Bonner Intrigen

Dieses Jahr am 27. April jährt sich das Misstrauensvotum gegen Willy Brandt von 1972 zum 50. Mal. Der langjährige politische Korrespondent Hartmut Palmer, der unter anderem für die Süddeutsche Zeitung, den SPIEGEL und das Magazin Cicero arbeitete, hat mit „Verrat am Rhein“ einen spannenden Roman über die damaligen Geschehnisse geschrieben. Ein interessantes und fesselndes Spiel mit Fakten, Fiktion und einer möglichen Version dieses Kapitels der deutschen Geschichte.

„Es geht nicht um Verjährung“, antwortete Zink, „es geht darum, wie es damals war, was wirklich passiert ist. Um die historische Wahrheit geht’s, wenn du verstehst, was ich meine.“ Aber er spürte, dass Krull natürlich genau den wunden Punkt getroffen hatte: Wen sollte das heute überhaupt noch interessieren, was vor mehr als vierzig Jahren hinter den Bonner Kulissen gelaufen ist?“

(S.83)

Das Bonner Politgeschehen und die Zeit der Siebziger Jahre ist in meiner Wahrnehmung literarisch weniger häufig im Fokus als andere Perioden der deutschen Geschichte. Um so neugieriger war ich auf diesen Roman – der packender ist als so mancher Krimi, auch wenn er nicht als solcher bezeichnet wird.

Kurt Zink – ein langgedienter politischer Journalist und gut vernetzter Kenner der deutschen Politikszene – soll viele Jahre nach der Wende für einen mittlerweile erfolgreichen Unternehmer eine Biografie schreiben, die das Geburtsgeschenk seiner Frau an ihn werden soll. Sie behauptet tatsächlich, ihr Mann hätte als ehemaliger Stasi-Offizier im Dienst des DDR-Spionagechefs Markus Wolf eine entscheidende Rolle am Scheitern des Misstrauensvotums gegen Willy Brandt 1972 gespielt.

Der Journalist beginnt zu recherchieren und gerät immer mehr in den Strudel der damaligen Ereignisse. Er taucht ein in eine Geschichte voll politischer Intrigen, mit gekauften Stimmen, Spionen und Geheimdiensten und sensationellen Enthüllungen. Seine Recherchen führen ihn weit zurück in die Vergangenheit und er kommt zugleich einer tragischen Familiengeschichte auf die Spur.

Palmer beschreibt die Siebziger Jahre atmosphärisch als eine vorwiegend von Männern geprägte Welt zwischen verrauchten Kneipen in Bonn und der ständigen Vertretung in Ost-Berlin. Er versteht es, interessante Charaktere zu erschaffen, welche in nahezu bester James Bond-Manier ihre Strippen ziehen und die Handlung immer mehr an Fahrt aufnehmen lassen.

Mich hat Palmer’s Roman sofort in seinen Bann gezogen und immer wieder dazu gebracht, nachzulesen, zu recherchieren und mich mit den damaligen geschichtlichen Ereignissen zu beschäftigen. Einmal begonnen entfacht „Verrat am Rhein“ einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Das wahre Leben schreibt oft die aufregendsten Geschichten und man liest – auch dank Palmer’s flüssigem Stil – mit zunehmender, atemloser Spannung. Man will wissen: was ist Dichtung, was ist Wahrheit? Das Buch ist ein faszinierendes, literarisches Spiel zwischen Fakten und Fiktion.

Man spürt bei der Lektüre, dass Palmer als Journalist sein Handwerkszeug versteht und er gewährt anhand der Romanfigur Kurt Zink auch einen Einblick in die Arbeitsweise eines politischen Journalisten, in die Recherche, das Aufspüren und den Umgang mit Quellen und Nachrichten.

Der Autor selbst war von 1968 bis 2015 als politischer Korrespondent in Bonn und Berlin hautnah am politischen Geschehen und den Politikerinnen und Politikern dran – all seine Erfahrungen stecken jetzt auch in diesem Roman und er erzählt auf fiktive Art und Weise eine für ihn mögliche, denkbare Version dieser Episode der deutschen Geschichte.

Im Nachwort, das die Handlung des Romans noch einmal auf reale und fiktive Elemente, Beweisbares und Unbeweisbares durchleuchtet, zieht Palmer folgendes Fazit:

„So entstand zwar kein Enthüllungsroman. Wohl aber der Roman einer Enthüllung.“

(S.404)

Wer sich für Politik, deutsche Geschichte und die Zeit der Siebziger bzw. für Willy Brandt’s Kanzlerschaft interessiert, bekommt hier einen unterhaltsamen, fesselnden Roman über politische Machtspiele, Geheimdienste und Spionage geboten, der zweifelsohne lesenswert und lehrreich zugleich ist.

Auf der Website des Deutschen Bundestags gibt es eine offizielle Version und ebenso lesenswerte Zusammenfassung des Misstrauensvotums von 1972.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Hartmut Palmer, Verrat am Rhein
Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-8392-0205-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Hartmut Palmer’s „Verrat am Rhein“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist für reichlich Kontrast gesorgt:
In der Schumannklause – einer Bonner Szenenkneipe, vom Autor auch als „fröhliche Kaschemme“ bezeichnet – geht es bodenständig zu und das Angebot ist übersichtlich:

„Es gab drei Flipper, zwei verschiedene Sorten Suppe, Schmalzbrote und jede Menge Bier, Wein und Sense, ein Gemisch aus Apfelsaft und Korn, das nicht nach Gläsern bestellt, bemessen und konsumiert wurde, sondern zentimeterweise nach der Länge der auf der Theke aufgereihten Gläser.“

(S.132)

Im Ost-Berliner Café Moskau hingegen – einem „exklusiven Treffpunkt für Diplomaten und hochrangige Genossen“ (S.147) geht es um einiges exquisiter zu:

„Der Kellner brachte zuerst ein Tablett mit kleinen kalten Vorspeisen: eingelegter Hering und Sprotten, gefüllte Teigtaschen, Eiersalat mit viel Mayonnaise, verschiedene Sülzen, auch Wurst und belegte Brötchen oder dunkles Brot. Dazu gleich am Anfang Kaviar, abwechselnd Wodka und Wasser aus großen Gläsern. Als Hauptgericht hatte sie sich, (…) für Bœuf Stroganoff entschieden, auf den Punkt gegart, mit grünen Bohnen und Piroggen. Dazu (…) einen samtweichen georgischen Rotwein (…)“

(S.148/149)

Zum Weiterhören:
Der sagenumwobene Stoff um Castor und Pollux – die berühmten Zwillingsbrüder, von welchen lediglich einer unsterblich ist – spielt im Roman eine nicht unwesentliche Rolle. Vertont wurde diese Sage bereits durch Jean-Philippe Rameau in seiner Oper „Castor et Pollux“ aus dem Jahr 1737.

Zum Weiterlesen:

„Sie hatte bisher nur den Text auf der Hülle gelesen und nicht so richtig verstanden, warum Isolde ihrer alten Freundin Annemarie ausgerechnet dieses Hörbuch geschenkt hatte, das von Dresden handelte, von der Zerstörung der Stadt und von den seelischen Verwüstungen, die diese Katastrophe bei den überlebenden Opfern und Tätern ausgelöst hatte.“

(S.56)

Harry Mulisch ist mir bisher vor allem – vor langer Zeit – als Schullektüre begegnet. Damals war es sein Roman „Das Attentat“, der uns im Unterricht beschäftigte. Aber die obige Beschreibung von „Das steinerne Brautbett“ reichte für mich, den Titel sofort auf meine gedankliche Merkliste zu setzen.

Harry Mulisch, Das steinerne Brautbett
Aus dem Niederländischen von Gregor Seferens
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-22192-1

Von Helden und Hochstaplern

Ein leuchtendes, fröhliches Umschlagbild – die rot-gelbe Berliner S-Bahn vor strahlend blauem Himmel – und der vielversprechende Titel „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“ – schon war es um mich geschehen und meine Neugier geweckt. Wer ist dieser Held? Welche Geschichte verbirgt sich hinter Maxim Leo’s neuestem Roman?

Schnell wird klar, so strahlend wie das Umschlagbild ist der Held Michael Hartung – ein einfacher Berliner Videothekenbesitzer – im wahren Leben nicht und doch wird er zufällig zum leuchtenden Stern am Heldenhimmel der deutschen Geschichte und blendet unfreiwillig Medien, Politik und die deutschen Mitbürger. Aber der Reihe nach…

„Er war im Grunde kein Lügner, eher so eine Art Geschichtenerzähler. Warum lasen die Menschen Bücher? Warum gingen sie ins Kino und ins Theater? Doch nicht, weil sie die Wahrheit wollten. Sie wollten träumen, sich in den Geschichten der anderen wiedererkennen.“

(S.76)

Kurz vor dem 30-jährigen Jubiläum der Wiedervereinigung im Jahr 2019 steht eines Tages ein umtriebiger Journalist in Michael Hartungs kleiner Berliner Videothek. Er hat eine alte Stasi-Akte ausgegraben, die belegt, dass Hartung – damals Stellwerksmeister am Bahnhof Friedrichstraße, eines Nachts durch seine Weichenstellung eine Massenflucht von über 127 Menschen in einem Zug aus der DDR nach Westberlin ermöglicht hat. Die Ereignisse dieser Nacht waren unübersichtlich und Hartung, der zwar zunächst alles abstreitet, ist aufgrund der Hartnäckigkeit des Journalisten nach ein paar Bier und da er chronisch pleite ist für ein ordentliches Honorar bereit, die Geschichte und seinen Anteil daran etwas großzügiger auszulegen. Schnell wird ihm einiges in den Mund gelegt, die Geschichte verselbstständigt sich und schon bald gerät die Situation vollkommen aus dem Ruder.

Interviews, Fernsehauftritte und Werbeverträge: Michael Hartung und seine Heldentat werden zum Sinnbild der deutsch-deutschen Geschichte hochstilisiert. Der Bundespräsident lädt ihn sogar zu einem Abendessen ins Schloss Bellevue ein. Ganz Deutschland reißt sich um ihn, rollt ihm den roten Teppich aus und feiert ihn für seinen selbstlosen Heldenmut.
Als dann jedoch plötzlich eine Frau in sein Leben tritt, die damals in diesem umgeleiteten Zug saß und er sich in sie verliebt, wird es für ihn zunehmend unangenehmer, die Lüge aufrechtzuerhalten.

Leo bespielt mit seinen Figuren ein breites Spektrum: Da ist der einfache Bürger, der plötzlich im Rampenlicht der medialen Aufmerksamkeit steht und als großer Held gefeiert wird. Und natürlich der überehrgeizige Journalist, der mit dieser Geschichte seine große Chance gekommen sieht und es dann mit der Wahrheit nicht mehr so genau nimmt oder aber die Politikerin, die versucht, Schadensbegrenzung zu betreiben. Da ist aber auch der Bürgerrechtler, der seit Jahren versucht, Aufklärungsarbeit an Schulen und in Gedenkstätten zu leisten und im Rahmen dieser Bemühungen auch frustrierende Momente erlebt:

„Also, wir haben in der Klasse schon ein bisschen das Thema deutsche Teilung behandelt, aber erwarten Sie bitte nicht zu viel.“

(S.100)

Maxim Leo ist 1970 in Ost-Berlin geboren, lebt auch heute in Berlin und man merkt dem Roman an vielen Stellen unmittelbar an, dass er weiß, wovon er schreibt und dass ihm die Thematik sehr am Herzen liegt.
An manchen Stellen hätte er jedoch für meinen Geschmack auch ein bisschen weniger dick auftragen dürfen – ab und zu kratzt die Überzeichnung etwas und verursacht Unbehagen. Zwar ist die satirische Vereinfachung und das auf die Spitze treiben natürlich als gezieltes Stilmittel ganz gewollt eingesetzt und doch zuckte ich bei der Lektüre immer wieder ein wenig zusammen angesichts der pauschalen Vorurteile und Klischees, die natürlich lediglich wachrütteln und Bewusstsein schaffen sollen.

„Es ist wie in einem Liebesfilm“, sagte Hartung, „es geht vor allem um das Gefühl. Das Gefühl, akzeptiert zu werden. Das Gefühl, dazuzugehören. Vielleicht sollte man damit beginnen, nicht mehr von den Ostdeutschen und den Westdeutschen zu sprechen. Ich meine, was hat ein Hamburger mit einem Oberbayern zu tun? Und ein Mecklenburger mit einem Sachsen? Wir sollten aufhören, uns gegenseitig zu beschuldigen und zu belehren.“

(S.118)

In den nicht ganz 300 Seiten steckt aber hinter der vermeintlichen Flapsigkeit des Hochstaplerromans und der romantischen Liebesgeschichte letztlich doch so viel mehr: Maxim Leo’s Roman kann und sollte zum Beispiel auch als Mediensatire gelesen werden. So hat der Fall Relotius zweifelsohne seine Spuren hinterlassen und blitzt immer wieder auf. Es geht um Stasi-Vergangenheit, Gedenktage und geschichtliche Aufarbeitung, um das Verdrängen und Verklären und um kleine Unwahrheiten, die sich schnell zu großen Lügen auswachsen können. Und natürlich bringt Maxim Leo die Leserschaft vor allem auch dazu, sich mit der deutsch-deutschen Geschichte und der Stimmung in unserem Land zu beschäftigen.
All das steckt drin in diesem Buch, das es – wie es sich für einen guten Hochstaplerroman gehört – faustdick hinter den Ohren hat.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kiepenheuer&Witsch Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Maxim Leo, Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-00084-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Maxim Leo’s „Der Held vom Bahnhof Friedrichstrasse“:

Für den Gaumen:
Auch kulinarisch spiegelt sich der große Kontrast wider zwischen Michael Hartung’s Vergangenheit und seinem Lebensalltag – so erinnert er sich zurück an „Fassbrause mit Waldmeistergeschmack“ (S.58), während sein neues Heldenleben ihn auch ins Schloss Bellevue inklusive der zugehörigen Haute Cuisine katapultiert: Dort bekommt er unter anderem „Reh-Medaillons aus der Schorfheide an Spitzkohl und Steinpilzragout“ (S.118).

Zum Weiterschauen:
Dass Filme im Leben eines Videothekenbesitzers natürlich eine nicht unwesentliche Rolle spielen, ist klar. Auch wenn er seiner Kundschaft ein breites Spektrum anbietet, sind seine persönlichen Vorlieben doch sehr bodenständig geblieben. Bei einem gemeinsamen Videoabend könnten Hr. Hartung und ich uns wohl am ehesten auf den Schwarz-Weiß-Klassiker „Die Feuerzangenbowle“ einigen.

Zum Weiterhören:
Manfred Krug ist aktuell aufgrund des Erscheinens von „Manfred Krug. Ich sammle mein Leben zusammen: Tagebücher 1996 – 1997“ in aller Munde. Im Roman kommt der Krug-Song „Wenn’s draußen grün wird, fällt mir nur noch Liebe ein“ vor – reinhören lohnt sich und macht gute Laune.

Sacrow – Geschichte erleben

Zauberhaft an der Havel gelegen ist Sacrow und sein Wahrzeichen die Heilandskirche, welche man vom Wasser aus schon von Weitem sehen und bewundern kann. Doch der Ort und die berühmte Kirche nahe Potsdam haben im letzten Jahrhundert eine wechselvolle Geschichte durchlebt und durchlitten.

Die aktuelle Ausstellung (07.08.2021 – 09.11.2021) im Schloss Sacrow „Sacrow – Das verwundete Paradies“ sowie das begleitende Sachbuch von Kurator Jens Arndt geben ein eindrucksvolles, berührendes Zeugnis der Geschichte des Ortes, des Schlosses und der Kirche und lassen Bewohner und Zeitzeugen persönlich zu Wort kommen.

So spiegelt sich exemplarisch an diesem wunderschönen, von vielen als Paradies bezeichnetem und wahrgenommenem Stück Erde die deutsche Geschichte von der preußischen Monarchie, über beide Weltkriege, der Schrecken des NS-Regimes und der Vertreibung der Juden ebenso wider, wie die Zeit der russischen Besatzung, der Teilung Deutschlands und des Mauerbaus bis hin zur Wiedervereinigung und der darauf folgenden Prozesse der Restitution.

So erfährt der Leser und Ausstellungsbesucher, dass Schloss Sacrow zunächst als Anwesen von König Friedrich Wilhelm IV. 1840 erworben wurde und er dieses auch durch die Gartengestaltung von Peter Joseph Lenné sowie den Bau der Heilandskirche im italienischen Stil mit dem markanten freistehenden Campanile zu seinem Herzensort und zu seiner Traumlandschaft umgestalten ließ.

Die Schönheit des Ortes zog schon bald Sommerfrischler, Ausflügler und auch Künstler an. So wird berichtet von legendären Ausflugslokalen und der großen Beliebtheit des Ortes bei den Berlinern, die sich dort nach und nach auch Sommerhäuser errichten ließen. Auch viele jüdische Bewohner ließen sich in Sacrow nieder und wurden später während der Zeit des Nationalsozialismus aus ihren Häusern vertrieben, welche dann arisiert und anderweitig genutzt wurden.

Später wurde die direkt am Wasser liegende Heilandskirche durch die Mauer und den Todesstreifen vom Ort und den Bewohnern getrennt. Nach dem Weihnachtsgottesdienst 1961 war sie nicht mehr zugänglich, wurde Opfer von Vandalismus und verfiel nach und nach immer mehr, bis durch Bemühungen auch durch westdeutsche Politiker zumindest eine Sicherung der Bausubstanz, z.B. eine Sanierung des maroden Daches, erreicht werden konnte. Erst 28 Jahre später sollte wieder ein Weihnachtsgottesdienst in der Kirche gefeiert werden. Man kann vermutlich nur erahnen, wie emotional dieser Moment für viele gewesen ist.

Arndt erzählt anhand einiger Bewohner und Zeitzeugen exemplarisch Lebensschicksale aus den verschiedenen Epochen und politischen Systemen, welche Spuren in Sacrow hinterließen und es prägten. So bietet dieser einmalige Ort die besondere Möglichkeit, deutsche Geschichte der letzten beiden Jahrhunderte auf engstem Raum und in vielen Facetten zu betrachten und zu reflektieren.

Der Autor und Kurator erzählt vom Alltag der Menschen, der viele Jahre geprägt war von Passierscheinen und Kontrollen am Schlagbaum, von Fluchtversuchen, von der Nutzung des Schlosses als Ausbildungsort für die DDR-Zollhunde und der damit einhergehenden Zerstörung der originalen Gartengestaltung ebenso wie über die Zeit nach der Wende, die Restitution, den Zuzug neuer Bewohner und den damit verbundenen strukturellen Veränderungen in der Dorfgemeinschaft.

Das Sachbuch ist reich bebildert und verschafft dem Leser so auch ein eindrucksvolles, optisches Bild von der Zeitgeschichte und der Entwicklung Sacrows. Die Fotos von der am Wasser isolierten Kirche, die durch Mauer und Todesstreifen vom Ort getrennt und unzugänglich war, lassen wohl kaum jemanden kalt und brennen sich tief ins Gedächtnis.

Lebendiger, eindrucksvoller und authentischer kann man deutsche Geschichte wohl kaum erzählen. Wer sich also im 60. Jahr nach dem Mauerbau mit einem intensiven, bewegenden und sorgfältig dokumentierten und recherchierten Kapitel der deutsch-deutschen Geschichte befassen möchte, hat mit Ausstellung, Buch und Film – weitere Details folgen in den weiterführenden Tips – eine großartige Gelegenheit dazu.

Seit 1992 zählen der Park und die Heilandskirche zum UNESCO Welterbe und sind unbedingt einen Besuch wert, um den besonderen Zauber des Orts – dieses verwundeten Paradieses – und deutsche Geschichte hautnah zu erleben.

Buchinformation:
Jens Arndt, Sacrow – Das verwundete Paradies
L&H Verlag
ISBN: 978-3939629627

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jens Arndt’s „Sacrow – Das verwundete Paradies“:

Zum Weiterklicken und für den Ausstellungsbesuch:
Auf der Homepage der Stiftung Preussische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg und auf der Seite des Vereins „Ars Sacrow e.V.“ findet man weitere Informationen zur Ausstellung „Sacrow – Das verwundete Paradies“ – der Ausstellung im Schloss Sacrow anlässlich des 60. Jahrestages des Mauerbaus, die dort vom 07.08.2021 noch bis zum 09.11.2021 (jeweils Freitag bis Montag) zu sehen ist.

Zum Weiterschauen:
In der ARD Mediathek ist noch bis 03.08.2022 die 45-minütige Dokumentation „Sacrow bei Potsdam – Paradies im Mauerschatten“ aus der Reihe Geheimnisvolle Orte zu sehen, welche ebenfalls die wechselvolle Geschichte des Ortes erzählt.

Zum Weiterlesen (I):
In den Jahren 1953 bis 1961 wurde das Schloss Sacrow durch das Druckerei- und Verlags-Kontor der DDR unter anderem zur Beherbergung von Schriftstellern genutzt. Prominentester Gast in dieser Zeit war wohl die Autorin Brigitte Reimann. Bekannt vor allem durch den Roman „Franziska Linkerhand“, nahm sie 1956 an einem DEFA-Lehrgang für Drehbuchautoren im Schloss teil. Im Romanfragment „Joe und das Mädchen auf der Lotosblume“ ließ sie Erfahrungen aus ihrer Zeit in Sacrow einfließen.

Brigitte Reimann,
Das Mädchen auf der Lotosblume: Zwei unvollendete Romane
Aufbau Verlag
ISBN: 978-3746621395

Zum Weiterlesen (II):
Eine ähnliche Schilderung der deutsch-deutschen Geschichte anhand eines Ortes unweit von Sacrow erzählt Thomas Harding über ein „Sommerhaus am See“ von Groß Glienicke – dem Alexanderhaus. Ein ebenfalls sehr lesenswertes Buch, das ich bereits auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Thomas Harding, Sommerhaus am See
dtv
ISBN: 978-3-423-34935-2

Ort für die Seele

Kaum ein Ort vereint die wechselvollen Kapitel der deutschen Geschichte der letzten 100 Jahre so konzentriert in sich wie ein kleines, feines Holzhaus am Glienicker See in der Nähe Potsdams. Thomas Harding erzählt in „Sommerhaus am See“ die Geschichte dieses Sommerhauses und seiner Bewohner: Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte so lautet der Untertitel.

Ein Sachbuch, das sich sehr flüssig und spannend – nahezu wie ein Roman – liest und den Leser immer wieder ungläubig staunen lässt, was dieses Kleinod am Glienicker See und seine Bewohner alles erleben durften und mussten. Eine wechselvolle und eindrucksvolle Geschichte, die den Bogen spannt vom Jahre 1890 über das Baujahr 1927 bis zum Jahre 2015.

Thomas Harding ist der Enkel bzw. der Urenkel des Erbauers und ersten Besitzers des Sommerhauses – gemeinsam mit seiner Großmutter besucht er 1993 nach der Wende das Haus zum ersten Mal. Im Jahre 2013 sieht er das mittlerweile völlig verfallene Haus wieder, rettet es vor dem Abriss und macht es sich zur Lebensaufgabe, dieses als Erinnerungsort zu erhalten, seine Geschichte und die der Bewohner zu erzählen. Das Buch ist das Ergebnis seiner umfangreichen Recherchen und ist zugleich ein wahres Kaleidoskop deutscher Zeitgeschichte.

Zunächst erzählt der Autor die Geschichte des Orts Glienicke und des Ritterguts des Otto von Wollank, der sich dort zwischen 1890 und den 1920er Jahren vor den Toren Berlins ein florierendes Gut aufbaute und großzügigen Grundbesitz erwarb. Nach politisch turbulenten Zeiten und Kriegsjahren entschied dieser sich 1927, Teile seines Grundbesitzes zu verpachten, zumal es für wohlsituierte Berliner Familien immer mehr in Mode kam, sich ein Wochenenddomizil in der Natur am Wasser zu schaffen.

Die jüdische Familie Alexander findet so dort ihren Lieblingsort und errichtet sich ein gemütliches Holzhaus am Glienicker See. Für eine der Töchter und spätere Großmutter Thomas Harding’s Elsie brechen glückliche Tage an und sie wird die zunächst unbeschwerten Aufenthalte mit ihrer Familie im Haus nie vergessen.

Doch als nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Einschränkungen und die Gefahr für die jüdische Bevölkerung immer mehr zunimmt, wandert sie schließlich mit ihrer Familie nach Großbritannien aus – sie müssen das Haus und ihren Besitz zurücklassen.

Danach übernimmt der Musikverleger Will Meisel das Feriendomizil und bewohnt es in den Vierziger Jahren und während der Zeit des zweiten Weltkriegs. Später ziehen weitere Familien in das Haus, erleben dort die russische Besatzung und den Mauerbau. Die Mauer wurde quer durch den Garten des Anwesens am Seeufer gebaut.

„1959 hieß es in der Berliner Morgenpost: (…) Wer heute nach Berlin reist, sollte auch nach Groß Glienicke fahren. … Nicht nur wegen des herrlichen Ausblicks und der schönen Badestellen am See. Denn: Glienicke ist mehr als eine hübsche Villenkolonie. Glienicke ist für Berlin-Besucher politischer Anschauungsunterricht im Freien. Hier, am Beispiel einer kleinen Siedlung, wird besonders deutlich, wie unsinnig die Teilung unserer Stadt ist.“

(S.235/236)

Weitere Bewohner des Hauses erleben die DDR-Zeit und die Zeit des Umbruchs. Nach der Wende verfällt das Häuschen zunehmend und steht schließlich leer. Als es schließlich abgerissen werden soll, rettet Thomas Harding mit zahlreichen Helfern und Mitstreitern das geschichtsträchtige Gebäude und heute steht es unter Denkmalschutz.

Ein großartiges, pralles und wunderbar flüssig lesbares Sachbuch, das anhand eines kleines Sommerhäuschens die gesamte deutsche Geschichte der letzte 100 Jahre erfahrbar macht. Illustriert mit zahlreichen Fotografien und anhand der biografischen Skizzen der Bewohner, wird dem Leser klar, welch wechselvolle Geschichte dieser besondere Ort in der Nähe Potsdams aufzuweisen hat.

Eine unglaubliche und intensive Geschichte, die Thomas Harding hier recherchiert und zusammengetragen hat und die sich zu lesen lohnt.
Schön, dass es ihm gelungen ist, dieses Haus als Gedenk- und Erinnerungsort zu erhalten und jetzt zu einem Ort der Bildung und Versöhnung zu entwickeln.

„Als ich an diesem Tag über den See blickte, begriff ich endlich, warum alle Bewohner des Hauses so an ihm hingen. Trotz aller Schwierigkeiten, die das Leben so mit sich brachte, trotz aller Umbrüche war es tatsächlich ein Ort für die Seele.“

(S.360)

Buchinformation:
Thomas Harding, Sommerhaus am See
dtv
ISBN: 978-3-423-34935-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Sommerhaus am See“:

Zum Weiterklicken und Weiterschauen:
Auf der Internetseite des Alexanderhauses kann man anhand zahlreicher Bilder einen schönen Eindruck von diesem Kleinod gewinnen. Zudem bietet die Seite neben einem 44-minutigen Dokumentarfilm zahlreiche Hintergrundinformationen zur Geschichte und der heutigen Nutzung des Hauses. Ein Besuch des Anwesens, das heute Bildungs- und Begegnungsstätte ist und besucht werden kann (lediglich aktuell aufgrund der Pandemie geschlossen ist) steht unbedingt auf meinem Plan.

Zum Weiterhören:
Die Ehefrau des zweiten Besitzers des Sommerhauses Will Meisel war der Filmstar Eliza Illiard, die unter anderem in der Operettenverfilmung von Lehar’s „Paganini“ die Rolle der Anna Elisa spielte. Eine Operette, die aber vor allem durch Richard Tauber bekannt geworden war und unter anderem das bekannte Stück „Gern hab ich die Fraun geküsst“ enthält.

Zum Weiterlesen:
Mein fortführender Lesetip ist heute ein weiteres großartiges Buch, das ebenfalls die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählt. Die Autorin lässt das Haus sogar selbst zu Wort kommen. Es handelt sich um Regina Scheer’s „Gott wohnt im Wedding“, das ich vor einiger Zeit hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Ebenfalls ein wunderbarer Roman, der Zeitzeugen eine Stimme gibt.

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding
Penguin
ISBN: 978-3-328-10580-0

Abschied vom anderen Leben

Reinhard Kuhnert’s Roman „Abgang ist allerwärts“ ist seine sehr persönliche, künstlerische und literarisch herausragende Auseinandersetzung mit einer entscheidenden Phase seines Lebens. Der Literat und Theaterautor fällt in den frühen 80er Jahren bei der SED-Parteispitze in Ungnade und verlässt letztlich sein Land. Eine Geschichte, die tief berührt und für den Leser eindrücklich erfahrbar macht, was Diktatur und Zensur für die Kunst und Kultur in einem Land – wie der ehemaligen DDR – bedeutet.

Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – ist Künstler. Er schreibt unter anderem für die führenden Bühnen des Landes, ist gerade in Künstlerkreisen hoch angesehen und erfolgreich. Da ihm das Leben in Ostberlin oft zu laut und hektisch ist, sucht er in einem einsamen Mecklenburger Dorf an der Grenze zu Polen einen Rückzugsort und findet in einem alten Fachwerkhaus, das er günstig erwerben kann und anschließend renoviert, sein ganz persönliches Refugium, um in Ruhe arbeiten und schreiben zu können. Schon bald stellt sich heraus, dass dies keine Flucht in die Einsamkeit ist, sondern er bald ein integrierter Teil der kleinen Dorfgemeinschaft wird. Die Bewohner – nachdem er ihr Vertrauen und ihre Zuneigung gewonnen hat – vertrauen ihm bald auf der Straße, im kleinen Konsum und der Dorfkneipe ihre ganz persönlichen Geschichten und Lebensschicksale an und wachsen ihm ans Herz. Schnell ist der Ort nicht mehr Zweitwohnsitz, sondern sein Lebensmittelpunkt, sein Zuhause, sein Herzensort.

Schon bald jedoch verspürt er die volle Wucht und Unnachgiebigkeit des Systems, als er für einige „verfemte“ Künstlerkollegen Stellung bezieht. Ein unachtsamer Moment, eine unbedachte Aussage bzw. auch nur eine Äußerung, die politisch unerwünscht ist, reicht, um dauerhaft in Ungnade zu fallen.

„Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass er nach der öffentlichen Aufmerksamkeit im Roten Rathaus nicht nur mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch mit der versteckten rechnen musste.“

(S.49)

Vorbei die Zeit der Erfolge und plötzlich hagelt es Absagen und Zurückweisungen. Ein Stück wird noch vor der Premiere abgesagt, der Hörfunk weigert sich, seine Texte zu senden. Seine Werke werden ignoriert, boykottiert und zensiert. Funktionäre der Partei versuchen, ihn wieder auf Spur zu bringen, setzen ihn unter Druck.

„Die Charaktere in meinen Texten haben bis gestern gesprochen, inzwischen wird alles daran gesetzt, sie zum Schweigen zu bringen. Ihre Misstöne sind im verordneten Gleichklang nicht länger erwünscht, und nun wird der Autor dafür haftbar gemacht.“

(S.132)

Nach und nach reift in ihm die Überlegung, seiner Heimat – diesem „halben“ Land – den Rücken zu kehren, die geliebten Menschen zurück zu lassen und schweren Herzens fasst er die Entscheidung, einen Ausreiseantrag zu stellen. Eine Zeit des bangen Wartens und der Ohnmacht beginnt.

„Dennoch hatte Effert unentwegt das Gefühl, Teil einer Inszenierung zu sein, bei der nicht er die Regie führte.“

(S. 152)

Kuhnert hat ein intensives, berührendes Buch über Verluste und Abschiede geschrieben, denn wie die Dorfbewohner stets kommentieren: „Abgang ist allerwärts“. Ob es die Möbel aus dem alten Schloss sind, die „verloren“ gehen oder ob die Dorfgemeinschaft geliebte Menschen an den Alkohol, den Tod oder die Nachbarrepublik verliert. Und dennoch bietet auch jeder Verlust und jeder Abschied wieder die Chance eines Neubeginns.

Der Autor hat ein hervorragendes Gespür für die Zeichnung von Figuren und Charakteren, die er mit viel Liebe zum Detail und sehr warmherzig für den Leser zum Leben erweckt. Menschen direkt aus dem Leben gegriffen, mit denen man sich mitfreut und mit denen man leidet. Ein Buch über Menschlichkeit, Zusammenhalt und Freundschaft, denn es sind die Bewohner dieses kleinen Dorfs, die in der Krisensituation zu ihm halten – während sich die Künstlerszene aus Selbstschutz von ihm abwendet.

Der Autor hat ein leises, poetisches und melodiöses Buch verfasst, in welchem er seine ganz persönliche Geschichte erzählt und man merkt in jeder Zeile, auf jeder Seite, wie viel es ihm bedeutet, diese in Worte zu fassen – eine wahre Herzensangelegenheit. Sein Abschied – vor allem von den Dorfbewohnern und seinem „anderen Leben“, wie er es nennt, war ihm damals nicht leicht gefallen und er lässt die Leser an dieser schmerzvollen und prägenden Phase seines Lebens teilhaben. Das ist keine wütende Abrechnung, sondern er hat mit etwas zeitlicher Distanz einen klugen und eindringlichen Roman über die Zensur und das Leben von Künstlern in einer Diktatur geschrieben – ein Buch mit einer starken Aussage und die literarisch kunstvolle Aufarbeitung eines wichtigen Themas.

Reinhard Kuhnert hat – wie sein Romanpendant Elias Effert – Mitte der 80 Jahre die DDR verlassen und schrieb seither erfolgreich für Theater, Funk und Fernsehen. Sein Roman „Abgang ist allerwärts“ erschien ursprünglich 2013 im Leipziger Plöttner Verlag und liegt nun seit kurzem als vollständig überarbeitete Neuauflage im Mirabilis Verlag in einer schönen gebundenen, wertigen Ausgabe mit Lesebändchen und einer stimmungsvollen Umschlaggestaltung von Florian L. Arnold vor.

Ein Buch voller Herzenswärme und Lebensweisheit, eine Hymne auf den hohen Wert von Literatur, Kunst und Meinungsfreiheit und ein Roman, der aufgrund seiner wunderschönen Sprache ein wahrer Lesegenuss ist.

Eine weitere Besprechung zum Buch gibt es bei We read indie.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Fr. Böllinger von Sätze&Schätze, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Reinhard Kuhnert, Abgang ist allerwärts
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-3-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Abgang ist allerwärts“:

Für den Gaumen:
Die Dorfbewohner verwöhnen Elias an einem kalten Wintertag in schwerer Zeit mit den einfachen und guten Lebensmitteln, die sie mit ihm teilen: Eier, Schinkenspeck, hausgemachte Schweinswurst, ein Suppenhuhn und das dazugehörige Gemüse. Ehrliche Produkte, die von Herzen kommen und die Seele wärmen sollen.

Zum Weiterhören:
Eine weitere Sicht eines Künstlers und Theatermenschen auf die Zeit in der ehemaligen DDR bietet das Hörbuch zur Autobiografie „Soundtrack meiner Kindheit“ , das Jan-Josef Liefers selbst eingesprochen hat. Kurzweilig und amüsant erzählt er über seine Kindheit und das Heranwachsen in der DDR, seine Schauspielausbildung und wie er den Mauerfall hautnah selbst erlebt hat.

Jan-Josef Liefers, Soundtrack meiner Kindheit
Autorenlesung
Argon
Laufzeit (4CDs): 4h 31 Minuten
ISBN: 978-3-8398-9042-4

Zum Weiterlesen (1):
Ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen ist die Fortsetzung der Geschichte Elias Efferts „In fremder Nähe“, welche direkt an „Abgang ist allerwärts“ anknüpft und die Zeit nach der Ausreise des Künstlers in Westberlin und während der Wende erzählt. Die Neugier meinerseits auf den Folgeroman ist auf jeden Fall geweckt:

Reinhard Kuhnert, In fremder Nähe
Mirabilis
ISBN: 978-3-9818484-9-6

Zum Weiterlesen (2):
Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – reist nach Westberlin, um dort zu Kurt Eisner zu recherchieren – er möchte ein Stück über den linken, sozialdemokratischen Politiker schreiben, der kurz Bayern regierte. Informationen über ihn waren in der DDR nicht zugänglich und wurden unter Verschluss gehalten. Wer heute jedoch mehr über Kurt Eisner und die turbulente Zeit der Münchner Räterepublik erfahren möchte, der kann – ohne Einschränkungen – gerne zu Volker Weidermanns „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ greifen – eine gelungene literarische Annäherung an diese Zeit.

Volker Weidermann, Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04714-1

Spiegelnde Wirklichkeiten

Deborah Levy hat mit ihrem neuen Roman „Der Mann, der alles sah“ etwas geschafft, das außergewöhnlich ist: Sie wurde für ihr drittes Werk in Folge für den renommierten Booker Prize nominiert. Ein kunstvolles, vielschichtiges und anspruchsvolles Buch, das für aufmerksame und konzentrierte Leser, die sich darauf einlassen, eine besondere Magie entfaltet.

1988 – London, Abbey Road – es kracht. Ein junger Mann, der sich auf dem berühmtesten Zebrastreifen der Welt in Beatles-Manier von seiner Freundin fotografisch verewigen lassen möchte, wird von einem unachtsamen Autofahrer angefahren. Und als ob dies noch nicht genug wäre, eröffnet ihm die Fotografin Jennifer kurz danach, dass sie nicht auf ihn warten wird, wenn er demnächst nach Ostberlin gehen wird, um dort den Kommunismus – sein wissenschaftliches Fachgebiet an der Universität – weiter zu erforschen. Sie macht mit ihm Schluss.

Der Ich-Erzähler Saul macht sich verwirrt und verunsichert auf in die DDR und wird dort von seinem Gastgeber Walter in Empfang genommen. Dieser zeigt ihm Land und Leute und bringt ihn bei seiner Familie unter, erklärt ihm seine Sicht auf den Sozialismus. Saul Adler, der aus einer jüdischen Familie stammt und bereits früh seine Mutter verloren hat, verliebt sich in ihn.

„ „Was Sie auch tun“, sagte er, „wenn Sie Ihren Bericht über unsere Republik verfassen, schreiben Sie nicht, dass alles grau und bröckelig war, mit Ausnahme der farbenfrohen Unterbrechung durch an Gebäuden angebrachte rote Fahnen.“ “

(S.57)

Walter’s jüngere Schwester Luna, für die es bereits an eine Katastrophe grenzt, dass Saul das heiß ersehnte Gastgeschenk in Form einer Dose Ananas für ihren Geburtstagskuchen vergessen hat, ist eine ängstliche, junge Frau, die sich am liebsten aus dem System davonstehlen würde. Sie hat Sehnsüchte und Träume, die sie in der DDR nicht ausleben kann. Und auch mit ihr beginnt Saul eine Affäre, so dass er sich bald in völligem Gefühlschaos und einer komplizierten Dreiecksbeziehung wiederfindet, die keine Zukunft hat, zumal er wieder nach London zurückkehren muss.

Und wie ist er dann auf einmal wieder auf die Abbey Road und ins Krankenbett gekommen? Und was macht seine Ex-Freundin Jennifer an seinem Bett?

Nichts ist, wie es scheint und mehr als einmal hat man bei der Lektüre das Gefühl eines Déjà-vue. Traum, Wahn und Wirklichkeit zerfließen ineinander und es wird zunehmend schwer, Ordnung in die Gedankenwelt des Erzählers zu bringen. Ist all das nur eine Fieber- oder Komafantasie? Delirium oder doch Realität? Zeit und Raum lösen sich auf, verschwimmen und offenbaren unterschiedliche Schichten in der Wahrnehmung. Ein kunstvolles, literarisches Gewebe, das den Leser fordert, aber auch durch Raffinesse beeindruckt – ein kluges, intelligentes und verblüffendes Buch, das immer wieder mit einer Wendung oder Überraschung aufwartet.

Ich mochte, wie Levy atmosphärisch Sauls Zeit in Ostberlin schildert, die Beschreibung der Datsche und das Bild, das die Autorin vom Leben in der DDR vor den Augen des Lesers zum Leben erweckt. Einer Welt, die kurz vor dem Zusammenbruch steht – 1988, die Wende war nicht mehr weit und auch Saul hat Visionen, dass das Ende bereits nah ist.

Beeindruckt hat mich der sehr frisch und nahezu jugendlich anmutende Sound des Romans, mit dem die 1959 geborene Autorin sich sehr direkt und unmittelbar an ihr Lesepublikum wendet. Somit kommt man sofort in einen wunderbaren Lesefluss und fühlt mit den Figuren, die auf der Suche nach sich selbst und ihrer Identität sind. Zudem versteht Levy es gekonnt, mit sprachlichen Bildern zu arbeiten – immer wieder spielen z.B. Fotografien oder Spiegel eine zentrale Rolle, die den vielschichtigen Charakter und die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung auch sprachlich intensivieren.

Das ist große Literatur über die Macht der Bilder, über das Aufeinandertreffen von Systemen, die Vielfalt und Diversität von zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch über unerfüllte Sehnsüchte und Wünsche. Verwirrend und schön zugleich. Ein Roman wie ein Rausch über die Liebe, die Endphase der DDR, sowie über die Sehnsucht nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben.

Es bleibt abzuwarten, ob Deborah Levy mit dem nächsten Werk erneut für den Booker Prize nominiert wird und ihn dann auch einmal zugesprochen bekommt. Eine interessante, spannende und außergewöhnliche Autorin ist die in Südafrika geborene Britin, die jetzt in London lebt, auf jeden Fall und ich werde ihr Schaffen sicherlich weiter verfolgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Deborah Levy, Der Mann, der alles sah
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Kampa
ISBN: 978 3 311 10028 7

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann, der alles sah“:

Für den Gaumen:
Dosenananas sind jetzt wahrlich nicht der kulinarische Hochgenuss, den ich unbedingt empfehlen will, aber sie spielen im Roman eine zentrale Rolle und stehen unter anderem symbolisch für das Unerreichbare, Exotische und Begehrte aus dem Westen, das in der DDR nicht oder nur schwer zu bekommen war.

Zum Weiterhören:
Luna ist verrückt nach den Beatles, dem Album „Abbey Road“ und vor allem dem Song „Penny Lane“ – sie wünscht sich nichts sehnlicher, als die wahre Penny Lane in Liverpool besuchen zu können. Die Sehnsucht nach Freiheit und der Möglichkeit, reisen zu können, all das und noch viel mehr steckt für Luna in diesem Lied.

Zum Weiterlesen:
Einen Roman, den ich vor kurzem bereits ausführlicher hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe, der sich ebenfalls eindrucksvoll, aber auf ganz andere Art und Weise mit der Thematik des Zerfalls der DDR auseinandersetzt und mich sehr bewegt hat, ist „Machandel“ von Regina Scheer. Als gebürtige Ost-Berlinerin berichtet sie aus eigener Erfahrung und hat somit einen noch direkteren Zugang und Bezug zum Leben in der ehemaligen DDR als Deborah Levy.

Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

30 Jahre Deutsche Einheit

Am 3. Oktober – dem Tag der deutschen Einheit – war es für mich Zeit, einen weiteren Regalschlummerer ans Licht zu holen: „Machandel“ von Regina Scheer. Aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums dieses denkwürdigen Tages habe ich nach einer passenden Lektüre gesucht, habe mit diesem großartigen Roman die perfekte Lösung gefunden und mich dann gefragt, wieso ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe.

Die Autorin, die 1950 in Berlin geboren ist, hat einen großen Familienroman verfasst, der einen weiten, zeitlichen Bogen vom zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung und der Zeit danach spannt, aber den Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1985 und 1990 legt, als die DDR unterging.

Machandel ist ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern und Clara Langner – die Hauptfigur des Romans – besitzt dort eine Sommerkate. Ein kleines, baufälliges Häuschen und ein Rückzugsort, um dem lauten und hektischen (Ost-)Berlin von Zeit zu Zeit in die Natur zu entfliehen. Aber auch ein geschichtsträchtiger Ort für ihre Familie, wie man in den Kapiteln des Romans, die jeweils aus verschiedenen Perspektiven und der Sicht der unterschiedlichen Bewohner sowie der Familienmitglieder Claras erzählt sind, erfährt.

Clara ist die Tochter von Hans Langner, einem hochrangigen Funktionär der Partei und Staatsminister. Im zweiten Weltkrieg wurde dieser von den Nazis als Kommunist verfolgt, ins KZ gesperrt, überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen und wurde in Machandel von der Russin Natalja versteckt und gerettet. Ereignisse, die ihn sein Leben lang verfolgen und prägen.

Auch Johanna – seine spätere Frau – lernt er dort kennen. Aus Ostpreußen geflohen kommt sie ebenfalls als Flüchtling nach Machandel und heiratet schließlich den Mann, den sie gesund gepflegt hat. Sie ist um viele Jahre jünger als er und über die Jahre entfremden sich die beiden immer mehr.

Als Tochter der beiden genießt Clara in der DDR gewisse Privilegien – sie bekommt einen Studienplatz, kann promovieren – und auch Geld ist meist kein Thema, obwohl es ihr immer mehr zuwider wird, das Geld ihrer Eltern anzunehmen und dies immer häufiger zum Streitpunkt in ihrer Ehe wird.

Michael, ihr Ehemann, hat meist weniger Skrupel die Hilfen der Schwiegereltern anzunehmen und nach den chaotischen Jahren der Wendezeit, in welcher sich immer mehr Unstimmigkeiten in die Beziehung zwischen Clara und ihm einschleichen, verlässt er sie und Deutschland nach der Wiedervereinigung und geht zum Arbeiten in die Schweiz. Die Ehe zerbricht.

Ausgangspunkt und sehr wichtiges Thema im Roman ist der große Verlust, den Clara empfindet, als sie ihren Bruder Jan verabschieden muss und verliert. Denn dieser stellt einen Ausreiseantrag, nachdem er aufgrund systemkritischer Fotos und journalistischer Berichterstattung im Gefängnis sitzen musste und er ist es auch, der – bevor er das Land in den 80er Jahren für immer verlässt – mit Clara nochmal den Ort besuchen möchte, der seine Kindheit geprägt hat und von dem er sich noch verabschieden möchte: Machandel.

Je mehr ich schreibe, desto mehr merke ich: ich kann nicht alles beschreiben und aufführen, was mich nach dieser Lektüre beschäftigt. Es ist schwierig bis unmöglich, all die Handlungsstränge, Figuren (da wären auch noch Natalja, Emma, Marlene usw.) und Themen des Romans angemessen in einer Rezension zu beschreiben und dem Buch gerecht zu werden, denn Regina Scheer fächert ein wahres Kaleidoskop deutsch-deutscher Geschichte und eine Fülle an menschlichen Dramen und persönlicher Lebensgeschichten auf. Es geht um Flucht, Vertreibung, Zwangssterilisierung, Missbrauch und Diktatur. Da gibt es so vieles in der Geschichte zu entdecken und auch so vieles, über das es sich nachzudenken lohnt. Daher muss man Regina Scheers‘ Roman am besten selbst lesen. Die Lektüre lohnt sich und jeder wird das Buch für sich mit unterschiedlichen Aspekten und Schwerpunkten anders lesen und empfinden.

Gleichfalls gibt es so viele wunderbare Textstellen und Zitate in diesem Roman, dass es mir schwer fiel, mich zu entscheiden. Aber die folgenden Zeilen drücken für mich die ehrliche Auseinandersetzung mit der Wendezeit aus, denn neben aller Freude und Euphorie, gab es auch Zwiespältigkeit und Wehmut:

„An die neue Freiheit, die Offenheit, die wir ja gewollt hatten, gewöhnten wir uns schnell. Jahrelang hatten sich die politischen Gespräche auf unsere Wohnzimmer, die Küchen, vielleicht noch die Kneipen beschränkt, doch plötzlich weiteten sich die Räume, die Gespräche fanden in aller Öffentlichkeit statt, der Ton änderte sich. Alle hatten wenig Zeit und rannten neuen Zielen nach.“

(S.249)

Ein großartiges, erfüllendes Buch, das in einer wunderbaren, melodiösen Sprache geschrieben ist, das nachdenklich werden lässt, bewegt und deutsche Geschichte lebendig macht. Mit Sicherheit kein Geheimtipp: aber wer sich anlässlich des 30-Jährigen Jubiläums wie ich wieder einmal etwas näher mit dem Thema DDR und Wiedervereinigung auseinandersetzen möchte, ist hier an einer hervorragenden Adresse. Für mich war es jetzt wohl der richtige Moment für dieses Buch und doch hätte ich es viel früher lesen sollen.

Buchinformation:
Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Machandel“:

Für den Gaumen:
Immer wieder beschreibt Scheer im Buch, dass an den Esstischen viel diskutiert wurde – sie waren und sind Treffpunkt und soziale Verbindung zwischen den Menschen. Die Gespräche und Diskussionen über die DDR und der Wunsch nach Freiheit standen bei Clara und ihren Freunden im Mittelpunkt – nicht so sehr das Essen. Doch einmal wird beschrieben, dass ein „scharfes, ungarisches Gulasch“ und Rotwein serviert wurde – etwas, das man gut vorbereiten und warmhalten kann und das dem Gastgeber dann Zeit für seine Gäste lässt.

Zum Weiterschauen:
Als ich „Das Leben der Anderen“ zum ersten Mal gesehen habe, war ich zutiefst erschüttert und aufgewühlt. Der oscar-prämierte Film aus dem Jahr 2006 ist großes Kino mit einer erstklassigen Besetzung (u.a. Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch und Ulrich Tukur) und setzt sich ernsthaft und kritisch mit der DDR und dem Staatssicherheits-Apparat auseinander.

Zum Weiterlesen:
Nach einem Besuch in Leipzig vor einiger Zeit, der mich natürlich auch in die wunderbare Nikolaikirche geführt hatte, habe ich das Buch von Christian Führer gelesen. Dem Pfarrer der Nikolaikirche, der die damaligen Friedensgebete initiiert, die friedliche Revolution mit geprägt hat und der in seiner Autobiografie beschreibt, wie er diese Zeit erlebt hat und was es bedeutete Pastor in der DDR zu sein. Ein großartiger Mensch, der leider 2014 verstorben ist und ein Buch, das mich tief berührt hat und das ich wärmstens empfehlen kann.

Christian Führer, Und wir sind dabei gewesen
Ullstein
ISBN: 9783548609843