30 Jahre Deutsche Einheit

Am 3. Oktober – dem Tag der deutschen Einheit – war es für mich Zeit, einen weiteren Regalschlummerer ans Licht zu holen: „Machandel“ von Regina Scheer. Aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums dieses denkwürdigen Tages habe ich nach einer passenden Lektüre gesucht, habe mit diesem großartigen Roman die perfekte Lösung gefunden und mich dann gefragt, wieso ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe.

Die Autorin, die 1950 in Berlin geboren ist, hat einen großen Familienroman verfasst, der einen weiten, zeitlichen Bogen vom zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung und der Zeit danach spannt, aber den Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1985 und 1990 legt, als die DDR unterging.

Machandel ist ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern und Clara Langner – die Hauptfigur des Romans – besitzt dort eine Sommerkate. Ein kleines, baufälliges Häuschen und ein Rückzugsort, um dem lauten und hektischen (Ost-)Berlin von Zeit zu Zeit in die Natur zu entfliehen. Aber auch ein geschichtsträchtiger Ort für ihre Familie, wie man in den Kapiteln des Romans, die jeweils aus verschiedenen Perspektiven und der Sicht der unterschiedlichen Bewohner sowie der Familienmitglieder Claras erzählt sind, erfährt.

Clara ist die Tochter von Hans Langner, einem hochrangigen Funktionär der Partei und Staatsminister. Im zweiten Weltkrieg wurde dieser von den Nazis als Kommunist verfolgt, ins KZ gesperrt, überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen und wurde in Machandel von der Russin Natalja versteckt und gerettet. Ereignisse, die ihn sein Leben lang verfolgen und prägen.

Auch Johanna – seine spätere Frau – lernt er dort kennen. Aus Ostpreußen geflohen kommt sie ebenfalls als Flüchtling nach Machandel und heiratet schließlich den Mann, den sie gesund gepflegt hat. Sie ist um viele Jahre jünger als er und über die Jahre entfremden sich die beiden immer mehr.

Als Tochter der beiden genießt Clara in der DDR gewisse Privilegien – sie bekommt einen Studienplatz, kann promovieren – und auch Geld ist meist kein Thema, obwohl es ihr immer mehr zuwider wird, das Geld ihrer Eltern anzunehmen und dies immer häufiger zum Streitpunkt in ihrer Ehe wird.

Michael, ihr Ehemann, hat meist weniger Skrupel die Hilfen der Schwiegereltern anzunehmen und nach den chaotischen Jahren der Wendezeit, in welcher sich immer mehr Unstimmigkeiten in die Beziehung zwischen Clara und ihm einschleichen, verlässt er sie und Deutschland nach der Wiedervereinigung und geht zum Arbeiten in die Schweiz. Die Ehe zerbricht.

Ausgangspunkt und sehr wichtiges Thema im Roman ist der große Verlust, den Clara empfindet, als sie ihren Bruder Jan verabschieden muss und verliert. Denn dieser stellt einen Ausreiseantrag, nachdem er aufgrund systemkritischer Fotos und journalistischer Berichterstattung im Gefängnis sitzen musste und er ist es auch, der – bevor er das Land in den 80er Jahren für immer verlässt – mit Clara nochmal den Ort besuchen möchte, der seine Kindheit geprägt hat und von dem er sich noch verabschieden möchte: Machandel.

Je mehr ich schreibe, desto mehr merke ich: ich kann nicht alles beschreiben und aufführen, was mich nach dieser Lektüre beschäftigt. Es ist schwierig bis unmöglich, all die Handlungsstränge, Figuren (da wären auch noch Natalja, Emma, Marlene usw.) und Themen des Romans angemessen in einer Rezension zu beschreiben und dem Buch gerecht zu werden, denn Regina Scheer fächert ein wahres Kaleidoskop deutsch-deutscher Geschichte und eine Fülle an menschlichen Dramen und persönlicher Lebensgeschichten auf. Es geht um Flucht, Vertreibung, Zwangssterilisierung, Missbrauch und Diktatur. Da gibt es so vieles in der Geschichte zu entdecken und auch so vieles, über das es sich nachzudenken lohnt. Daher muss man Regina Scheers‘ Roman am besten selbst lesen. Die Lektüre lohnt sich und jeder wird das Buch für sich mit unterschiedlichen Aspekten und Schwerpunkten anders lesen und empfinden.

Gleichfalls gibt es so viele wunderbare Textstellen und Zitate in diesem Roman, dass es mir schwer fiel, mich zu entscheiden. Aber die folgenden Zeilen drücken für mich die ehrliche Auseinandersetzung mit der Wendezeit aus, denn neben aller Freude und Euphorie, gab es auch Zwiespältigkeit und Wehmut:

„An die neue Freiheit, die Offenheit, die wir ja gewollt hatten, gewöhnten wir uns schnell. Jahrelang hatten sich die politischen Gespräche auf unsere Wohnzimmer, die Küchen, vielleicht noch die Kneipen beschränkt, doch plötzlich weiteten sich die Räume, die Gespräche fanden in aller Öffentlichkeit statt, der Ton änderte sich. Alle hatten wenig Zeit und rannten neuen Zielen nach.“

(S.249)

Ein großartiges, erfüllendes Buch, das in einer wunderbaren, melodiösen Sprache geschrieben ist, das nachdenklich werden lässt, bewegt und deutsche Geschichte lebendig macht. Mit Sicherheit kein Geheimtipp: aber wer sich anlässlich des 30-Jährigen Jubiläums wie ich wieder einmal etwas näher mit dem Thema DDR und Wiedervereinigung auseinandersetzen möchte, ist hier an einer hervorragenden Adresse. Für mich war es jetzt wohl der richtige Moment für dieses Buch und doch hätte ich es viel früher lesen sollen.

Buchinformation:
Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Machandel“:

Für den Gaumen:
Immer wieder beschreibt Scheer im Buch, dass an den Esstischen viel diskutiert wurde – sie waren und sind Treffpunkt und soziale Verbindung zwischen den Menschen. Die Gespräche und Diskussionen über die DDR und der Wunsch nach Freiheit standen bei Clara und ihren Freunden im Mittelpunkt – nicht so sehr das Essen. Doch einmal wird beschrieben, dass ein „scharfes, ungarisches Gulasch“ und Rotwein serviert wurde – etwas, das man gut vorbereiten und warmhalten kann und das dem Gastgeber dann Zeit für seine Gäste lässt.

Zum Weiterschauen:
Als ich „Das Leben der Anderen“ zum ersten Mal gesehen habe, war ich zutiefst erschüttert und aufgewühlt. Der oscar-prämierte Film aus dem Jahr 2006 ist großes Kino mit einer erstklassigen Besetzung (u.a. Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch und Ulrich Tukur) und setzt sich ernsthaft und kritisch mit der DDR und dem Staatssicherheits-Apparat auseinander.

Zum Weiterlesen:
Nach einem Besuch in Leipzig vor einiger Zeit, der mich natürlich auch in die wunderbare Nikolaikirche geführt hatte, habe ich das Buch von Christian Führer gelesen. Dem Pfarrer der Nikolaikirche, der die damaligen Friedensgebete initiiert, die friedliche Revolution mit geprägt hat und der in seiner Autobiografie beschreibt, wie er diese Zeit erlebt hat und was es bedeutete Pastor in der DDR zu sein. Ein großartiger Mensch, der leider 2014 verstorben ist und ein Buch, das mich tief berührt hat und das ich wärmstens empfehlen kann.

Christian Führer, Und wir sind dabei gewesen
Ullstein
ISBN: 9783548609843

Suche nach dem kleinen Glück

Arno Geiger zeichnet in seinem Roman „Unter der Drachenwand“ ein intelligentes und gefühlvolles Stimmungsbild des Jahres 1944 – der Spätphase des zweiten Weltkriegs. Die Menschen sind kriegsmüde und zermürbt und vor allem die junge Generation, die durch den Krieg um die unbeschwerten Jugendjahre betrogen wurde, bekommt im Roman des Österreichers – und Gewinner des Deutschen Buchpreises 2005 (für „Es geht uns gut“) – eine Stimme.

Bei diesem Roman handelt es sich um einen meiner „Regalschlummerer“ – so nenne ich Bücher, die schon seit längerem in meinem Regal auf den richtigen Zeitpunkt warten, gelesen zu werden. Der offizielle Fachbegriff ist wohl „Backlist“-Lesen oder auch „SUB-Abbauen“ (Stapel ungelesener Bücher), aber für mich und meinen Blog möchte ich solche Bücher zukünftig auch immer wieder als meine „Regalschlummerer“ vorstellen. Seit Sommer letzten Jahres (gleich nach Erscheinen der Taschenbuchausgabe) stand das Buch schon bei mir und jetzt war wohl der richtige Moment dafür gekommen.

Mondsee, ein idyllischer Ort in der Nähe von Salzburg – ein See umgeben von Bergen (wie z.B. der Drachenwand aus dem Buchtitel) ist der Schauplatz für Geigers Roman. Dort treffen Menschen mit unterschiedlichsten Schicksalen und aus verschiedensten Richtungen aufeinander. Der junge Soldat Veit Kolbe versucht, sich dort von seiner körperlichen wie seelischen Kriegsverletzung zu erholen. Die Zeit an der Front hat ihre Spuren hinterlassen und so versucht er, die Zeit der Genesung – bevor er wieder zurück in den Krieg ziehen muss – so lange wie möglich hinauszuzögern. In seinem einfachen Quartier trifft er auf die junge Mutter Margot, die es aus Darmstadt ins ruhige Mondsee verschlagen hat. Mit ihrer wenigen Monate alten Tochter wartet sie dort auf ein Lebenszeichen und die Rückkehr ihres Mannes, der ebenfalls im Krieg kämpft und seine kleine Tochter nicht aufwachsen sieht.
Am Ort gibt es ein Jugendlager für verschickte Mädchen und die junge Lehrerin Margarete hat alle Hände voll zu tun, die Gruppe Heranwachsender zu beaufsichtigen und im Zaum zu halten. Doch plötzlich verschwindet ein frühreifes Mädchen aus den Reihen ihrer Schützlinge spurlos. Die ganze Dorfgemeinschaft ist erschüttert und beteiligt sich an der Suche.

Jede der Figuren hat ihre eigene Geschichte und für sie wird der beschauliche Rückzugsort Mondsee ein schicksalshafter Ort, an welchem sie die Endphase des Krieges im Jahre 1944 erleben und abwarten. Es herrscht eine Atmosphäre des Wartens, der Angst, aber auch des Hoffens, der unselige Krieg möge bald enden.

Veit, der durch seine Verwundung und Erfahrungen im Kriegsgeschehen schwer traumatisiert ist und sich nur mit Medikamenten durch den Tag retten kann, findet in einem brasilianischen Gärtner, der in einem Gewächshaus Orchideen und Gemüse anbaut und nachts nicht schlafen kann, weil er das Gewächshaus heizen muss, einen Vertrauten und jemanden, mit dem er sprechen kann.
Mondsee ist für Veit ein Ort, an dem er fernab vom Kriegsgeschehen, ein klein wenig Normalität erfahren kann und mit Margot und der kleinen Lilo sogar wieder fast so etwas wie ein Familienleben führt. Und doch ist da die Trauer über die Kriegsjahre als verlorene Zeit und die Tatsache, dass man nie mehr der selbe Mensch sein wird als zuvor. Veit muss sich erst wieder einen neuen Platz im Leben suchen. Und immer noch ist da die Angst, wieder an die Front zurück geschickt zu werden.

In Briefen der Angehörigen kommt auch das Schrecken und das Leid an anderen Orten – Wien, Darmstadt, Ungarn – zum Ausdruck und so entsteht ein Bild dieser Zeit, das eindrücklich und berührend die Not und den Schmerz der Menschen schildert.

Zentral und besonders eindrücklich waren für mich die lähmende Angst und das Warten – die Schockstarre – der Menschen: Warten auf das Kriegsende, Warten auf Nachricht von den Angehörigen, Warten auf die Rückkehr des Ehemanns, Warten auf ein besseres Leben… dieses Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins und der verlorenen Zeit war für mich die große Klammer des Romans.

Was machen sechs endlos lange Jahre des Krieges mit den Menschen? Welche Überlebensstrategien entwickeln sie? Welche Traumata tragen sie davon? Und wie kann es gelingen, nach vorne zu schauen und dem Leben wieder ein wenig Glück abzutrotzen? Auf diese Fragen sucht Geiger mit seinen Figuren in „Unter der Drachenwand“ eine Antwort.

„Wenn man sich selbst kein Glück bereitet, ist man verloren.“

(S.300)

Und so wünschen sich diese jungen Menschen nicht mehr als Frieden und ein kleines Glück, um zur Ruhe zu kommen und unbehelligt von Schrecken und Krieg einfach nur leben zu können. Diese Sehnsucht nach den einfachen Dingen und einem glückenden Leben – in Geigers Worten und seiner Art zu Erzählen – hat mich sehr bewegt.

„Ruhig wird man erst, wenn man geworden ist, wer man sein soll.“

(S.473)

Ein berührendes Buch, das anhand persönlicher Schicksale im Kleinen, ein großes Stimmungsbild der Kriegsmüdigkeit im Jahre 1944 zeichnet – großartige Literatur, die aufwühlt und zum Nachdenken anregt.

Buchinformation:
Arno Geiger, Unter der Drachenwand
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-14701-9

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Wozu inspirierte mich „Unter der Drachenwand“:

Für den Gaumen:
Eine frische Tomate vom eigenen Strauch gepflückt, am besten noch warm von der Sonne – oft sind die einfachen Dinge die besten.

Für die Ohren:
In die Zeit und die Stimmung des Romans passt für mich die Musik der Comedian Harmonists und vor allem das Stück „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ – als Ausdruck der Hoffnung darauf, dass man nach dem Krieg wieder seinen Platz im Leben findet.

Zum Weiterlesen:
Ein weiterer eindrücklicher Roman aus der Endphase des zweiten Weltkriegs, der sich literarisch einem anderen, grausamen Kapitel des Krieges widmet, ist Roman Rauschs Roman „Bombennacht“, der die Stunden vor und nach der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 beschreibt.

Roman Rausch, Bombennacht
Echter Verlag
ISBN: 978-3-429-03885-4