Liebeswirren in dunkler Zeit

Mein Lesejahr hat im Januar sehr stark begonnen: Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ hat mich absolut begeistert und ist bereits die erste große Leseempfehlung in diesem noch so jungen 2022! Was für ein Auftakt!
Seine „Chronik eines Gefühls 1929-1939“ – so der Untertitel des Sachbuchs – ist ein schillerndes, überbordendes und farbenfrohes Kaleidoskop an Anekdoten, Szenen und Liebesgeschichten dieses Jahrzehnts. Pulsierendes Leben, die tatsächlich oft gar nicht so goldenen Zwanziger, komplizierte Dreiecksgeschichten, große Gefühle, heimliche Affären, Ehekrisen – Liebe und Gefühle allerorten. Und das alles vor der Kulisse des zunehmenden Antisemitismus und des heraufziehenden Nationalsozialismus. Verschlungene Lebenswege, Flucht und Vertreibung, für viele der Weg ins Exil – Florian Illies hat ein wirklich reiches Buch verfasst.

„Niemand hofft 1929 noch auf die Zukunft. Und niemand will an die Vergangenheit erinnert werden. Darum sind alle so hemmungslos der Gegenwart verfallen.“

(S.11)

Man darf die ersten Begegnungen von Simone de Beauvoir mit Sartre erleben, der Familie Mann quer durch Europa folgen, Erich Kästner als den Mann kennenlernen, der letztlich keine Frau seiner Mutter vorzieht, Mäuschen spielen in den Ateliers von Picasso und Dalí – man lacht, weint, leidet und liebt mit den Literaten und Autorinnen, Malern und Künstlerinnen, Schauspielern und Schauspielerinnen – all den kulturellen Berühmtheiten und künstlerischen Stars und Sternchen der damaligen Zeit. Man schüttelt zunehmend den Kopf darüber, wie Helene Weigel die zahlreichen Eskapaden des Gatten Bertolt Brecht erträgt und toleriert, schaut in Südfrankreich in lauen Sommernächten gemeinsam mit den Exilanten hinauf zum Sternenhimmel.

Man lässt sich durch sinnliche Beschreibungen in die Atmosphäre der damaligen Zeit versetzen und besucht so legendäre Institutionen wie das Romanische Café in Berlin oder reist mit Tucholsky zum Schloss Gripsholm in Schweden.

„Das romanische Café in Berlin vibriert jeden Nachmittag und jeden Abend, hier ist der Weltgeist zu Hause in jenen leuchtenden Jahren vor der Verdunkelung, hier wird jeden Abend die Welt zerstört, gerettet und neu zusammengesetzt, hier kann man Kurt Tucholsky sehen und Joseph Roth, Erich Kästner und Max Beckmann, Gottfried Benn und Alfred Döblin, Ruth Langhoff und Claire Waldoff, Vicki Baum und Marlene Dietrich, Lotte Laserstein und Marianne Breslauer, Gustaf Gründgens und Brigitte Helm.“

(S.175)

Illies reiht Schicksalsmomente, Anekdoten und Momentaufnahmen aus den Lebensläufen großer Künstlerinnen und Künstler und der Berühmtheiten der damaligen Zeit wie kleine Schätze aneinander – gleich einer glänzenden Perlenkette.
Unmöglich sich da für eine Lieblingsszene oder einen bestimmten Handlungsstrang zu entscheiden, der einen am meisten berührt. Es ist ein Schwelgen in Opulenz und Vielfalt und es wird klar, dass dieses Jahrzehnt an niemandem spurlos vorübergegangen ist.

Florian Illies, der Kunstgeschichte studiert hat, Feuilleton-Chef der ZEIT war und jetzt deren Mitherausgeber ist, lässt einen die Literatur und auch die Kunstwerke dieser Epoche besser verstehen. So manches Werk sieht man durch den zeitgeschichtlichen Hintergrund nach der Lektüre intensiver und mit anderen Augen.

„Otto Dix malt nun keinen Krieg mehr. Keine Todsünden. Keine Menschen. Er malt verwunschene Täler und sanfte Berge, im Herbst, im Winter und im Frühling. Otto Dix emigriert in die Landschaft.“

(S.276/277)

Die vielen kleinen Szenen, die Illies den Leser entdecken lässt, erinnerten mich an die 360°-Panoramen von Yadegar Asisi. So viele berührende, kleine Szenen, die sich am Ende zu einem großen Ganzen – einem Stimmungsbild dieses entscheidenden und schicksalsträchtigen Jahrzehnts von 1929 bis 1939 – zusammensetzen. Vermutlich wird jedem Leser eine andere Anekdote oder ein anderes Bild besonders im Kopf bleiben – aber man darf versichert sein, dass der Autor jeden erreicht.

Er beschreibt Momente, die sich einbrennen, unter die Haut gehen und gerade aufgrund ihrer Menschlichkeit und Authentizität das Zeitgefühl besonders gut vermitteln und somit nachhaltiger im Gedächtnis bleiben als jede Jahreszahl in den herkömmlichen Geschichtsbüchern.

Illies ist ein Wortzauberer und Poet – sein Sachbuch ist sprachlich ein Genuss und strotzt vor klugen, raffinierten Formulierungen, die man sich gerne mehrfach und immer wieder auf der Zunge zergehen lassen möchte. Das ist ein ästhetischer Genuss und einfach wunderschön zu lesen.

„Liebe in Zeiten des Hasses“ ist Inspiration pur, weckt die Lust, weiterzulesen, ins Museum zu gehen, Bilder anzusehen, Theatervorstellungen zu besuchen und natürlich zu lesen, zu lesen und zu lesen. Am Ende hat sich meine Lesewunschliste enorm verlängert und würde wohl für dieses und die nächsten Jahre reichen. Wenn ein Sachbuch das schafft, finde ich das einfach nur grandios und großartig.

„Doch man kann kein Licht entdecken, solange man die Dunkelheit analysiert.“

(S.270)

Mit Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ eröffne ich den Reigen meiner „22 für 2022“ – Punkt Nummer 4) auf der Liste: Ich möchte ein Sachbuch lesen – ist hiermit erfüllt. Und was für ein Sachbuch – aktuell Platz 1 der SPIEGEL Sachbuch Hardcover Bestsellerliste – und in diesem Fall auch absolut verdient.

Buchinformation:
Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-406-77693-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“:

Für den Gaumen (I):
Die jüdische Ärztin Charlotte Wolff – eine Freundin Walter Benjamin’s – flieht 1933 nach Frankreich. Während der quälenden Zugfahrt fürchtet sie ständig, verhaftet zu werden. In Paris angekommen, kann sie ihr Glück kaum fassen und feiert es mit einem Frühstück:

„Noch leicht benommen geht sie in ein kleines Café auf dem Boulevard Saint-Michel und bestellt voll Glück ihr erstes französisches Frühstück: ‚Café au lait et une tartine‘.“

(S.239)

Für den Gaumen (II):
Wenn in einem Buch etwas von Bowle vorkommt, werde ich natürlich hellhörig bzw. schaue ich da als Gastgeberin der Kulturbowle ganz genau hin.
Als die ganze Exilgemeinde sich in Sanary versammelt, wird mit Bowle gefeiert – in manchen Fällen auch ein wenig zu exzessiv:

„Als sich Nelly Kröger zum fünften Mal von der Bowle nimmt und zu torkeln beginnt, schlägt Heinrich Mann vor, doch langsam nach Hause zu gehen.“

(S.249)

Zum Weiterhören:
Der Liederdichter Bruno Balz schrieb mit am Soundtrack dieser Zeit und den berühmtesten Stars schneiderte er die großen Hits auf den Leib: für Heinz Rühmann „Ich brech die Herzen der stolzesten Frau’n“ und für Zarah Leander „Kann denn Liebe Sünde sein?“

Zum Weiterlesen (I):
Florian Illies bezeichnet „Hintergrund für Liebe“ von Helen Wolff, den ich letzten Sommer hier auf der Kulturbowle rezensiert habe, als einen „der bezauberndsten Romane, der je über Südfrankreich geschrieben wurde.“ Eine Meinung, die ich uneingeschränkt mit ihm teile:

Helen Wolff, Hintergrund für Liebe
Herausgegeben und mit einem Essay von Marion Detjen
Weidle
ISBN: 9783938803967

Zum Weiterlesen (II):
Letztes Jahr habe ich ein ähnlich faszinierendes Buch von Uwe Wittstock hier auf der Kulturbowle vorgestellt. Es behandelt einen kürzeren Zeitraum, ist aber eine nicht minder intensive Leseerfahrung. Wer Freude und Interesse an zeit- und literaturgeschichtlichen Sachbüchern und einem stimmig zusammengestellten Zeitenpanorama, sowie dem Schicksal der Literaten im schicksalsträchtigen Winter 1933 hat, dem sei „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ ebenfalls sehr ans Herz gelegt.

Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

Abschiede in Eiseskälte

Uwe Wittstock hat mit „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ den Beweis angetreten, dass Sachbücher den Leser fesseln können und die Geschichte eines der dunkelsten Monate in der deutschen Geschichte auf packende und intensive Weise auf nicht ganz 300 Seiten konzentriert. Wenige Wochen, die für viele Intellektuelle und Schriftsteller*innen im Land alles veränderten – die Abkehr von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hin zu einer Diktatur, welcher viele Literaten und Literatinnen binnen weniger Wochen den Rücken kehrten. Die neuen Machthaber zwangen sie ins Exil. Das Zeitfenster für eine mögliche Flucht war meist nicht groß.

Wittstock zeichnet diese entscheidenden Tage des Februar 1933 nach, skizziert die wichtigsten politischen Ereignisse und Veränderungen – Machtergreifung, Reichstagsbrand, Straßenkämpfe. Er erzählt Anekdoten und Szenen aus dem Leben zahlreicher Autoren und Autorinnen, wie z.B. den Manns, Bertolt Brechts, Else Lasker-Schülers, Alfred Kerrs, Ricarda Huchs, Carl Zuckmayers und vieler anderer mehr nach und lässt ein atmosphärisches Bild der damaligen Zeit entstehen. Ein kalter Winter, in dem eine schwere Grippewelle in Berlin und dem ganzen Land wütet – Schulen werden geschlossen.

Schritt für Schritt und Kapitel für Kapitel beschreibt er, wie vielen nach und nach klar wird, dass sie in diesem Land keine Zukunft mehr haben werden und daher beginnen, ihre Flucht zu planen und in die Tat umzusetzen.
Protokollarisch in Form von kurzen Notizen am Ende der Kapitel, die jeweils einem Tag gewidmet sind, macht er zudem klar, wie viele Menschen damals tagtäglich ihr Leben bei politischen Auseinandersetzungen verloren.
Wie ein Teppich weben sich die unterschiedlichen Fäden und Szenen ineinander und machen dem Leser die Dramatik und das Überschlagen der Ereignisse klar.

Die schriftstellerische Elite verlässt ihre Heimat und flieht ins Ausland.
Heinrich Mann macht sich lediglich mit einem Handkoffer und einem Schirm auf den Weg in eine neue Zukunft:

„Er legt seinen Pass vor, die Männer studieren ihn gründlich, dann winken sie ihn durch. Gleich darauf dasselbe noch einmal bei den französischen Grenzern. Als er das andere, das linksseitige Rheinufer betritt, kann er aufatmen, er ist in Sicherheit. Deutschen Boden wird er bis zu seinem Tod nie wieder betreten.“

(S.164)

Manche wissen nicht, dass es ein Abschied für immer sein wird. Denn einige werden Deutschland nicht wiedersehen. So mancher glaubt, der böse Spuk wäre bald wieder vorbei und täuscht sich leider gewaltig.

„Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.“

(S.271)

Der Autor zeichnet ein großes Gemälde, beleuchtet viele Lebensläufe von Autorinnen und Autoren und macht unmissverständlich klar, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelte. Viele Wege führten und endeten im Exil, auch wenn deutlich wird, dass sich nicht jeder gleich schnell für diesen Weg entschloss.

Wer aufmerksam liest, wird beängstigt auch so manche Parallele zur heutigen Zeit erkennen können. Daher ist dieses Buch auch ein wichtiges Werk mit einer klaren Botschaft: Demokratien können in kürzester Zeit zu Diktaturen werden.

Viele Bücher von Autoren, deren Schicksal Wittstock beschreibt, warten auf meinen Lesestapeln schon einige Zeit darauf gelesen zu werden: u.a. Werke von Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Irmgard Keun oder Vicki Baum – um nur einige zu nennen. Vieles habe ich über die Jahre auch schon gelesen, aber die Vielfalt und der Reichtum der deutschen Literatur dieser Schriftstellergeneration, die mit all ihrer Kreativität und Intelligenz damals der Heimat den Rücken kehrte, ist so umfangreich und dicht, dass es faszinierend ist, sich dies durch diese Lektüre wieder einmal bewusst zu machen.

Und einige Werke und Autoren sind zusätzlich auf meine Wunsch- und Leseliste gewandert – ein anregendes und inspirierendes Buch, welches das ohnehin schon vorhandene Interesse an Literatur dieser Zeit noch zusätzlich verstärkt und vergrößert.

Ein hochinteressantes, spannendes und hervorragend geschriebenes Werk, das einen lebhaften und intensiven Eindruck dieser wenigen Wochen gibt, in welchen sich alles veränderte. Lebensplanungen wurden auf den Kopf gestellt, Hab und Gut sowie Familie und Freunde zurückgelassen. All dies so eindrücklich und intensiv vor Augen geführt zu bekommen, macht auch viele Jahrzehnte danach noch fassungslos. Geschichts- und Literaturinteressierte werden dieses Buch sehr zu schätzen wissen – ein großartiges, aufwühlendes Werk, das anhand dramatischer Lebenssituationen, Anekdoten und Szenen ein Stimmungsbild dieses Winters 1933 zeichnet, das sich einbrennt und unter die Haut geht.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uwe Wittstock’s „Februar 33 – Der Winter der Literatur“:

Zum Weiterhören:
Bertolt Brecht’s und Kurt Weill’s „Dreigroschenoper“, die 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde, ist für mich Musik, die ich sofort mit dieser Zeit verbinde. Mackie Messer war im Februar 33 noch keine fünf Jahre alt. Auch Brecht’s und Helene Weigel’s Flucht, die zunächst sogar die Tochter zurücklassen mussten und erst später wieder zu sich holen konnten, wird von Wittstock beschrieben.

Zum Weiterlesen (I) oder für den nächsten Theaterbesuch:
Wenn wir schon einmal dabei sind, bleiben wir bei Bertolt Brecht:
Eines der letzten Stücke, das ich vor dem Ausbruch der Pandemie im Landestheater Niederbayern noch live sehen konnte, war „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. 1941 im finnischen Exil verfasst, ist es die Parabel und das Theaterstück über die Machtergreifung und den Reichstagsbrand schlechthin.

Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Edition Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10144-5

Zum Weiterlesen (II):
Wittstock’s Buch ist so reich an literarischen Anregungen, dass die Leseliste sich durch die Lektüre erneut enorm verlängert hat. Mir bisher unbekannt, aber mein Interesse geweckt hat unter anderem das Theaterstück „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer.

Carl Zuckmayer, Der fröhliche Weinberg – Theaterstücke 1917-1925
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596127030

Aller guten Dinge sind… an der Côte d’Azur

Heute gibt es zur Abwechslung mal mehrere Buchtipps auf einmal, denn aller guten Dinge sind ja bekanntlich drei und ich weilte in der letzten Zeit literarisch gleich drei Mal an der sonnigen Côte d’Azur. Ausgehend vom frisch erschienenen Sachbuch Lutz Hachmeister’s „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, über einen Klassiker der Reiseliteratur von Erika und Klaus Mann „Das Buch von der Riviera“ aus dem Jahre 1931 zu einem Klassiker der Kriminalliteratur von Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“. Bereit für die Reise an die himmelblaue Küste? Los geht’s!

„Mitte der 1920er Jahre waren in Juan-les-Pins die Dämme gebrochen. Die gesamte Pariser und US-amerikanische Künstler- und Literatenbohème kam im Gefolge von Picasso, den Murphy’s und Cole Porter nach „Juan“. Zur Verwunderung der eingesessenen Antiboas wurde das seit drei Jahrzehnten vor sich hin dämmernde Projekt „Juan-les-Pins“ zu einem Welterfolg.“

(aus Lutz Hachmeister „Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur“, S.45)

Ausgehend von der Geschichte des legendären, mondänen „Hôtel Provençal“ – einem großen, weißen Luxushotel in Juan-les-Pins – erzählt Lutz Hachmeister, wie die Côte d’Azur zu dem künstlerischen und touristischen Zentrum wurde, das es gerade in den Dreißiger Jahren war und wie sich der Tourismus über die Jahrzehnte bis heute an einer der berühmtesten Küsten der Welt weiterentwickelte.

Das weltberühmte Hotel, das 1927 vom reichen Amerikaner Frank J. Gould eröffnet wurde, entwickelte sich schnell zum renommierten und glamourösen Luxushotel in Juan-les-Pins. Hachmeister schildert die bewegte Familiengeschichte des Hotelgründers und widmet sich aber auch ausführlich den Künstlern, Malern, Literaten, Filmemachern, den Stars und Sternchen der Zwanziger und Dreißiger Jahre, die als Gäste nach Juan und in die Nachbarorte kamen. Man liest über den sonnengebräunten Picasso am Strand, die kurze und heftige Liebesaffäre Charlie Chaplin’s mit der jungen Tänzerin Mitzi Müller und über Marlene Dietrich, die samt Entourage an der Küste logierte.

Doch Hachmeister schildert auch den zunehmenden Ausverkauf der Küste, die Ära der Betonbauten und die negativen Entwicklungen über die Jahrzehnte. So steht das Provençal als Tourismusruine schon seit Jahrzehnten leer und Immobilienentwickler suchen immer wieder nach lukrativen Lösungen für das Objekt.

Eine interessante, vielseitige und flüssig zu lesende Kulturgeschichte, die mir einen interessanten und stimmungsvollen Einblick in die wechselhafte Geschichte dieser sonnenverwöhnten Region im Süden Frankreichs und seiner illustren Gäste gegeben hat.
Eine ausführliche, lesenswerte Besprechung zum Buch erschien vor kurzem in der ZEIT.

In den Dreißiger Jahren weilten auch die Geschwister Erika und Klaus Mann an der Côte d’Azur und verfassten einen persönlichen Reiseführer der anderen Art: „Das Buch von der Riviera“. Dieses Büchlein aus dem Jahre 1931 liest sich auch heute noch sehr spritzig, witzig und lebt von seiner amüsanten Ironie, die nichts an Charme eingebüßt hat. Auch wenn so manches Hotel und Restaurant mittlerweile nicht mehr existiert und die Preise für Mahlzeiten und Hotelzimmer noch in Währungen angegeben werden, die ebenfalls schon Geschichte sind, spürt man immer noch die sonnige, unbeschwerte Urlaubsatmosphäre, welche die beiden dort in Künstlerkreisen, in den Bars, Restaurants und am Strand erlebten.

„Was die Läden angeht, in denen wir das Geld ausgeben, das wir nicht mehr haben wollen, so gibt es hübsche Ledersachen zum Beispiel (…)“

(aus Erika und Klaus Mann, „Das Buch von der Riviera“, S.30)

Ein Buch, das auch heute noch die Chance bietet, sich eine Auszeit vom Alltag und einen literarischen Kurzurlaub mit Sonne und französischem Savoir-Vivre zu gönnen. Raus auf den Liegestuhl, ein schönes Getränk und dieses Buch – voilà, fertig ist der zweistündige Urlaub an der azurblauen Küste!
Eine umfassendere, sehr schöne Besprechung findet man auch bei Birgit Böllinger.

1932 – ein Jahr später als das Buch der Mann’s – erschien der Kriminalroman „Maigret in der Liberty Bar“ von Georges Simenon, in welchem er seinen pfeifenrauchenden Kultkommissar ebenfalls an der Côte d’Azur ermitteln lässt.

Maigret, dem die Hitze zu schaffen macht, der zunächst etwas schläfrig nach der langen Zuganreise und unmotiviert ist, kommt erst dann in die Gänge, als er feststellt, dass der Tote ihm verblüffend ähnlich gesehen hat. In Cannes führen ihn seine Ermittlungen in zwielichtige Kneipen und verruchte Etablissements und er stellt fest, dass es auch im luxuriösesten Urlaubsort Licht und Schatten gibt.

„Überall nur Weiß: riesige weiße Hotels, weiße Geschäfte, weiße Hosen, weiße Kleider, weiße Segel auf dem Meer. Als wäre das Leben ein Märchenspiel im Varieté, mit einem Bühnenbild in Weiß und Blau.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.37)

Diese Krimilektüre rundete meine literarische Stippvisite an der französischen Mittelmeerküste wunderbar ab. Die gerade mal 186 Seiten lasen sich kurzweilig, schnell und zeigten den großen Maigret einmal von einer anderen Seite.

Auch Simenon hatte ein untrügliches Auge für Milieus und Atmosphäre und verstand es, seine Leser in Urlaubsstimmung zu versetzen. Kein Wunder dass auch Maigret dieses Mal lieber Urlaub gemacht hätte, als diesen Fall zu lösen.

„(…) allmählich begriff er die Côte d’Azur: ein einziger, sechzig Kilometer langer Boulevard, der sich von Cannes bis nach Menton erstreckte, von Villen gesäumt, hier und da ein Casino und ein Luxushotel. Das berühmte blaue Meer, das Gebirge und all die Herrlichkeiten, wie die Prospekte sie verhießen: Orangenbäume, Mimosen, Sonne, Palmen, Pinien, Tennis, Golf, Teesalons und amerikanische Bars.“

(aus Georges Simenon „Maigret in der Liberty Bar“, S.130/131)

Buchinformationen:

Lutz Hachmeister, Hôtel Provençal – Eine Geschichte der Côte d’Azur
C. Bertelsmann
ISBN: 978-3-570-10432-3

© C.Bertelsmann

Georges Simenon, Maigret in der Liberty Bar
Deutsch von Hansjürgen Wille, Barbara Klau und Mirjam Madlung
Kampa
ISBN: 978 3 311 13017 8

© Kampa Verlag


in meinem Fall eine Ausgabe der Büchergilde:

Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Büchergilde Gutenberg
ISBN: 9783763271962

© Büchergilde Gutenberg

oder:
Erika und Klaus Mann, Das Buch von der Riviera
Kindler Verlag
ISBN: 978-3-463-40715-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerten mich die drei literarischen Reisen an die Côte d’Azur:

Für den Gaumen:
In allen Büchern wird vor allem auch das stilechte Getränk thematisiert: Bei Hachmeister ist es unter anderem ein Vermouth-Cassis, Simenon lässt Maigret an der Côte einen Anis trinken und die Mann’s nahmen gerne einen „after-Dinner-Cognak“.

Zum Weiterschauen:
Bereits im Jahr 2001 war die ARTE-Dokumentation „Hotel Provençal – Aufstieg und Fall der Riviera“ von Lutz Hachmeister für den Grimme-Preis nominiert. Ein Thema, das ihn schon lange begleitet und das er nun auch in seinem Sachbuch verarbeitet hat.

Zum Weiterhören:
Juan-les-Pins ist ebenso berühmt für sein Jazz-Festival und war auch für Musiker stets ein Anziehungspunkt, so erfahren wir, dass Cole Porter („Anything goes“) und Ella Fitzgerald („Cricket Song“) gerne an der Küste weilten.

Zum Weiterlesen:
Gerade Lutz Hachmeister bietet in seinem Buch eine reiche Leseliste im Anhang und verweist immer wieder auf die künstlerischen Querbezüge zu Malerei, Filmen und Literatur. Neben den Mann’s und Georges Simenon stehen unter anderem auch Graham Greene, F. Scott Fitzgerald, Patrick Modiano und Ernest Hemingway auf der Literaturliste. Da gibt es viele Anknüpfungspunkte und Inspirationen zum Weiterlesen. Auf meine Merkliste gewandert ist ein Werk des Literaturnobelpreisträgers Patrick Modiano, das ich bisher noch nicht gelesen habe:

Patrick Modiano, Sonntage im August
Aus dem Französischen von Andrea Spengler
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-46620-9