Zu Beginn ist der Januar meist geprägt von einem ruhigen, behutsamen Hineinfinden in ein neues Jahr. So manche Freizeitaktivität pausiert und die langen, dunklen Abende laden zu umfangreicher Lektüre ein und bieten viel Zeit, in Bücher und unterschiedlichste Welten und Epochen abzutauchen.
Und wie immer im Winter konnte ich auf Abendspaziergängen das Phänomen beobachten, das die Norwegerin Hanna Bjørgaas in ihrem wunderbaren Buch „Das geheime Leben in der Stadt – Nachrichten aus der urbanen Wildnis“ so großartig beschrieben hat:
„(…) einer der etablierten Vor-Übernachtungsbäume der Stadt. Jeden Nachmittag im Winter strömen die Krähen auf diesem Baum zusammen, wo sie Radau machen, klatschen und lärmen. (…) Die Krähen hängen dort eine Weile rum, lärmen und machen Halligalli, bevor sie vielleicht weiterfliegen und noch einen anderen Vor-Übernachtungsbaum ausprobieren. Vielleicht fliegen sie dann wieder zurück zum ersten Baum, bevor sie eine endgültige Entscheidung darüber treffen, wo – und nicht zuletzt mit wem gemeinsam – sie die Nacht verbringen wollen. Wenn die Nacht hereinbricht, werden die Krähen ruhiger und die Schar fliegt ziemlich lautlos vom Vor-Übernachtungsbaum zum Übernachtungsbaum, wo sie dann alle schlafen.“
(aus Hanna Bjørgaas „Das geheime Leben in der Stadt“, S.31)
Die Krähen finden sich zu Hunderten auf bestimmten (und immer den selben) Bäumen ein und halten ihren „Feierabendratsch“ – ein echtes Spektakel. Und leider drängte sich gerade am Ende dieses Monats, das dann leider gar nicht mehr ruhig war, das Wortspiel zwischen Rabenschwatz und Rabenschwarz geradezu auf.
Doch jetzt zu Erfreulicherem: Bereits hier auf der Bowle berichtet habe ich Euch über zwei ganz wunderbare Theatererlebnisse, die mir einen wahrlich fulminanten Auftakt in dieses Kulturjahr beschert haben:
In Landshut konnte ich das Musical „The Sound of Music“ von Richard Rodgers und Oscar Hammerstein II in einer sehr liebevollen Inszenierung von Ian Talbot erleben.
Und ein echtes Glanzlicht war auch die grandiose Vorstellung des Gilbert&Sullivan Stücks „Die Piraten von Penzance“ im Münchner Gärtnerplatztheater. Unvergesslich!
Im Fernsehen konnte ich auch Sehenswertes entdecken, wie zum Beispiel die Kurzserie „Levi Strauss und der Stoff der Träume“, die noch bis zum 29.04.2025 in der ARD Mediathek zu sehen ist.
Fasziniert hat mich auch die in meinen Augen sehr gelungene BBC-Verfilmung des Theaterstücks „An Inspector Calls“ von John Boynton Priestley, die ich in der ARD Mediathek entdeckt hatte – ein sozialkritischer Krimi mit David Thewlis als Inspector Goole.
Und wirklich empfehlen kann ich auch die 3-teilige Doku „William Shakespeare“ in der ARTE Mediathek (noch bis zum 13.03.2025 verfügbar), die das Leben und Werk des großen Dramatikers in Szene setzt und auch SchauspielerInnen wie zum Beispiel Judi Dench, Martin Freeman, sowie SchriftstellerInnen, HistorikerInnen bis hin zu Politikern wie Gordon Brown mit ihrer Sicht auf Shakespeares Werk zu Wort kommen lässt. Sehenswert für Shakespeare-Fans und alle, die es werden wollen!
Angesichts der Menge an Lektüren, die ich im Januar genießen durfte, werde ich mich wieder versuchen, kurz zu fassen, um hier den Rahmen nicht vollkommen zu sprengen. Einiges habe ich ja bereits oder werde ich ohnehin noch in Einzelbeiträgen genauer vorstellen. Denn da war sehr viel Schönes dabei:
Ewald Arenz hat mich mit seinem Roman „Zwei Leben“ über den Jahreswechsel begleitet und gelungen ins neue Jahr starten lassen. Die gefühlvolle Geschichte, die in einem fränkischen Dorf während der Siebziger Jahre spielt, hat mir aufgrund der Figurenzeichnung und der empathischen Herzenswärme gut gefallen.
Schon lange wollte ich etwas von Irmgard Keun lesen und habe mir ihren Roman „Nach Mitternacht“ aus dem Jahr 1937 ausgesucht, den sie bereits im Exil verfasste und in dem sie mit Ironie und Zynismus schonungslos die Gesellschaft in Deutschland und das Abdriften in den Nationalsozialismus beschreibt. Leider so viele Jahrzehnte später wieder aktueller denn je.
„Ich habe die Menschen geliebt, länger als ein Jahrzehnt habe ich mir die Finger wundgeschrieben und den Kopf leer gedacht, um sie vor dem Wahnsinn der heranbrechenden Barbarei zu warnen. Eine Maus, die durch Piepsen eine Lawine aufhalten will. Die Lawine ist gekommen und hat alles begraben, die Maus hat ausgepiepst. Ich bin lächerlich und alt, ohne Kraft und Lust, noch einmal von vorn zu beginnen. Abgesehen davon, daß ich noch nicht mal die Möglichkeiten hätte, von vorn zu beginnen. Was ich glaube sagen zu müssen, habe ich gesagt, in meiner Art und Sprache.“
(aus Irmgard Keun „Nach Mitternacht“, S.188/189)
Tief berührt hat mich der Debütroman von Alice Winn „In Memoriam“, in welchem sie über zwei junge Männer, die sich als Schüler eines britischen Eliteinternats ineinander verlieben – ohne sich dies einzugestehen – und dann als Soldaten in den ersten Weltkrieg ziehen müssen. Ein unfassbar gutes Buch und ein echtes Leseglanzlicht gleich zu Jahresbeginn!
Und als mich Bloggerkollege Christoph alias Buchbube in diesem Zusammenhang freundlicherweise wieder auf Jo Browning Wroe „Der Klang der Erinnerung“ aufmerksam machte, der auch bereits seit längerem auf einem Stapel bei mir darauf wartete, gelesen zu werden, habe ich die Gelegenheit gleich beim Schopf gepackt. Die Geschichte um den Chorknaben und Internatsschüler in Cambridge, der sich nichts sehnlicher wünscht als einmal das Solo in Allegris Miserere zu singen, war ebenfalls ganz großartig zu lesen und genau mein Ding. Ein kluger, feinfühliger, melancholischer Roman über eine Bestatterfamilie, über Freundschaft, Liebe und die Macht der Musik.
Hier geht es zu Christophs Rezension des Buchs.
„Mein Dad hat mit der Kirche nicht viel am Hut, aber er sagt, wenn er hierherkommt, um uns singen zu hören, dann ist es, als würde Gott ihn umarmen“
(aus Jo Browning Wroe „Der Klang der Erinnerung“, S.110)
Und auf hohe See habe ich mich auch begeben, und zwar gleich drei Mal:
Für den Lesekreis habe ich – erneut mit Faszination und Genuss – Mariette Navarros mystischen Debütroman „Über die See“ ein zweites Mal gelesen. Und was ich hier auf dem Blog nach der ersten Lektüre darüber geschrieben habe, kann ich auch nach der Zweitlektüre nur bestätigen.
Eine Reise ins Ungewisse tritt die junge Anouk an, als sie mit ihren Eltern an Bord eines Schiffes geht, das sie 1922 aus St. Petersburg ins Exil bringen soll. In Michael Köhlmeiers Roman „Das Philosophenschiff“ trifft sie als junges Mädchen dort einen ganz besonderen Passagier – eine interessante und spannende Geschichte basierend auf wahren Begebenheiten.
„Sie können sich das nicht vorstellen, wie es ist, wenn alles, was geschieht, auf wenigstens zwei Arten gedeutet werden kann. Wenn bei allem der Verdacht besteht, dass es nicht so ist, wie es scheint. Dass alles Inszenierung sein könnte. Aber wir wissen nicht zu welchem Zweck und zu welchem Ziel…“
(aus Michael Köhlmeier „Das Philosophenschiff“, S.59)
Kati Naumanns neuer Roman „Fernwehland“ handelt von der wechselvollen Geschichte eines Schiffs, das zeitlebens viele Namen besaß: Stockholm, Astoria, Völkerfreundschaft… und es ist zugleich eine Erzählung über deutsch-deutsche Geschichte und eine Familie aus Sachsen, deren Schicksal unmittelbar mit diesem Schiff verbunden ist. In Kürze werde ich Euch das Buch hier auf dem Blog näher vorstellen.
Mit Tommie Goerz leisem, feinen Roman „Im Schnee“ habe ich wohl bereits einen meiner Jahreslieblinge für 2025 entdecken dürfen. Ein wunderbares Buch, in das ich mich bereits auf den ersten Seiten regelrecht verliebt habe.
Und es gibt ein ganz außergewöhnliches neues Werk von Wolf Haas namens „Wackelkontakt“, das genau so schräg und verwirrend ist, wie es das Umschlagbild ahnen lässt und bei dem man beim Lesen wirklich konzentriert und auf zack bleiben muss, damit es einem nicht schwindlig wird. Ein gelungenes, innovatives, literarisches Experiment mit ganz eigener Energie oder um kurz die Buchhändlerin meines Vertrauens zu zitieren: „Er kann’s halt einfach.“
Da ich noch nicht weiß, ob ich mich der Herausforderung einer Rezension selbst stellen werde: Besprechungen gibt es unter anderem bereits bei Bookster HRO und Letteratura.
„Das Buch war einfach zu spooky. Etwas stimmte nicht damit. Wie wenn man durch ein Fernglas schaute, aber verkehrt herum. Dass einem schwindlig wurde.“
(aus Wolf Haas „Wackelkontakt“, S.157)
Die apokalyptischen Bilder von den Waldbränden in Kalifornien erinnerten mich daran, dass auch Thomas Blubachers Sachbuch „Weimar unter Palmen – Pacific Palisades: Die Erfindung Hollywoods und das Erbe des Exils“ schon seit einiger Zeit noch auf meine Lektüre wartete. Darin schreibt er nicht nur faktenreich und detailliert über die Literaten im Exil wie die Manns, Lion Feuchtwanger und viele andere sondern taucht auch tief ein in die frühe Geschichte der Traumfabrik Hollywood.
„(…) und interessiere mich vor allem für die Zeit, in der Pacific Palisades zum „Weimar unter Palmen“ wurde, und das im doppelten Sinne: Zwischen den Bergen und der Bucht von Santa Monica versammelten sich einige der wichtigsten Exponenten des Kulturlebens der Weimarer Republik auf ähnlich kleinem Raum wie einst die bedeutenden Geistesgrößen im Weimar der Goethezeit.“
(aus Thomas Blubacher „Weimar unter Palmen“, S.14)
Etwas leichtere Kost bzw. Krimis durften es zwischendurch aber auch sein:
Alex Hay mischt in „Mayfair House“, das vom Verlag als „Mischung aus ‚Ocean’s Eleven‘ und ‚Downton Abbey‘ “ beworben wird, einen Londoner Adelshaushalt im Jahr 1905 gehörig auf, als die DienstbotInnen einen spektakulären Raubzug während eines großen Balls planen.
Und zwei kurze Ausflüge ins winterliche Südtirol der Sechziger Jahre mit Gianna Milanis „Commissario Tasso treibt den Winter aus“ und „Commissario Tasso bekommt Gegenwind“ habe ich auch noch unternommen.
Bretonische Atmosphäre zwischen Dolmen und Dorfwirtschaft mit einer gehörigen Brise Aberglaube und Gespenstergeschichten verbreitete dann Fred Vargas in ihrem Krimi mit Kommissar Adamsberg „Jenseits des Grabes“ – ein schwieriger Fall und eine Mordserie, die einen kleinen bretonischen Ort in Atem hält.
Düster und abgründig wurde es dann mit dem Debüt der New Yorker Theaterkritikerin Alexis Soloski: „Hier im Dunkeln“. Im Zentrum des Romans steht eine aufgrund ihrer vernichtenden Verrisse unbeliebte Theaterkritikerin. Als nach einem Interview ihr Gesprächspartner spurlos verschwindet, beginnt sie auf eigene Faust zu ermitteln und gerät in einen gefährlichen Strudel aus Drogenmissbrauch, falschen Identitäten und perfiden Machenschaften. Auch hierzu in Kürze mehr.
Und last but not least – der Kontrast könnte kaum größer sein – habe ich noch ein sehr verträumtes, sehr, sehr britisches Buch aus dem Jahr 1937 gelesen, das wohl eines der Lieblingsbücher von Queen Mum gewesen sein soll: Ruby Ferguson „Lady Rose“. Eine junge Adelige wächst Ende des 19. Jahrhunderts wohlbehütet auf einem schottischen Anwesen auf, heiratet standesgemäß, bekommt Kinder, verliebt sich später aber gegen die Konvention… ein Roman über und aus einer anderen Zeit!
Was bringt der Februar?
Fest eingeplant ist endlich ein Besuch der Ausstellung im LANDSHUTmuseum „Landshut im Nationalsozialismus. Opfer. Täter. Zuschauer.“, die von März 2025 jetzt nochmal bis zum 27. April 2025 verlängert wurde.
Und in meinem Heimattheater bin ich gespannt auf einen Klassiker, und zwar „Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams – schon viel darüber gehört und gelesen, aber bisher noch nie gesehen.
Unbedingt nutzen möchte ich auch noch die Möglichkeit, mir den Film „One Life“ mit Anthony Hopkins in der ZDF Mediathek (noch bis zum 06.02.2025) anzusehen. Er erzählt die wahre Geschichte des Londoner Maklers Nicholas Winton, der 669 überwiegend jüdische Kinder aus der Tschechoslowakei vor den Nationalsozialisten rettete.
Für meinen Lesekreis werde ich „Ascona“ von Edgar Rai zum zweiten Mal lesen und bin gespannt, ob es mir wieder so gut gefällt wie bei der ersten Lektüre, über die ich hier auf dem Blog bereits berichtet hatte.
Ich wünsche allen, dass sie dem wohl frostigen Februar hoffentlich mit Zuversicht, Lichtblicken, feinen Büchern, schönen kulturellen Erlebnissen, guten Gesprächen, Spaziergängen in der Natur oder allem was sonst noch wohltun und Wärme spenden kann, trotzen können!
Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Januar:
Besonders gelungen und ein echtes Wohlfühlessen war diesen Monat eine Gemüselasagne, u.a. mit Sellerie, Karotten, Lauch, Tomaten, Mais… – da kann ich Federico Fellini nur beipflichten:
„Das Leben ist eine Kombination aus Magie und Pasta“
(Federico Fellini)
Musikalisches im Januar:
Und magisch bzw. rundum gelungen war auch die Comic Opera „Die Piraten von Penzance“ im Gärtnerplatztheater. Zu einem Lieblingsstück bzw. regelrechten Ohrwurm hat sich das Liebesduett zwischen Mabel und Frederic für mich entwickelt: „Ah, Leave Me Not to Pine Alone and Desolate“.










Traue nicht deinen Augen
Traue deinen Ohren nicht
Du siehst Dunkel
Vielleicht ist es Licht.(Bertolt Brecht)
Ganz wunderbarer Eintrag! Natur, Literatur, sogar noch Essbares dabei, gelungen!
Gruß von Sonja
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Vielen lieben Dank, Sonja! Das Lob freut mich sehr. Denn genau die Mischung macht ja auch für mich eine gelungene Bowle aus. Herzliche Sonntagsgrüße! Barbara
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Hallo Barbara,
du hast den Januar doch hervorragend genutzt. 🙂 Lady Rose and Mrs Memmary (so der Originaltitel) hatte mir vor einigen Jahren leider gar nicht so gut gefallen, ich hab‘s als sehr süßlich in Erinnerung, obwohl ich irgendwo in den Tiefen meines Blogs wohl der Meinung war, dass die Autorin aus ihrer Grundidee viel mehr hätte herausholen können. Bin also gespannt, ob du noch einen eigenen Beitrag dazu schreibst. LG und einen freundlich-sonnigen Februar. Anna
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Liebe Anna, ja, da kann ich Dir schon auch beipflichten. Einiges in „Lady Rose“ ist für unsere heutigen Leserinnenaugen vielleicht schon etwas pathetisch und stellenweise romantisiert-überzogen. Aber ich finde es trotzdem immer wieder interessant, wie Bücher auch gerade im zeitlichen Kontext zu lesen oder verstehen sind. Und das „Lieblingsbuch von Queen Mum“ aus dem Jahr 1937 wollte ich mir daher nicht entgehen lassen. 🙂
Sonnige Wochenendgrüße und einen guten Februar! Barbara
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Alice Winns „In Memoriam“ war auch eines meiner absoluten Highlights im letzten Jahr. Was für ein Debüt!
Die Shakespeare Serie habe ich mir gleich mal auf die Liste gesetzt. Toller Kultur-Monat für dich 🙂 Ganz liebe Grüße, Sabine
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Danke, Sabine. Ja, kulturell und literarisch kann ich mich wirklich nicht über diesen Januar beschweren. Ansonsten halte ich es wohl besser mit Shakespeare: „Der Rest ist Schweigen.“
Viel Spaß mit der Doku-Serie und herzliche Sonntagabendgrüße! Barbara
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