Limoncellolaune

Obwohl die Ursprünge des bekannten Zitronenlikörs nicht ganz gewiss sind, ist Capri sicherlich ein heißer Kandidat, um sich die Erfindung des Limoncello auf die Fahnen schreiben zu können. In Luca Ventura’s neuem Krimi „Bittersüße Zitronen“ spielt das Getränk eine zentrale Rolle und so ermitteln Enrico Rizzi und Antonia Cirillo in ihrem zweiten Fall zwischen Zitronenhainen und Abfüllanlagen auf der wunderschönen Insel Capri am Golf von Neapel.

„Der Saftspritzer auf seinem Handrücken schmeckte bitter und gleichzeitig süß und hatte eine Fülle und ein Aroma, in dem der ganze Sommer des Jahres steckte.“

(S.144)

Als auf Capri in einer Gewitternacht eine junge Frau mit der Ape – dem uritalienischen dreirädrigen Transportfahrzeug – von der regennassen Fahrbahn abkommt und bei dem Unfall zu Tode kommt, wird schnell klar, dass es sich nicht um ein tragisches Unglück handelt, sondern dass die Bremsen des Fahrzeugs manipuliert wurden. Doch Elisa Constantini – Erbin eines Zitronenanbaubetriebs, den sie auf Bioanbau und Crowdfarming umstellen möchte – hatte sich die Ape nur geliehen. Galt der Anschlag also gar nicht ihr, sondern der Eigentümerin, der betagten Grande Dame des capresischen Limoncello-Geschäfts, die sich über die Jahre ein wahres Zitronenimperium aufgebaut hat und auf die qualitativ hochwertigen Zitronenlieferungen der Constantinis angewiesen ist?

Enrico Rizzi – der Einheimische und gebürtige Insulaner – beginnt gemeinsam mit seiner strafversetzten, norditalienischen, zupackenden Kollegin Antonia Cirillo zu ermitteln und schnell befinden sie sich in einem wahren Gewirr an Motiven und Verdächtigen. Denn im Laufe der Zeit kommen immer mehr fragwürdige Geschäfts- und Liebesbeziehungen ans Tageslicht.

Während der Lektüre erfährt man einiges über den Zitronenanbau und das für Capri wichtige und einträgliche Geschäft mit Limoncello, Zitronenkuchen, Marmelade und Co. Neben dem Tourismus ein bedeutender Wirtschaftszweig für die Region am Golf von Neapel, den Luca Ventura in den Mittelpunkt seines zweiten Capri-Krimis stellt und somit seiner Leserschaft unter anderem auch viele Aspekte wie den ökologischen Anbau der Zitrusfrüchte, das Konzept des Crowdfarming, die Situation der Erntehelfer und die Herstellung des Limoncello näherbringt.

Zudem kommt auch der Handlungsstrang um das Privatleben der beiden Ermittler nicht zu kurz und so erfährt man, dass sich Enrico Rizzi Sorgen um den zunehmend gebrechlich werdenden Vater macht, der die Gemüsegärten der Familie kaum noch bewirtschaften kann und immer mehr auf die Hilfe seines Sohnes angewiesen ist. Und auch Antonia leidet weiterhin aufgrund der räumlichen Trennung von ihrem Sohn, der beim Vater lebt und dort ohne sie immer erwachsener und unabhängiger wird. Ventura hat mit Rizzi und Cirillo zwei interessante Ermittlerpersönlichkeiten erschaffen, deren Geschichten noch nicht auserzählt sind und sicherlich noch Stoff für weitere Fälle bieten.

Da mir der erste Band der Reihe „Mitten im August“ bereits im letzten Jahr den ersten Lockdown literarisch versüßt und verkürzt hatte, war klar, dass ich jetzt auch den zweiten Fall mit Spannung und dem entsprechenden „Italien-Urlaubs-Fernweh“ freudig erwartet habe – und ich wurde nicht enttäuscht. Ein paar Stunden Abtauchen in einen stimmungsvollen Italien-Krimi mit Sonne, dem Meer, das in verschiedensten Blauschattierungen leuchtet, mediterraner Küche und einem kurzweiligen, klassischen Krimiplot, das ist für mich Entspannung und Balsam für die Seele und das gelingt in „Bittersüße Zitronen“ wirklich perfekt.

„Wo die Sonnenstrahlen hinreichten, leuchtete das Meer, türkisfarbene Flecken in einem tiefen Petrolblau (…)“

(S.38)

Italien-Fans und Freunde von Donna Leon oder Martin Walker werden auch an Luca Ventura ihre Freude haben, denn Enrico Rizzi ist geradezu die italienische, capresische Antwort auf Bruno – er ist verwurzelt, ein Familienmensch, kocht gerne, hilft seinem Vater im Garten, kennt die Insel und die Menschen wie seine Westentasche und muss die Frau fürs Leben erst noch von sich überzeugen.

Viel Lokalkolorit, italienisches Lebensgefühl und kulinarische Inspiration, dazu ein nicht übermäßig brutaler Kriminalfall und zwei lebensnahe, sympathische Ermittlerfiguren – Leserherz, was willst Du mehr?

Ein Buch wie ein entspannender Tag am Meer: sonnendurchflutet, erfrischend, gut gelaunt, kurzweilig und viel zu schnell vorbei.

Buchinformation:
Luca Ventura, Bittersüße Zitronen
Diogenes
ISBN: 978-3-257-30082-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Bittersüße Zitronen“:

Für den Gaumen:
Natürlich wäre ein Gläschen Limoncello di Capri die perfekte Ergänzung zu dieser Lektüre, um die „bittersüßen Zitronen“ selbst zu schmecken.
Auf meine Merkliste der interessanten und nachkochenswerten Gerichte ist bei der Lektüre aber vor allem auch Cianfotta (teils auch Ciambotta geschrieben) gewandert: ein Sommergemüseeintopf u.a. mit Auberginen und Kartoffeln.

Zum Weiterhören:
Wer aktuell zumindest musikalisch in mediterrane Urlaubsstimmung kommen möchte, dem kann ich das Album „Mare“ von Quadro Nuevo sehr ans Herz legen. Musik, die entspannt, sofort gute Laune zaubert und einen unmittelbar das Wellenrauschen und die Meeresbrise hören und spüren lässt.

Zum Weiterlesen oder besser vorher lesen:
Obwohl man „Bittersüße Zitronen“ auch unabhängig vom ersten Teil lesen kann, kann ich auch den ersten Band der Reihe „Mitten im August“, der letztes Jahr erschienen ist, unbedingt empfehlen – hier lernt man Enrico Rizzi und Antonia Cirillo kennen und schätzen und taucht ab ins tiefblaue Meer um die Insel und die Ozeanologie. Auch hier gilt: Urlaubsstimmung inklusive.

Luca Ventura, Mitten im August
Diogenes
ISBN: 978-3-257-30076-5

Reif für die Hallig

So mancher träumt sich momentan an Sehnsuchtsorte und wünscht sich wieder einmal, das Meer, die Wellen und eine herrliche Landschaft genießen zu können. Ein solcher, außergewöhnlich schöner Landstrich, der sicher für viele zu diesen Sehnsuchtsorten zählt, ist die Nordsee und das Wattenmeer, die zudem mit den zehn Halligen, die zum UNESCO-Weltnaturerbe zählen, mit einer weltweit einzigartigen Besonderheit aufwarten. Laut Wikipedia sind Halligen „kleine, nicht oder nur wenig geschützte Marschinseln vor den Küsten, die bei Sturmfluten überschwemmt werden können.“

Literarisch hat Theodor Storm (1817-1888) mit seiner Novelle „Eine Halligfahrt“ dieser Landschaft bereits 1871 ein Denkmal gesetzt. Eine melancholische Liebesgeschichte, die den Ausflug zweier junger Liebender auf eine Hallig zum Thema hat.

Heutzutage wird diese Sehnsucht nach einer bestimmten Landschaft oder einem Ort literarisch oft durch ein anderes Genre bedient: den Regionalkrimi, der es dem Urlauber ermöglicht, sich entweder vor dem Urlaub bereits lesend einzustimmen oder auch nach einem solchen ein Lektüre-Souvenir mit nach Hause zu bringen, um nochmal in Urlaubserinnerungen zu schwelgen.

Vor kurzem ist jetzt auch ein „Krimi von den Halligen“ erschienen:
Günter Wendt hat sich jedoch für seinen Hallig-Krimi „Die letzte Fähre ging um fünf“ bewusst dafür entschieden, einer neuen „fiktiven“ Hallig namens Grienoog das Leben zu schenken, um zu vermeiden, dass jedes Haus und jeder Schauplatz eindeutig der überschaubaren, realen Welt auf den zehn Nordsee-Halligen zugeordnet werden kann. Schließlich ist das reale Leben dort sicher friedlicher als in seinem Krimi. Die Wortschöpfung Grienoog stammt aus dem Friesischen und bedeutet „Grüne Insel“.

Wie man bereits am Titel „Die letzte Fähre ging um fünf“ erahnen kann, handelt es sich im weitesten Sinne um einen Kriminalroman, der an einem abgeschlossenen Ort (in diesem Fall die Hallig) eine überschaubare Anzahl an in Frage kommenden Verdächtigen aufweist, die sich aufgrund der Wettersituation und der fehlenden Fährverbindung auch nicht mehr vom Tatort entfernen können. Ein klassisches Set-up, das dem erfahrenen Krimileser immer wieder einmal begegnet.

„Er liebte Unwetter. Da merkt man doch erst, dass man lebt, sagte er immer, wenn sich jemand über schlechtes Wetter beschwert.“

(S.29)

Auf Grienoog braut sich ein gehöriger Sturm zusammen und der Wetterbericht sagt sogar einen Hurrikan vorher, der die Ruhe auf der Hallig für die Urlauber empfindlich stören wird. Dabei wollte Kommissar Kollerup aus Husum (auch Kolle genannt) einfach nur ein paar ruhige Urlaubstage im Hotel „Deichvogt“ verbringen und sich entspannen. Daraus wird jedoch nichts, als plötzlich während das Unwetter über die Hallig zieht, der örtliche Wattführer während des Abendessens vor dem Fenster des Lokals und somit gleichsam auf dem Präsentierteller vor den Augen sämtlicher Gäste tot zusammenbricht.

Der Sturm hat die Verbindung zur Außenwelt vorübergehend gekappt und so muss Kolle zunächst auf sich allein gestellt und lediglich mit der Hilfe des schrulligen Hallig-Unikums und Malers Onne ermitteln. Schnell stellt sich heraus, dass der Wattführer keines natürlichen Todes gestorben ist und einige Hotelgäste und Bewohner etwas zu verbergen sowie durchaus ein Motiv für die Tat hatten. Denn der Wattführer hatte sich vor seinem gewaltsamen Tod einige Feinde gemacht.

Wendt hat mit „Die letzte Fähre ging um fünf“ einen typischen Regionalkrimi geschrieben und somit jetzt auch die friesischen Halligen bespielt. Der Lokalkolorit, die landschaftlichen Besonderheiten und die vorherrschenden Themen wie Windkraftanlagen, das Wattführergeschäft und der Tourismus, der nicht immer unbedingt im Einklang mit der Natur und dem Umweltschutz steht, stehen klar im Vordergrund.

Stellenweise verwendet Wendt auch ein gehöriges Portion Selbstironie, indem er gängige Klischees bedient:

„Das da hinten ist unsere Attraktion. Die Kapelle ist über 300 Jahre alt. Davor das nächste Highlight: unsere Schafe.“

(S.47)

Sprachlich hätte ich mir persönlich an der einen oder anderen Stelle etwas weniger Fluchen und Schimpfen und dafür statt umgangssprachlicher Flapsigkeit noch etwas mehr nordische Raffinesse gewünscht.

Im Anhang des Buches erläutert Wendt einige Begriffe und Besonderheiten der nordfriesischen Küste und Hallig-Urlauber oder Leser, die „reif für die Hallig“ sind, haben mit diesem Regionalkrimi nun eine Möglichkeit mehr, sich literarisch der Landschaft anzunähern.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag edition krimi (Bedey Thoms), der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Wendt, Die letzte Fähre ging um fünf
edition krimi
ISBN: 978-3-946734-89-5

© edition krimi

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Die letzte Fähre ging um fünf“:

Für den Gaumen:
Für mich gehört zum Norden vor allem auch der Tee, d.h. zum Beispiel eine schöne Tasse Friesentee mit einem Schuss Sahne und Kluntje.

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Allen, die sich wie ich am Meer nicht satt sehen können und gerade Fernweh haben, möchte ich den wunderbaren MEERblick.blog ans Herz legen. Beim Betrachten dieser zauberhaften Fotos geht mir immer das Herz auf und ich höre in Gedanken das Wellenrauschen, spüre den Wind und die Meeresbrise. Helmut lässt uns mit traumhaften Bildern teilhaben an der Schönheit der Natur, dem Leben und den Jahreszeiten auf den Halligen und Nordseeinseln.

Zum Weiterlesen:

„Durch die Fenster, welche in der Front des Hauses gegen Süden lagen, sah man auf die grüne Fläche der Hallig und fern am Strand die Brandung, welche silbern in der Sonne schimmerte.“

(aus Theodor Storm „Eine Halligfahrt“)

Wer sich lieber klassisch dieser schönen Landschaft im Norden nähern möchte, dem sei Theodor Storm’s Novelle „Eine Halligfahrt“ ans Herz gelegt. Theodor Storm, der den meisten wohl eher durch den „Schimmelreiter“ bekannt ist, hat bereits 1871 den Ausflug zweier junger Liebender auf eine Hallig literarisch verewigt.

Ein Text, der auch auf der Website des Projekt Gutenberg zu finden ist.

Theodor Storm, Eine Halligfahrt
Thorbecke Jan Verlag
ISBN: 3799512942

Felchenskandal am Bodensee

Der Food-Journalist und Krimiautor Erich Schütz hat mit „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“ beide Leidenschaften in einem kulinarischen Krimi vereint und sensibilisiert seine Leser auf kurzweilige und spannende Art und Weise dafür, sich zukünftig auch einmal Gedanken zu machen, woher der Fisch auf dem Teller eigentlich kommt.

„Jeder Seeanwohner weiß: Ein Drittel der Felchen, die am Bodensee verkauft werden, mögen aus dem Bodensee sein, aber zwei Drittel kommen garantiert sonst woher, nur nicht aus dem See, der vor den Nasen der Gäste unschuldig in der Sonne glitzert.“

(S.8)

Die Fischerfamilie Ellegast gehört zu den traditionellen und alt eingesessenen Fischereibetrieben am Bodensee. Doch nun droht die Ehe von Gerdi und Martin am Thema „Felchen“ zu zerbrechen. Während Gerdi naturverträglich und nachhaltig noch auf traditionelle Weise fischt und trotz rückläufigen Fangmengen Wert auf qualitativ hochwertige Fische legt, ist Ehemann Martin dabei, höchst umstrittene Zuchtgehege im See aufzubauen, in welchen die Fische mit dubiosen Methoden und Medikamenteneinsatz in rauen Mengen „produziert“ und „gemästet“ werden, um den schier unersättlichen Bedarf an „echten Bodenseefelchen“ in der Gastronomie am See abzudecken.

Dass ein solcher Betrieb auch den Umweltschützern in der Region ein Dorn im Auge ist, versteht sich von selbst, und schon bald kommt es zu Protestaktionen. Als plötzlich auch mit illegalen Methoden agiert wird und es zu Sabotageakten und Brandanschlägen kommt, brennt die Luft im Urlaubsparadies.
Hat gar Tochter Lena – Biologiestudentin und selbst überzeugte Umweltaktivistin – ihre Finger mit im Spiel gehabt? Und wo verläuft die Grenze zwischen Umweltschutz und Ökoterrorismus?

Erich Schütz hat einen Krimi verfasst, der neben dem Lokalkolorit vor allem auch viele Hintergründe zur Fischzucht und heutigen Methoden erläutert und einfließen lässt. So mancher Leser wird hier Neues erfahren. Er macht klar, dass nicht alles Gold ist, was auf den Tellern glänzt und verpackt diese Aussagen in einen kritischen Regiokrimi, der sich sehr flüssig lesen lässt. Dass er sich als Food-Journalist und Krimiautor schon lange mit kulinarischen Themen und der Küche am Bodensee beschäftigt, merkt man bei der Lektüre und trotz aller Kritik blitzt auch die Liebe zur heimischen Küche und zur Schönheit der Landschaft immer wieder auf, die es zu erhalten gilt.

Interessant ist auch, wie er die Streitthemen und unterschiedlichen Ansichten konzentriert aus der Sicht einer Familie schildert, denn so fließen auch noch Beziehungsprobleme und Generationskonflikte kammerspielartig in die Kriminalhandlung ein. So beleuchtet er auch, wo Schwierigkeiten liegen, wenn die nachfolgende Generation mit der Weiterführung des Familienunternehmens hadert und der Wunsch der Eltern auf die Fortführung der Tradition und die Lebensplanung der Kinder aufeinanderprallen. So hat Schütz auf engen Raum thematisch einigen Zündstoff hineingepackt und einen Kriminalroman geschrieben, der aus vielerlei Aspekten heraus zum Nachdenken anregt.

Mit seinen gerade mal 188 Seiten ist dieses Krimihäppchen schnell verspeist und ist bestens geeignet für das Reisegepäck des nächsten Bodenseeurlaubs – auch wenn man dann wohl im Restaurant nicht unbedingt den Drang verspüren wird, Felchen zu bestellen. Doch die Bodensee-Küche hat ja auch noch jede Menge anderer Köstlichkeiten zu bieten.

Hinter dem Krimi mit einem Titel, der satirisch auch dem Genre Heimatfilm entlehnt sein könnte, verbirgt sich ein kritischer und brisanter Roman, der den Leser auf unterhaltsame Art dazu bringt, sich über Konsum- und Essgewohnheiten Gedanken zu machen. Am Ende der Lektüre ist man froh, wenn man noch einmal zum Beginn zurückblättert und sich an das Vorwort des Autors erinnert:

„Das ist kein Sachbuch, das ist ein Roman! Es gibt im Bodensee noch keine Felchengehege und auch noch keine genmanipulierten Fische – noch nicht…“

Trotz aller Kritik, macht der Roman auf jeden Fall auch große Lust auf den Bodensee und die einmalige Landschaft, die so viel zu bieten hat, so dass man sich wünscht, bald wieder einmal dorthin zu reisen und dann mit geschärftem Sinn, die Natur und die kulinarischen Genüsse dort genießen zu können.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Erich Schütz, Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2801-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Das Geheimnis der Fischerin vom Bodensee“:

Für den Gaumen:
Ich muss gestehen, dass mir die Lektüre nicht unbedingt Appetit auf Fisch gemacht hat, sondern ich dann eher frischem Gemüse den Vorzug geben würde. Bald ist Spargelsaison, daher denke ich eher an frischen Spargel mit Kartoffeln und einem schönen Glas Weißwein (z.B. ein Müller-Thurgau) vom Bodensee.

Zum Weiterdenken:
Am 19. März 2021 war für Deutschland bereits der „End of Fish Day 2021“, was bedeutet, dass rein rechnerisch ab diesem Zeitpunkt jeder Fisch, der in Deutschland verzehrt wird, importiert wird. Denn die heimischen Fische aus Nord- und Ostsee, Flüssen und Aquakulturen reichen nicht mehr aus, den Bedarf zu decken. Das ist zwei Wochen früher als 2020 (5. April) und auf Überfischung, Erwärmung der Meere und den Klimawandel zurückzuführen.

Zum Weiterlesen und für einen Museumsbesuch:
Künstlerisch und literarisch verbindet man mit dem Bodensee natürlich Hermann Hesse, der dort auf der Halbinsel Höri in Gaienhofen einige Jahre (1904-1912) gelebt hat. Dort gibt es ein Hesse Museum in einem ehemaligen Bauernhaus aus dem 17. Jahrhundert, das sich dem Leben und Werk des Literaturnobelpreisträgers widmet. Der Roman „Unterm Rad“ aus dem Jahr 1906 fällt in seine Zeit am Bodensee – bei mir war dieser Schullektüre:

Hermann Hesse, Unterm Rad
Suhrkamp BasisBibliothek 34
ISBN: 978-3-518-18834-7

K.u.k.-Krimivergnügen auf dem Dampfer

1907 – Triest ist die florierende, pulsierende Hafenstadt der Donaumonarchie und Günter Neuwirth nimmt uns mit seinem historischen Kriminalroman „Dampfer ab Triest“ mit auf eine stimmungsvolle und spannende Reise bzw. auf eine der ersten Kreuzfahrten auf dem Mittelmeer. An Bord der „Thalia“, einem Vergnügungsdampfer der österreichischen Lloyd, muss Inspector Bruno Zabini, der eigentlich als Personenschützer eines Grafen inkognito reist, schon bald in einem Kriminalfall ermitteln.

„Das ganze Schiff glich doch einem eisernen Tollhaus, auf dem allerlei zwischenmenschliche Verwicklungen passieren konnten, ja sogar sollten. Dafür bezahlten die Passagiere mit dem Erwerb einer Fahrkarte schließlich.“

(S.231)

Zu Beginn ist Inspector Zabini alles andere als begeistert, als er den Auftrag bekommt, zum Schutz des Grafen Urbanau, der vor kurzem nur zufällig einem Mordanschlag entgangen ist, in geheimer Mission eine dreiwöchige Seereise auf der „Thalia“ zu unternehmen. Denn er, der schnell von Seekrankheit geplagt wird, hätte die Zeit viel lieber an Land mit seiner Geliebten im heimischen Triest verbracht.
An Bord trifft er auf eine illustre, bunt gewürfelte Reisegesellschaft, die im Gegensatz zu ihm voller Enthusiasmus der großen Kreuzfahrt entgegenfiebert. Denn das luxuriöse Schiff hat zahlreiche Annehmlichkeiten zu bieten und auch die Route durch die Ägäis verspricht interessante Ziele und Ausflüge zu bekannten Sehenswürdigkeiten.
Doch schon beim ersten Landgang kehrt ein Mitglied des Schiffspersonals nicht mehr an Bord zurück. Zabini muss in einem Mordfall ermitteln und die Lage spitzt sich immer mehr zu – das Leben des Grafen ist in höchster Gefahr…

Günter Neuwirth – aufgewachsen in Wien und später in Graz lebend – hat mit „Dampfer ab Triest“ einen geglückten Auftakt zu einer neuen Krimireihe hingelegt. Das liest sich sehr flüssig und spannend, bietet einen interessanten zeitlichen Hintergrund und viel österreichischen, aber auch mediterranen Triester Lokalkolorit.
Für das richtige kaiserlich-königliche, donaumonarchische Flair sorgt vor allem die stimmige Sprache Neuwirth’s, die immer wieder gewürzt ist mit typisch österreichischen Begriffen: da wird sich fadisiert und akklamiert, da findet man Diwan und Stanitzel. So wird die k.u.k.-Atmosphäre zwischen Sonnendeck und Rauchsalon auch sprachlich lebendig und spürbar.

Thematisch hat der Autor einiges in seinen historischen Krimi gepackt: so erfährt man vieles über die Geschichte Triests während der K.u.k.-Ära, über die „Thalia“ und die ersten Kreuzfahrten der damaligen Zeit, aber auch über die Rolle und das sich wandelnde Selbstverständnis der Frau im frühen 20. Jahrhundert. Denn die unterschiedlichen Damen auf dem Schiff verkörpern auch verschiedene Lebensmodelle: So trifft man an Bord sowohl die alleinreisende, unverheiratete, abenteuerlustige Reiseschriftstellerin, als auch die unglücklich verheiratete Ehefrau, die ihr Glück in Affären und den Armen ihres Liebhabers sucht oder aber auch die junge adlige Komtess, die aus starrer Tradition und familiär-dynastischem Zwang ausbrechen und statt der standesgemäßen Pflichtehe lieber eine Liebesheirat eingehen möchte.

„Einerseits hebt sich der Morgentau einer neuen Zeit, in der der Mensch nicht allein Spielball des göttlichen Willens und der unerklärlichen Naturkräfte ist, in der der Mensch selbst für sein Schicksal Verantwortung trägt, andererseits wirken unermesslich starke Kräfte der Bewahrung althergebrachter Verhältnisse, die dem Individuum einen starren Platz in der Welt zuweisen.“

(S.211)

Der Autor nimmt sich Zeit für seine Figuren und seine Geschichte, so dass er mit einem umfangreichen Personal im Roman auch die unterschiedlichen Stände und Klassen des Jahres 1907 in allen Farben und Facetten schildern kann. So sind die Charaktere liebevoll gezeichnet: vom romantisch-stürmischen, ärmlichen Theaterschauspieler, über den ehemals auf die schiefe Bahn geratenen Karten- und Falschspieler, der sich nun als Steward auf dem Schiff seine Brötchen verdient bis zur liebeshungrigen Wertpapierhändlersgattin, die stets auf der Suche nach erotischen Eskapaden zu sein scheint.

Vor allem aber auch mit Inspector Bruno Zabini hat Neuwirth eine interessante und sympathische Figur geschaffen, von der man zukünftig gerne mehr lesen möchte. Ein vielsprachiger Kosmopolit mit einer Wiener Mutter und einem Vater aus Triest, der gleichsam Wiener Schmäh und italienisches Temperament auf sich vereint – ein feuriger Liebhaber und Frauenversteher, der nichts anbrennen lässt, sich nicht binden will und daher als überzeugter Junggeselle bevorzugt verheiratete Damen beglückt. Ein spannender Charakter, der dem technischen Fortschritt und den modernen kriminalistischen Methoden im Jahre 1907 (wie z.B. der Daktyloskopie) gegenüber aufgeschlossen ist und auch sonst einen weltoffenen und neugierigen Zeitgenossen mit modernen Ansichten verkörpert.

Besonders schätze ich es, wenn bei historischen Romanen am Ende des Buches auch noch auf die tatsächlichen, geschichtlichen Hintergründe und Fakten eingegangen wird. Daher habe ich mich gefreut, dass es in diesem Fall ein ausführliches Kapital am Ende des Romans gibt, welches unter anderem näher auf die Geschichte Triests, die österreichische Seefahrtsgeschichte, die österreichische Lloyd ebenso wie auf die Thalia und ihren Kapitän eingeht.

Ein gelungener, historischer Krimi, der für Freunde dieses Genres auf 470 Seiten viel zu bieten hat. Ein opulenter und stimmungsvoller Roman, der die Kreuzfahrtatmosphäre und K.u.k.-Zeit lebendig werden lässt. Neuwirth nimmt den Leser mit auf eine unterhaltsame Seereise auf einem der ersten österreichischen Vergnügungsdampfer der damaligen Zeit. Spannung, Seeluft und frische Brise inklusive!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dampfer ab Triest“:

Für den Gaumen:
Trotz der üppigen Menüs und Diners, die auf dem Schiff serviert werden, ist mir dieses Mal vor allem ein besonderer Wein bei der Lektüre kulinarisch ins Auge gestochen: ein fruchtiger, tief dunkelroter Rotwein vom Karst aus der Region Friaul-Julisch Venetien: der sogenannte „Terrano del Carso“, den ich bislang (leider) noch nicht verkosten durfte.

Zum Weiterhören:
Auch auf der Thalia gab es – wie auf der Titanic – eine Bordkapelle und der jüdische Komponist Bernhard Kaempfner, der später aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen wurde, komponierte sogar einen eigenen „Thalia-Marsch“ für das Schiff, welcher dort regelmäßig zur Aufführung kam.

Zum Weiterlesen:
Im Falle von Günter Neuwirth’s „Dampfer nach Triest“ ist Triest zwar der Ausgangsort der Handlung, aber im Laufe des Romans führt die Seereise Bruno Zabini und die Passagiere der „Thalia“ auch noch an andere Orte (Ragusa, Otranto, Smyrna, Istanbul etc.). Wer gerne Krimis liest und noch mehr Triester Lokalkolorit der Gegenwart genießen möchte, der ist bei Veit Heinichen’s Reihe um Commissario Laurenti sehr gut aufgehoben. Der erste Band „Gib jedem seinen eigenen Tod“ erschien bereits 2001 und mittlerweile umfasst die Reihe 10 Bände, die ich persönlich alle sehr gerne gelesen habe.

Veit Heinichen, Gib jedem seinen eigenen Tod
dtv
ISBN: 978-3-423-20516-0

Wegbereiter im Dunkel

Thomas Mullen’s „Darktown“ stand schon eine ganze Weile auf meiner Liste der Bücher, die ich lesen möchte, und im Januar war dann die richtige Zeit gekommen. Eine Reihe, die schon seit langem in Bloggerkreisen und auf dem Buchmarkt große Aufmerksamkeit genießt und schon häufig besprochen wurde. Jetzt kann ich dies für den ersten Band auch selbst beurteilen: zu Recht.

Denn die Grundidee des Autors, Rassismus in Kriminalromanen zu thematisieren, somit einer breiteren Öffentlichkeitsschicht zugänglich zu machen und hierfür den geschichtlichen Hintergrund bzw. die wahre Geschichte der ersten farbigen Polizisten im Police Department Atlanta’s zu verarbeiten, ist brilliant und auch hervorragend umgesetzt.

„Dieselben Stadträte, die endlich Dienstmarken an Negroes ausgegeben hatten, konnten sich immer noch keine Welt vorstellen, in der farbige Polizisten neben weißen saßen oder mit ihnen gemeinsam aßen, duschten, sich in denselben Umkleidekabinen umzogen oder dieselben Klos benutzten.“

(S.68)

Atlanta 1948 – „Darktown“ ist der Teil der Stadt, in welchem hauptsächlich farbige Bewohner leben. Und genau dort kommen auch die ersten farbigen Polizisten zum Einsatz – in einer Einheit des Police Departments, die neu gegründet wurde – ein Pilotprojekt. Lucius Boggs und Tommy Smith gehören zu dieser Gruppe von Wegbereitern und sind Teil dieser „besonderen“ Einheit. Noch traumatisiert durch die Erlebnisse im zweiten Weltkrieg bahnen sich die beiden ihren Weg durch das Viertel und die menschlichen Abgründe, auf welche sie stoßen.

Offener Rassismus durch weiße Kollegen und Mitmenschen gehört zu ihrem Alltag. Schikanen jeglicher Art, verbale und körperliche Gewalt und die Behinderung ihrer Arbeit sind an der Tagesordnung. Tagtäglich kämpfen sie um Akzeptanz, Respekt und Anerkennung und erfahren selbst von farbigen Mitbürgern häufig nur Skepsis und Ablehnung ihrer Arbeit.

„Das war alles, was Officer Lucius Boggs für seine farbigen Mitbürger tun konnte, sie in die nächste Hölle schicken.“

(S.144)

Nicht mit den selben Befugnissen und Rechten ihrer Kollegen ausgestattet, müssen sie teils hilflos mit ansehen, wie sich der offene Rassismus auch in Polizeigewalt der weißen Kollegen gegenüber ihren farbigen Mitmenschen Bahn bricht.

Als eine junge farbige Frau tot aufgefunden wird, die sie kurz vorher noch in der Begleitung eines weißen Mannes gesehen hatten, wird schnell klar, dass auf breiter Front wenig Interesse an der Aufklärung des Falls und der Wahrheit besteht. Schnell werden Aussagen angezweifelt, Berichte umgeschrieben und Hilfe verweigert, um sie in ihrer Arbeit zu behindern. Doch dieses Verbrechen lässt sie nicht los und so wird auf eigene Faust und unter großer Gefahr ermittelt.

Und plötzlich erfahren sie überraschend Unterstützung von einer Seite, von welcher sie diese nicht erwartet hätten, denn auch ein weißer Kollege ist zunehmend angewidert vom offenen Rassismus und den Gewalttaten seines Ermittlungspartners.

Die großen Stärken des Romans sind für mich die detaillierte Schilderung der geschichtlichen Hintergründe und die unmittelbaren, schmerzlichen und direkten Beschreibungen der Situationen, in welchen Boggs und Smith Diskriminierung, Ausgrenzung und Hass aufgrund ihrer Hautfarbe erfahren und erleiden müssen. Mullen macht unmissverständlich klar, dass von Chancengleichheit und Gleichberechtigung keine Rede sein kann. Dem Leser die Einschränkungen und die Ungleichbehandlung klar zu machen und ihn mit jeder Seite mehr und mehr verstehen zu lassen, wie sich dies konkret in alltäglichen Situationen stets aufs Neue bemerkbar macht, das ist für mich die große Leistung des Autors. Es sind keine subtilen, kleinen Nicklichkeiten, welche Boggs und Smith widerfahren, das sind himmelschreiende Ungerechtigkeiten und unmenschliche physische und psychische Gewalt.

Leser verstehen nach der Lektüre etwas mehr über Rassismus, die Geschichte der farbigen Bürger der USA, den Ku-Klux-Klan, gesellschaftliche Verwerfungen und aufgeheizte, politische Debatten. Ein wichtiges und opulentes Buch und ein gelungener Auftakt einer Krimireihe, die Thomas Mullen mit „Weisses Feuer“ und „Lange Nacht“ zu einer Trilogie ausgebaut hat.

Meine Empfehlung ist, sich für das Buch Zeit zu nehmen, es in Ruhe und wenn möglich in längeren Stücken zu lesen. Denn die knapp 480 Seiten brauchen etwas Konzentration und Muße, damit man etwas davon hat. In Häppchen von 20 oder 30 Seiten kann sich der notwendige Lesefluss und Spannungsbogen nicht so recht aufbauen.

Zudem sollte man sich wappnen für unangenehme Wahrheiten, große Ungerechtigkeiten und menschliche Abgründe: „Darktown“ ist ein Buch, das beim Lesen schmerzt und jeden, der sich auf diesen nahezu klassischen Polizeiroman mit historischem Hintergrund einlässt, zwingt, sich mit dem brisanten und leider immer noch brandaktuellen Thema Rassismus auseinander zu setzen.

Weitere Besprechungen finden sich unter anderem auch bei Kaffeehaussitzer, Buchbube, Buch-Haltung und dem Blog der Schurken.

Buchinformation:
Thomas Mullen, Darktown
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8353-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Darktown“:

Zum Weiterhören:
Während der Lektüre hatte sich bei mir ein regelrechter innerer Ohrwurm festgesetzt: „Son of a preacher man“ – im Original aus dem Jahr 1968 von Dusty Springfield – also viel später als das Jahr 1948, in welchem der Roman „Darktown“ spielt. Aber nachdem eine der Hauptfiguren der Sohn eines Predigers ist und dies auch immer wieder thematisiert wird, hatte ich auf einmal diesen Song im Kopf.

„Ich bin der Sohn eines Pastors. Ich selbst bin keiner.“
„Na Gott sei Dank. Ich mag Männer mit ein bisschen Dreck an den Sohlen. Der Abrieb des Lebens ist so viel interessanter als der Glanz der Ewigkeit, sag ich mir immer.“

(S.340)

Zum Weiterlesen:
Thomas Mullen hat mit „Weisses Feuer“ und „Lange Nacht“ seine Darktown-Trilogie vervollständigt. Wer also nach „Darktown“ wissen möchte, wie es mit den Kollegen des Police Departments weitergeht, der kann die Lektüre nahtlos fortsetzen.

Thomas Mullen, Weisses Feuer
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8395-0

Thomas Mullen, Lange Nacht
Übersetzung: Berni Mayer
Dumont
ISBN: 978-3-8321-8143-7

Kunstvolles Verwirrspiel

Ein Kriminalfall im Kunstmilieu und eine Detektei, die auf diese Art von Verbrechen spezialisiert ist – seit dem Fall Gurlitt oder dem Raub im Dresdner Grünen Gewölbe war dieses Genre literarisch überfällig. Mit der Kunstdetektei von Schleewitz und dem ersten Fall „Der Turm der blauen Pferde“ hat Bernhard Jaumann diese Nische des Kunst-Krimis für sich entdeckt und einen unterhaltsamen und spannenden Auftakt mit einem Ermittlerteam geschaffen, welches das Zeug dazu hat zu beliebten Serienhelden zu werden.

Im Zentrum des Romans steht Franz Marc’s weltberühmtes Gemälde „Der Turm der blauen Pferde“ aus dem Jahr 1913, das seit 1945 als verschollen gilt, nachdem es 1937 aus der Ausstellung „Entartete Kunst“ entfernt wurde und Hermann Göring es vereinnahmte.

„Köpfe und Kruppen von vier blauen Pferden drängten sich in- und übereinander, als wären sie eins, ein zugleich kraftvolles wie scheues Wesen. Stilisiert und doch lebendig, hart in den Konturen und doch in weichen, wie vor Energie schwingenden Rundungen sich selbst beseelend. Zu einem Turm aus geballtem Leben schichteten sich die Pferde auf, zu einem tiefblauen Leben, das sich selbst genügte und alle anderen Farben an den Rand drängte.“

(S.12/13)

Berchtesgaden Mai 1945 – zwei Bauernjungen entdecken in einem einsamen Eisenbahntunnel jede Menge Kisten, die sie zunächst für ein Munitionsdepot halten. Als die Neugier sie dazu treibt, eine davon zu öffnen, stoßen sie auf etliche Gemälde und eines davon fasziniert den jungen Ludwig so sehr, dass er es unbedingt besitzen will, obwohl es nicht dem nationalsozialistischen Ideal entspricht. Eine lange, dramatische Geschichte voll dunkler und blutiger Geheimnisse beginnt.

Im Jahr 2017: Rupert von Schleewitz betreibt in München gemeinsam mit seinen Kollegen Klara und Max eine kleine Kunstdetektei. Als plötzlich das verschollene Gemälde Franz Marc’s „Der Turm der blauen Pferde“ bei einem Großindustriellen auftaucht, das dieser unter seltsamen Umständen erwerben konnte, grenzt dies an eine Sensation. Um jegliche Zweifel an der Echtheit des Kunstwerks auszuräumen, beauftragt er die Detektei, die Herkunftsgeschichte des Bildes zu klären.

Doch wie lässt sich die zeitliche Lücke zwischen dem Verschwinden während des zweiten Weltkriegs und dem Jahr 2017 schließen? Eine schwierige Spurensuche beginnt, welche die Detektive quer durch Bayern, nach Berlin, sowie vom einfachen Bergdorf nahe Berchtesgaden, über die Münchner Schickeria auch in die zeitgenössische Kunstszene führt.

Jaumann erschafft spannende Charaktere: Da ist Rupert von Schleewitz, Inhaber der Detektei und Frauenheld, der sich während der Ermittlungen von einer potenziellen Zeugin der Gemäldeübergabe den Kopf verdrehen lässt bis er sie aus den Augen verliert. Unterstützt wird er von Klara Ivanovic, der Kunstexpertin des Teams, aufgewachsen als Tochter eines exaltierten Künstlers, der ihre eigenen künstlerischen Ambitionen stets im Keim erstickte, so dass sie Kunstgeschichte studierte und um den sie sich mittlerweile aufgrund seiner fortschreitenden Parkinsonerkrankung verstärkt kümmern muss. Und da ist Max – stark geforderter Vollblutfamilienvater einer blockflötenden und einer pubertierenden Tochter – der für Detailrecherche jeglicher Art sowie Archivbesuche zuständig ist und der obwohl er ihn manchmal woanders hat, doch auch seinen eigenen Kopf durchsetzt. Ein kunterbunt zusammengewürfeltes Team, das gegensätzlicher nicht sein könnte und sich dennoch auch aufgrund der Vielseitigkeit gut ergänzt. Figuren mit Ecken, Kanten und kleinen Geheimnissen, die mit Sicherheit noch nicht auserzählt sind und so definitiv Stoff für weitere Episoden bieten.

Mir gefällt Jaumanns Tonfall, der sich flüssig und spritzig liest und mich auch mit den stellenweise satirischen Seitenhieben auf die Münchner Schickeria und die teils exzentrische Kunstszene köstlich amüsiert hat. Der Plot ist raffiniert und wartet mit einigen unerwarteten Wendungen auf, so dass man als Leser mitfiebern und -rätseln kann. Ein Leckerbissen für Hobbyschatzsucher und Krimifans der unblutigen Sorte, die idealerweise ein Faible für Geschichte, Kunst und Malerei haben und sich literarisch gerne mal wieder in die bayerische Hauptstadt und die nahegelegene Bergwelt begeben möchten.

Dieser Kunstkrimi mit seiner gelungenen Mischung aus Spannung, Lokalkolorit und geschichtlich-künstlerischem Hintergrund hat bei mir auf jeden Fall die Lust auf mehr geweckt und so freue ich mich bereits jetzt darauf, dass im Mai 2021 die Fortsetzung „Caravaggios Schatten“ erscheinen wird.

Eine weitere Besprechung des Kriminalromans findet sich bei Bücheratlas.

Buchinformation:
Bernhard Jaumann, Der Turm der blauen Pferde
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-141-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Der Turm der blauen Pferde“:

Für einen nächsten Museumsbesuch:
Bei der Lektüre ist auf jeden Fall das Münchner Lenbachhaus auf meine Wunschliste der Museen gewandert, die ich nach Normalisierung der Corona-Lage gerne besuchen würde. Die große Sammlung mit Werken der Künstler des Blauen Reiters beherbergt unter anderem auch Franz Marc’s „Blaues Pferd I“, welches dem verschollenen „Der Turm der blauen Pferde“ in der farblichen Gestaltung und in der Motivwahl sehr nahesteht.

Zum Weiterschauen:
2014 brachte George Clooney den Film „Monuments Men“ in die Kinos, in welchem er sowohl Regie führte, das Drehbuch schrieb als auch die Hauptrolle selbst übernahm. Basierend auf einer wahren Begebenheit handelt er von einer handverlesenen Gruppe von Kunstschutzsoldaten, die gegen Ende des zweiten Weltkriegs versuchten, Raubkunst sicherzustellen und Kunstschätze für die Nachwelt zu bewahren.

Zum Weiterlesen:
Kennengelernt habe ich Bernhard Jaumann bereits vor vielen Jahren durch seinen außergewöhnlichen und mit dem Glauser-Preis ausgezeichneten Krimi „Saltimbocca“. Ein Band aus seiner fünfbändigen Reihe, welche fünf Sinne und Metropolen in den Mittelpunkt stellt. Sein verblüffendes Verwirrspiel in der ewigen Stadt gespickt mit kulinarischen Leckereien der römischen Küche, das die Grenzen zwischen Fiktion und Realität immer mehr verschwimmen lässt, ließ mir damals das Wasser im Munde zusammenlaufen und das Krimiherz höher schlagen.

Bernhard Jaumann, Saltimbocca
Aufbau Taschenbuch
ISBN: 978-3-7466-3041-0

Schnee in Paris

Die ersten weißen Weihnachten in Paris seit dem Jahr 1962 und die Leser von Alex Lépic’ „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ dürfen dabei sein, wenn der Commissaire in den schneebedeckten Straßen der Weltstadt seinen dritten Fall löst. In der Regel bin ich nicht unbedingt ein Freund von Weihnachtskrimis, zumal diese häufig allzu klischeebehaftet und kitschig daherkommen. Aber irgendwie ist dieses Jahr vieles anders – und wenn sich schon die Adventszeit ausschließlich zu Hause abspielt, wollte ich zumindest literarisch ein wenig „weiße Weihnachtsatmosphäre“ aus anderen Gefilden genießen. Ein bisschen Romantik, Kulinarik und etwas Wärmendes für die Seele und so bin ich an diesem schmalen, schön gestalteten Band von Alex Lépic nicht vorbeigekommen, da ich im Sommer bereits die ersten beiden Fälle von Commissaire Lacroix mit einigem Vergnügen gelesen habe.

Zu Beginn langweilt sich der Commissaire schrecklich, denn in seinem Arrondissement scheint bereits der vorweihnachtliche Friede eingekehrt zu sein und es ist quasi nichts los. Kein Fall in Sicht, nichts zu ermitteln. Doch bei der gemütlichen Zeitungslektüre in seinem Lieblingslokal stößt er plötzlich auf eine Meldung, die ihn aus seiner Genussseligkeit (bei Ente und Rotwein) und seiner Lethargie reißt: Auf der beliebten Place de Tertre in Montmartre wurde doch tatsächlich die Weihnachtsbeleuchtung gestohlen. Wer macht so etwas? Und wie konnte dies unbeobachtet und unbemerkt geschehen?

Obwohl Montmartre nicht in seine Zuständigkeit fällt, lässt dieses hinterhältige Verbrechen Lacroix keine Ruhe und er eilt seiner Kollegin im Nachbarrevier zu Hilfe, mischt sich in die Ermittlungen ein. Als dann auch noch kurz darauf die große Weihnachtstanne bei Sacré-Cœur gefällt wird, scheint klar zu sein, dass es sich hier um eine Verbrechensserie eines Weihnachtshassers handeln muss. Was plant dieser als Nächstes und wird Lacroix den Täter noch vor dem Weihnachtsfest fassen?

„Lacroix hatte es bisher vielleicht zehnmal in seinem Leben erlebt: Schnee in Paris. Die Stadt versank dann im Chaos – aber sie war auch wunderschön.“

(S.35)

Ich gebe zu, dass ich das Buch nicht wirklich wegen des Kriminalfalls gelesen habe, sondern viel mehr wegen des ganzen „Drumherum“, des Flairs, der Atmosphäre, den Schilderungen von Restaurants und Bistros, den beschriebenen Mahlzeiten und Getränken und dem liebenswerten Kommissar und seiner wunderbaren Frau. Weiße Weihnachten in Paris: schneebedeckte Straßen, leckere Rotweine, feines Essen, touristische Attraktionen, die Künstler von Montmartre – kurzum der Lokalkolorit und das französische „Savoir vivre“ machen für mich den Reiz dieser Krimis von Alex Lépic aus und darin ist er großartig. Er stillt das Fernweh und ein wenig auch die Sehnsucht nach einer heilen Welt, die man gerade jetzt in der Weihnachtszeit ja auch mal haben kann.

Die Figuren sind rundum liebenswert und wachsen einem sofort ans Herz: Lacroix – der Handyverweigerer und Flaneur, der seine Gattin, die Bürgermeisterin eines Pariser Arrondissements ist, auf Händen trägt und mit ihr gemeinsam das Leben zu genießen weiß. Die Wirtin seines Stammlokals mit Hündchen Idefix sind ebenso Sympathieträger wie der Bruder des Commissaires, der als Priester stets ein offenes Ohr für seinen Bruder bei der Polizei hat und teilweise auch beratend zur Seite steht.

Und so liest sich das Ganze sehr genussvoll und flüssig und man fliegt gerade so durch die Seiten, was mich zu einem kleinen Wermutstropfen bringt:
Ein wenig kurz ist dieser Weihnachtsfall für meinen Geschmack geraten, denn mit seinen lediglich 200 Seiten ist das gerade mal eine knackig-kurze Unterhaltung für einen Nachmittag oder einen Abend. Nichtsdestotrotz etwas fürs Herz (ein bisschen Kitsch durfte sein), mir wurde weihnachtlich und behaglich zumute und ich habe die Lektüre wirklich genossen. Mit Sicherheit kein Krimi für Freunde der blutrünstigen und härteren Gangart oder Fans atemberaubender Spannung, aber für alle, die gerne mal einem sympathischen, leicht schrulligen Kommissar in einer Weltstadt mit Flair beim Ermitteln zusehen und Gefallen an Lokalkolorit und viel kulinarischen Inspirationen haben, sind hier gut aufgehoben. Nicht umsonst wird Lacroix in den Romanen von seinen Polizeikollegen und der Presse immer wieder als der neue Maigret bezeichnet. Große Fußstapfen, aber die Richtung stimmt.

Wer ein bisschen Weihnachtsatmosphäre, Pariser Schneegestöber und Lichterglanz zelebrieren, einfach mal ein paar Stündchen abschalten und die Welt und die Sorgen draußen lassen möchte, der wird hier auf seine Kosten kommen. Joyeux Noël!

Eine weitere Besprechung gibt es bei Andreas Kück Leselust.

Buchinformation:

Alex Lépic, Lacroix und die stille Nacht von Montmartre
Kampa
ISBN: 978 3 311 12517 4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“:

Für den Gaumen (I):
Weihnachtszeit ist bei vielen Entenzeit und auch Commissaire Lacroix kann sich dafür begeistern:

„Die Ente war kross und die Soße aus Rotwein und Zwiebeln dunkel und glänzend. So hatte er es am liebsten. Dazu (…) weiße Bohnen aus Tarbes“

(S.11)

Für den Gaumen (II):
Lacroix ist einem guten Tropfen niemals abgeneigt und so kann man auch das eine oder andere über französische Weine lernen. Zu schade nur, dass man nicht gleich mitprobieren und verkosten kann. Sich nach einem winterlichen Spaziergang durch Paris in einem urigen Bistro wieder aufzuwärmen und sich zum Beispiel ein Gläschen Chinon von der Loire zu gönnen wie der Commissaire, da hätte wohl kaum jemand etwas dagegen.

Zum Weiterhören:
Wie für mich – gehört auch für Lacroix, dessen Bruder Priester ist – ans Ende des Weihnachtsgottesdiensts das traditionelle und wunderschöne „Stille Nacht, heilige Nacht“ – natürlich in seinem Fall mit französischen Text: „Douce nuit, Sainte nuit“.

Zum Weiterlesen:
Die Weihnachtsausgabe „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ ist bereits Commissaire Lacroix’ dritter Fall. Wer also gerne chronologisch liest und die Charaktere bereits mit ihrer Vorgeschichte kennenlernen möchte, sollte mit Band 1 (Lacroix und die Toten vom Pont Neuf) und 2 (Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain) beginnen, die ebenfalls lesenswert sind:

Alex Lépic, Lacroix und die Toten vom Pont Neuf
Kampa
ISBN: 978 3 311 12500 6

Alex Lépic, Lacroix und der Bäcker von Saint-Germain
Kampa
ISBN: 978 3 311 12509 9