Geschöpf der Nacht

Es wird Zeit für eine weitere Premierenbowle und was könnte da besser passen als ein Debütroman, der zudem auch noch in der New Yorker Theaterszene spielt. Alexis Soloski ist Theaterkritikerin bei der New York Times, hat einen Doktortitel in Theaterwissenschaften und jetzt mit „Hier im Dunkeln“ ihren ersten Roman veröffentlicht, bei dem sie sicherlich auch aus ihrem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen konnte. Entstanden ist ein eigenwillig-spezieller und schillernd-düsterer Roman, der durchaus auch Züge eines Thrillers trägt und aus der Ich-Perspektive einer New Yorker Theaterkritikerin erzählt wird, die vor allem für ihre vernichtenden Verrisse gefürchtet wird.

„Der Beruf des Theaterkritikers hat keine Wichtigkeit oder sonderliche Bedeutung. P.G. Wodehouse sagte über Kritiker: „Niemand mag sie, und das zu Recht, denn es sind Geschöpfe der Nacht.“ “

(S.15)

Vivian Parry ist Anfang 30, lebt alleine und fühlt sich dann am wohlsten, wenn im Theatersaal das Licht aus geht und sie sich im Geschehen auf der Bühne und ihren Notizen verlieren kann. Die Dunkelheit ist ihr Rückzugsort, sie ist wahrlich ein „Geschöpf der Nacht“, denn den Alltag und das reale Leben erträgt sie nur mit Unmengen von starkem Alkohol und Medikamenten.

„Stattdessen sitze ich hier im Dunkeln und fahre mit meinem Stift geräuschlos über die Zeilen meines Notizbuchs. Ich habe gelernt, die Seiten mit minimalem Geräusch umzublättern. Ich habe gelernt, ohne Licht zu schreiben.“

(S.8)

Was war da in der Vergangenheit, das sie nur mit Betäubungsmitteln erträgt? Welches Trauma hat sie, die selbst Schauspielerin werden wollte, erlitten?
Als plötzlich ein Interviewpartner kurz nach ihrem gemeinsamen Treffen spurlos verschwindet und sie bei der Suche nach ihm um Hilfe gebeten wird, gerät sie in einen gefährlichen Strudel aus privaten Ermittlungen auf eigene Faust, falschen Identitäten und Drogenmissbrauch.

„Außer wenn ich Theater schaue – also, gutes Theater. Wenn ich im Dunkeln bin, in sicherem Abstand zum Alltag, spüre ich alles – alle Wut, die Freude, Überraschungen. Bis die Saallichter des Theaters wieder aufleuchten und alles zerstören, bin ich lebendig.“

(S.15)

Sie gerät in zwielichtige Kreise und schon bald verschwimmen Fakten und Fiktion, Dichtung und Wahrheit und sie kann im von Wodka und Pillen verursachten Nebel nicht mehr unterscheiden, was Schauspiel oder Realität ist. Und wem kann sie trauen?

„Sicher, es ist merkwürdig. Klar, aber das ist halt New York. Seltsamkeiten passieren.“

(S.68)

Alexis Soloski hat einen soghaften Roman geschrieben, der immer mehr zu einem alkoholgetränkten und drogengeschwängerten Taumeln, Lallen und Halluzinieren wird. „Hier im Dunkeln“ ist ein düsteres, kaltes Buch, das auf sehr gekonnte Weise Theaterstücke und Bühnengeschehen auch mit dem Schicksal der Kritikerin verbindet. So klingen Bezüge zu Brechts „Mutter Courage“ ebenso an wie zu Becketts „Warten auf Godot“ oder zu Lady Macbeth.

„Ich hole mein Notizbuch hervor und warte – gespannt wie ein Seiltänzer, der den ersten Schritt tun will – darauf, dass das Licht ausgeht. Der Vorhang öffnet sich, ein Volkslied erklingt. Und für einen Moment befürchte ich, dass das Gefühl nicht kommen wird, dass die Sorgen des Tages der Transzendenz, dieser Transformation im Wege stehen werden.“

(S.73)

Vivian Parry – die Hauptfigur – ist jedoch keine Sympathieträgerin, so dass während der Lektüre eine gewisse Distanz gewahrt bleibt und doch verfolgt man das Geschehen mit Spannung, auch wenn vieles fremd und befremdlich bleibt.
Hoch interessant fand ich vor allem die Passagen, die Einblicke in den Alltag einer New Yorker Theaterkritikerin geben, schließlich weiß Soloski hier genau, wovon sie schreibt und gibt ihrem Text so ein hohes Maß an Authentizität mit auf den Weg.

Wenn Vivian im Theatermilieu ermittelt, mit einem Fachmann für Bühneneffekte, Nebel- und Schneemaschinen spricht oder sich experimentelle Inszenierungen ansieht, um sie später geradezu verbal zu sezieren, offenbart der Roman seine starken Seiten. Denn hier verbindet Soloski die New Yorker Theaterszene mit der düsteren, dunklen Handlung und schafft eine Atmosphäre bzw. ein Genre, welches der Guardian sehr treffend als „Manhattan Noir“ bezeichnet hat.

„Aber während die Vorstellung läuft, sitze ich da, getragen von der Dunkelheit, und spüre, wie es sich anfühlen könnte, lebendig zu sein.“

(S.73)

Für Theaterfans, die keine Angst vor harten Themen und unangenehmen Wahrheiten haben, ist „Hier im Dunkeln“ eine psychologisch-tiefgründige, raffinierte Lektüre hinter den schillernden Fassaden in den dunklen Ecken New Yorks. Ein Buch wie ein Rausch, das die Hauptfigur mit zunehmendem Tempo dem Abgrund entgegentaumeln und abstürzen lässt. Missbrauch, Drogen, Sucht, Traumata, Einsamkeit, emotionale Kälte, Rache – ein schwerer Stoff, wahrlich kein Wohlfühlroman. Direkt, schonungslos, brutal, düster, dunkel – Noir eben! Gleichsam das ganze Buch ebenfalls ein „Geschöpf der Nacht“!

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Bookster HRO und Letteratura.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eichborn Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Alexis Soloski, Hier im Dunkeln
Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Christian Lux
Eichborn
ISBN: 978-3-8479-0182-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Alexis Soloskis „Hier im Dunkeln“:

Für den Gaumen (I):
Zur Nervennahrung vertrauen viele auf Zucker:

„Er springt davon und kehrt eine Minute später mit einem Kaffee mit Sahne und einem Donut mit Schokoglasur zurück.“

(S.79)

Für den Gaumen (II):
In der Bar gibt es zu einem „Wodka-Martini“ (S.227) dagegen etwas Scharfes – Nervennahrung der anderen Art: „eine Schale mit Nüssen im Wasabi-Mantel“ (S.227).

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Vivian gibt vor für eine Produktion von Carousel (einem Rodgers&Hammerstein-Musicals) engagiert worden zu sein, allerdings gibt es ein Problem:

„Ich kann mich an keine einzige Figur erinnern, nur an ein paar Songs wie „You’ll Never Walk Alone“ oder „A Real Nice Clambake“.“

(S.250)

„Carousel“ konnte ich vor vielen Jahren in Landshut im Theater sehen – und ich würde es mir jederzeit wieder mal ansehen.

Zum Weiterlesen oder für einen Theaterbesuch:
In dieser Spielzeit ist an meinem Heimattheater (dem Landestheater Niederbayern) eine sehr sehenswerte Inszenierung des Brecht-Klassikers „Mutter Courage und ihre Kinder“ zu sehen. Im Roman besucht auch Vivian eine New Yorker Inszenierung dieses Stücks und muss sich für das Verfassen ihrer Kritik daran erinnern:

„Ich versetze mich zurück in den Planwagen der Mutter Courage, stolpere auf ein grausames Überleben zu und nehme mich dann wieder heraus, verknüpfe Emotion und Analyse, bis sich alles in ordentliche Absätze strukturiert.“

(S. 74)

Bertolt Brecht, Mutter Courage und ihre Kinder
Edition Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10049-3

Ein Kommentar zu „Geschöpf der Nacht

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