Kaffeeduft in Triest

Man nehme eine ordentliche Prise Kaffeeduft, einen gehäuften Löffel voll k.u.k.-Flair, zwei starke Frauen und einen charismatischen Mann dazwischen, Großmarktstimmung und die Hafenluft der großen weiten Welt, ein paar zwielichtige Gauner und eskalierende Bandenkonflikte und fertig ist die unwiderstehliche Mischung von Günter Neuwirth’s neuestem historischen Kriminalroman „Caffè in Triest“. Der zweite Teil seiner Reihe um Inspector Bruno Zabini entführt die Leserschaft erneut ins Triest des Jahres 1907 – in die Stadt der Winde und dieses Mal auch in die Stadt der glanzvollen Kaffeehäuser und der geschäftigen Markthallen am Hafen, wo der Kaffeehandel floriert.

„Das Leben ist ein Mummenschanz.“

(S.31)

Inspector Bruno Zabini führt ein unkonventionelles Liebesleben – der weltmännische Gentleman genießt gleichzeitig die unverbindlichen Affären mit zwei verheirateten Frauen. Beide sind schön, stark und intelligent – das Geheime und Verbotene der Beziehungen hat für ihn einen besonderen Reiz und dennoch birgt dieses Konstrukt auch eine nicht unerhebliche Komplexität, große Gefahr und das ständige Risiko, aufzufliegen.

„Mit Verlaub gesagt, geschätzter Bruno, aber ich hege seit geraumer Zeit die Befürchtung, dass die Konstruktion deines Liebeslebens in ihren Tragwerken fragil ist. Die derzeitige Erschütterung ist so gesehen nicht verwunderlich.“

(S.161)

Als er dann auch noch in einem Mordfall ermitteln muss und sich abzeichnet, dass ein Bandenkrieg im Triestiner Handelsmilieu auszubrechen droht, hat Zabini plötzlich alle Hände voll zu tun, sein Berufs- und sein Privatleben wieder in geregelte Bahnen zu lenken.

Er ermittelt zwischen den pulsierenden Lagerhäusern voll wertvoller Güter, dem Hafen als großem Drehkreuz der damaligen Handelsmetropole an der Adria, den stil- und prunkvollen Kaffeehäusern in bester k.u.k.-Tradition und merkt schnell, dass hier unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen und wenn dann auch noch die Liebe zu einer schönen Frau ins Spiel kommt, wird es brandgefährlich…

„So manche Wiener waren der festen Überzeugung, dass die mitteleuropäische Kaffeehauskultur in der österreichischen Hauptstadt ihren Höhepunkt erreicht hatte, während es so manchen Triestinern völlig klar war, dass die Kaffeehäuser Triests den höchsten kulturellen Rang innehatten.“

(S.211)

Neuwirth nimmt sich Zeit für die Entwicklung seines Plots und den Spannungsbogen seiner Kriminalhandlung und vor allem investiert er in die plastische Charakterzeichnung seiner Figuren – Menschen aus Fleisch und Blut mit Herz und Charme, so dass man ihnen gerne durch die gut 430 Seiten folgt. Die delikate Dreiecksbeziehung zwischen Bruno, Luise und Fedora ist ungewöhnlich und gibt zusätzlich zum obligatorischen Kriminalfall, der sich entspinnt, auch im privaten Bereich eine gewisse Würze.

Mir gefällt, dass Neuwirth hier gerade die Frauen als starke, intelligente Persönlichkeiten darstellt und ihnen somit eine besondere Wertschätzung und Aufmerksamkeit schenkt, so dass sie keinesfalls nur schmückendes Beiwerk oder Randfiguren sind, sondern auf Augenhöhe mit Zabini agieren.

Zudem schätze ich die Recherche zur Historie und die informativen Schilderungen der zeitlichen Hintergründe des Autors. Man erfährt einiges über die politische Situation und die unterschiedlichen Strömungen der damaligen Zeit, über die Stimmung in der Stadt und in der Region und in diesem Band auch viel über die Seefahrt und die blühenden Handelsgeschäfte – nicht nur mit Kaffee.

So hat man die Seeluft und den Kaffeeduft beim Lesen stets in der Nase und sieht die Schiffe, das geschäftige Treiben der Händler und Marktleute und die Säcke voll wertvollem Kaffee sofort vor dem geistigen Auge.

„Der Konjunktiv ist das Schmieröl der Literatur, im wahren Leben bedeutet er immer verpasste Gelegenheiten.“

(S.194/195)

Nicht verpassen sollte man die Gelegenheit, sich mit einer schönen, duftenden Tasse Kaffee und diesem Buch an ein ruhiges Plätzchen zurückzuziehen, eine atmosphärische literarische Auszeit zu genießen und abzutauchen ins quirlige, lebendige und sinnliche Triest der Donaumonarchie des Jahres 1907.
Ich bin schon nach wenigen Seiten – wie auch beim ersten Band – wieder diesem Zauber der k.u.k-Zeit erlegen und habe mich auf intelligente und charmante Art und Weise sehr gut unterhalten gefühlt.

Für Freunde und Liebhaber gut gemachter historischer Kriminalromane mit sympathischen Hauptfiguren, österreichischem Charme und ohne Hang zu unnötiger Blutrünstigkeit, kann ich „Caffè in Triest“ unbedingt empfehlen.
Und wer statt den allgegenwärtigen, oft immer düsterer und wirrer werdenden, psychologisch obskuren Fernsehkrimis mal Lust auf etwas freundlichere, liebenswürdigere und amüsante Krimiabwechslung hat, dem kann ich nur ans Herz legen: greift stattdessen öfter mal zum Buch – vielleicht ja auch genau zu diesem.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Günter Neuwirth, Caffè in Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0111-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Caffè in Triest“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch hat Triest viel zu bieten, in diesem Band wird zum Beispiel „auf dem Rost gegarte und mit Salbei gewürzte Goldbrasse“ (S.36) serviert. Aber auch für die süße Fraktion ist gesorgt, denn es gibt „Gubana, Strucchi und Gugelhupf“ (S. 86).

Gubana ist übrigens eine typische Süßspeise aus dem Friaul: „Hefeteig wird mit einer Füllung aus Nüssen, Rosinen, Pinienkernen, Zucker und geriebener Zitronenschale zu einer ungefähr 20 cm breiten Schnecke gedreht und gebacken.“ (Quelle: Wikipedia). Gleiches gilt für die Strucchi: „kleine, süße Teigtaschen, die mit einer Nuss-Pflaumen Mischung gefüllt werden“ (Quelle: Wikipedia).

Zum Weiterhören:
Beim hohen Staatsbesuch im Roman darf musikalisch der Radetzkymarsch nicht fehlen, dieses Stück von Johann Strauss (Vater) aus dem Jahr 1848, das auch alljährlich beim Neujahrskonzert der Wiener Philharmoniker unverzichtbar ist.

Zum Weiterlesen (I):
Ich habe mir vorgenommen, mich nochmal näher mit der Stadt Triest zu befassen. Ich mochte schon die Commissario Laurenti-Reihe von Veit Heinichen sehr und habe gesehen, dass der Autor auch gemeinsam mit der Köchin Ami Scabar einen Reiseführer mit kulinarischen Aspekten geschrieben hat. Das könnte genau nach meinem Geschmack sein.

Veit Heinichen & Ami Scabar, Triest – Stadt der Winde
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-35898-5

Zum Weiterlesen (II) bzw. vorher lesen:
Es lohnt sich auf jeden Fall vor diesem Band, der sich allerdings auch sehr gut und ohne Verständnisprobleme unabhängig lesen lässt, den ersten Band von Günter Neuwirth’s Reihe um Bruno Zabini zu lesen. Letztes Jahr um diese Zeit habe ich auf der Kulturbowle den Auftakt der Reihe „Dampfer ab Triest“ vorgestellt (hier geht es zu meiner Rezension). Zu Beginn ermittelt Zabini auf einem Kreuzfahrtdampfer der österreichischen Lloyd: ein spannender, vielschichtiger Roman mit viel k.u.k-Atmosphäre und eine wunderbare Gelegenheit, die sympathische Hauptfigur kennenzulernen.

Günter Neuwirth, Dampfer ab Triest
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2800-5

11 Gedanken zu “Kaffeeduft in Triest

  1. Den kleinen Band von Ami Scabar und Veit Heinichen kann ich nur empfehlen. Und Triest und Kaffee gehören auch zusammen. Am besten mit dem Zug anreisen. Z. b. über Klagenfurt und Udine. So fährt man schön am Meer entlang auf die Stadt zu.

    Gefällt 1 Person

    • Dankeschön! Ja, so eine Zugfahrt dorthin könnte ich mir irgendwann sehr gut vorstellen… auf der Anreise das Buch lesen, am Ende der Fahrt aufs Meer blicken und nach der Ankunft gemütlich einen Kaffee genießen… da bekommt man sofort Fernweh… Herzliche Grüße!

      Gefällt 1 Person

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