Königlicher Theaterabend

Einen großartigen, royalen und unvergesslichen Theaterabend durfte ich vor kurzem im Landshuter Theater erleben. Die erste Premiere des Landestheater Niederbayern in der neuen Spielzeit und ein Abend, auf den ich mich sehr gefreut habe: „The King’s Speech“ – ein Schauspiel von David Seidler, das vielen wohl aufgrund der oscarprämierten Verfilmung aus dem Jahre 2010 bekannt sein dürfte.
Dieses tiefgründige, intelligente und berührende Stück jedoch live erleben zu können, hatte für mich noch einmal eine völlig andere Qualität als der ebenfalls schon außergewöhnlich starke Film, den ich auch bereits sehr mochte.

Schließlich kann auf der Bühne keine Szene wiederholt, nichts nachgebessert oder bis zur Perfektion in mehreren Takes verfeinert werden: hier muss jede Szene sofort sitzen – eine ungeheure schauspielerische Leistung des Ensembles – vor allem jedoch von Reinhard Peer, welcher den stotternden Bertie, Herzog von York und späteren König George VI. verkörpert.

Doch der Reihe nach:
Beim Inhalt werde ich mich kurz halten, da vermutlich sehr viele ohnehin den Film kennen, der auf wahren Begebenheiten basiert: Dreißiger Jahre – der Herzog von York, der Sohn des britischen Königs George V., leidet seit seiner Kindheit an einer Sprachstörung – er stottert. Öffentliche Auftritte und Reden sind ihm eine Qual. Seine Frau Elizabeth – die spätere Queen Mum – bringt ihn dazu, einen weiteren Sprachtherapeuten aufzusuchen, welcher für seine unkonventionellen, aber erfolgreichen Methoden bekannt ist: den Australier Lionel Logue.

Schon bald entwickelt sich zwischen den beiden Männern ein besonderes, freundschaftliches Verhältnis und Logue unterstützt ihn in entscheidenden Situationen seines Lebens. Denn als Bertie’s Vater stirbt und der Bruder schon bald aufgrund seines Verhältnisses zur mehrfach geschiedenen Amerikanerin Wallace Simpson abdankt und auf den Thron verzichtet, muss Bertie auf einmal die Rolle übernehmen, die er niemals haben wollte: er wird König.

Lionel Logue steht ihm bei der Vorbereitung der Krönungszeremonie ebenso bei, wie bei einer seiner wichtigsten, wenn nicht der wichtigsten Rede seines Lebens: der Radioansprache an das britische Volk zu Beginn des Zweiten Weltkriegs.

Die Inszenierung lebt ganz klar von der grandiosen, schauspielerischen Leistung des Ensembles und vor allem der Hauptakteure Reinhard Peer (als Bertie) und Joachim Vollrath (als Lionel Logue). Die beiden sind ideal besetzt und harmonieren perfekt in den zahlreichen Szenen zu zweit und auch die Chemie mit den Frauen an ihrer Seite stimmt: Paula-Maria Kirschner gibt eine sehr elegante, royale und wunderbare Elizabeth, die ihren Mann liebend unterstützt und Antonia Reidel spielt eine temperamentvolle, starke und emotionale Myrtle Logue, die ihren Mann ebenso liebt und für ihn trotz Wut und Verzweiflung zähneknirschend immer wieder zurücksteckt.

Umrahmt werden die Paare durch die wichtigen Amts- und Würdenträger: Jochen Decker als Zigarre rauchender, brummiger Winston Churchill, Julian Ricker als ambitionierter und politischer Erzbischof von Canterbury Cosmo Lang, sowie Julian Niedermeier als Premierminister Stanley Baldwin.
David, der Bruder, welcher Bertie meist abwertend verhöhnt und letztlich auf den Thron verzichtet, wurde am Premierenabend von Stefan Voglhuber dargestellt.

Schnelle Szenenwechsel unterstützt durch ein puristisches, aber sehr variables Bühnenbild, das geprägt ist von drehbaren Wänden und zahlreichen alten Radiogeräten, sowie einem ausgeklügelten Farb- und Lichtkonzept: die royale Welt meist in kühleren Grau- und Blautönen gehalten und der herzliche, lebensfrohe und lebendige Haushalt des Lionel Logue in warmen Natur- und Brauntönen. Dieses Farbkonzept setzte sich zudem auch konsequent in den Kostümen der beiden Paare entsprechend fort.
Großes Lob verdient meines Erachtens daher auch die Ausstatterin Monika Gora sowie die Kostümabteilung des Landestheaters, welche zauberhafte und sehr stimmige Kostüme kreiert haben. So werden die Dreißiger Jahre wahrlich auf der Bühne lebendig.

Ein fulminanter und zu Herzen gehender Auftakt in diese Spielzeit, in welcher der Saal aktuell mit 3G-Regeln und Maskenpflicht am Platz für die Besucher auch wieder voll besetzt werden darf.

Der emotionale Schluss war für mich ein wahrer Theater-Gänsehaut-Moment und das Publikum belohnte die Leistung des Ensembles, aber auch der Regisseurin Sarah Kohrs ebenfalls tief bewegt mit lange anhaltendem, teils rhythmischem Applaus und wollte die Schauspieler gar nicht mehr von der Bühne lassen.
Man merkte, wie ausgehungert viele Besucher nach der kulturellen Durststrecke auf diesen Moment gewartet und hingefiebert hatten, um so größer war jetzt die Freude gleich zu Beginn wieder einen so grandiosen und berührenden Theaterabend erleben zu dürfen. Auch in den Gesichtern der Darsteller konnte man beim Schlussapplaus die Freude, Erleichterung und Dankbarkeit ablesen, endlich wieder vor Publikum spielen zu dürfen. Bravi!

Gesehen am 17. September 2021 im Landestheater Niederbayern (Landshut – Theaterzelt)

The King’s Speech“ ist in dieser Spielzeit noch an einigen Terminen in Landshut, Passau und Straubing zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage des Landestheater Niederbayern. Zudem findet ihr dort auch schöne Fotos der Aufführung, wenn Ihr Euch ein Bild machen wollt.

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „The King’s Speech“:

Für den Gaumen:
Zum Essen bleibt in der Inszenierung keine Zeit bzw. Gelegenheit, aber neben Tee wird vor allem dem Whisky durchaus zugesprochen – kein Wunder steht doch mit Winston Churchill ein ausgewiesener Whiskyliebhaber auf der Bühne und auch Bertie trinkt sich in der einen oder anderen Szene Mut an.

Zum Weiterhören:
Untermalt wurden die Szenenwechsel durch britische Klassiker wie „Rule Britannia“ (die „Last night of the proms“, die noch nicht so lange zurückliegt, ließ grüßen) oder Musik der damaligen Zeit wie dem Klassiker „Tea for two“.

Zum Weiterlesen:
Vor einigen Monaten habe ich hier auf der Kulturbowle den Roman „Lady Churchill“ von Marie Benedict vorgestellt. Auch wenn Clementine Churchill im Stück nicht vorkommt, sondern hier vor allem die Ehefrauen von Bertie, d.h. die spätere „Queen Mum“ Elizabeth und Myrtle Logue den weiblichen Part übernehmen, so erinnerte mich die Bühnenpräsenz von Winston Churchill doch an diese Lektüre – ein anderer, ebenfalls sehr interessanter Blick auf die Zeit vor und während des Zweiten Weltkriegs in Großbritannien:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

K.u.k.-Krimivergnügen auf dem Dampfer

1907 – Triest ist die florierende, pulsierende Hafenstadt der Donaumonarchie und Günter Neuwirth nimmt uns mit seinem historischen Kriminalroman „Dampfer ab Triest“ mit auf eine stimmungsvolle und spannende Reise bzw. auf eine der ersten Kreuzfahrten auf dem Mittelmeer. An Bord der „Thalia“, einem Vergnügungsdampfer der österreichischen Lloyd, muss Inspector Bruno Zabini, der eigentlich als Personenschützer eines Grafen inkognito reist, schon bald in einem Kriminalfall ermitteln.

„Das ganze Schiff glich doch einem eisernen Tollhaus, auf dem allerlei zwischenmenschliche Verwicklungen passieren konnten, ja sogar sollten. Dafür bezahlten die Passagiere mit dem Erwerb einer Fahrkarte schließlich.“

(S.231)

Zu Beginn ist Inspector Zabini alles andere als begeistert, als er den Auftrag bekommt, zum Schutz des Grafen Urbanau, der vor kurzem nur zufällig einem Mordanschlag entgangen ist, in geheimer Mission eine dreiwöchige Seereise auf der „Thalia“ zu unternehmen. Denn er, der schnell von Seekrankheit geplagt wird, hätte die Zeit viel lieber an Land mit seiner Geliebten im heimischen Triest verbracht.
An Bord trifft er auf eine illustre, bunt gewürfelte Reisegesellschaft, die im Gegensatz zu ihm voller Enthusiasmus der großen Kreuzfahrt entgegenfiebert. Denn das luxuriöse Schiff hat zahlreiche Annehmlichkeiten zu bieten und auch die Route durch die Ägäis verspricht interessante Ziele und Ausflüge zu bekannten Sehenswürdigkeiten.
Doch schon beim ersten Landgang kehrt ein Mitglied des Schiffspersonals nicht mehr an Bord zurück. Zabini muss in einem Mordfall ermitteln und die Lage spitzt sich immer mehr zu – das Leben des Grafen ist in höchster Gefahr…

Günter Neuwirth – aufgewachsen in Wien und später in Graz lebend – hat mit „Dampfer ab Triest“ einen geglückten Auftakt zu einer neuen Krimireihe hingelegt. Das liest sich sehr flüssig und spannend, bietet einen interessanten zeitlichen Hintergrund und viel österreichischen, aber auch mediterranen Triester Lokalkolorit.
Für das richtige kaiserlich-königliche, donaumonarchische Flair sorgt vor allem die stimmige Sprache Neuwirth’s, die immer wieder gewürzt ist mit typisch österreichischen Begriffen: da wird sich fadisiert und akklamiert, da findet man Diwan und Stanitzel. So wird die k.u.k.-Atmosphäre zwischen Sonnendeck und Rauchsalon auch sprachlich lebendig und spürbar.

Thematisch hat der Autor einiges in seinen historischen Krimi gepackt: so erfährt man vieles über die Geschichte Triests während der K.u.k.-Ära, über die „Thalia“ und die ersten Kreuzfahrten der damaligen Zeit, aber auch über die Rolle und das sich wandelnde Selbstverständnis der Frau im frühen 20. Jahrhundert. Denn die unterschiedlichen Damen auf dem Schiff verkörpern auch verschiedene Lebensmodelle: So trifft man an Bord sowohl die alleinreisende, unverheiratete, abenteuerlustige Reiseschriftstellerin, als auch die unglücklich verheiratete Ehefrau, die ihr Glück in Affären und den Armen ihres Liebhabers sucht oder aber auch die junge adlige Komtess, die aus starrer Tradition und familiär-dynastischem Zwang ausbrechen und statt der standesgemäßen Pflichtehe lieber eine Liebesheirat eingehen möchte.

„Einerseits hebt sich der Morgentau einer neuen Zeit, in der der Mensch nicht allein Spielball des göttlichen Willens und der unerklärlichen Naturkräfte ist, in der der Mensch selbst für sein Schicksal Verantwortung trägt, andererseits wirken unermesslich starke Kräfte der Bewahrung althergebrachter Verhältnisse, die dem Individuum einen starren Platz in der Welt zuweisen.“

(S.211)

Der Autor nimmt sich Zeit für seine Figuren und seine Geschichte, so dass er mit einem umfangreichen Personal im Roman auch die unterschiedlichen Stände und Klassen des Jahres 1907 in allen Farben und Facetten schildern kann. So sind die Charaktere liebevoll gezeichnet: vom romantisch-stürmischen, ärmlichen Theaterschauspieler, über den ehemals auf die schiefe Bahn geratenen Karten- und Falschspieler, der sich nun als Steward auf dem Schiff seine Brötchen verdient bis zur liebeshungrigen Wertpapierhändlersgattin, die stets auf der Suche nach erotischen Eskapaden zu sein scheint.

Vor allem aber auch mit Inspector Bruno Zabini hat Neuwirth eine interessante und sympathische Figur geschaffen, von der man zukünftig gerne mehr lesen möchte. Ein vielsprachiger Kosmopolit mit einer Wiener Mutter und einem Vater aus Triest, der gleichsam Wiener Schmäh und italienisches Temperament auf sich vereint – ein feuriger Liebhaber und Frauenversteher, der nichts anbrennen lässt, sich nicht binden will und daher als überzeugter Junggeselle bevorzugt verheiratete Damen beglückt. Ein spannender Charakter, der dem technischen Fortschritt und den modernen kriminalistischen Methoden im Jahre 1907 (wie z.B. der Daktyloskopie) gegenüber aufgeschlossen ist und auch sonst einen weltoffenen und neugierigen Zeitgenossen mit modernen Ansichten verkörpert.

Besonders schätze ich es, wenn bei historischen Romanen am Ende des Buches auch noch auf die tatsächlichen, geschichtlichen Hintergründe und Fakten eingegangen wird. Daher habe ich mich gefreut, dass es in diesem Fall ein ausführliches Kapital am Ende des Romans gibt, welches unter anderem näher auf die Geschichte Triests, die österreichische Seefahrtsgeschichte, die österreichische Lloyd ebenso wie auf die Thalia und ihren Kapitän eingeht.

Ein gelungener, historischer Krimi, der für Freunde dieses Genres auf 470 Seiten viel zu bieten hat. Ein opulenter und stimmungsvoller Roman, der die Kreuzfahrtatmosphäre und K.u.k.-Zeit lebendig werden lässt. Neuwirth nimmt den Leser mit auf eine unterhaltsame Seereise auf einem der ersten österreichischen Vergnügungsdampfer der damaligen Zeit. Spannung, Seeluft und frische Brise inklusive!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Dampfer ab Triest“:

Für den Gaumen:
Trotz der üppigen Menüs und Diners, die auf dem Schiff serviert werden, ist mir dieses Mal vor allem ein besonderer Wein bei der Lektüre kulinarisch ins Auge gestochen: ein fruchtiger, tief dunkelroter Rotwein vom Karst aus der Region Friaul-Julisch Venetien: der sogenannte „Terrano del Carso“, den ich bislang (leider) noch nicht verkosten durfte.

Zum Weiterhören:
Auch auf der Thalia gab es – wie auf der Titanic – eine Bordkapelle und der jüdische Komponist Bernhard Kaempfner, der später aus der Reichsmusikkammer ausgeschlossen wurde, komponierte sogar einen eigenen „Thalia-Marsch“ für das Schiff, welcher dort regelmäßig zur Aufführung kam.

Zum Weiterlesen:
Im Falle von Günter Neuwirth’s „Dampfer nach Triest“ ist Triest zwar der Ausgangsort der Handlung, aber im Laufe des Romans führt die Seereise Bruno Zabini und die Passagiere der „Thalia“ auch noch an andere Orte (Ragusa, Otranto, Smyrna, Istanbul etc.). Wer gerne Krimis liest und noch mehr Triester Lokalkolorit der Gegenwart genießen möchte, der ist bei Veit Heinichen’s Reihe um Commissario Laurenti sehr gut aufgehoben. Der erste Band „Gib jedem seinen eigenen Tod“ erschien bereits 2001 und mittlerweile umfasst die Reihe 10 Bände, die ich persönlich alle sehr gerne gelesen habe.

Veit Heinichen, Gib jedem seinen eigenen Tod
dtv
ISBN: 978-3-423-20516-0