Ort für die Seele

Kaum ein Ort vereint die wechselvollen Kapitel der deutschen Geschichte der letzten 100 Jahre so konzentriert in sich wie ein kleines, feines Holzhaus am Glienicker See in der Nähe Potsdams. Thomas Harding erzählt in „Sommerhaus am See“ die Geschichte dieses Sommerhauses und seiner Bewohner: Fünf Familien und 100 Jahre deutscher Geschichte so lautet der Untertitel.

Ein Sachbuch, das sich sehr flüssig und spannend – nahezu wie ein Roman – liest und den Leser immer wieder ungläubig staunen lässt, was dieses Kleinod am Glienicker See und seine Bewohner alles erleben durften und mussten. Eine wechselvolle und eindrucksvolle Geschichte, die den Bogen spannt vom Jahre 1890 über das Baujahr 1927 bis zum Jahre 2015.

Thomas Harding ist der Enkel bzw. der Urenkel des Erbauers und ersten Besitzers des Sommerhauses – gemeinsam mit seiner Großmutter besucht er 1993 nach der Wende das Haus zum ersten Mal. Im Jahre 2013 sieht er das mittlerweile völlig verfallene Haus wieder, rettet es vor dem Abriss und macht es sich zur Lebensaufgabe, dieses als Erinnerungsort zu erhalten, seine Geschichte und die der Bewohner zu erzählen. Das Buch ist das Ergebnis seiner umfangreichen Recherchen und ist zugleich ein wahres Kaleidoskop deutscher Zeitgeschichte.

Zunächst erzählt der Autor die Geschichte des Orts Glienicke und des Ritterguts des Otto von Wollank, der sich dort zwischen 1890 und den 1920er Jahren vor den Toren Berlins ein florierendes Gut aufbaute und großzügigen Grundbesitz erwarb. Nach politisch turbulenten Zeiten und Kriegsjahren entschied dieser sich 1927, Teile seines Grundbesitzes zu verpachten, zumal es für wohlsituierte Berliner Familien immer mehr in Mode kam, sich ein Wochenenddomizil in der Natur am Wasser zu schaffen.

Die jüdische Familie Alexander findet so dort ihren Lieblingsort und errichtet sich ein gemütliches Holzhaus am Glienicker See. Für eine der Töchter und spätere Großmutter Thomas Harding’s Elsie brechen glückliche Tage an und sie wird die zunächst unbeschwerten Aufenthalte mit ihrer Familie im Haus nie vergessen.

Doch als nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten die Einschränkungen und die Gefahr für die jüdische Bevölkerung immer mehr zunimmt, wandert sie schließlich mit ihrer Familie nach Großbritannien aus – sie müssen das Haus und ihren Besitz zurücklassen.

Danach übernimmt der Musikverleger Will Meisel das Feriendomizil und bewohnt es in den Vierziger Jahren und während der Zeit des zweiten Weltkriegs. Später ziehen weitere Familien in das Haus, erleben dort die russische Besatzung und den Mauerbau. Die Mauer wurde quer durch den Garten des Anwesens am Seeufer gebaut.

„1959 hieß es in der Berliner Morgenpost: (…) Wer heute nach Berlin reist, sollte auch nach Groß Glienicke fahren. … Nicht nur wegen des herrlichen Ausblicks und der schönen Badestellen am See. Denn: Glienicke ist mehr als eine hübsche Villenkolonie. Glienicke ist für Berlin-Besucher politischer Anschauungsunterricht im Freien. Hier, am Beispiel einer kleinen Siedlung, wird besonders deutlich, wie unsinnig die Teilung unserer Stadt ist.“

(S.235/236)

Weitere Bewohner des Hauses erleben die DDR-Zeit und die Zeit des Umbruchs. Nach der Wende verfällt das Häuschen zunehmend und steht schließlich leer. Als es schließlich abgerissen werden soll, rettet Thomas Harding mit zahlreichen Helfern und Mitstreitern das geschichtsträchtige Gebäude und heute steht es unter Denkmalschutz.

Ein großartiges, pralles und wunderbar flüssig lesbares Sachbuch, das anhand eines kleines Sommerhäuschens die gesamte deutsche Geschichte der letzte 100 Jahre erfahrbar macht. Illustriert mit zahlreichen Fotografien und anhand der biografischen Skizzen der Bewohner, wird dem Leser klar, welch wechselvolle Geschichte dieser besondere Ort in der Nähe Potsdams aufzuweisen hat.

Eine unglaubliche und intensive Geschichte, die Thomas Harding hier recherchiert und zusammengetragen hat und die sich zu lesen lohnt.
Schön, dass es ihm gelungen ist, dieses Haus als Gedenk- und Erinnerungsort zu erhalten und jetzt zu einem Ort der Bildung und Versöhnung zu entwickeln.

„Als ich an diesem Tag über den See blickte, begriff ich endlich, warum alle Bewohner des Hauses so an ihm hingen. Trotz aller Schwierigkeiten, die das Leben so mit sich brachte, trotz aller Umbrüche war es tatsächlich ein Ort für die Seele.“

(S.360)

Buchinformation:
Thomas Harding, Sommerhaus am See
dtv
ISBN: 978-3-423-34935-2

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Sommerhaus am See“:

Zum Weiterklicken und Weiterschauen:
Auf der Internetseite des Alexanderhauses kann man anhand zahlreicher Bilder einen schönen Eindruck von diesem Kleinod gewinnen. Zudem bietet die Seite neben einem 44-minutigen Dokumentarfilm zahlreiche Hintergrundinformationen zur Geschichte und der heutigen Nutzung des Hauses. Ein Besuch des Anwesens, das heute Bildungs- und Begegnungsstätte ist und besucht werden kann (lediglich aktuell aufgrund der Pandemie geschlossen ist) steht unbedingt auf meinem Plan.

Zum Weiterhören:
Die Ehefrau des zweiten Besitzers des Sommerhauses Will Meisel war der Filmstar Eliza Illiard, die unter anderem in der Operettenverfilmung von Lehar’s „Paganini“ die Rolle der Anna Elisa spielte. Eine Operette, die aber vor allem durch Richard Tauber bekannt geworden war und unter anderem das bekannte Stück „Gern hab ich die Fraun geküsst“ enthält.

Zum Weiterlesen:
Mein fortführender Lesetip ist heute ein weiteres großartiges Buch, das ebenfalls die Geschichte eines Hauses und seiner Bewohner erzählt. Die Autorin lässt das Haus sogar selbst zu Wort kommen. Es handelt sich um Regina Scheer’s „Gott wohnt im Wedding“, das ich vor einiger Zeit hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe. Ebenfalls ein wunderbarer Roman, der Zeitzeugen eine Stimme gibt.

Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding
Penguin
ISBN: 978-3-328-10580-0

Abschied vom anderen Leben

Reinhard Kuhnert’s Roman „Abgang ist allerwärts“ ist seine sehr persönliche, künstlerische und literarisch herausragende Auseinandersetzung mit einer entscheidenden Phase seines Lebens. Der Literat und Theaterautor fällt in den frühen 80er Jahren bei der SED-Parteispitze in Ungnade und verlässt letztlich sein Land. Eine Geschichte, die tief berührt und für den Leser eindrücklich erfahrbar macht, was Diktatur und Zensur für die Kunst und Kultur in einem Land – wie der ehemaligen DDR – bedeutet.

Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – ist Künstler. Er schreibt unter anderem für die führenden Bühnen des Landes, ist gerade in Künstlerkreisen hoch angesehen und erfolgreich. Da ihm das Leben in Ostberlin oft zu laut und hektisch ist, sucht er in einem einsamen Mecklenburger Dorf an der Grenze zu Polen einen Rückzugsort und findet in einem alten Fachwerkhaus, das er günstig erwerben kann und anschließend renoviert, sein ganz persönliches Refugium, um in Ruhe arbeiten und schreiben zu können. Schon bald stellt sich heraus, dass dies keine Flucht in die Einsamkeit ist, sondern er bald ein integrierter Teil der kleinen Dorfgemeinschaft wird. Die Bewohner – nachdem er ihr Vertrauen und ihre Zuneigung gewonnen hat – vertrauen ihm bald auf der Straße, im kleinen Konsum und der Dorfkneipe ihre ganz persönlichen Geschichten und Lebensschicksale an und wachsen ihm ans Herz. Schnell ist der Ort nicht mehr Zweitwohnsitz, sondern sein Lebensmittelpunkt, sein Zuhause, sein Herzensort.

Schon bald jedoch verspürt er die volle Wucht und Unnachgiebigkeit des Systems, als er für einige „verfemte“ Künstlerkollegen Stellung bezieht. Ein unachtsamer Moment, eine unbedachte Aussage bzw. auch nur eine Äußerung, die politisch unerwünscht ist, reicht, um dauerhaft in Ungnade zu fallen.

„Dabei hätte ihm klar sein müssen, dass er nach der öffentlichen Aufmerksamkeit im Roten Rathaus nicht nur mit der öffentlichen Aufmerksamkeit, sondern auch mit der versteckten rechnen musste.“

(S.49)

Vorbei die Zeit der Erfolge und plötzlich hagelt es Absagen und Zurückweisungen. Ein Stück wird noch vor der Premiere abgesagt, der Hörfunk weigert sich, seine Texte zu senden. Seine Werke werden ignoriert, boykottiert und zensiert. Funktionäre der Partei versuchen, ihn wieder auf Spur zu bringen, setzen ihn unter Druck.

„Die Charaktere in meinen Texten haben bis gestern gesprochen, inzwischen wird alles daran gesetzt, sie zum Schweigen zu bringen. Ihre Misstöne sind im verordneten Gleichklang nicht länger erwünscht, und nun wird der Autor dafür haftbar gemacht.“

(S.132)

Nach und nach reift in ihm die Überlegung, seiner Heimat – diesem „halben“ Land – den Rücken zu kehren, die geliebten Menschen zurück zu lassen und schweren Herzens fasst er die Entscheidung, einen Ausreiseantrag zu stellen. Eine Zeit des bangen Wartens und der Ohnmacht beginnt.

„Dennoch hatte Effert unentwegt das Gefühl, Teil einer Inszenierung zu sein, bei der nicht er die Regie führte.“

(S. 152)

Kuhnert hat ein intensives, berührendes Buch über Verluste und Abschiede geschrieben, denn wie die Dorfbewohner stets kommentieren: „Abgang ist allerwärts“. Ob es die Möbel aus dem alten Schloss sind, die „verloren“ gehen oder ob die Dorfgemeinschaft geliebte Menschen an den Alkohol, den Tod oder die Nachbarrepublik verliert. Und dennoch bietet auch jeder Verlust und jeder Abschied wieder die Chance eines Neubeginns.

Der Autor hat ein hervorragendes Gespür für die Zeichnung von Figuren und Charakteren, die er mit viel Liebe zum Detail und sehr warmherzig für den Leser zum Leben erweckt. Menschen direkt aus dem Leben gegriffen, mit denen man sich mitfreut und mit denen man leidet. Ein Buch über Menschlichkeit, Zusammenhalt und Freundschaft, denn es sind die Bewohner dieses kleinen Dorfs, die in der Krisensituation zu ihm halten – während sich die Künstlerszene aus Selbstschutz von ihm abwendet.

Der Autor hat ein leises, poetisches und melodiöses Buch verfasst, in welchem er seine ganz persönliche Geschichte erzählt und man merkt in jeder Zeile, auf jeder Seite, wie viel es ihm bedeutet, diese in Worte zu fassen – eine wahre Herzensangelegenheit. Sein Abschied – vor allem von den Dorfbewohnern und seinem „anderen Leben“, wie er es nennt, war ihm damals nicht leicht gefallen und er lässt die Leser an dieser schmerzvollen und prägenden Phase seines Lebens teilhaben. Das ist keine wütende Abrechnung, sondern er hat mit etwas zeitlicher Distanz einen klugen und eindringlichen Roman über die Zensur und das Leben von Künstlern in einer Diktatur geschrieben – ein Buch mit einer starken Aussage und die literarisch kunstvolle Aufarbeitung eines wichtigen Themas.

Reinhard Kuhnert hat – wie sein Romanpendant Elias Effert – Mitte der 80 Jahre die DDR verlassen und schrieb seither erfolgreich für Theater, Funk und Fernsehen. Sein Roman „Abgang ist allerwärts“ erschien ursprünglich 2013 im Leipziger Plöttner Verlag und liegt nun seit kurzem als vollständig überarbeitete Neuauflage im Mirabilis Verlag in einer schönen gebundenen, wertigen Ausgabe mit Lesebändchen und einer stimmungsvollen Umschlaggestaltung von Florian L. Arnold vor.

Ein Buch voller Herzenswärme und Lebensweisheit, eine Hymne auf den hohen Wert von Literatur, Kunst und Meinungsfreiheit und ein Roman, der aufgrund seiner wunderschönen Sprache ein wahrer Lesegenuss ist.

Eine weitere Besprechung zum Buch gibt es bei We read indie.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Fr. Böllinger von Sätze&Schätze, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat . Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Reinhard Kuhnert, Abgang ist allerwärts
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-9818484-3-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Abgang ist allerwärts“:

Für den Gaumen:
Die Dorfbewohner verwöhnen Elias an einem kalten Wintertag in schwerer Zeit mit den einfachen und guten Lebensmitteln, die sie mit ihm teilen: Eier, Schinkenspeck, hausgemachte Schweinswurst, ein Suppenhuhn und das dazugehörige Gemüse. Ehrliche Produkte, die von Herzen kommen und die Seele wärmen sollen.

Zum Weiterhören:
Eine weitere Sicht eines Künstlers und Theatermenschen auf die Zeit in der ehemaligen DDR bietet das Hörbuch zur Autobiografie „Soundtrack meiner Kindheit“ , das Jan-Josef Liefers selbst eingesprochen hat. Kurzweilig und amüsant erzählt er über seine Kindheit und das Heranwachsen in der DDR, seine Schauspielausbildung und wie er den Mauerfall hautnah selbst erlebt hat.

Jan-Josef Liefers, Soundtrack meiner Kindheit
Autorenlesung
Argon
Laufzeit (4CDs): 4h 31 Minuten
ISBN: 978-3-8398-9042-4

Zum Weiterlesen (1):
Ebenfalls im Mirabilis Verlag erschienen ist die Fortsetzung der Geschichte Elias Efferts „In fremder Nähe“, welche direkt an „Abgang ist allerwärts“ anknüpft und die Zeit nach der Ausreise des Künstlers in Westberlin und während der Wende erzählt. Die Neugier meinerseits auf den Folgeroman ist auf jeden Fall geweckt:

Reinhard Kuhnert, In fremder Nähe
Mirabilis
ISBN: 978-3-9818484-9-6

Zum Weiterlesen (2):
Elias Effert – die Hauptfigur des Romans – reist nach Westberlin, um dort zu Kurt Eisner zu recherchieren – er möchte ein Stück über den linken, sozialdemokratischen Politiker schreiben, der kurz Bayern regierte. Informationen über ihn waren in der DDR nicht zugänglich und wurden unter Verschluss gehalten. Wer heute jedoch mehr über Kurt Eisner und die turbulente Zeit der Münchner Räterepublik erfahren möchte, der kann – ohne Einschränkungen – gerne zu Volker Weidermanns „Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen“ greifen – eine gelungene literarische Annäherung an diese Zeit.

Volker Weidermann, Träumer – Als die Dichter die Macht übernahmen
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-04714-1

Spiegelnde Wirklichkeiten

Deborah Levy hat mit ihrem neuen Roman „Der Mann, der alles sah“ etwas geschafft, das außergewöhnlich ist: Sie wurde für ihr drittes Werk in Folge für den renommierten Booker Prize nominiert. Ein kunstvolles, vielschichtiges und anspruchsvolles Buch, das für aufmerksame und konzentrierte Leser, die sich darauf einlassen, eine besondere Magie entfaltet.

1988 – London, Abbey Road – es kracht. Ein junger Mann, der sich auf dem berühmtesten Zebrastreifen der Welt in Beatles-Manier von seiner Freundin fotografisch verewigen lassen möchte, wird von einem unachtsamen Autofahrer angefahren. Und als ob dies noch nicht genug wäre, eröffnet ihm die Fotografin Jennifer kurz danach, dass sie nicht auf ihn warten wird, wenn er demnächst nach Ostberlin gehen wird, um dort den Kommunismus – sein wissenschaftliches Fachgebiet an der Universität – weiter zu erforschen. Sie macht mit ihm Schluss.

Der Ich-Erzähler Saul macht sich verwirrt und verunsichert auf in die DDR und wird dort von seinem Gastgeber Walter in Empfang genommen. Dieser zeigt ihm Land und Leute und bringt ihn bei seiner Familie unter, erklärt ihm seine Sicht auf den Sozialismus. Saul Adler, der aus einer jüdischen Familie stammt und bereits früh seine Mutter verloren hat, verliebt sich in ihn.

„ „Was Sie auch tun“, sagte er, „wenn Sie Ihren Bericht über unsere Republik verfassen, schreiben Sie nicht, dass alles grau und bröckelig war, mit Ausnahme der farbenfrohen Unterbrechung durch an Gebäuden angebrachte rote Fahnen.“ “

(S.57)

Walter’s jüngere Schwester Luna, für die es bereits an eine Katastrophe grenzt, dass Saul das heiß ersehnte Gastgeschenk in Form einer Dose Ananas für ihren Geburtstagskuchen vergessen hat, ist eine ängstliche, junge Frau, die sich am liebsten aus dem System davonstehlen würde. Sie hat Sehnsüchte und Träume, die sie in der DDR nicht ausleben kann. Und auch mit ihr beginnt Saul eine Affäre, so dass er sich bald in völligem Gefühlschaos und einer komplizierten Dreiecksbeziehung wiederfindet, die keine Zukunft hat, zumal er wieder nach London zurückkehren muss.

Und wie ist er dann auf einmal wieder auf die Abbey Road und ins Krankenbett gekommen? Und was macht seine Ex-Freundin Jennifer an seinem Bett?

Nichts ist, wie es scheint und mehr als einmal hat man bei der Lektüre das Gefühl eines Déjà-vue. Traum, Wahn und Wirklichkeit zerfließen ineinander und es wird zunehmend schwer, Ordnung in die Gedankenwelt des Erzählers zu bringen. Ist all das nur eine Fieber- oder Komafantasie? Delirium oder doch Realität? Zeit und Raum lösen sich auf, verschwimmen und offenbaren unterschiedliche Schichten in der Wahrnehmung. Ein kunstvolles, literarisches Gewebe, das den Leser fordert, aber auch durch Raffinesse beeindruckt – ein kluges, intelligentes und verblüffendes Buch, das immer wieder mit einer Wendung oder Überraschung aufwartet.

Ich mochte, wie Levy atmosphärisch Sauls Zeit in Ostberlin schildert, die Beschreibung der Datsche und das Bild, das die Autorin vom Leben in der DDR vor den Augen des Lesers zum Leben erweckt. Einer Welt, die kurz vor dem Zusammenbruch steht – 1988, die Wende war nicht mehr weit und auch Saul hat Visionen, dass das Ende bereits nah ist.

Beeindruckt hat mich der sehr frisch und nahezu jugendlich anmutende Sound des Romans, mit dem die 1959 geborene Autorin sich sehr direkt und unmittelbar an ihr Lesepublikum wendet. Somit kommt man sofort in einen wunderbaren Lesefluss und fühlt mit den Figuren, die auf der Suche nach sich selbst und ihrer Identität sind. Zudem versteht Levy es gekonnt, mit sprachlichen Bildern zu arbeiten – immer wieder spielen z.B. Fotografien oder Spiegel eine zentrale Rolle, die den vielschichtigen Charakter und die verschiedenen Ebenen der Wahrnehmung auch sprachlich intensivieren.

Das ist große Literatur über die Macht der Bilder, über das Aufeinandertreffen von Systemen, die Vielfalt und Diversität von zwischenmenschlichen Beziehungen, aber auch über unerfüllte Sehnsüchte und Wünsche. Verwirrend und schön zugleich. Ein Roman wie ein Rausch über die Liebe, die Endphase der DDR, sowie über die Sehnsucht nach Freiheit und einem selbstbestimmten Leben.

Es bleibt abzuwarten, ob Deborah Levy mit dem nächsten Werk erneut für den Booker Prize nominiert wird und ihn dann auch einmal zugesprochen bekommt. Eine interessante, spannende und außergewöhnliche Autorin ist die in Südafrika geborene Britin, die jetzt in London lebt, auf jeden Fall und ich werde ihr Schaffen sicherlich weiter verfolgen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Deborah Levy, Der Mann, der alles sah
Aus dem Englischen von Reinhild Böhnke
Kampa
ISBN: 978 3 311 10028 7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Mann, der alles sah“:

Für den Gaumen:
Dosenananas sind jetzt wahrlich nicht der kulinarische Hochgenuss, den ich unbedingt empfehlen will, aber sie spielen im Roman eine zentrale Rolle und stehen unter anderem symbolisch für das Unerreichbare, Exotische und Begehrte aus dem Westen, das in der DDR nicht oder nur schwer zu bekommen war.

Zum Weiterhören:
Luna ist verrückt nach den Beatles, dem Album „Abbey Road“ und vor allem dem Song „Penny Lane“ – sie wünscht sich nichts sehnlicher, als die wahre Penny Lane in Liverpool besuchen zu können. Die Sehnsucht nach Freiheit und der Möglichkeit, reisen zu können, all das und noch viel mehr steckt für Luna in diesem Lied.

Zum Weiterlesen:
Einen Roman, den ich vor kurzem bereits ausführlicher hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe, der sich ebenfalls eindrucksvoll, aber auf ganz andere Art und Weise mit der Thematik des Zerfalls der DDR auseinandersetzt und mich sehr bewegt hat, ist „Machandel“ von Regina Scheer. Als gebürtige Ost-Berlinerin berichtet sie aus eigener Erfahrung und hat somit einen noch direkteren Zugang und Bezug zum Leben in der ehemaligen DDR als Deborah Levy.

Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

30 Jahre Deutsche Einheit

Am 3. Oktober – dem Tag der deutschen Einheit – war es für mich Zeit, einen weiteren Regalschlummerer ans Licht zu holen: „Machandel“ von Regina Scheer. Aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums dieses denkwürdigen Tages habe ich nach einer passenden Lektüre gesucht, habe mit diesem großartigen Roman die perfekte Lösung gefunden und mich dann gefragt, wieso ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe.

Die Autorin, die 1950 in Berlin geboren ist, hat einen großen Familienroman verfasst, der einen weiten, zeitlichen Bogen vom zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung und der Zeit danach spannt, aber den Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1985 und 1990 legt, als die DDR unterging.

Machandel ist ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern und Clara Langner – die Hauptfigur des Romans – besitzt dort eine Sommerkate. Ein kleines, baufälliges Häuschen und ein Rückzugsort, um dem lauten und hektischen (Ost-)Berlin von Zeit zu Zeit in die Natur zu entfliehen. Aber auch ein geschichtsträchtiger Ort für ihre Familie, wie man in den Kapiteln des Romans, die jeweils aus verschiedenen Perspektiven und der Sicht der unterschiedlichen Bewohner sowie der Familienmitglieder Claras erzählt sind, erfährt.

Clara ist die Tochter von Hans Langner, einem hochrangigen Funktionär der Partei und Staatsminister. Im zweiten Weltkrieg wurde dieser von den Nazis als Kommunist verfolgt, ins KZ gesperrt, überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen und wurde in Machandel von der Russin Natalja versteckt und gerettet. Ereignisse, die ihn sein Leben lang verfolgen und prägen.

Auch Johanna – seine spätere Frau – lernt er dort kennen. Aus Ostpreußen geflohen kommt sie ebenfalls als Flüchtling nach Machandel und heiratet schließlich den Mann, den sie gesund gepflegt hat. Sie ist um viele Jahre jünger als er und über die Jahre entfremden sich die beiden immer mehr.

Als Tochter der beiden genießt Clara in der DDR gewisse Privilegien – sie bekommt einen Studienplatz, kann promovieren – und auch Geld ist meist kein Thema, obwohl es ihr immer mehr zuwider wird, das Geld ihrer Eltern anzunehmen und dies immer häufiger zum Streitpunkt in ihrer Ehe wird.

Michael, ihr Ehemann, hat meist weniger Skrupel die Hilfen der Schwiegereltern anzunehmen und nach den chaotischen Jahren der Wendezeit, in welcher sich immer mehr Unstimmigkeiten in die Beziehung zwischen Clara und ihm einschleichen, verlässt er sie und Deutschland nach der Wiedervereinigung und geht zum Arbeiten in die Schweiz. Die Ehe zerbricht.

Ausgangspunkt und sehr wichtiges Thema im Roman ist der große Verlust, den Clara empfindet, als sie ihren Bruder Jan verabschieden muss und verliert. Denn dieser stellt einen Ausreiseantrag, nachdem er aufgrund systemkritischer Fotos und journalistischer Berichterstattung im Gefängnis sitzen musste und er ist es auch, der – bevor er das Land in den 80er Jahren für immer verlässt – mit Clara nochmal den Ort besuchen möchte, der seine Kindheit geprägt hat und von dem er sich noch verabschieden möchte: Machandel.

Je mehr ich schreibe, desto mehr merke ich: ich kann nicht alles beschreiben und aufführen, was mich nach dieser Lektüre beschäftigt. Es ist schwierig bis unmöglich, all die Handlungsstränge, Figuren (da wären auch noch Natalja, Emma, Marlene usw.) und Themen des Romans angemessen in einer Rezension zu beschreiben und dem Buch gerecht zu werden, denn Regina Scheer fächert ein wahres Kaleidoskop deutsch-deutscher Geschichte und eine Fülle an menschlichen Dramen und persönlicher Lebensgeschichten auf. Es geht um Flucht, Vertreibung, Zwangssterilisierung, Missbrauch und Diktatur. Da gibt es so vieles in der Geschichte zu entdecken und auch so vieles, über das es sich nachzudenken lohnt. Daher muss man Regina Scheers‘ Roman am besten selbst lesen. Die Lektüre lohnt sich und jeder wird das Buch für sich mit unterschiedlichen Aspekten und Schwerpunkten anders lesen und empfinden.

Gleichfalls gibt es so viele wunderbare Textstellen und Zitate in diesem Roman, dass es mir schwer fiel, mich zu entscheiden. Aber die folgenden Zeilen drücken für mich die ehrliche Auseinandersetzung mit der Wendezeit aus, denn neben aller Freude und Euphorie, gab es auch Zwiespältigkeit und Wehmut:

„An die neue Freiheit, die Offenheit, die wir ja gewollt hatten, gewöhnten wir uns schnell. Jahrelang hatten sich die politischen Gespräche auf unsere Wohnzimmer, die Küchen, vielleicht noch die Kneipen beschränkt, doch plötzlich weiteten sich die Räume, die Gespräche fanden in aller Öffentlichkeit statt, der Ton änderte sich. Alle hatten wenig Zeit und rannten neuen Zielen nach.“

(S.249)

Ein großartiges, erfüllendes Buch, das in einer wunderbaren, melodiösen Sprache geschrieben ist, das nachdenklich werden lässt, bewegt und deutsche Geschichte lebendig macht. Mit Sicherheit kein Geheimtipp: aber wer sich anlässlich des 30-Jährigen Jubiläums wie ich wieder einmal etwas näher mit dem Thema DDR und Wiedervereinigung auseinandersetzen möchte, ist hier an einer hervorragenden Adresse. Für mich war es jetzt wohl der richtige Moment für dieses Buch und doch hätte ich es viel früher lesen sollen.

Buchinformation:
Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Machandel“:

Für den Gaumen:
Immer wieder beschreibt Scheer im Buch, dass an den Esstischen viel diskutiert wurde – sie waren und sind Treffpunkt und soziale Verbindung zwischen den Menschen. Die Gespräche und Diskussionen über die DDR und der Wunsch nach Freiheit standen bei Clara und ihren Freunden im Mittelpunkt – nicht so sehr das Essen. Doch einmal wird beschrieben, dass ein „scharfes, ungarisches Gulasch“ und Rotwein serviert wurde – etwas, das man gut vorbereiten und warmhalten kann und das dem Gastgeber dann Zeit für seine Gäste lässt.

Zum Weiterschauen:
Als ich „Das Leben der Anderen“ zum ersten Mal gesehen habe, war ich zutiefst erschüttert und aufgewühlt. Der oscar-prämierte Film aus dem Jahr 2006 ist großes Kino mit einer erstklassigen Besetzung (u.a. Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch und Ulrich Tukur) und setzt sich ernsthaft und kritisch mit der DDR und dem Staatssicherheits-Apparat auseinander.

Zum Weiterlesen:
Nach einem Besuch in Leipzig vor einiger Zeit, der mich natürlich auch in die wunderbare Nikolaikirche geführt hatte, habe ich das Buch von Christian Führer gelesen. Dem Pfarrer der Nikolaikirche, der die damaligen Friedensgebete initiiert, die friedliche Revolution mit geprägt hat und der in seiner Autobiografie beschreibt, wie er diese Zeit erlebt hat und was es bedeutete Pastor in der DDR zu sein. Ein großartiger Mensch, der leider 2014 verstorben ist und ein Buch, das mich tief berührt hat und das ich wärmstens empfehlen kann.

Christian Führer, Und wir sind dabei gewesen
Ullstein
ISBN: 9783548609843