Novemberbowle 2020 – Nebeltage und Couchabende

Zeit zum Lesen gab es in diesem November genug, denn aufgrund des partiellen Lockdowns gab es an den Abenden keine anderen kulturellen Möglichkeiten – Theater, Kinos, kulturelle Einrichtungen und auch die Gastronomie blieben geschlossen. Das Wetter präsentierte sich häufig von der trüberen Seite und oft hielt sich der Nebel den ganzen Tag über. Dennoch war Zeit für einige herbstliche Spaziergänge und gemütliche Abende auf der Couch mit guter Lektüre, so dass wieder einiges zusammengekommen ist diesen Monat:

Den Auftakt bildete der wunderbare Roman „La Fenice“ von Lea Singer, der mich ins Venedig der Renaissance entführte und mit dem mich die Autorin wieder einmal absolut überzeugen konnte. Sie erzählt die Geschichte der Muse und des Modells Tizians, welche er in seinem berühmten Gemälde „Die Venus von Urbino“ verewigte. Ein bewegender Roman über Venedig, Kunst und ein aufrüttelndes Frauenschicksal.

Während des US-Wahlkampfkrimis zu Beginn des Novembers las ich den ersten Band aus Joachim Meyerhoffs „Alle Toten fliegen hoch“-Reihe „Amerika“ und irgendwie passte dieser Roman perfekt zu diesen verrückten Tagen. Gebannt schaute man abends auf die Karte mit den rot und blau gefärbten Bundesstaaten und parallel verfolgte ich den Amerika-Aufenthalt und die Anekdoten, welche der jugendliche Meyerhoff in seinem Austauschjahr an der amerikanischen High School im sehr ländlichen Staat Wyoming erlebt hat und auf sehr unterhaltsame Weise schildert. Meine Lust und Neugier auf die Folgeromane ist definitiv geweckt.

Ein absolutes Muss im November war für mich der neu erschienene achte Gereon-Rath-Fall von Volker Kutscher „Olympia“. Gleich am Erscheinungstag stattete ich abends meiner örtlichen Buchhandlung einen kurzen Besuch ab und dann wurde der Band zeitnah und genüsslich verschlungen. Für mich einer der stärksten Bände der ohnehin herausragenden Reihe, der mich vor allem durch die Schilderungen der olympischen Spiele 1936 in Berlin, die Atmosphäre, die längst liebgewonnenen Figuren (Gereon, Charly, Fritze) und die spannende Handlung mit großem Paukenschlag absolut gepackt hat.

David Foenkinos „Die Frau im Musée d’Orsay“ konnte mich danach hingegen leider nicht so wirklich überzeugen und ich hatte mir in Summe mehr von diesem französischen Roman erwartet. Ein Kunstprofessor wirft seinen Job hin und arbeitet plötzlich als einfache Museumsaufsicht im legendären Musée d’Orsay – das klang zunächst spannend, aber der erhoffte künstlerische Aspekt ist mir persönlich etwas zu kurz gekommen und auch die Liebesgeschichte hat für mich nicht gezündet.

Deutlich spannender fand ich dagegen „Agatha Christie. Eine Biografie“ von Barbara Sichtermann. Inspiriert durch eine „Mord im Orientexpress“-Verfilmung (mit Albert Finney als Poirot und weiteren Hollywoodstars wie Ingrid Bergman, Lauren Bacall und natürlich dem leider vor kurzem verstorbenen Sean Connery aus dem Jahre 1974), die ich im Fernsehen sah, wollte ich auf einmal mehr über die bekannte Krimiautorin wissen. Eine interessante und aufschlussreiche Lektüre, in welcher ich auf unterhaltsame und gut lesbare Weise viel Neues über die „Queen of Crime“ erfahren habe. Flankiert habe ich das Ganze noch mit dem Hörbuch „Ruhe unsanft“ – dem letzte Fall Miss Marple’s – gelesen von der unverwechselbaren Katharina Thalbach, welche den vielen Figuren auf großartige Art und Weise jeweils ihren ganz eigenen, markanten Tonfall verleiht – absolut hörenswert!

Mit Agatha Christie teile ich die große Leidenschaft fürs Theater und da diesbezüglich im November ja leider keine Möglichkeit bestand, diese auszuleben, konnte ich mit Christian Knull’s „Wir probten die Liebe“ zumindest literarisch die Bretter, die die Welt bedeuten, erkunden. Er beschreibt aus Sicht eines 12-köpfigen Theaterensembles die heiße Probenphase bis zur Premiere von Arthur Schnitzler’s „Reigen“. Dass das erotisch aufgeladene und ehemals skandalträchtige Stück auch bald zu Spannungen zwischen den höchst unterschiedlichen Laienschauspielern führt, versteht sich fast von selbst. Ein Buch, auf das ich ohne Bloggen und den Blog „Der Bücheratlas“ wohl nicht aufmerksam geworden wäre. Danke dafür!

Mit Deborah Levy’s „Der Mann, der alles sah“ durfte ich einen sehr vielschichtigen, raffinierten und literarisch anspruchsvollen Roman entdecken, welcher den Londoner Studenten Saul ins Ostberlin der späten Achtziger Jahre, den zerfallenden Sozialismus der DDR und dort in eine komplizierte Dreieckskonstellation der Gefühle führt. Verwirrend schön und ein besonderes literarisches Erlebnis.

Besonders nachhaltig beeindruckt und beschäftigt hat mich jedoch ein anderer Roman über das Lebens eines Künstlers in der ehemaligen DDR: Reinhard Kuhnert’s „Abgang ist allerwärts“. Ein großartiges, poetisches und sprachlich unglaublich schönes Buch, das inspiriert durch die autobiografische Geschichte des Autors erzählt, wie Zensur und Einflussnahme des Regimes einen Künstler letztlich dazu bringen, einen Ausreiseantrag zu stellen und sein Land zu verlassen. Mit großer Klugheit, Herzenswärme und Lebensweisheit hat der Autor rückblickend sehr gefühlvoll und mit viel Fingerspitzengefühl seine eigene Geschichte geschrieben.

Der Advent ist mittlerweile da, Weihnachten steht vor der Tür und so habe ich tatsächlich auch schon ein wenig Weihnachtsstimmung in meine November-Lektüre einfließen lassen und mit Alex Lépic’ „Lacroix und die stille Nacht von Montmartre“ einen klassischen Weihnachtskrimi (und den dritten Band der Reihe um den Pariser Commissaire Lacroix) gelesen. Mit gerade mal 200 Seiten war das ein kurzes, aber auch sehr kurzweiliges Lesevergnügen zum Entspannen und Seele baumeln lassen. Viel Pariser Lokalkolorit, viel Kulinarisches und romantische Stimmung, wenn es in der französischen Hauptstadt zum ersten Mal seit 1962 wieder ein weißes Weihnachtsfest gibt und der Commissaire in den schneebedeckten Straßen von Paris ermittelt.

Und mit meinem heimlichen Liebling des Monats (wenn auch in keinster Weise vergleichbar mit einem großen Kaliber wie „Olympia“, das quasi außer Konkurrenz zu sehen ist) bin ich dann auch noch ein wenig in Frankreich und bei der Kulinarik geblieben mit Jacky Durand’s „Die Rezepte meines Vaters“. Ein Junge wächst quasi zwischen den Kochtöpfen und Herdplatten in der Restaurantküche seines Vaters auf und hat bald schon den sehnlichen Wunsch, selbst Koch zu werden. Doch wenn es nach seinem Vater geht, soll er etwas Anständiges lernen, studieren und nicht Tag und Nacht in der heißen Küche am Herd stehen müssen. Dieser kleine und feine Roman ist ein unglaublich sinnliches und gefühlvolles Buch über Väter und Söhne, über die Leidenschaft fürs Kochen und die Gastronomie und hat mein Herz im Sturm erobert.

Den Abschluss meines Lesemonats bildete dann – last but not least – noch ein fast als Pflichtlektüre zu betrachtendes „Die rechtschaffenen Mörder“ von Ingo Schulze, das als Lesung den Abschluss der 20. Landshuter Literaturtage (19.11.20 – 04.12.20) bilden sollte und die jetzt ersatzweise digital stattfinden wird. Auf der Website der Veranstalter, kann das Video ab dem 04.12.20 bis zum 31.12.20 abgerufen werden – zudem gibt es noch einige weitere Audio- und Video-Lesungen der Literaturtage zu entdecken, welche dieses Jahr unter dem Motto „In Zukunft. 16 Tage, 16 Visionen“ standen.

Ein herbstlicher, ruhiger und leiser November – ohne Theater, Oper oder andere Live-Veranstaltungen – geht zu Ende. Die erhoffte Besserung im Infektionsgeschehen ist leider (noch) nicht eingetreten und so bleiben auch im Dezember die kulturellen Einrichtungen geschlossen. So wird es wohl dieses Jahr auch ein besonders stiller und besinnlicher Advent werden, mit viel Zeit zu Hause zum Lesen, Musik hören und Konzerten im Fernsehen. Zünden wir also unsere Adventskerzen an, bleiben wir zu Hause und versuchen wir die Advents- und Weihnachtsstimmung trotz allem ganz bewusst zu genießen. Einen schönen Advent und bleibt gesund!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight November:
Passend zu den Couchabenden gab es ab und zu geröstete Maroni – das passt wunderbar in diese Jahreszeit und so kann man sich auch ein wenig Südtiroler Törggelen oder Christkindlmarkt-Feeling ins eigene Wohnzimmer zaubern.

Musikalisches im November:
Bevor es jetzt im Dezember auch musikalisch besinnlicher und weihnachtlicher wird, habe ich im November noch einmal einen schwungvollen Abstecher ins wilde Berlin der 20er und 30er Jahre gemacht und mir passend zu Volker Kutschers „Olympia“-Lektüre auf ARTE TV ein Konzert des Moka Efti Orchestra angesehen. Großartige Musiker – nicht nur im Studio für die Soundtrack-Produktion zu „Babylon Berlin“ – sondern auch live ein absolutes Erlebnis.

„Fasst frischen Mut, so lang ist keine Nacht,
dass endlich nicht der helle Morgen lacht.“

(aus Shakespeare, Macbeth IV,3)

„Die hellen Tage behalte ich, die dunklen gebe ich dem Schicksal zurück.“

(aus „Die hellen Tage“ von Zsuzsa Bánk)