Helenes Händchen für Verbrechen

Zwischen Schlaghosen und Kokoskuppeln muss die gnä’ Frau in ihrem vierten Fall während der Hochzeitsfeierlichkeiten eines Freundes der Familie in einem Traiskirchener Landhaus ermitteln. Ein großer Krimispaß aus der Feder von Constanze Scheib, der die passionierte Hobbyermittlerin Helene und ihr Dienstmädchen Marie nicht nur ins Schwitzen, sondern auch zum Fluchen bringt: „Mordshochzeit, Herrschaftszeiten“.

Für alle, die bisher noch nicht in den Genuss der Bekanntschaft mit der gnä’ Frau Helene von Ehrenstein gekommen sind, sei kurz erwähnt:
Wir befinden uns in den bunten und lebendigen Siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts – genau genommen im Jahr 1973. Helene ist verheiratet mit Oskar und ist der Langeweile ihres häuslichen Lebens als Ehefrau und Mutter in der gehobenen Wiener Gesellschaft schon mehrfach entflohen, indem sie – gemeinsam mit ihrem zupackenden und mutigen Dienstmädchen Marie – ihrem liebsten Hobby – dem privaten Ermitteln in realen Kriminalfällen in der Wiener Nachbarschaft – frönten.
Beide Damen sind nicht nur einem Gläschen guten schottischen Whiskys nicht abgeneigt, sondern teilen auch die Leidenschaft für Kriminalfilme aller Art, die ihnen quasi als Grundausbildung für ihre detektivische Arbeit dienen.

Klar, dass sie auch die Einladung zur Hochzeit eines Jugendfreunds ihres Mannes in ein abgelegenes Herrenhaus im niederösterreichischen Traiskirchen nur in Begleitung ihres Dienstmädchens antritt. Denn schon der Schauplatz und die ungewöhnliche Konstellation des zukünftigen Ehepaars versprühen bereits das spannende Flair eines Agatha Christie-Krimis. Denn was bewegt den reichen Sprössling einer alteingesessenen Wolldynastie Sigismund Trentner, urplötzlich seine langjährige Partnerin sitzen zu lassen, um eine deutlich jüngere Frau aus dem Arbeitermilieu zu heiraten?

„Bei Frau Ehrenstein verstärkten sie eher das ohnehin schon mulmige Gefühl. In Wien ein bombenlegender Mörder auf der Flucht. In Niederösterreich zwei mordlustige Frauen, die sich um einen Mann stritten. Sie hätte statt dem verfluchten Flachmann gleich ihren ganzen Vorrat an Whisky einpacken sollen.“

(S.31)

Pikant genug, dass die Grand Dame des Hauses und über die Wahl ihres Sohnes eher unglückliche Schwiegermutter in spe, auch die Verflossene zu den Feierlichkeiten eingeladen hat. Und da zu allem Unwesen auch noch ein Bombenleger aus Wien flüchtig ist und es zu unvorhergesehenen Straßensperren und Verwicklungen kommt, wird es schnell reichlich verzwickt.

„Aber hier gab es ja keinen Fall, ermahnte sich Frau Ehrenstein. Sie verbrachten einfach ein Wochenende bei Freunden. Mit ein paar Ungereimtheiten und zwei Frauen, die mit Morddrohungen um sich warfen.“

(S.63)

Zudem hadert Helene immer noch damit, ob sie ihren Ehemann mit der Entdeckung seines großen Geheimnisses konfrontieren soll (mehr wird hier nicht verraten – kann alles in „Mord im Dreivierteltakt“ nachgelesen werden).
Doch will sie das zarte Pflänzchen der erneuten Annäherung in ihrer Beziehung wirklich aufs Spiel setzen? Schließlich ist in der letzten Zeit wieder mehr Gemeinsamkeit und Harmonie im Hause Ehrenstein eingezogen und als Oskar dank seiner Chemiekenntnisse ihr jetzt sogar bei den Ermittlungen helfen kann, sieht sie ihren Gatten plötzlich erneut mit ganz anderen Augen.

„Zum Glück haben wir dich“, sagte ihr Mann, nachdem er einen Schluck Kaffee genommen hatte. Sie lauschte nach einem Hauch von Sarkasmus oder gar Boshaftigkeit in seinen Worten. Doch nichts. Er schaute sie mit einem derart offenen und vertrauensvollen Blick an, dass nur ein Schluss möglich war.
„Jessasmariaundjosef, du meinst das ernst.“

(S.97)


Constanze Scheibs Krimis sind immer ein wahres Feuerwerk an Querbezügen zu Filmen und Kriminalliteratur – all das in Verbindung mit dem Zeitgeist der „Seventies“ und einer gehörigen Prise Wiener Dialekt und Lebenseinstellung.
Ich bin mittlerweile geradezu süchtig nach dieser unwiderstehlichen Mischung aus Wiener Schmäh, dem Lebensgefühl der Siebziger Jahre und dem wilden Potpourri aus Kino-Klassikern, legendären Kriminalromanen und zeitgeschichtlichen Bezügen. Von Lou Reed über Wachtmeister Studer bis Peter Alexander ist alles dabei.

Mit „Mordshochzeit, Herrschaftszeiten“ hat die Wiener Autorin, die seit 2019 auch Mitglied der „Mörderischen Schwestern“ (einem Netzwerk zur Förderung deutschsprachiger Kriminalliteratur von Frauen) ist, aber auch eine augenzwinkernde und liebevolle Hommage an legendäre Agatha Christie-Klassiker geschrieben. Denn woran sollte man denken, wenn es am Ende zum großen Finale im Salon des Herrenhauses kommt…

Zudem ist es wunderbar mitzuverfolgen, wie Marie und die gnä’ Frau von Fall zu Fall mit ihren Aufgaben wachsen und tapfer nicht nur mit ignoranten Polizisten, sondern auch der Wiener (oder dieses Mal niederösterreichischen) Verbrecherszene zurechtkommen.

„Ich weiß nicht, was ich darauf sagen soll, Oskar. Außer vielleicht, dass sich alles immer irgendwie verändert und dass das auch gut so ist. Wir entwickeln uns. Manche vielleicht zurück, aber die meisten eher weiter, und manchmal, ja manchmal kann das für die Leute um uns herum anstrengend sein.“

(S.175)

Wer also kein „Grantscherben“ ist, Wien liebt und Spaß an gut gelaunten und witzigen Krimis hat, die einen herzhaft „kudern“ lassen, dem kann ich „Mordshochzeit, Herrschaftszeiten“ wärmstens ans Herz legen. Ein „leiwander“ Krimi, der wahrlich nichts zu „motschkern“ übrig lässt. Und keine Angst, ein Glossar des Wienerischen wird im Anhang mitgeliefert.

Fazit: Ein wunderbares und amüsantes Krimivergnügen mit einer unwiderstehlichen Hauptfigur, die viel Lust auf mehr macht und daher kann ich mich da folgender Feststellung aus dem Roman nur anschließen:

„Du solltest das öfters machen, Helene. Du hast a Händchen für Verbrechen.“

(S.277)

Also bitte: Mach’s nochmal Helene…

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus (bei Kampa) Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Constanze Scheib, Mordshochzeit, Herrschaftszeiten
Oktopus
ISBN: 978 3 311 30070 0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Constanze Scheibs „Mordshochzeit, Herrschaftszeiten“:

Für den Gaumen:
Beliebte Partyhäppchen in den Siebzigern? Verschmäht auch die gnä’ Frau nicht.

„Die gnä’ Frau griff sich ein Lachsbrötchen und nahm sich vor, als Nächstes das russische Ei zu probieren.“

(S.25)

Und zum Runterspülen darf es auch ein farbenfroher Cocktail sein:

„Frau Ehrenstein war froh, dass sie bereits einen rosa Cocktail mit dem schillernden Namen Pink Lady in der Hand hatte, (…)“

(S.26)

Zutaten des Drinks sind Gin, Zitronensaft und Grenadine, der ihm die namensgebende Farbe verleiht.

Zum Weiterhören:
Noch ein musikalischer Ohrwurm aus den Siebzigern gefällig, den auch heute noch jeder mitsingen kann? Ein großer Hit des Jahres 1972 stammt von den „Les Humphries Singers mit „Mexico“ “ (S.26)

Zum Weiterschauen oder für einen Theaterbesuch:
Oskars Freund trägt den wohl auch in den Siebzigern bereits seltenen Namen Sigismund. Bei Operettenfans klingeln da natürlich bereits die Ohren und auch die gnä’ Frau kennt sich als Wienerin mit Operetten aus – im dritten Fall ermittelt sie sogar in einem Operettentheater. Und spätestens seit einem Film aus dem Jahre 1960 weiß ja ohnehin fast jeder, was es mit dem Sigismund auf sich hat:

„Es handelte sich um einen bekannten Schlager aus dem Peter Alexander-Film Im weißen Rößl, der Siggi schon seit Kindesbeinen verfolgte: „Was kann der Sigismund dafür, dass er so schön ist?“

(S.119)

Zum Weiterlesen bzw. vorher lesen:
Auch wenn sich der Fall sicherlich ohne Probleme ohne Vorkenntnisse lesen lässt, empfehle ich, die ersten Bände der Reihe ebenfalls zu lesen, denn man würde sonst einfach jede Menge Lesevergnügen verpassen. Ich habe bislang alle Bände hier auf der Bowle vorgestellt und bin gleichsam ein gnä’ Frau-Fan der ersten Stunde: hier geht es daher zu den Beiträgen von Der Würger von Hietzing, Keine schöne Leich und Mord im Dreivierteltakt.

Constanze Scheib, Der Würger von Hietzing
Oktopus
ISBN: 978 3 311 30014 4

Constanze Scheib, Keine schöne Leich
Oktopus
ISBN: 978 3 311 30027 4

Constanze Scheib, Mord im Dreivierteltakt
Oktopus
ISBN: 978 3 311 30053 3

3 Kommentare zu „Helenes Händchen für Verbrechen

    1. Dankeschön, Nina! Falls Du die Reihe noch nicht kennst, kann ich sie Dir wirklich wärmstens empfehlen und Du hast etwas, auf das Du Dich freuen kannst – vorausgesetzt Du magst einen gewissen Wiener Schmäh… Für mich ist die Lektüre immer ein Riesenvergnügen und tut zwischendurch einfach mal gut… herzliche Grüße! Barbara

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