Wenige Lebenswege laufen vollkommen geradlinig. Die meisten Menschen stoßen im Laufe des Lebens an Weggabelungen oder an Wendepunkte. Schicksalsschläge, Momente, die Entscheidungen erfordern, welchen Weg man weitergehen möchte. Michaela Maria Müller hat in ihrem feinsinnigen Roman „Zonen der Zeit“ zwei Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten, an genau solchen Weggabelungen in den Mittelpunkt gestellt.
Der Archivar Jan, studierter Historiker, Ehemann, Familienvater, der sich beruflich mit über 30 Jahre alten Akten des wechselvollen Jahres 1991 befasst, scheint in seinem Alltag und seinem Leben festgefahren zu sein. Die Leidenschaft ist erloschen – privat wie beruflich. Auch die Pendelei zwischen seinem Wohnort in einem bayerischen Dorf und seinem Arbeitsplatz in Berlin fordert ihren Tribut.
„Und was wäre, wenn du alles hättest, aber niemand bist?“
(S.18)
Jan beschäftigt sich von Berufs wegen mit der Vergangenheit und immer wieder schweifen seine Gedanken auch zu seiner eigenen Kindheit, die geprägt war vom abwesenden Vater und der Mutter, die den ganzen Tag in ihrem Berliner Kiosk stand, Zeitungen, Zigaretten verkaufte und sozialer Treffpunkt war.
„Meine Geschichte stand für sich, sie ließ sich nicht in die Erinnerungen der anderen einfügen. Ich konnte mit ihr nirgends anschließen. Aber eigentlich lebte Erinnerung doch nur, wenn sie geteilt wurde, oder? Ich beschloss, dass ich eine Geschichte hatte, aber keine Erinnerung.“
(S.51)
Und dann lernt Jan Enni kennen. Sie prallen geradezu aufeinander.
Enni, die deutlich jünger ist als er, jung und ungebunden, die als Mitarbeiterin in der Feuerwehrleitzentrale Notrufe entgegennimmt und so stets mit akuten Problemen im Hier und Jetzt bzw. mit konkreten, gegenwärtigen Gefahrensituationen beschäftigt ist.
Gegensätze ziehen sich an und schnell bemerken sie, dass sie den Anderen jeweils gerade an einem Wendepunkt im Leben getroffen haben und diese Begegnung und die gemeinsamen Gespräche ihre beiden Lebenswege ändern werden.
„Ich sagte ihm, dass es okay sei, neu anzufangen. Sackgassen hatten nur den Sinn, das Wenden zu lernen und rückwärts zu rangieren, und das schaffte man nicht allein, das wusste ich, seit ich als Maschinistin mit einem Tanklöschfahrzeug in einer Sackgasse gelandet war. Man brauchte einen Einweiser, der einem anzeigte, wieviel Platz man hatte, und der einem Sicherheit gab.“
(S.109/110)
Zögern und Zaudern trifft auf Zupacken und Zuversicht.
„Zonen der Zeit“ ist ein Buch der Gegensätze, ein elementares Buch. Es finden sich Motive des Wassers – immer wieder kommen die Flüsse ins Spiel, die Würm, die Spree – und es geht um das Feuer. Nicht umsonst arbeitet Enni bei der Feuerwehrleitstelle. Feuer und Wasser, Bayern und Berlin, der rückwärtsgewandte Archivar und die präsente Notfallhelferin, Passivität und Aktivität… es ist ein Buch der Kontraste. Ein Buch über zwei Arten, mit dem Leben umzugehen.
Die Autorin, die selbst 1974 im bayerischen Dachau geboren und aufgewachsen ist und nach Stationen in München und New York nun in Berlin lebt, kennt beide Schauplätze, die sie im Buch beschreibt, aus eigener Erfahrung.
„Wie viele „neue Leben“ mussten Platz in einem finden? Wie oft musste man neu anfangen? Wie sollte das gehen, bei sich zu bleiben und sich zu ändern? Für alles gab es einen Weg, und wenn es nicht klappte, war man allein. Niemand anderes als man selbst war schuld, so war es doch.“
(S.107)
Das Buch bestärkt darin, sich selbst dahingehend zu hinterfragen, wie viel Raum im eigenen Leben man der Vergangenheit und der Zukunft einräumt. Und wie gut es einem persönlich gelingt, in der Gegenwart und im Moment zu leben.
Michaela Maria Müller hat ein schwebendes und philosophisches Buch geschrieben, das viel Raum für eigene Interpretationen und Gedanken lässt.
In den von ihr sprachlich gewählten Motiven und Bildern dreht sich vieles um die Zeit, um Uhren, um Archive, um Erinnerungen und Zukunftspläne.
Was sind diese „Zonen der Zeit“? Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft? Der schön gestaltete Umschlag, den ich sehr gelungen und passend finde, zeigt ebenfalls Schichten – natürliche und solche aus Papier, die gleichsam Patina angesetzt haben. Tektonische Platten, Papierstapel in einem Archiv – auch das Titelbild lässt zahlreiche Assoziationen zu.
„Zonen der Zeit“ ist im wahrsten Sinne des Wortes trotz seiner gerade mal gut 140 Seiten ein vielschichtiges, tiefgründiges Buch der Übergänge, des Dazwischen, der Wendepunkte – ein Roman über Nähe und Verletzlichkeit, aber vor allem auch darüber, wie man sein Leben mit der Vergangenheit im Gepäck im Hier und Jetzt neu ausrichten kann. Und auch ein Werk darüber, wie Begegnungen mit anderen Menschen verändern und einem Leben eine neue Richtung geben können.
Ich bedanke mich sehr herzlich beim Quintus Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Michaela Maria Müller, Zonen der Zeit
Quintus Verlag
ISBN: 978-3-96982-096-4
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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Michaela Maria Müllers „Zonen der Zeit“:
Für den Gaumen:
Bei der ersten Begegnung mit Enni isst Jan „Haselnusseis“ (S.9).
„Ich bin Enni, du bist Jan, und du magst Haselnusseis. Jetzt komm, los geht’s.“
(S.25)
Zum Weiterschauen:
In einer Pizzeria sticht Jan das Filmplakat zu „A Clockwork Orange“ – der Verfilmung von Anthony Burgess‘ Roman – ins Auge. Auch ich sehe das eindringliche Bild sofort vor dem inneren Auge:
„Die Hauptfigur Alex war mit einer schwarzen Melone und einem gezückten Messer abgebildet. Das Messer sah eigentlich nur wie ein großer Brieföffner aus, aber in seinem Blick, so schräg von unten und mit einem abschätzigen Lächeln dazu, lag die Gefahr.“
(S.107/108)
Zum Weiterlesen:
2022 erschien Michaela Maria Müllers Roman „Mitterndorf“, den ich noch nicht gelesen habe, der aber aufgrund seiner Handlung im April 1986 – während der Katastrophe in Tchernobyl – inhaltlich ebenfalls interessant klingt:
Michaela Maria Müller, Mitterndorf
Quintus Verlag
ISBN: 978-3-96982-040-7
Hope you are enjoying a peaceful Easter time! 🐇
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Thank you very much, Luisella! Buona Pasqua!
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Grazie. 😊
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Liebe Barbara,
ein Wendepunkt und Neuanfang mit Haselnusseis – wenn das mal keine österliche Geschichte ist! Dankeschön und guten Ostermontag
wünscht Dir herzlich Bernd
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Lieber Bernd,
Ich wünsche Dir ebenfalls einen schönen Ostermontag. Bei den Temperaturen der letzten Tage konnte man ja durchaus auch schon mal an ein Eis denken. Herzliche Feiertagsgrüße! Barbara
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