Abschiede in Eiseskälte

Uwe Wittstock hat mit „Februar 33 – Der Winter der Literatur“ den Beweis angetreten, dass Sachbücher den Leser fesseln können und die Geschichte eines der dunkelsten Monate in der deutschen Geschichte auf packende und intensive Weise auf nicht ganz 300 Seiten konzentriert. Wenige Wochen, die für viele Intellektuelle und Schriftsteller*innen im Land alles veränderten – die Abkehr von Demokratie und Rechtsstaatlichkeit hin zu einer Diktatur, welcher viele Literaten und Literatinnen binnen weniger Wochen den Rücken kehrten. Die neuen Machthaber zwangen sie ins Exil. Das Zeitfenster für eine mögliche Flucht war meist nicht groß.

Wittstock zeichnet diese entscheidenden Tage des Februar 1933 nach, skizziert die wichtigsten politischen Ereignisse und Veränderungen – Machtergreifung, Reichstagsbrand, Straßenkämpfe. Er erzählt Anekdoten und Szenen aus dem Leben zahlreicher Autoren und Autorinnen, wie z.B. den Manns, Bertolt Brechts, Else Lasker-Schülers, Alfred Kerrs, Ricarda Huchs, Carl Zuckmayers und vieler anderer mehr nach und lässt ein atmosphärisches Bild der damaligen Zeit entstehen. Ein kalter Winter, in dem eine schwere Grippewelle in Berlin und dem ganzen Land wütet – Schulen werden geschlossen.

Schritt für Schritt und Kapitel für Kapitel beschreibt er, wie vielen nach und nach klar wird, dass sie in diesem Land keine Zukunft mehr haben werden und daher beginnen, ihre Flucht zu planen und in die Tat umzusetzen.
Protokollarisch in Form von kurzen Notizen am Ende der Kapitel, die jeweils einem Tag gewidmet sind, macht er zudem klar, wie viele Menschen damals tagtäglich ihr Leben bei politischen Auseinandersetzungen verloren.
Wie ein Teppich weben sich die unterschiedlichen Fäden und Szenen ineinander und machen dem Leser die Dramatik und das Überschlagen der Ereignisse klar.

Die schriftstellerische Elite verlässt ihre Heimat und flieht ins Ausland.
Heinrich Mann macht sich lediglich mit einem Handkoffer und einem Schirm auf den Weg in eine neue Zukunft:

„Er legt seinen Pass vor, die Männer studieren ihn gründlich, dann winken sie ihn durch. Gleich darauf dasselbe noch einmal bei den französischen Grenzern. Als er das andere, das linksseitige Rheinufer betritt, kann er aufatmen, er ist in Sicherheit. Deutschen Boden wird er bis zu seinem Tod nie wieder betreten.“

(S.164)

Manche wissen nicht, dass es ein Abschied für immer sein wird. Denn einige werden Deutschland nicht wiedersehen. So mancher glaubt, der böse Spuk wäre bald wieder vorbei und täuscht sich leider gewaltig.

„Für die Zerstörung der Demokratie brauchten die Antidemokraten nicht länger als die Dauer eines guten Jahresurlaubs. Wer Ende Januar aus einem Rechtsstaat abreiste, kehrte vier Wochen später in eine Diktatur zurück.“

(S.271)

Der Autor zeichnet ein großes Gemälde, beleuchtet viele Lebensläufe von Autorinnen und Autoren und macht unmissverständlich klar, dass es sich nicht um Einzelschicksale handelte. Viele Wege führten und endeten im Exil, auch wenn deutlich wird, dass sich nicht jeder gleich schnell für diesen Weg entschloss.

Wer aufmerksam liest, wird beängstigt auch so manche Parallele zur heutigen Zeit erkennen können. Daher ist dieses Buch auch ein wichtiges Werk mit einer klaren Botschaft: Demokratien können in kürzester Zeit zu Diktaturen werden.

Viele Bücher von Autoren, deren Schicksal Wittstock beschreibt, warten auf meinen Lesestapeln schon einige Zeit darauf gelesen zu werden: u.a. Werke von Lion Feuchtwanger, Oskar Maria Graf, Irmgard Keun oder Vicki Baum – um nur einige zu nennen. Vieles habe ich über die Jahre auch schon gelesen, aber die Vielfalt und der Reichtum der deutschen Literatur dieser Schriftstellergeneration, die mit all ihrer Kreativität und Intelligenz damals der Heimat den Rücken kehrte, ist so umfangreich und dicht, dass es faszinierend ist, sich dies durch diese Lektüre wieder einmal bewusst zu machen.

Und einige Werke und Autoren sind zusätzlich auf meine Wunsch- und Leseliste gewandert – ein anregendes und inspirierendes Buch, welches das ohnehin schon vorhandene Interesse an Literatur dieser Zeit noch zusätzlich verstärkt und vergrößert.

Ein hochinteressantes, spannendes und hervorragend geschriebenes Werk, das einen lebhaften und intensiven Eindruck dieser wenigen Wochen gibt, in welchen sich alles veränderte. Lebensplanungen wurden auf den Kopf gestellt, Hab und Gut sowie Familie und Freunde zurückgelassen. All dies so eindrücklich und intensiv vor Augen geführt zu bekommen, macht auch viele Jahrzehnte danach noch fassungslos. Geschichts- und Literaturinteressierte werden dieses Buch sehr zu schätzen wissen – ein großartiges, aufwühlendes Werk, das anhand dramatischer Lebenssituationen, Anekdoten und Szenen ein Stimmungsbild dieses Winters 1933 zeichnet, das sich einbrennt und unter die Haut geht.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim C.H.Beck Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Uwe Wittstock, Februar 33 – Der Winter der Literatur
C.H. Beck
ISBN: 978-3-406-77693-9

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Uwe Wittstock’s „Februar 33 – Der Winter der Literatur“:

Zum Weiterhören:
Bertolt Brecht’s und Kurt Weill’s „Dreigroschenoper“, die 1928 im Berliner Theater am Schiffbauerdamm uraufgeführt wurde, ist für mich Musik, die ich sofort mit dieser Zeit verbinde. Mackie Messer war im Februar 33 noch keine fünf Jahre alt. Auch Brecht’s und Helene Weigel’s Flucht, die zunächst sogar die Tochter zurücklassen mussten und erst später wieder zu sich holen konnten, wird von Wittstock beschrieben.

Zum Weiterlesen (I) oder für den nächsten Theaterbesuch:
Wenn wir schon einmal dabei sind, bleiben wir bei Bertolt Brecht:
Eines der letzten Stücke, das ich vor dem Ausbruch der Pandemie im Landestheater Niederbayern noch live sehen konnte, war „Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui“. 1941 im finnischen Exil verfasst, ist es die Parabel und das Theaterstück über die Machtergreifung und den Reichstagsbrand schlechthin.

Bertolt Brecht, Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui
Edition Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-10144-5

Zum Weiterlesen (II):
Wittstock’s Buch ist so reich an literarischen Anregungen, dass die Leseliste sich durch die Lektüre erneut enorm verlängert hat. Mir bisher unbekannt, aber mein Interesse geweckt hat unter anderem das Theaterstück „Der fröhliche Weinberg“ von Carl Zuckmayer.

Carl Zuckmayer, Der fröhliche Weinberg – Theaterstücke 1917-1925
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3596127030

7 Gedanken zu “Abschiede in Eiseskälte

  1. Liebe Barbara,
    sei bedankt für Deine Lektüre und engagierte Buchvorstellung. Schon die Winterhandschuhe zu Deinem Beitragsbild lassen frösteln – und wärmen zugleich an diesem Spätsommertag.
    Kaltbitter, wie die Schriftstellerinnen, Autoren und viele mehr von den Nationalsozialisten ausgebürgert und verjagt in die Flucht und Auswanderung getrieben wurden, dann ihre Bücher verbrannt.
    Zu den Betroffenen gehörte Hermann Kesten, der gebürtig in Podwoloczyska /Galizien, in Nürnberg aufgewachsen war und nach seinen frühen Romanen und Reisen Cheflektor beim Kiepenheuer Verlag in Berlin wurde – Flucht am 15. März 1933 nach Frankreich und in die Niederlande usw..
    Über die Jahre habe ich viele seiner Romane und Biografien gelesen, und besonders mag ich seine Essays über „Meine Freunde, die Poeten“, unter anderem in: „Dichter im Café“. Er kannte wohl die meisten der von Dir genannten Personen.
    Gute Lektüre im Spätsommer, angenehme Tage im Frühherbst
    und herzliche Grüße
    Bernd

    Gefällt 2 Personen

    • Danke Bernd, für diese Anregung, die ich gerne auch noch auf meine (ohnehin unendliche 😉 Leseliste nehme. Genau diese Querbezüge, Inspirationen und Anregungen sind es, die ich mir für meine Bowle wünsche und die bereichern. Daher freut mich dieser Brückenschlag nach Nürnberg sehr. Ja, die Handschuhe können hoffentlich nach diesem Fototermin jetzt noch eine Weile im Schrank bleiben und wir einen schönen, spätsommerlichen Frühherbst genießen. Sonnige Grüße! Barbara

      Gefällt 1 Person

  2. Liebe Barbara Pfeiffer,.
    vielen Dank für die fabelhafte Rezension zu „Februar 33“. Wie sehr mich das freut, was Du schreibst, muss ich wohl nicht betonen. Du triffst genau das, was schreibend meine Absicht mit diesem Buch war: eine spannende, dramatische Geschichte um einen anschaulich gezeichneten Personenkreis zu erzählen, eine Geschichte, die sich genau an die historischen Fakten hält und den Lesern – hoffentlich – eindringlich vor Augen führt, wie leicht verletzlich und zerstörbar eine Demokratie sein kann. Ich freue mich sehr. Herzlich Uwe Wittstock

    Gefällt 1 Person

    • Lieber Uwe Wittstock, vielen herzlichen Dank! Dass ein Autor eines von mir besprochenen Buchs direkt auf meinem Blog kommentiert, ist für mich eine Premiere und ehrt und freut mich daher wirklich sehr. Wenn ich den Charakter und die Intention des Werks gut getroffen habe, stimmt mich das glücklich und ich hoffe, dass das Buch noch bei vielen weiteren Lesern den Nerv trifft, den es bei mir getroffen hat. Die Freude ist also ganz auf meiner Seite und ich wünsche Dir und dem Buch weiterhin viel Erfolg! Mit herzlichen Grüßen, Barbara Pfeiffer

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