Ein Stück vom Himmel

Freiluftaufführungen haben ein ganz besonderes Flair. Wenn das Wetter mitspielt, sind sie unglaublich stimmungsvoll. Doch manchmal wirft man auch immer wieder skeptische Blicke zum Himmel und sendet so manches stille Gebet zum heiligen Petrus, dass alles gut über die Bühne geht und das Wetter hält.
Bei der Premiere des musikalischen Heurigenabends „Zur fesch’n Wirtin“ in Landshut hatte Petrus ein Einsehen und bis auf ein paar (absolut verschmerzbare) Regentropfen zwischendurch war alles wunderbar.

Das Musiktheaterensemble des Landestheater Niederbayern aus Passau zauberte eine schwungvolle, amüsante und kurzweilige Aufführung auf die Freiluftbühne im Prantlgarten, die einem urigen Heurigenlokal nachempfunden war. Mit großer Spielfreude und bestens aufgelegt zündeten sieben Gesangssolisten des Ensembles begleitet durch die „Generalschrammelmusi“ unter der Leitung des GMD Basil H. E. Coleman am Flügel ein wahres Feuerwerk der bekanntesten und beliebtesten Wiener Lieder und Operettenmelodien garniert mit nahezu komödiantisch-kabarettartigen Einlagen.

Die Wirtin Josepha alias Mezzosopranistin Reinhild Buchmayer heißt unterstützt von ihrem Oberkellner Leopold und dem Hilfskellner Schani eine illustre Runde von Gästen in ihrem Wiener Heurigenlokal „Zur fesch’n Wirtin“ willkommen.

Da ist der Stammgast Pepi: Bariton Peter Tilch, der neben seinen schönen, solistisch dargebotenen melancholischen Wiener Liedern (wie zum Beispiel „Wann der Herrgott net will“ oder dem Hobellied) auch den ganzen Abend an der Klarinette, dem Saxophon und der Gitarre als Instrumentalist im Einsatz und voll gefordert war.

Seine Begleitung Stanzi – alias Claudia Bauer – die er aufgrund des hinreißenden Charmes der Wirtin manchmal jedoch sträflich vernachlässigte, wirbelte im Pünktchen-Petticoat-Kleid mit mädchenhafter Leichtigkeit über die Bühne und konnte in witzigen Nummern wie „Wie man eine Torte macht“ oder „Heut’ kommen d’Engerln auf Urlaub nach Wean“ auch ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellen.

Ewelina Osowska als Mitzerl, die sich im Laufe des Abends von der verhuschten Putzfrau zum heißen Feger mausert, war nicht nur an der Violine im Einsatz, sondern interpretierte auch große Sopranpartien, wie zum Beispiel die Arie der Adele aus der Fledermaus „Spiel ich die Unschuld vom Lande“.

Daniel Preis alias Ferdl – der jugendliche Liebhaber des Abends – konnte als temperamentvoller und leidenschaftlicher Verehrer der Damenwelt voll und ganz überzeugen und auch sein Auftritt als „gschupfter Ferdl“ mit Brillantinentolle und „grün und gölb gestreifte Socken“ wird mir unvergessen bleiben.

Für lustige, komödiantische Momente sorgten aber auch die koreanischen Kollegen Bass Heeyun Choi bzw. Heinzi und Bariton Kyun Chun Kim – auch Kurti genannt. Letzterer sprach mit seiner Arie aus der Operette Giuditta von Franz Lehár den Menschen mit seinem vollen Klang – hier steht er dem legendären Richard Tauber in nichts nach – aus der Seele:

„Freunde, das Leben ist lebenswert“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

An einem solchen Abend mit schöner Musik unter freiem Himmel und solchen Sängern möchte man am Ende mit voller Überzeugung mit einstimmen:

„Das Leben ist schön, so schön!“

(aus Franz Lehár’s Operette „Giuditta“ – Libretto Paul Kepler und Fritz Löhner-Beda)

Ganz groß aber auch die Bass-Nummer „I was born under a wandering star“, in welcher Heeyun Choi sein unfassbares Stimmvolumen unter Beweis stellen konnte.

Neben allem Klamauk bescherten mir die beiden aber auch den Gänsehautmoment des Abends mit einem wunderschönen, getragenen Lied aus ihrer koreanischen Heimat: „Arirang“.

Doch auch die Wirtin Josepha – absolut authentisch und liebreizend verkörpert durch die gebürtige Salzburgerin Reinhild Buchmayer – durfte mit etlichen Stücken und unter anderem dem auf den Leib geschriebenen „Im Salzkammergut da kann man gut lustig sein“ die Männer auf der Bühne und das Publikum verzaubern.

Heurigencharme, Weinseligkeit, Wirtshausgeschichten und viel schöne Musik, ein spritziger Abend voller Leichtigkeit, einem Schuss Wiener Melancholie und einem bestens gelaunten Ensemble, das den Funken von der Bühne auf die Besucher überspringen ließ. Ein wohltuender Schritt zurück in ein hoffentlich wieder mögliches Theaterleben.

Und so wird neben dem musikalischen Vergnügen auch der folgende Spruch des Abends im Gedächtnis bleiben:

„Wenn dir das Leben eine Zitrone schenkt, dann leg ein Wiener Schnitzel drunter.“

Regisseurin Margit Gilch hat einen zauberhaften und runden Abend zusammengestellt, der allen Sängerinnen und Sängern ermöglichte, sich in tollen Liedern von ihrer Schokoladenseite zu zeigen und zu glänzen. Die Stücke waren perfekt gewählt und durch die lustige Rahmenhandlung, gelungene Gags und eine ordentliche Portion Wiener Schmäh durfte das Publikum einen heiteren und beschwingten Abend verbringen. Klatschen, mitwippen, mitsingen und ein wenig Schunkeln – ein gutgelauntes Publikum belohnte das Ensemble am Ende mit begeistertem Applaus.

Die Spielzeit 2020/2021 des Landestheater Niederbayern – die zum allergrößten Teil ja leider nur digital stattfinden konnte – geht mit diesem schönen, glücklich machenden Musikabend versöhnlich und mit einem Lichtblick zu Ende. Live-Theater hat nichts von seiner Faszination und Schönheit eingebüßt, hoffen wir also, dass wir nach der Sommerpause im Herbst auch wieder in den Genuss von spielenden und singenden Menschen auf unseren Bühnen kommen können.

Gesehen am 9. Juli 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Prantlgarten)

Zur fesch’n Wirtin“ ist in dieser Spielzeit noch heute und morgen Abend in Landshut zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Zur fesch’n Wirtin“:

Für den Gaumen:
Die Vorankündigung versprach einen weinseligen Abend. Ein Versprechen, das gehalten wurde. Zum Heurigen passt klassisch ein Grüner Veltliner oder ein Gemischter Satz aus Österreich. Und für die gute Unterlage entweder eine zünftige Jaus’n oder doch ein Wiener Schnitzel?

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Bei so vielen Liedern und Operettenarien fällt eine Auswahl oder ein besonderer Tip wirklich schwer. Mit den Operetten „Im weißen Rössl“ oder „Der Fledermaus“ geht man aber in aller Regel fröhlich pfeifend, summend und gut gelaunt aus dem Theater.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich das genussvolle Buch des Kochs Vincent Klink „Ein Bauch lustwandelt durch Wien“ hier auf meinem Blog vorgestellt. Wer also neben dem Wiener Heurigen noch gerne weitere kulinarische und kulturelle Tips zur österreichischen Hauptstadt haben möchte, der kann hier fündig werden:

Vincent Klink, Ein Bauch lustwandelt durch Wien
Ullstein
ISBN: 9783550200663

Freilufttheaterseligkeit

Die kulturelle Durststrecke und Live-Theaterabstinenz war lang – sehr lang. Um so schöner, stimmungsvoller und beseelender war jetzt der erste Theaterbesuch nach langer Zeit. Ein grandioses Freilufttheatererlebnis an einem perfekten, lauen Sommerabend vor der traumhaften Kulisse des Landshuter Prantlgartens. Mit „Der Watzmann ruft!“ hat sich das Landshuter Schauspielensemble des Landestheater Niederbayern eindrucksvoll zurückgemeldet und präsentiert dem Publikum eine unterhaltsame, stimmige und schwungvolle Inszenierung des Kult-Alpen-Rustical’s von Wolfgang Ambros, Manfred Tauchen und Joesi Prokopetz. Rockige Musik der Siebziger, ein Ensemble voller Spielfreude und mit hoher gesanglicher Qualität, eine Regie von Marcus Everding, welche dem Stück einen intelligenten Rahmen gibt, welcher zum Nachdenken anregt und den Zuschauern einen Theaterabend beschert, der glücklich macht. Theaterherz, was willst Du mehr?

Die Handlung ist schnell erzählt und nimmt auch im Programmheft nur wenige Zeilen ein. In meinen eigenen, kurzen Worten:
Ein kleiner Bauernhof am Fuße des Watzmannmassivs – der Hof wird patriarchalisch vom Bauern geführt, der zwar keine Frau mehr hat, aber einen Sohn – den Bua – der das kleine Anwesen irgendwann übernehmen und erben soll. Das Personal ist übersichtlich – zwei Knechte und zwei Mägde, die das Arbeiten nicht immer erfunden haben. Über allem thront der Watzmann und hat schon viele junge Abenteurer ins Verderben gelockt, die erfolglos versucht haben, den Gipfel zu erklimmen und stets mit dem Leben bezahlt haben. Und auch die verführerische Gailtalerin hat ihren Anteil daran, dass es zum Streit zwischen Bauer und Bua kommt, weil es den Jungen mit aller Macht auf den Berg hinauf zieht.

In der Landshuter Inszenierung hat Regisseur Marcus Everding dem Stück mit dem Erzähler (Joachim Vollrath) einen ruhigen, ordnenden Rahmen gegeben, der bei aller Parodie, Satire und Komik, dem Ganzen eine philosophische, nachdenkliche und aufwertende Komponente hinzufügt. Allwissend, in sich ruhend und lebenserfahren moderiert und sortiert er das Geschehen auf der Bühne.
Die Rollen sind durchwegs perfekt besetzt: Reinhard Peer verkörpert auf unnachahmliche Weise den polternden, grantelnden und besorgten Vater, der seinen Sohn vor dem Unglück bewahren will.
Stefan Sieh gibt ausdrucksstark den zu Beginn unbeholfenen, aufmüpfigen Bua, der im Stück zum Mann werden soll und welcher nach und nach der magischen Anziehung des Watzmann’s und der Gailtalerin erliegt.
Großartig sind aber auch die Rollen der beiden arbeitsscheuen Knechte besetzt: Julian Ricker und Alexander Nadler brillieren in witzigen Szenen und überzeugen durch ihr komödiantisches Können. Dem stehen die gottesfürchtigen, frömmelnden und betschwestrigen Dienstmägde – herrlich dargestellt durch Antonia Reidel und Friederike Baldin – an Komik in nichts nach.
Akrobatisch, erotisch und verführerisch schwebt, turnt und tanzt Katharina Elisabeth Kram als Gailtalerin über die Bühne. Eine geschlossene Ensembleleistung, die absolut begeistert.

Bernd Meyer führt die Band souverän und gibt dem alpinen Rustical den rockigen Sound, der auch schon das Original aus den Siebzigern (Uraufführung war bei den Wiener Festwochen 1972) ausgezeichnet hat. So können die Ensemblemitglieder durchwegs auch gesanglich überzeugen und glänzen.

Das Publikum kommt in den Genuss von mitreißender Musik, herzerfrischend unterhaltsamen Szenen, zündenden Gags und kann sich am Ende dennoch auch Gedanken machen, ob es denn auch einen Watzmann in ihrem Leben gibt, etwas das sie umtreibt, dem sie nachlaufen und dem sie vielleicht auch eine übersteigerte oder ungesunde Aufmerksamkeit zukommen lassen. Theater wie es sein soll und wie wir es in den letzten Monaten so sehr vermisst haben.
Es war eine Freude, am Ende den begeisterten Applaus und die glücklichen Gesichter der Zuschauer und des Ensembles sehen zu können. Ein emotionaler Moment.

Ich wünsche allen kulturellen Einrichtungen und Künstlern, die uns jetzt dieses lange ersehnte, kulturelle Erwachen schenken und uns mit ihrem Können begeistern, einen guten Neustart, gelungene und gut besuchte Vorstellungen, glückliche Zuschauer und allen Freiluftveranstaltungen gutes Wetter! Toi, toi, toi!

Gesehen am 20. Juni 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Prantlgarten)

Der Watzmann ruft!“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut und Passau zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Der Watzmann ruft!“:

Für den Gaumen:
Das Leben auf dem Bergbauernhof ist karg und einfach. Der Bauer hat stets das Recht, als Erster aus dem Topf zu essen und den größten Löffel (zumindest in dieser Landshuter Inszenierung ist das so). Was wohl drin war im Topf? Eine kräftige Suppe vielleicht? Beim „Amuserl“ wird dann aber doch wohl dem Bier und Schnaps zugesprochen worden sein.

Weiterer Theatergenuss:
Als zweite Premiere der diesjährigen Burgenfestspiele meines Heimattheaters darf ich mich im Juli auf den Wiener Heurigenabend „Zur fesch’n Wirtin“ freuen, den das Musiktheaterensemble aus Passau auf die Freiluftbühnen Niederbayerns zaubern wird – hoffentlich bei gutem, stabilem Sommerwetter. Die Homepage des Theaters verspricht einen „weinseligen Abend“… ich bin gespannt und freue mich darauf.

Zum Weiterlesen:
Die Berge stehen auch im Zentrum eines sehr bewegenden und für mich unvergesslichen Romans: Paolo Cognetti’s „Acht Berge“, der in Italien mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnet wurde. Im Angesicht der Bergwelt suchen die Menschen Antwort auf existenzielle Fragen – eine intensive und bereichernde Lektüre.

Paolo Cognetti, Acht Berge
Aus dem Italienischen von Christiane Burkhardt
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-60202-6