Novemberbowle 2022 – Mußemangel und Auswärtsinspiration

An den meisten Tagen konnte man den November schon von seiner fast klischeehaften, typischen Seite erleben: neblig, nass, wolkenverhangen, kalt, grau. Man könnte also meinen, klassisches Couch- und Lesewetter, doch irgendwie fehlte mir diesen Monat manchmal die Muße und die Konzentration für die Lektüre und so suchte ich im November meine Inspiration verstärkt auswärts, d.h. auf Lesungen, im Theater, der Oper oder beim Lesekreis.

Daher sind es diesen Monat wohl vor allem die kulturellen Veranstaltungen, die mir ganz besondere Glanzpunkte und Lichtblicke beschert haben:

Wie zum Beispiel das grandiose Theaterstück „Sonate für Witwe und Klavier“ im Landshuter Theater Nikola, über das ich bereits hier auf der Kulturbowle berichtet habe und das mir einen zauberhaften, unvergesslichen Theaterabend geschenkt hat.

Im Landestheater Niederbayern bekam ich diesen Monat die ganze Bandbreite des Musiktheaters geboten: von Ralph Benatzkys legendärer Operette „Im weissen Rössl“ mit all den Ohrwürmern, die man schon aus vorangegangenen Theaterbesuchen oder aus dem Peter Alexander-Film kennt bis hin zu ganz großer Oper mit der Fortsetzung des niederbayerischen Ringzyklus bzw. dem „Siegfried“ von Richard Wagner – zwei Werke, die kaum unterschiedlicher sein könnten.

Als sehr inspirierend und zum Nachdenken, Weiterlesen und Weiterrecherchieren anregend habe ich die Lesung „Nach innen geblickt – Tagebücher internationaler Autorinnen“ mit Lisa Gusel im Rahmen der 21. Landshuter Literaturtage erlebt. Im ausverkauften Landshuter Rathausfoyer stellten Moderator Christian Muggenthaler und die Landshuter Schauspielerin bzw. Textinterpretin vier starke Frauen von vier Kontinenten vor und gewährten dem begeisterten und faszinierten Publikum gefühlvolle und intime Einblicke in vier Frauenleben durch die fein gewählten Textpassagen aus autobiografischen Werken und Tagebüchern. Die Friedensnobelpreisträgerinnen Rigoberta Menchú aus Guatemala (in der ARTE Mediathek ist noch bis zum 26.10.23 eine interessante 14-minütige Dokumentation über sie zu sehen) und Wangari Maathai aus Kenia machten den Auftakt, bevor mit Passagen aus Sei Shōnagons „Kopfkissenbuch“ – das manche vielleicht aus der Lektüre von Hanns-Josef Ortheils Texten kennen – auch Asien und mit Ausschnitten aus Ulla Lachauers Buch „Paradiesstraße: Lebenserinnerungen der ostpreußischen Bäuerin Lena Grigoleit“ ein Stück untergegangenes Europa in den Mittelpunkt rückten.
Überlegt und fein ausgewählt, intelligent eingeordnet und in Kontext gesetzt, sowie hervorragend und mitreißend vorgetragen durch Lisa Gusel bekamen so während dieser tollen Lesung am Sonntagvormittag großartige, inspirierende Frauen und Geschichten für knapp zwei Stunden Aufmerksamkeit und Würdigung, die man sonst vielleicht nicht kennengelernt hätte.

Auch meine Film- und Fernseherlebnisse im November waren geprägt von starken Frauen:
Da ich es mal wieder nicht ins Kino geschafft hatte als er lief, habe ich mir Torsten Körners hochinteressanten Film „Die Unbeugsamen“ über die Frauen in der Bonner Republik, d.h. Politikerinnen, die sich ihre Positionen und Ämter ebenso wie das Ernst genommen werden durch ihre männlichen Kollegen erst mühsam erkämpfen mussten, endlich auf DVD angesehen. Sehr, sehr sehenswert – eine große Empfehlung!

Beeindruckt hat mich auch die schauspielerische Leistung von Nina Gummich im ARD-Zweiteiler „Alice“ (der noch bis zum 30.05.2023 in der ARD-Mediathek zu sehen ist), der einen Teil der Lebensgeschichte Alice Schwarzers erzählt, die am heutigen 3.12.22 80 Jahre alt wird.

Die Ausbeute an gelesenen Büchern ist für meine Verhältnisse im November wirklich extrem mager ausgefallen. Gerade mal fünf Bücher habe ich diesen Monat ausgelesen – das ist für mich wirklich rekordverdächtig wenig.

Eine schnelle, kurzweilige Lektüre war Peter Weingartners Krimi „Derniere“, der in der Nähe von Luzern in einer Laientheatergruppe spielt. Nach der letzten Aufführung wird der Hauptdarsteller tot in seiner Garderobe gefunden – mich hat vor allem der Theaterbezug gereizt.

Die Lesekreislektüre war diesen Monat Mariana Lekys „Was man von hier aus sehen kann“, der ja vor einigen Jahren sehr lange auf der Bestsellerliste stand. Schräge Figuren, eine außergewöhnliche Grundidee für den Plot, von der ich mir in Summe aber ein bisschen mehr erhofft und gewünscht hätte – spannend jedoch war es vor allem wieder, sich über die gemeinsame Lektüre auszutauschen.

Auf meiner „22 für 2022“-Liste stand der Punkt: ich möchte ein Buch einer Literaturnobelpreisträgerin lesen. Hatte ich hierfür zunächst eigentlich andere Werke und Kandidatinnen im Kopf, habe ich mich dann spontan doch für die frisch gekürte Preisträgerin diesen Jahres entschieden. Und Annie Ernaux konnte mich mit „Die Jahre“ auch wirklich überzeugen – ein schmales, kleines, feines Buch, das sich sehr flüssig liest und ein interessantes zeitgeschichtliches Porträt eines französischen Frauenlebens mit vielen kulturellen Querbezügen zeichnet.

Und auch die Lyrik bekam in diesem Lesejahr nochmal einen Platz hier auf der Kulturbowle mit Alfonsina Stornis Gedichtband „Ultrafantasía“, der als letzter Band der deutschen Werkausgabe von Hildegard E. Keller herausgegeben wurde. Intensive Gedichte, die mich durchaus gefordert haben und die für mich gut in den Leseherbst gepasst haben.
Sehr gefreut habe ich mich, dass mein Beitrag „Lyrischer Herbstnebel“ sogar Erwähnung in der Buchmarkt-Netzrückblick-Kolumne des Kaffeehaussitzers Uwe Kalkowski gefunden hat, die monatlich stets eine schöne, abwechslungsreiche Zusammenstellung aktueller Beiträge aus der bunten Welt der Literatur- und Buchblogs bietet.

In Vorbereitung eines nahen Großereignisses, das bereits seine Schatten vorauswirft bzw. einen baldigen Theaterbesuch, auf den ich mich sehr freue, habe ich einen absoluten Klassiker aus meinem Bücherregal geholt und gelesen: Charles Dickens Roman über den Waisenjungen „Oliver Twist“ aus dem Jahr 1838.

Aktuell stecke ich mitten in der Lektüre von Volker Kutschers neuntem und neuesten Gereon Rath-Roman „Transatlantik“, den ich im November nicht mehr ganz auslesen konnte.

Was bringt der Dezember?

Hoffentlich etwas mehr Muße, Ruhe und Zeit, um wieder konzentriert und voller Genuss in schöne Bücher und Lektüren abtauchen zu können, Advents- und Weihnachtsstimmung aufkommen zu lassen und schöne Momente bewusst zu genießen.

Kulturell ist im Advent neben besinnlichen Momenten mit Sicherheit auch wieder Vieles und Abwechslungsreiches geboten:
Für Spontane, Kurzentschlossene und Opernfans gibt es heute (03.12.22) um 17.00 Uhr einen Livestream der Bayerischen Staatsoper (Staatsoper TV oder auch auf der Website von BR Klassik) der Premiere der Neuinszenierung des „Lohengrin“ im Münchner Nationaltheater mit Klaus-Florian Vogt in der Titelrolle.

ARTE zeigt am 4. Dezember um 17.30 Uhr einen musikalischen Roadtrip mit der sympathischen Hornistin der Berliner Philharmoniker Sarah Willis durch Kuba: so spielt sie die „Cuban Dances“ dort, wo deren musikalischen Wurzeln liegen. Bereits ihr erstes Projekt in Kuba „Mozart y Mambo“ habe ich mit großem Interesse und viel Freude verfolgt.

Voller Vorfreude und ganz besonders gespannt bin ich jedoch vor allem auf DAS große Theaterereignis auf der Landshuter Burg Trausnitz mit der Aufführung des Charles Dickens-Klassikers „Oliver Twist“. Der Förderverein „Wir für Landshut“ bringt mit dem sozialen Kulturprojekt „Hoffnung in Bewegung“ gemeinsam mit Landshuter Kindern und Jugendlichen und den drei Landshuter Amateurtheatern Theater Konrad, Theater Nikola und dem Hofberg-Theater das Stück um den Waisenjungen auf die Bühne und an einen geschichtsträchtigen und besonderen Ort: den weißen Saal der Burg Trausnitz.

Im Grunde ein Pflichttermin ist für mich alljährlich das im Fernsehen übertragene Adventskonzert aus der Dresdner Frauenkirche, das dieses Jahr am 11.12. um 17.55 Uhr im ZDF ausgestrahlt wird (und bereits jetzt bis zum 25.02.23 in der ZDF Mediathek verfügbar ist) – dieses Jahr mit der Sopranistin Diana Damrau und dem Tenor Mauro Peter.

Im Landestheater Niederbayern freue ich mich auf ein Stück britische Weihnachtstradition mit der Christmas Pantomime „Dick Whittington“. Letztes Jahr ist die Aufführung in Landshut leider pandemiebedingt ausgefallen, um so schöner wäre es, wenn es dieses Jahr klappt.

Zudem darf ich auch dieses Jahr wieder eine Adventüde zum wunderbaren Adventskalender auf Christianes Blog „Irgendwas ist immer“ beisteuern, die ich auch hier teilen werde, und das tägliche „Türchen-Öffnen“ und Bewundern der Texte der anderen teilnehmenden BloggerInnen ist mittlerweile zu einer liebgewonnenen Tradition geworden – ein kreativer Adventskalender, der ganz ohne Kalorien auskommt.

In diesem Sinne wünsche ich allen einen besinnlichen, ruhigen und friedlichen Advent und Dezember mit schönen Momenten, lieben Menschen und Zeit zum Genießen! Bleibt gesund und zuversichtlich!

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight November:
Als neues Gericht kam diesen Monat zum ersten Mal eine Winter-Calzone gefüllt mit Schwarzwurzeln, Palmkohl, getrockneten Tomaten, Walnüssen, Kräutern und Mozzarella auf den Tisch – eine wirkliche Neuentdeckung, die meiner Meinung nach sehr gut in die nasskalte Jahreszeit gepasst hat.

Musikalisches im November:
2022 ist Heinrich Schütz-Jahr, der vor 350 Jahren verstarb – das Magnificat „Meine Seele erhebet den Herrn“ (SWV 426) hat mich in diesem November musikalisch begleitet.

Herbstmorgen

Die Wolken ziehn, wie Trauergäste,
Den Mond still – abwärts zu geleiten;
Der Wind durchfegt die starren Äste,
Und sucht ein Blatt aus bessren Zeiten.

Schon flattern in der Luft die Raben,
Des Winters unheilvolle Boten;
Bald wird er tief in Schnee begraben
Die Erde, seinen großen Toten.

Ein Bach läuft hastig mir zur Seite,
Es bangt ihn vor des Eises Ketten;
Drum stürzt er fort und sucht das Weite,
Als könnt‘ ihm Flucht das Leben retten.

Da mocht ich länger nicht inmitten
So todesnaher Öde weilen;
Es trieb mich fort, mit hastgen Schritten
Dem flüchtgen Bache nachzueilen.

(Theodor Fontane)

6 Kommentare zu „Novemberbowle 2022 – Mußemangel und Auswärtsinspiration

  1. Vielen lieben Dank für die lobende Erwähnung der Adventüden und die Erinnerung an Mariana Leky: Ihr Buch hatte es vor Jahren in die Reihe meiner Herzensbrecher geschafft, es ist bestimmt eine gute Idee, es nochmals zu lesen 🧡👍
    Abendgrüße ☁️🕯️🍵🍩👍

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    1. Gerne, liebe Christiane. Der Adventüden-Adventskalender ist einfach ein wunderbarer Beitrag, um tagtäglich ein bisschen mehr in Weihnachtsstimmung zu kommen und ein eindrücklicher Beweis dafür, welche Vielfalt entstehen kann, wenn alle Beteiligten viel Herzblut und Kreativität in ihre Texte stecken. Somit ein schönes Adventsgeschenk, das ich gerne hier teile. Herzliche Abendgrüße nach Hamburg und morgen einen schönen zweiten Adventssonntag! 🕯️🕯️🍵🍩

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  2. Ach, diese Kulturbowle und diese Fröhlichkeit, die du verbreitest! Wunderbar! Ich werde das Leky im übrigen auch bald lesen, hänge nur in einem sehr dicken Wälzer von Clemens J. Setz herum 🙂 November war für mich auch ein lesefauler Monat :O Immerhin war Berlin heute kurzzeitig schneeweiß! Viele herzliche Grüße und einen tollen zweiten Advent!

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    1. Danke, Alexander. Der Schnee lässt bei uns in Niederbayern noch auf sich warten. Bisher waren das nur ein paar einzelne, versprengte Flocken, die nicht liegen bleiben wollten. Nach dem Setz hast Du Dir dann vermutlich auch mit Leky ein wenig leichtere Kost verdient. Ich habe es schnell gelesen, obwohl es meine – zugegeben aufgrund der vielen Lobeshymnen und dem Ruf wie Donnerhall, der dem Roman ja vorauseilt – sehr hohen Erwartungen nicht zu 100% erfüllt hat.
      Mal sehen, was der Dezember bei mir jetzt an Lesezeit und Lektüren bringen wird. Dir wünsche ich auf alle Fälle ebenfalls einen wunderbaren zweiten Advent und sende herzliche Grüße in die winterliche Hauptstadt! Barbara

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  3. Hallo, liebe Barbara,
    Deine reiche Novemberbowle lässt ja nicht auf einen Mangel an Muse und Muße schließen – ganz im Gegenteil. Danke für Deine Fülle an Lektüre und Inspirationen.
    Der Fernsehabend mit „Alice“ war beeindruckend.
    Guten zweiten Advent wünscht Dir
    herzlich Bernd

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    1. Dankeschön, Bernd. Die fehlende Muße hat sich auch eher auf die Buchlektüre bezogen, die im November etwas dürftiger ausgefallen ist als sonst. Aber der November bot trotzdem – gerade im kulturellen Bereich – viel Schönes. Ich wünsche Dir heute auch einen schönen, friedlichen zweiten Advent! Herzliche Grüße nach Nürnberg, Barbara

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