Eine große Stimme

Ein kleiner Mann – nur 1,54 Meter groß – mit einer großen, unvergesslichen Stimme: der jüdische Operntenor Joseph Schmidt. Ihm setzt Stefan Sprang mit seiner Romanbiografie „Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt“ ein Denkmal und lässt den Leser die Höhen und Tiefen des viel zu kurzen Lebens gemeinsam mit dem Sänger durchleben. Eine Hommage an einen außergewöhnlichen und großartigen Künstler.

Schmidt wird am 4. März 1904 in Davideny (Bukowina) im damaligen Österreich geboren. Als Sohn jüdischer Eltern wächst er behütet und geliebt auf und schon früh fasziniert ihn die Musik und das Grammophon im nahen Gasthaus. Die Familie lebt und praktiziert den jüdischen Glauben und schon bald darf der musikalische und begabte Junge in der Dorfsynagoge als Solist singen. Sein Glaube bleibt ihm sein Leben lang Zuflucht.

„Wie genau sich dir all das eingeprägt hat. Als hättest du damals schon gewusst, dass einmal Tage kommen werden, an denen du jede Erinnerung brauchst.“

(S.43)

Doch er bereitet den Eltern auch Sorgen, denn sein Wachstum stockt und er wird gerade einmal 1,54 m groß – Besuche bei Ärzten ergeben nichts. Kann man mit dieser Statur ein großer Opernsänger werden? Denn schon bald ist klar, dass dies Joseph’s großer Wunsch ist. Er studiert in Berlin Gesang und verzeichnet erste Erfolge im Rundfunk und bei Schallplattenaufnahmen.

Sein „blendend glanzvoller Höhentenor“ zaubert den Menschen – und vor allem auch den Frauen – ein Strahlen auf die Gesichter. Er wird zum gefeierten Star – ohne dass er sich zunächst wirklich in der Öffentlichkeit oder auf der Bühne präsentiert. Doch schon bald zieht es ihn auch zum Film und auf die Bühne, wo Regisseure mit raffinierten Mitteln (u.a. durch Rampen, Podeste, Treppen und z.B. durch Einrahmen in größeren Menschengruppen) versuchen, die geringe Körpergröße geschickt zu kaschieren. Der ganz große Durchbruch auf der Bühne in den wichtigen Opernrollen des Tenorfachs bleibt ihm zwar verwehrt, aber vor allem in den Jahren 1929 bis 1933 erobert der Frauenheld das deutsche Publikum durch seine Plattenaufnahmen und Radioauftritte im Sturm.

Doch dann überschattet die Machtübernahme der Nationalsozialisten seine Karriere und obgleich er zunächst noch von Goebbels und dessen Funktionären hofiert wird, lehnt er das Angebot ab, seinen jüdischen Glauben aufzugeben und sich zum „Ehrenarier“ ernennen zu lassen.
Er übersiedelt nach Wien, um dem Regime ein erstes Mal zu entkommen. Dort wird der Frauenschwarm 1935 Vater eines Sohnes. Mit der Interpretation von Liedern wie „Heut ist der schönste Tag in meinem Leben“ oder „Ein Lied geht um die Welt“ feiert er große Erfolge und wird weltweit bekannt.

Doch – eigentlich Familienmensch und oft geplagt von großer Sehnsucht nach seiner Mamitschka – bleibt er stets ein Getriebener und Heimatloser, denn auch in Österreich holen ihn die Nationalsozialisten ein und er begibt sich wieder auf die Flucht. Leider unterschätzt er häufig die Gefahr und den Ernst der Lage und so irrt er heimat- und staatenlos durch Europa (Brüssel, Frankreich etc.), bemüht sich spät um ein Visum und verpasst die Gelegenheit der Ausreise nach Übersee. Nach illegalem Grenzübertritt wird er 1942 im Lager Girenbad in der Schweiz interniert. Sein Gesundheitszustand ist sehr angegriffen und er leidet an einer Herzschwäche, die nicht behandelt wird. Er verstirbt mit gerade einmal 38 Jahren.

Stefan Sprang erzählt Schmidt’s Leben in zahlreichen Szenen, die für mich stellenweise fast drehbuchartig anmuteten. Er beschreibt sehr intensive, sehr plastische und emotionale Momente mit großer Aussagekraft und bedient sich einer sehr liebevollen Art zu erzählen und zu formulieren. Der Autor wählt die künstlerisch freiere Form des Romans – nicht die einer klassischen Biographie – und springt so zwischen Zeiten und Orten. Manchmal hätte ich mir zwar ein wenig mehr verbindende Elemente und einen etwas stärker ausgeprägten roten Faden gewünscht, um den Überblick besser zu behalten. Doch die Lebensgeschichte kommt auch so im Herzen des Lesers an und man liest das Buch mit großer Sympathie und zunehmender Wehmut.

„Vielleicht weil man im Leben immer glücklich und unglücklich zugleich ist.“

(S.222)

Das Lebensschicksal Schmidts ist geprägt von Höhen und Tiefen und man leidet während der Lektüre stets mit. Im Nachgang und mit dem Wissen um seine Geschichte, möchte man ihn wachrütteln und ihm den Ernst der politischen Situation klarmachen, die er viel zu lange unterschätzt hatte. So ist der viel zu frühe und sinnlose Tod, der bei rechtzeitiger Behandlung der Krankheit vermeidbar gewesen wäre und das einsame Ende in einem Auffanglager, der tiefstmögliche Sturz nach einer großen, glanzvollen und glücklichen Karriere, die nur sehr kurz währte.

Ein trauriges, wehmütiges Buch, das von Stefan Sprang mit großem Respekt, viel Herz und tiefer Bewunderung und Liebe zum Menschen Joseph Schmidt verfasst ist und ihn in der Erinnerung der Leser weiterleben lässt. Ein Schicksal und eine große Persönlichkeit, die mich sehr berührt hat.

Buchinformation:
Stefan Sprang, Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt
Größenwahn Verlag
ISBN: 978-3-957712-38-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Ein Lied in allen Dingen – Joseph Schmidt“:

Zum Weiterhören (Teil 1):
Natürlich sollte man sich die unsterbliche Stimme Joseph Schmidts während oder nach der Lektüre des Romans anhören. Auch wenn die alten Aufnahmen natürlich nicht die beste Tonqualität haben, lässt sich der Zauber, der Glanz und die Leichtigkeit in Schmidts Stimme auch heute noch deutlich heraushören. Eine Jahrhundertstimme.

Zum Weiterhören (Teil 2):
Ein wunderschönes Lied, das im Roman vorkommt ist „Marietta’s Lied“ aus der Oper „Die tote Stadt“ des jüdischen Komponisten Erich Wolfgang Korngold. Für mich zählt dieses wehmütige, gefühlvolle Stück zu den emotionalsten und schönsten Arien der Opernmusik – „Glück, das mir verblieb…“.

Zum Weiterlesen:
Wenn man wie ich nicht genug vom Thema Oper bekommen kann und vor allem auch einmal den Blick hinter die Kulissen werfen will, dann kann ich die Memoiren von Brigitte Fassbaender sehr empfehlen. Sie beschreibt, was es bedeutet Opernsängerin und auch Opernregisseurin zu sein. Die Autobiografie einer starken Frau und Künstlerin, die ich mit großer Begeisterung gelesen habe:

Brigitte Fassbaender, Komm’ aus dem Staunen nicht heraus
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-74115-9

Ein Haus erzählt

Gott wohnt im Wedding“ von Regina Scheer ist ein wundervoller Roman, der die Lebensgeschichten verschiedener Bewohner eines Mietshauses im Berliner Stadtteil Wedding erzählt und gleichsam ein großes, vielseitiges Kaleidoskop an Themen deutscher Geschichte auffächert. Eine Ode auf das „Geschichten erzählen“ und das mündliche Weitergeben persönlicher Lebensgeschichten und Zeitzeugnisse an nächste Generationen.

„Ich kann niemanden warnen, kann meinen Bewohnern nicht sagen, dass ein Unglück geschehen wird. Ich weiß es, ich spüre es, ich sehe ja die Zeichen, aber was kann ich tun, als mit den Türen zu schlagen und den Putz rieseln zu lassen, mit den alten Dachbalken zu knarren oder mal einen Ziegelstein aus den Mauern fallen zu lassen.“

(S.8)

Immer wieder lässt die Autorin im Roman das alte Backsteinhaus selbst erzählen über seine Bewohner, die kamen und gingen, lachten, liebten, weinten und litten.
Erbaut im 19. Jahrhundert hat das Mietshaus im „roten Wedding“ vieles erlebt und vielem standgehalten – es bot eine Bühne für zahlreiche menschliche Begegnungen, Glücksmomente und Tragödien.

Da ist Gertrud – mittlerweile alt geworden – die von Geburt an im Haus wohnt und miterlebt hat, wie sich das Viertel und die Bewohner verändert haben. Im Zweiten Weltkrieg hat sie geholfen, zwei „U-Boote“, d.h. zwei jüdische, junge Männer zu verstecken, die versuchten, der Deportation zu entgehen: Manfred – ihre erste und einzige große Liebe – und seinen Freund Leo.

Leo, der gesehen hatte, wie Manfred vor Gertruds Wohnung aufgegriffen und abgeführt wurde, hat durch Glück überlebt und ging später nach Israel in einen Kibbuz. Mit mittlerweile weit über 90 Jahren kommt er zurück nach Berlin, in die Stadt, die er nie mehr sehen wollte. Er hat Erbschaftsdinge zu regeln und seine Enkelin begleitet ihn. Sie will mehr über ihre Familie erfahren und lässt sich von ihrem Großvater seine Geschichte erzählen. Leo hat Gertrud den vermeintlichen Verrat jedoch nie verziehen und scheut die erneute Begegnung mit ihr, zu der ihn die Enkelin ermutigen will, obwohl er dieser Frau doch auch viel zu verdanken hat.

Im Wohnhaus sind über die Jahre auch einige Sinti und Roma eingezogen. Menschen, die ebenfalls verfolgt und vertrieben wurden und auf der Suche nach einer neuen Heimat sind. Laila, die sich liebevoll um Gertrud und die anderen Hausbewohner kümmert, ist eine junge Sintiza – 1975 in Polen geboren – und blickt bereits auf eine bewegte Lebensgeschichte zurück. Ihre Erfahrungen mit Ämtern und Behörden, dem eigenen Kampf um Anerkennung und eine „Bleibeperspektive“ sowie ihre Bildung ermöglichen es ihr, auch anderen Menschen mit ähnlichem Schicksal zu helfen. Auch Laila will ihre Wurzeln verstehen und befragt ihre Großmutter Frana, die aus dem Zwangslager Marzahn nach Auschwitz-Birkenau kam und überlebt hat, nach ihrer Geschichte. Ihr Lebensweg führte über Polen zurück nach Deutschland.

Die junge Generation stellt Fragen zu Überleben und Leben – so erzählt Gertrud dem jungen Kunststudenten Stefan ihre Geschichte, Frana der Enkelin Laila und Leo seiner Enkelin Nira. Geschichten voller Trauer und Schmerz, Verlust und Wut, aber für alle drei scheint es auch eine Befreiung zu sein, von der Vergangenheit zu erzählen, sich die Ereignisse und Geschehnisse von der Seele zu reden.
Sie schließen eine Art Frieden mit sich und der Vergangenheit und wissen, dass die Geschichten nicht vergessen sind, sondern weiterleben. So sagt Frana zu Laila treffend:

„Was du weißt, ist nicht verloren.“

(S.311)

Wie schon bei „Machandel“ hat mich Regina Scheer vor allem durch ihre klangvolle, harmonische und wunderschöne Sprache begeistert. Sie hat ein untrügliches Gespür für Stimmungen und Szenen, die sehr subtil und warmherzig ein großes, stimmiges Gesamtbild erzeugen und für sehr menschliche Charaktere, die einem ans Herz wachsen.

Scheer ist eine großartige Geschichtenerzählerin und so schafft sie mit ihrem Buch auch das, was die älteren Figuren im Roman erreichen wollen, die Lebensgeschichten weiterzutragen, gegen das Vergessen anzukämpfen und den ermordeten und verfolgten Juden sowie Sinti und Roma ein Denkmal zu setzen.

Ein herausragender Roman über Verfolgung und Vertreibung, Aussöhnung und Vergebung, über Zeitzeugen und das Erzählen von Lebensschicksalen und -geschichten, der berührt und zu Herzen geht. Bald wird es die Möglichkeit, Berichte und Erfahrungen aus der Zeit des Holocaust aus erster Hand von überlebenden Zeitzeugen zu bekommen, nicht mehr geben. Um so wichtiger ist es, die Geschichten wachzuhalten und an nächste Generationen weiterzugeben.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Randomhouse und dem Penguin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding
Penguin
ISBN: 978-3-328-10580-0

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Gott wohnt im Wedding“:

Für den Gaumen:
Leo genießt in einem Berliner Lokal Piroggen einer polnischen Köchin, die ihm hervorragend schmecken. Die gefüllten Teigtaschen sind vor allem in der osteuropäischen Küche verbreitet und werden auch oft bei Festlichkeiten serviert.

Zum Weiterhören:
Auf Gertruds Grammophon hören Manfred, Leo und Gertrud gemeinsam Gustav Mahlers Dritte Sinfonie. Vor allem der vierte Satz (Sehr langsam, Misterioso) mit dem Altsolo basierend auf einem Gedicht von Friedrich Nietzsche hat es ihnen angetan.

Zum Weiterschauen und Weiterdenken:
Den Gedanken, das Haus immer wieder in Zwischenkapiteln selbst zu Wort kommen zu lassen, fand ich inspirierend. Sicherlich hätten auch alte Häuser in anderen Städten – oder in der Heimatstadt – viele spannende und interessante Geschichten über die ehemaligen Bewohner zu erzählen. In einigen Orten gibt es bereits Führungen, die auf diesem Gedanken aufgebaut sind und auch in meiner Heimatstadt Landshut gibt es eine passionierte Laientheatergruppe, die bereits mehrfach zum „Häuser erzählen“ eingeladen hat.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Museumsbesuch:
Eine Anregung, die ich mir auf jeden Fall für einen nächsten Berlin-Besuch mitgenommen habe, ist ein Besuch im Museum der Villa Liebermann am Wannsee. Der Garten, das Haus und die besondere Lage am Wasser wird so wunderbar beschrieben, dass ich das unbedingt einmal selbst sehen möchte. Bis Reisen wieder sinnvoll und möglich sind, bleibt zumindest der Besuch auf der Website: https://www.liebermann-villa.de

Zum Weiterlesen:
Zu Beginn des Monats habe ich anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Deutschen Einheit Regina Scheer’s ersten Roman „Machandel“ gelesen und war begeistert. Da war es nur logisch, sich jetzt auch dem zweiten Roman der Autorin zu zu wenden. Wer tiefgründige, liebevoll erzählte und warmherzige Geschichten mag, kommt bei beiden Romanen voll auf seine Kosten.

Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9