Dieser Juni war geprägt von Kontrasten und Gegensätzen: Wolkenbrüche und Sommerhitze, Leichtigkeit und Schwere, unerfreuliche Nachrichten und Glücksmomente, Hochwasser und Sonnenschein, Alltag und Auszeiten, Mozartkugeln und Mückenstiche.
Carlo Goldonis „Diener zweier Herren“ im Landestheater Niederbayern habe ich zweimal gesehen: einmal aufgrund ungünstiger Witterung im Theaterzelt und ein zweites Mal im stimmungsvollen Prantlgarten. Die Commedia dell’arte als Freilichttheater war wirklich ein zauberhaftes Sommervergnügen.
Glück mit dem Wetter hatten auch die Berliner Philharmoniker unter der Leitung von Kirill Petrenko sowie Solistin Pianistin Yuja Wang beim diesjährigen Waldbühnenkonzert, das ich im Fernsehen verfolgt habe (und das man sich in der Mediathek des rbb noch bis zum 20.09.2024 ansehen kann, falls man es verpasst haben sollte).
An Schlechtwetterabenden hatte ich meine Freude an der italienischen TV-Serie „Mord in Genua“ mit der großartigen Paola Cortellesi als Ispettore Petra Delicato. Ohne den Kinofilm „Morgen ist auch noch ein Tag“, in dem ich Paola Cortellesi dieses Jahr kennengelernt habe, wäre ich wohl nie darauf aufmerksam geworden. Aber die 8-teilige Serie, die auf den Kriminalromanen der Autorin Alicia Giménez Bartlett basiert und die fürs italienische Fernsehen von Barcelona nach Genua verlegt wurde, habe ich ebenfalls als sehr gelungen empfunden.
Und auch die Lektüren waren vielseitig in diesem Mittsommermonat – vom gehaltvollen Sachbuch hin zu italienischen Romanen, über Krimilektüren in allen Schattierungen bis hin zum perfekten Sommerbuch war alles dabei.
Ich würde meine abwechslungsreiche Juni-Ausbeute daher einfach mal in vier Gruppen bzw. Themengebiete gliedern: Krimikost, Austria-Amuse Gueule, Italienisches und Kunstvolles.
Kriminelles gab es zunächst Düsteres aus dem Wendland zu lesen – mit dem Reihenauftakt von Sia Piontek „Die Sehenden und die Toten“, in welchem sie Mutter und Tochter in einem grausamen Mordfall ermitteln lässt.
Amüsanter und kriminell-leichtfüßiger ging es hingegen in Anthony Horowitz’ neuem Band „Mord stand nicht im Drehbuch“ zu, der Daniel Hawthorne und Anthony Horowitz (denn er tritt ja in dieser Reihe selbst als Hauptfigur in Erscheinung) ins Londoner Theatermilieu entführt. Das durfte ich mir natürlich nicht entgehen lassen.
Und auch der zweite britische Krimi ging ins Künstlermilieu und zwar unter anderem an Alfred Hitchcock’s Filmset von „Rebecca“, denn Nicola Upson lässt in „Drehbuch des Todes“ erneut die Autorin Josephine Tey in einem Kriminalfall im Jahr 1939 ermitteln, der sie in Hitchcock’s Dunstkreis führt.
Um sich ein wenig auf Österreich einzustimmen gab es zunächst Dirk Stermanns humoristische Sicht des ehemaligen Piefkes auf das Land, das ihm in den letzten Jahrzehnten zur Heimat geworden ist: „6 Österreicher unter den ersten 5“. Nicht umsonst trägt das Buch den Untertitel „Roman einer Entpiefkenisierung“.
Und auch für einen seit längerem im Regal schlummernden Salzburg-Krimi war endlich die richtige Zeit gekommen: Manfred Baumanns Krimi „Jedermannfluch“ stellt die Festspielstadt in den Mittelpunkt und der Tod holt sich dieses Mal nicht nur im berühmten Theaterstück die Hauptfigur, sondern auch tatsächlich eine Schauspielerin der Tischgesellschaft… Kommissar Merana muss wieder einmal in einem Mordfall zwischen Domplatz und Nonnbergstiege ermitteln.
Im Juni-Lesekreis wurde es bereits italienisch mit Francesca Melandris „Über Meereshöhe“, das mich auch bei der zweiten Lektüre wieder überzeugen konnte und das ich bereits begeistert hier auf der Kulturbowle vorgestellt habe.
Und auch Simona Baldellis Roman „Die geheimnisvolle Freundin“ entführte mich ins Gastland der diesjährigen Buchmesse und zwar in die Abruzzen und ein Waisenhaus, in dem zwei Mädchen zu Freundinnen werden, die nicht unterschiedlicher sein könnten und deren Lebenswege ich mit Spannung verfolgt habe.
Durch die Sachbuchbestenliste (von ZDF, ZEIT und DLF Kultur) bin ich auf Victoria de Grazias Buch „Der perfekte Faschist“ aufmerksam geworden. Sie beschreibt anhand der komplizierten Beziehung und Ehe zwischen der jüdischen Opernsängerin Lilliana Weinman und dem hochrangigen Faschisten Attilio Teruzzi Aufstieg und Fall des italienischen Faschismus. Eine fordernde, anspruchsvolle, aber lohnende Lektüre, für die man jedoch Zeit, Muße und Konzentration benötigt.
Deutlich leichter, locker-flockig liest sich hingegen Florian Illies’ „1913 – Was ich unbedingt noch erzählen wollte“, in welchem er nochmal ins turbulente Jahr 1913, die damalige Bohème bzw. Künstler- und Intellektuellenszene eintaucht und chronologisch für jeden Monat einige Momentaufnahmen und Augenblicke in Form kurzer Blitzlicht-Episoden zusammengetragen hat, um der Leserschaft so ein Gespür für den Zeitgeist und die gesellschaftliche Stimmung zu vermitteln.
Aktuell gibt es Andy Warhol-Ausstellungen in Berlin und München und durch einen Fernsehbeitrag dazu wurde ich daran erinnert, dass Nicole Flatterys Roman „Nichts Besonderes“ immer noch ungelesen bei mir liegt. Darin erzählt sie die Geschichte einer jungen Frau, die im New York der 1960er Jahre als Schreibkraft für Warhol arbeitet. Leider hatte ich jedoch andere Vorstellungen vom Buch und mir insgesamt etwas mehr bzw. Anderes von der Lektüre erwartet.
Einen absoluten Volltreffer bzw. meinen Liebling des Monats habe ich dann jedoch mit Klaus Modick „Keyserlings Geheimnis“ in den Händen gehalten und innerhalb kürzester Zeit verschlungen. Das war genau mein Ding bzw. das richtige Buch zur richtigen Zeit und für mich das perfekte Sommerbuch. Herrlich wie Modick die Entstehungsgeschichte von Lovis Corinths Porträt von Eduard von Keyserling – das ich schon in der Alten Pinakothek sehen konnte – erzählt und mit viel Gefühl für Atmosphäre und Sinnlichkeit die Schwabinger Bohème in der Sommerfrische am Starnberger See beschreibt. Ein echter Genuss!
Was bringt der Juli?
Die Juli-Lesekreislektüre ist Daniel Kehlmanns Roman „Lichtspiel“: ein willkommener Anlass, das Buch des Erfolgsautors jetzt endlich auch zu lesen.
Zudem habe ich Lust auf sommerliche Lektüre… mal sehen, was ich aus meinen Stapeln ziehen werde.
Die Theaterspielzeit des Landestheater Niederbayerns 23/24 endet mit großer Oper: bei den Burgenfestspielen gibt es Richard Wagners „Tannhäuser“ im Freien zu erleben.
Sollten auch im Juli wieder verregnete Abende zu manchen Couchaufenthalten führen, habe ich mir die norwegische Kurzserie „Atlantic Crossing“ mal vorgemerkt, die aktuell in der NDR Mediathek (die erste Folge z.B. bis zum 22. Juli 2024) zur Verfügung steht.
Zum Start in die zweite Jahreshälfte wünsche ich allen einen wunderbaren Juli mit sommerlicher Leichtigkeit, erholsamen Mußestunden, schönen Momenten in der Natur oder bei kulturellen Ereignissen und feine, friedliche und glückliche Sommertage!
Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.
Gaumen-Highlight Juni:
Und auch der Sanddornlikör vereint Herbes und Süßes in einem Glas, jedoch ausschließlich in Verbindung mit guten und schönen Erinnerungen.
Musikalisches im Juni:
Sommerliche Leichtigkeit gibt es bei Quadro Nuevo und dem neuen Album „Happy Deluxe“, das jetzt erfreulicherweise den Weg zu mir gefunden hat.













Musik im Mirabell
Ein Brunnen singt. Die Wolken stehn
Im klaren Blau, die weißen, zarten.
Bedächtig stille Menschen gehn
Am Abend durch den alten Garten.Der Ahnen Marmor ist ergraut.
Ein Vogelzug streift in die Weiten.
Ein Faun mit toten Augen schaut
Nach Schatten, die ins Dunkel gleiten.Das Laub fällt rot vom alten Baum
Und kreist herein durchs offne Fenster.
Ein Feuerschein glüht auf im Raum
Und malet trübe Angstgespenster.Ein weißer Fremdling tritt ins Haus.
Ein Hund stürzt durch verfallene Gänge.
Die Magd löscht eine Lampe aus,
Das Ohr hört nachts Sonatenklänge.Georg Trakl (1887 – 1914)
Wunderschöner Beitrag. Und überall schwingt in den Erlebnissen dieses leichte Sommerfeeling mit. Toll zu lesen.
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Dankeschön! Das freut mich sehr, wenn sich der positiv-beschwingte sommerliche Unterton dann doch durchgesetzt hat und sich beim Lesen überträgt. Herzliche Grüße, einen wunderbaren Sonntag und einen Juli mit Sonne und Leichtigkeit!
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Wirklich ein sehr schöner Beitrag. Mir gefällt das Gedicht sehr von Herrn Trakl, von dem ich bislang noch gar nichts kannte (muss ich nachholen) und freue mich jetzt um so mehr auf Keyserlings Geheimnis das bereits hier liegt und auf seinen Einsatz wartet. Liebe Grüße und einen schönen Juli 🙂
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Dankeschön, Sabine! „Keyserlings Geheimnis“ macht sofort Lust, an den (Starnberger) See zu fahren… oder ins Museum zu gehen. Für mich war es wirklich ein wunderbares Sommerbuch. Es hat einfach gepasst. Ja, an Trakl kommt man in Salzburg nicht vorbei – sogar in der Stadt finden sich die Gedichte… herzliche Sonntagsgrüße und ebenfalls einen inspirierenden und schönen Juli! Barbara
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So, Keyserlings Geheimnis liegt für den August bereit, vielleicht verbinden wir das direkt mit einem Besuch am Starnberger See – da wollen wir zum Paddeln und Schwimmen eh bald mal wieder hin und da passt das Buch doch dann bestens.
Dir ganz liebe sonnige Grüße zurück 🙂
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Sehr schön. Das klingt ganz hervorragend und nach einem wunderbaren Plan, Sabine. 🙂
Viel Freude beim lesen, paddeln und schwimmen, aber erstmal natürlich auch einen wunderbaren Juli! Herzliche Grüße! Barbara
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Es hat mich freudig überrascht, dass an verschiedenen Stellen in Salzburg die passenden Gedichte von Georg Trakl aufgestellt sind, sogar in Stein gemeißelt.
https://operasandcycling.com/georg-trakl-in-the-mirabell-gardens/
https://operasandcycling.com/georg-trakl-at-st-peters/
https://operasandcycling.com/georg-trakls-apprenticeship/
https://operasandcycling.com/birthplace-of-georg-trakl/
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Vielen Dank fürs Verlinken! Auch mir sind in Salzburg die Gedichte in der Stadt aufgefallen – schön umgesetzt meiner Meinung nach. Daher war auch schnell klar, dass es für diese Monatsbowle natürlich ein Trakl-Gedicht sein muss… Schöne Sonntagsgrüße!
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Gleichmal die norwegische Kurzserie als Tipp abgespeichert. Danke dafür und Dir nun einen tollen Juli. Viele Grüße
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Gern geschehen, Constanze. Ich wünsche Dir auch einen feinen, abwechslungsreichen und schönen Juli! Herzliche Sonntagabendgrüße!
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Liebe Barbara,
zwischen der umfangreichen Krimi-Lektüre war sicherlich auch das Hochwasser in Niederbayern, Oberbayern und Schwaben der reine Krimi für Dich. Aus dem Rundfunk lernte ich, dass in Landshut Überschwemmungen der Isar durch die „Flutmulde“ abgeleitet werden, und die Stadt daher weniger betroffen war als viele andere Orte. Nun höre ich im Radio von den „Überschwemmungsmücken“, au weia.
Danke für die Besprechungen, Aufnahmen und das feine Gedicht von Trakl. Herzliche Wünsche und Grüße, Bernd
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Lieber Bernd,
Da bist Du ja bestens informiert. Ja, die Flutmulde hat in Landshut wieder einmal größere Schäden verhindert. Die Mücken konnten sich hingegen dank der vielen Feuchtigkeit und Wasserstellen munter vermehren. Das ist gerade an lauen Sommerabenden sehr spürbar – im wahrsten Sinne des Wortes.
Und wie immer gern geschehen sowie herzliche Grüße nach Nürnberg (hoffentlich weniger mückengeplagt) und einen schönen Juli! Barbara
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Ein schöner kultureller Monat mit Aufs und Abs und ich hoffe, Du hast einen schönen SUB für diesen Monat und besseres Wetter und weniger Downs
Liebe Grüße
Nina
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Danke, liebe Nina!
Für genügend Lesenachschub und hoffentlich stimmungsvolle Sommerlektüre ist sicher gesorgt. 🙂
Und Lesewetter ist bei mir auch immer – egal ob 35 Grad mit Sonnenschein oder bei 15 Grad mit Regenschauer… lesen geht zum Glück immer.
Dir wünsche ich ebenfalls von Herzen einen feinen und schönen Juli!
Viele Grüße! Barbara
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