Sommerregen mal anders

Über mangelnden Regen konnten wir uns im Mai wohl nicht beklagen und da bot es sich an, wieder einmal einen „Regalschlummerer“ zu befreien, der sich aufgrund des Titels geradezu aufdrängte: „Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein“ von Sigrid Damm.

In den Jahren 1776 bis 1786 schrieb der junge Goethe über 1700 Briefe und „Zettelgen“ an die Hofdame Charlotte von Stein. Viele davon gehören – auch nach gängiger Meinung – zu den schönsten Liebesbriefen und -bekundungen der Literatur. Sigrid Damm hat für ihr Buch 231 davon ausgewählt, die einen umfassenden und bewegenden Einblick in diese komplizierte Liebesgeschichte geben.

„Als einen Lebens- und Liebesroman, als Tagebuch einer zehnjährigen Beziehung lese ich diese Briefe. Sehe den Schreiber vor mir, stehend an seinem Pult, sitzend am Tisch, in Weimar im Gartenhaus, am Frauenplan, auf Reisen, in Ilmenau, auf dem Gothaer Schloß, in Rom.“

(S.49)

Neben den abgedruckten Originalbriefen erzählt Sigrid Damm in einem ausführlichen Vorspann und dem begleitenden Hauptteil nach den Briefen die Geschichte der beiden. Sie schafft den Rahmen und ordnet ein, erläutert dem Leser die historischen Zusammenhänge und lässt diese Weimarer Zeit nachvollziehbar und lebendig werden. Als Goethe nach Weimar kommt, lernt er bereits kurz darauf die Hofdame und Ehefrau des höfischen Stallmeisters Charlotte von Stein kennen. Sie ist kultiviert, gut aussehend, gebildet und für Goethe unerreichbar. Und dennoch beginnt der leidenschaftliche 26-Jährige sie in unzähligen Briefen und kurzen Botschaften heftig zu umwerben. Er sucht und genießt ihre Gesellschaft, sie wird zu einer wichtigen, wenn nicht zur wichtigsten Bezugsperson. Ihr vertraut er sich an, ihr schüttet er sein Herz aus – ihre Meinung bedeutet ihm viel.

„Die Gegenwart ists allein die würckt, tröstet und erbaut! – Wenn sie auch wohl manchmal plagt – und das plagen ist der Sommerregen der Liebe.“

schreibt Goethe am 22. Juni 1776 (S.72)

Und doch quält ihn auch die Tatsache, dass seine Liebe keine Erfüllung finden kann. Nach zehn Jahren kommt es zum Bruch in der Beziehung, als Goethe heimlich zu seiner Italienreise aufbricht ohne seine Angebetete zuvor darüber zu informieren. Ein Vertrauensbruch, der nicht ohne Folgen bleibt.
Charlotte von Stein forderte ihre Briefe an Goethe zurück und vernichtete sie, so dass wir heute ihre Erwiderungen auf Goethes Korrespondenz leider nicht mehr lesen können.

„Ich habe nur zwey Götter dich und den Schlaf. Ihr heilet alles an mir was zu heilen ist und seyd die wechselsweisen Mittel gegen die böse Geister.“

schreibt Goethe am 15. März 1785 (S.161)

Sigrid Damm gelingt es in ihrem hervorragend recherchierten Buch, diese Zeit und die komplizierte Beziehung zwischen Goethe und Frau von Stein verständlich werden zu lassen. Für diese Frau schrieb Goethe wunderschöne Liebesgedichte, wie zum Beispiel „Warum gabst du uns die Tiefen Blicke“, doch auch in folgendem Auszug aus diesen Zeilen wird bereits der Schmerz über die unglückliche Beziehung spürbar:

Nur uns Armen liebevollen beyden
Ist das wechselseitge Glück versagt
Uns zu lieben ohn uns zu verstehen,
In dem Andern sehn was er nie war“

(Auszug aus „Warum gabst du uns die Tiefen Blicke“ – schreibt Goethe am 14. April 1776; S.67)

Die Zeit dieser Briefe fällt in die Regentschaft von Herzogin Anna Amalia, die den Weimarer Musenhof schuf und sich gern mit Dichtern und Philosophen umgab. Auch diese Aspekte – die Theateraufführungen und Gesellschaften in Schloss Tiefurt – klingen in Damm’s Buch an. Ebenso beschreibt sie sehr gut, wie Geheimrat Goethe immer mehr mit seinen administrativen Aufgaben haderte, sich in all seinen Funktionen mehr und mehr aufrieb und ihm zunehmend bewusst wurde, dass er sich wieder mehr der Kunst widmen wollte. Letztlich führte dies zu seinem Ausbrechen aus den dienstlichen Pflichten und gipfelte in seiner heimlichen Abreise nach Italien.

Das Buch ist kein trockenes Sachbuch, vielmehr strotzt es voller Leben und ist die spannende Geschichte einer leidenschaftlichen, wenn auch letztlich unglücklichen Liebesbeziehung voller Gefühl und Schmerz.

Wer nach Weimar reist oder sich näher mit Johann Wolfgang von Goethe beschäftigen möchte, wird unweigerlich auf diese so wichtige Frau und diese zehn Jahre seines Lebens stoßen, die ihn geprägt haben. Sigrid Damm bietet in verständlicher und sehr angenehm zu lesender Sprache die passende Lektüre und beschreibt mit Respekt und ohne jegliche Spekulation oder Effekthascherei ihre durch Quellen, Fakten und Recherche fundierte Sicht auf diese besondere Beziehung.

Nicht umsonst und völlig zu Recht wurde die Autorin, die 1940 in Gotha geboren wurde, für ihr umfangreiches Werk zu Goethe und seinen Zeitgenossen mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. So erhielt sie unter anderem den Feuchtwanger-, den Mörike- und den Thüringer Literaturpreis, um nur einige zu nennen.

Ich habe dieses Buch mit großem Interesse gelesen – eine kurzweilige und bereichernde Lektüre, die unterhält und bildet zugleich. Und so war dieser „Sommerregen“ – während draußen der richtige prasselte – für mich ein echter Gewinn.

Buchinformation (in meinem Fall als Hardcover):
Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein
Insel
ISBN: 978-3-458-17644-2

oder als Taschenbuchausgabe:

Sigrid Damm, Sommerregen der Liebe – Goethe und Frau von Stein
Insel Taschenbuch 4580
ISBN: 978-3-458-36280-7

©Insel Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Sommerregen der Liebe“:

Für den Gaumen:
Goethe ließ Frau von Stein auch immer wieder Leckereien aus seinem Garten zukommen, in dem er unter anderem auch Spargel selbst anbaute. So schrieb er am 19. Mai 1776 an sie:

„Da sind Spargel, erst iezt gestochen, lassen Sie sie nicht unter die Anderen kommen, essen Sie sie allein, da Sie doch einmal das glückliche Vorurtheil dafür haben; wie mir’s eben am besten schmeckt, wenn ich sie mit Ihnen esse.“

(S.70)

Zum Weiterschauen:
Auf der Website der Klassik Stiftung Weimar kann man einen Eindruck erhalten, wie solche „Zettelgen“ und Briefe ausgesehen haben – man sieht die Originalhandschrift Goethe’s und auch Zeichnungen, die er an Charlotte von Stein schickte.

Zum Weiterlesen:
Ich mochte bereits Sigrid Damm’s Buch über Goethe’s Ehefrau Christiane Vulpius sehr gern. Eine besondere Beziehung zwischen den beiden – dem Geheimrat und der einfachen, jungen Frau aus dem Volk – die in Weimar zunächst sehr kritisch beäugt wurde. Sigrid Damm hat die Gabe, hervorragend recherchierte Sachbücher so zu schreiben, dass sie sich trotz aller Detailgenauigkeit sehr flüssig lesen und Goethe und seine Zeit lebendig werden lassen:

Sigrid Damm, Christiane und Goethe – Eine Recherche
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3-458-36080-3

Theater im Café

Mit diesem Beitrag möchte ich mich zum ersten Mal an der Indiebookchallenge beteiligen, die dazu einlädt, jeden Monat ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu entdecken und im Mai 2021 unter dem Motto „lies ein Buch mit einem Gemälde auf dem Umschlag“ steht. Und nachdem Cora Sandel’s „Café Krane“ aus dem Urachhaus Verlag ohnehin schon eine Weile bei mir im Regal schlummerte, war dies jetzt der perfekte Zeitpunkt, um diesen norwegischen Roman aus dem Jahr 1945 endlich zu lesen und hier vorzustellen.

Das Cover ziert ein Werk des Norwegers Edvard Munch – ein ausdrucksstarkes Frauenportrait – und auch Cora Sandel hat in ihrem Roman eine Frau in den Mittelpunkt der Handlung gestellt: die alleinerziehende Mutter und Schneiderin Katinka Stordal. Der Roman spielt in den 20er Jahren in einer nordnorwegischen Stadt – vermutlich in Tromsø.

„Es gibt wohl kaum jemanden, der das Café Krane nicht kennt. Seit dem Umbau wird es von allen besucht, sowohl von den besseren Herrschaften als auch vom einfacheren Publikum. Und das ist ja nur erfreulich, Hauptsache, es sind anständige Leute.“

(S.12/13)

Der Schauplatz des Romans ist das Café Krane – hier sitzt Katinka Stordal am helllichten Tag und trinkt Wein – Portwein, um genau zu sein. Zu Hause wartet ein Berg Arbeit auf sie, denn sie hat zahlreiche Nähaufträge für Damenkleider, die eigentlich abzuarbeiten wären. Aber sie kann sich nicht aufraffen zu gehen. Die Inhaberin des Kaffeehauses, das Servicepersonal und die anderen Gäste versuchen, sie an ihre Pflichten zu erinnern und zum Heimgehen zu motivieren – ohne Erfolg.

Und als dann auch noch der zwielichtige Hilfsarbeiter und Außenseiter Svenne auftaucht, sich auf Katinka’s Seite stellt und befeuert von einem steigenden Alkoholpegel immer heftiger mit ihr zu flirten beginnt – ist der Skandal nicht mehr aufzuhalten.
Gemäß dem Motto „In vino veritas“ schüttet sie dem Unbekannten ihr Herz aus, berichtet von ihrer Belastung, was es bedeutet, für ihre Kinder sorgen zu müssen und sich ihren Lebensunterhalt als Schneiderin mit Aufträgen verdienen zu müssen, die sie in ihrer Berufsehre kränken. Kleider für Damen, die nicht wissen, was sie tragen können und was nicht – die Arbeit ist ihr unerträglich geworden. Der Rest der Cafébesucher hört unfreiwillig und beschämt mit – ein in ihren Augen unvorstellbares, vollkommen inakzeptables Verhalten, sich als Frau in aller Öffentlichkeit so gehen zu lassen. Plötzlich tauchen dann auch noch der Ex-Mann und die Kinder im Lokal auf und das Chaos scheint perfekt…

„Ich unterstütze alle, die finden, der Klubraum soll so bleiben, wie er ist! Wisst ihr noch, als wir klein waren, fanden wir es dort drin immer besonders aufregend! Denn bei Kranes war es tatsächlich immer ein bisschen spannend. Unsere Mütter kamen nie zum Kaffeetrinken her, nur den Kuchen haben sie hier geholt. Und wie groß die Napoleonschnitten damals waren!“

(S.67)

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass dieses Werk bereits früh für die Bühne adaptiert wurde, denn aufgrund der großen Bedeutung der Dialoge und der kammerspielartigen Räumlichkeiten, die sich auf den Hauptraum des Café’s und das Nebenzimmer bzw. den sogenannten dunkel getäfelten Klubraum beschränken, ist es geradezu prädestiniert, auf eine Theaterbühne gebracht zu werden.

Man sieht förmlich die Irrungen, Wirrungen, die Schiebetür in Bewegung und wie das Personal und die Wirtin verzweifelt versuchen, die neuen Gäste vom Klubraum fernzuhalten – ein Kommen und Gehen, Auftritte und Abgänge. Der Skandal, der sich immer mehr aufbauscht und das Zuspitzen der Situation: das ist großes Drama und wie geschaffen für die Bretter, die die Welt bedeuten.

Neben allem oberflächlichen Wirtshausgeplauder und gehässigem Kaffeeklatsch birgt der Roman aber auch tiefgründige Themen und entwirft ein Bild der norwegischen Kleinstadt in den Zwanziger Jahren. Sandel behandelt Themen wie Armut, Isolation, Alkoholismus, die physischen und psychischen Belastungen alleinerziehender Mütter und auch das Thema Emanzipation. Vieles davon ist auch heute immer noch aktuell und nachvollziehbar. Vielleicht würde man Katinka’s Verhalten heute als „Burn Out“ bezeichnen, ihr Verharren im Café als Flucht vor dem Alltag und der Überforderung.

Auf 220 Seiten hat die Autorin auch die Kleingeistigkeit und die Engstirnigkeit der Menschen in dieser norwegischen Kleinstadt eingefangen, die sich über Katinka im wahrsten Sinne des Wortes das Maul zerreißen und einen Skandal herbeireden, der gar keiner sein müsste. Der Kosmos Kaffeehaus bietet in konzentrierter Form die Bühne für die Probleme der Zeit und so trifft der ungewöhnliche Untertitel „Interieur mit Figuren“ perfekt den Charakter dieser literarischen Perle.
Schön, dass dieses in Norwegen sehr bekannte Werk seit 2019 durch die Übersetzung jetzt auch deutschen Lesern zugänglich gemacht wurde.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Literaturreich.

Buchinformation:
Cora Sandel, Café Krane
Aus dem Norwegischen von Birgitta Kicherer
Urachhaus
ISBN: 978-3-8251-5213-0

Im Juni 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag ohne den Buchstaben »A« im Titel“ – wer ist dabei?
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht ist ja auch für Euch etwas dabei.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Cora Sandel’s „Café Krane“:

Für den Gaumen:
Die unumstrittene Kuchenspezialität des Café Krane sind Napoleonschnitten – ein Blätterteigkuchen mit einer Vanillecremefüllung, den ich bisher noch nirgends bekommen habe und somit noch nicht probieren konnte.

Zum Weiterhören:
Auch im Café Krane steht bereits ein Radiogerät – beim Suchen nach dem passenden Sender ertönt auf einmal „Chant Hindou“ von Nikolai Andrejeweitsch Rimski-Korsakow aus der Oper Sadko (1898) als Version für Violine.

Zum Weiterschauen:
Das Gemälde auf dem Umschlag stammt vom weltberühmten, norwegischen Maler Edvard Munch und trägt den Namen Birgit Prestøe, Porträt Studie (1924-25, Öl auf Holz) und es ist im Munchmuseet in Oslo beheimatet – hier ist das Bild auf der Homepage des Museums zu bewundern.

Zum Weiterlesen:
Einen weiteren schönen Vorschlag zur Indiebookchallenge im Mai 21 mit dem Thema #Gemäldecover hat der Kröner Verlag. Auf dem Blog von Birgit Böllinger kann man in einem Interview mit der Autorin Daniela Engist erfahren, warum sie sich beim Umschlag ihres Romans „Lichte Horizonte“ für das Bild „Couple on the Beach“ des kanadischen Malers Alex Colville entschieden hat.
Diesen wunderbaren und sehr lesenswerten Roman habe ich ebenfalls schon auf der Kulturbowle vorgestellt (hier geht es zu meiner Rezension.)

Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-75001-3

30 Jahre Deutsche Einheit

Am 3. Oktober – dem Tag der deutschen Einheit – war es für mich Zeit, einen weiteren Regalschlummerer ans Licht zu holen: „Machandel“ von Regina Scheer. Aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums dieses denkwürdigen Tages habe ich nach einer passenden Lektüre gesucht, habe mit diesem großartigen Roman die perfekte Lösung gefunden und mich dann gefragt, wieso ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe.

Die Autorin, die 1950 in Berlin geboren ist, hat einen großen Familienroman verfasst, der einen weiten, zeitlichen Bogen vom zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung und der Zeit danach spannt, aber den Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1985 und 1990 legt, als die DDR unterging.

Machandel ist ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern und Clara Langner – die Hauptfigur des Romans – besitzt dort eine Sommerkate. Ein kleines, baufälliges Häuschen und ein Rückzugsort, um dem lauten und hektischen (Ost-)Berlin von Zeit zu Zeit in die Natur zu entfliehen. Aber auch ein geschichtsträchtiger Ort für ihre Familie, wie man in den Kapiteln des Romans, die jeweils aus verschiedenen Perspektiven und der Sicht der unterschiedlichen Bewohner sowie der Familienmitglieder Claras erzählt sind, erfährt.

Clara ist die Tochter von Hans Langner, einem hochrangigen Funktionär der Partei und Staatsminister. Im zweiten Weltkrieg wurde dieser von den Nazis als Kommunist verfolgt, ins KZ gesperrt, überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen und wurde in Machandel von der Russin Natalja versteckt und gerettet. Ereignisse, die ihn sein Leben lang verfolgen und prägen.

Auch Johanna – seine spätere Frau – lernt er dort kennen. Aus Ostpreußen geflohen kommt sie ebenfalls als Flüchtling nach Machandel und heiratet schließlich den Mann, den sie gesund gepflegt hat. Sie ist um viele Jahre jünger als er und über die Jahre entfremden sich die beiden immer mehr.

Als Tochter der beiden genießt Clara in der DDR gewisse Privilegien – sie bekommt einen Studienplatz, kann promovieren – und auch Geld ist meist kein Thema, obwohl es ihr immer mehr zuwider wird, das Geld ihrer Eltern anzunehmen und dies immer häufiger zum Streitpunkt in ihrer Ehe wird.

Michael, ihr Ehemann, hat meist weniger Skrupel die Hilfen der Schwiegereltern anzunehmen und nach den chaotischen Jahren der Wendezeit, in welcher sich immer mehr Unstimmigkeiten in die Beziehung zwischen Clara und ihm einschleichen, verlässt er sie und Deutschland nach der Wiedervereinigung und geht zum Arbeiten in die Schweiz. Die Ehe zerbricht.

Ausgangspunkt und sehr wichtiges Thema im Roman ist der große Verlust, den Clara empfindet, als sie ihren Bruder Jan verabschieden muss und verliert. Denn dieser stellt einen Ausreiseantrag, nachdem er aufgrund systemkritischer Fotos und journalistischer Berichterstattung im Gefängnis sitzen musste und er ist es auch, der – bevor er das Land in den 80er Jahren für immer verlässt – mit Clara nochmal den Ort besuchen möchte, der seine Kindheit geprägt hat und von dem er sich noch verabschieden möchte: Machandel.

Je mehr ich schreibe, desto mehr merke ich: ich kann nicht alles beschreiben und aufführen, was mich nach dieser Lektüre beschäftigt. Es ist schwierig bis unmöglich, all die Handlungsstränge, Figuren (da wären auch noch Natalja, Emma, Marlene usw.) und Themen des Romans angemessen in einer Rezension zu beschreiben und dem Buch gerecht zu werden, denn Regina Scheer fächert ein wahres Kaleidoskop deutsch-deutscher Geschichte und eine Fülle an menschlichen Dramen und persönlicher Lebensgeschichten auf. Es geht um Flucht, Vertreibung, Zwangssterilisierung, Missbrauch und Diktatur. Da gibt es so vieles in der Geschichte zu entdecken und auch so vieles, über das es sich nachzudenken lohnt. Daher muss man Regina Scheers‘ Roman am besten selbst lesen. Die Lektüre lohnt sich und jeder wird das Buch für sich mit unterschiedlichen Aspekten und Schwerpunkten anders lesen und empfinden.

Gleichfalls gibt es so viele wunderbare Textstellen und Zitate in diesem Roman, dass es mir schwer fiel, mich zu entscheiden. Aber die folgenden Zeilen drücken für mich die ehrliche Auseinandersetzung mit der Wendezeit aus, denn neben aller Freude und Euphorie, gab es auch Zwiespältigkeit und Wehmut:

„An die neue Freiheit, die Offenheit, die wir ja gewollt hatten, gewöhnten wir uns schnell. Jahrelang hatten sich die politischen Gespräche auf unsere Wohnzimmer, die Küchen, vielleicht noch die Kneipen beschränkt, doch plötzlich weiteten sich die Räume, die Gespräche fanden in aller Öffentlichkeit statt, der Ton änderte sich. Alle hatten wenig Zeit und rannten neuen Zielen nach.“

(S.249)

Ein großartiges, erfüllendes Buch, das in einer wunderbaren, melodiösen Sprache geschrieben ist, das nachdenklich werden lässt, bewegt und deutsche Geschichte lebendig macht. Mit Sicherheit kein Geheimtipp: aber wer sich anlässlich des 30-Jährigen Jubiläums wie ich wieder einmal etwas näher mit dem Thema DDR und Wiedervereinigung auseinandersetzen möchte, ist hier an einer hervorragenden Adresse. Für mich war es jetzt wohl der richtige Moment für dieses Buch und doch hätte ich es viel früher lesen sollen.

Buchinformation:
Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Machandel“:

Für den Gaumen:
Immer wieder beschreibt Scheer im Buch, dass an den Esstischen viel diskutiert wurde – sie waren und sind Treffpunkt und soziale Verbindung zwischen den Menschen. Die Gespräche und Diskussionen über die DDR und der Wunsch nach Freiheit standen bei Clara und ihren Freunden im Mittelpunkt – nicht so sehr das Essen. Doch einmal wird beschrieben, dass ein „scharfes, ungarisches Gulasch“ und Rotwein serviert wurde – etwas, das man gut vorbereiten und warmhalten kann und das dem Gastgeber dann Zeit für seine Gäste lässt.

Zum Weiterschauen:
Als ich „Das Leben der Anderen“ zum ersten Mal gesehen habe, war ich zutiefst erschüttert und aufgewühlt. Der oscar-prämierte Film aus dem Jahr 2006 ist großes Kino mit einer erstklassigen Besetzung (u.a. Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch und Ulrich Tukur) und setzt sich ernsthaft und kritisch mit der DDR und dem Staatssicherheits-Apparat auseinander.

Zum Weiterlesen:
Nach einem Besuch in Leipzig vor einiger Zeit, der mich natürlich auch in die wunderbare Nikolaikirche geführt hatte, habe ich das Buch von Christian Führer gelesen. Dem Pfarrer der Nikolaikirche, der die damaligen Friedensgebete initiiert, die friedliche Revolution mit geprägt hat und der in seiner Autobiografie beschreibt, wie er diese Zeit erlebt hat und was es bedeutete Pastor in der DDR zu sein. Ein großartiger Mensch, der leider 2014 verstorben ist und ein Buch, das mich tief berührt hat und das ich wärmstens empfehlen kann.

Christian Führer, Und wir sind dabei gewesen
Ullstein
ISBN: 9783548609843

Suche nach dem kleinen Glück

Arno Geiger zeichnet in seinem Roman „Unter der Drachenwand“ ein intelligentes und gefühlvolles Stimmungsbild des Jahres 1944 – der Spätphase des zweiten Weltkriegs. Die Menschen sind kriegsmüde und zermürbt und vor allem die junge Generation, die durch den Krieg um die unbeschwerten Jugendjahre betrogen wurde, bekommt im Roman des Österreichers – und Gewinner des Deutschen Buchpreises 2005 (für „Es geht uns gut“) – eine Stimme.

Bei diesem Roman handelt es sich um einen meiner „Regalschlummerer“ – so nenne ich Bücher, die schon seit längerem in meinem Regal auf den richtigen Zeitpunkt warten, gelesen zu werden. Der offizielle Fachbegriff ist wohl „Backlist“-Lesen oder auch „SUB-Abbauen“ (Stapel ungelesener Bücher), aber für mich und meinen Blog möchte ich solche Bücher zukünftig auch immer wieder als meine „Regalschlummerer“ vorstellen. Seit Sommer letzten Jahres (gleich nach Erscheinen der Taschenbuchausgabe) stand das Buch schon bei mir und jetzt war wohl der richtige Moment dafür gekommen.

Mondsee, ein idyllischer Ort in der Nähe von Salzburg – ein See umgeben von Bergen (wie z.B. der Drachenwand aus dem Buchtitel) ist der Schauplatz für Geigers Roman. Dort treffen Menschen mit unterschiedlichsten Schicksalen und aus verschiedensten Richtungen aufeinander. Der junge Soldat Veit Kolbe versucht, sich dort von seiner körperlichen wie seelischen Kriegsverletzung zu erholen. Die Zeit an der Front hat ihre Spuren hinterlassen und so versucht er, die Zeit der Genesung – bevor er wieder zurück in den Krieg ziehen muss – so lange wie möglich hinauszuzögern. In seinem einfachen Quartier trifft er auf die junge Mutter Margot, die es aus Darmstadt ins ruhige Mondsee verschlagen hat. Mit ihrer wenigen Monate alten Tochter wartet sie dort auf ein Lebenszeichen und die Rückkehr ihres Mannes, der ebenfalls im Krieg kämpft und seine kleine Tochter nicht aufwachsen sieht.
Am Ort gibt es ein Jugendlager für verschickte Mädchen und die junge Lehrerin Margarete hat alle Hände voll zu tun, die Gruppe Heranwachsender zu beaufsichtigen und im Zaum zu halten. Doch plötzlich verschwindet ein frühreifes Mädchen aus den Reihen ihrer Schützlinge spurlos. Die ganze Dorfgemeinschaft ist erschüttert und beteiligt sich an der Suche.

Jede der Figuren hat ihre eigene Geschichte und für sie wird der beschauliche Rückzugsort Mondsee ein schicksalshafter Ort, an welchem sie die Endphase des Krieges im Jahre 1944 erleben und abwarten. Es herrscht eine Atmosphäre des Wartens, der Angst, aber auch des Hoffens, der unselige Krieg möge bald enden.

Veit, der durch seine Verwundung und Erfahrungen im Kriegsgeschehen schwer traumatisiert ist und sich nur mit Medikamenten durch den Tag retten kann, findet in einem brasilianischen Gärtner, der in einem Gewächshaus Orchideen und Gemüse anbaut und nachts nicht schlafen kann, weil er das Gewächshaus heizen muss, einen Vertrauten und jemanden, mit dem er sprechen kann.
Mondsee ist für Veit ein Ort, an dem er fernab vom Kriegsgeschehen, ein klein wenig Normalität erfahren kann und mit Margot und der kleinen Lilo sogar wieder fast so etwas wie ein Familienleben führt. Und doch ist da die Trauer über die Kriegsjahre als verlorene Zeit und die Tatsache, dass man nie mehr der selbe Mensch sein wird als zuvor. Veit muss sich erst wieder einen neuen Platz im Leben suchen. Und immer noch ist da die Angst, wieder an die Front zurück geschickt zu werden.

In Briefen der Angehörigen kommt auch das Schrecken und das Leid an anderen Orten – Wien, Darmstadt, Ungarn – zum Ausdruck und so entsteht ein Bild dieser Zeit, das eindrücklich und berührend die Not und den Schmerz der Menschen schildert.

Zentral und besonders eindrücklich waren für mich die lähmende Angst und das Warten – die Schockstarre – der Menschen: Warten auf das Kriegsende, Warten auf Nachricht von den Angehörigen, Warten auf die Rückkehr des Ehemanns, Warten auf ein besseres Leben… dieses Gefühl des hilflosen Ausgeliefertseins und der verlorenen Zeit war für mich die große Klammer des Romans.

Was machen sechs endlos lange Jahre des Krieges mit den Menschen? Welche Überlebensstrategien entwickeln sie? Welche Traumata tragen sie davon? Und wie kann es gelingen, nach vorne zu schauen und dem Leben wieder ein wenig Glück abzutrotzen? Auf diese Fragen sucht Geiger mit seinen Figuren in „Unter der Drachenwand“ eine Antwort.

„Wenn man sich selbst kein Glück bereitet, ist man verloren.“

(S.300)

Und so wünschen sich diese jungen Menschen nicht mehr als Frieden und ein kleines Glück, um zur Ruhe zu kommen und unbehelligt von Schrecken und Krieg einfach nur leben zu können. Diese Sehnsucht nach den einfachen Dingen und einem glückenden Leben – in Geigers Worten und seiner Art zu Erzählen – hat mich sehr bewegt.

„Ruhig wird man erst, wenn man geworden ist, wer man sein soll.“

(S.473)

Ein berührendes Buch, das anhand persönlicher Schicksale im Kleinen, ein großes Stimmungsbild der Kriegsmüdigkeit im Jahre 1944 zeichnet – großartige Literatur, die aufwühlt und zum Nachdenken anregt.

Buchinformation:
Arno Geiger, Unter der Drachenwand
dtv Literatur
ISBN: 978-3-423-14701-9

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Wozu inspirierte mich „Unter der Drachenwand“:

Für den Gaumen:
Eine frische Tomate vom eigenen Strauch gepflückt, am besten noch warm von der Sonne – oft sind die einfachen Dinge die besten.

Für die Ohren:
In die Zeit und die Stimmung des Romans passt für mich die Musik der Comedian Harmonists und vor allem das Stück „Irgendwo auf der Welt gibt’s ein kleines bisschen Glück“ – als Ausdruck der Hoffnung darauf, dass man nach dem Krieg wieder seinen Platz im Leben findet.

Zum Weiterlesen:
Ein weiterer eindrücklicher Roman aus der Endphase des zweiten Weltkriegs, der sich literarisch einem anderen, grausamen Kapitel des Krieges widmet, ist Roman Rauschs Roman „Bombennacht“, der die Stunden vor und nach der Bombardierung Würzburgs am 16. März 1945 beschreibt.

Roman Rausch, Bombennacht
Echter Verlag
ISBN: 978-3-429-03885-4