Ruhe und wenn möglich in längeren Stücken zu lesen. Denn die knapp 480 Seiten brauchen etwas Konzentration und Muße, damit man etwas davon hat. In Häppchen von 20 oder 30 Seiten kann sich der notwendige Lesefluss und Spannungsbogen nicht so recht aufbauen.

Zudem sollte man sich wappnen für unangenehme Wahrheiten, große Ungerechtigkeiten und menschliche Abgründe: „Darktown“ ist ein Buch, das beim Lesen schmerzt und jeden, der sich auf diesen nahezu klassischen Polizeiroman mit historischem Hintergrund einlässt, zwingt, sich mit dem brisanten und leider immer noch brandaktuellen Thema Rassismus auseinander zu setzen.

Weitere Besprechungen finden sich unter anderem auch bei Kaffeehaussitzer, Buchbube, Buch-Haltung und dem Blog der Schurken.

Buchinformation:
Thomas Mullen, Darktown
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8353-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Darktown“:

Zum Weiterhören:
Während der Lektüre hatte sich bei mir ein regelrechter innerer Ohrwurm festgesetzt: „Son of a preacher man“ – im Original aus dem Jahr 1968 von Dusty Springfield – also viel später als das Jahr 1948, in welchem der Roman „Darktown“ spielt. Aber nachdem eine der Hauptfiguren der Sohn eines Predigers ist und dies auch immer wieder thematisiert wird, hatte ich auf einmal diesen Song im Kopf.

„Ich bin der Sohn eines Pastors. Ich selbst bin keiner.“
„Na Gott sei Dank. Ich mag Männer mit ein bisschen Dreck an den Sohlen. Der Abrieb des Lebens ist so viel interessanter als der Glanz der Ewigkeit, sag ich mir immer.“

(S.340)

Zum Weiterlesen:
Thomas Mullen hat mit „Weisses Feuer“ und „Lange Nacht“ seine Darktown-Trilogie vervollständigt. Wer also nach „Darktown“ wissen möchte, wie es mit den Kollegen des Police Departments weitergeht, der kann die Lektüre nahtlos fortsetzen.

Thomas Mullen, Weisses Feuer
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8395-0

Thomas Mullen, Lange Nacht
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8143-7