Göttin der Gerechtigkeit

Wer die Münchner Innenstadt zwischen Hauptbahnhof und Stachus kennt, der kennt auch das eindrucksvolle Gebäude des Justizpalasts, das Ende des 19. Jahrhunderts von Friedrich von Thiersch errichtet wurde. Für Petra Morsbachs Roman „Justizpalast“ aus dem Jahr 2017 diente das imposante Bauwerk als Kulisse und sie erzählt darin die Geschichte der Richterin Thirza Zorniger, die sich nicht nur ihren Karrierepfad im deutschen Justizsystem, sondern auch ihren Weg durch das Leben – mit allen Höhen und Tiefen – suchen muss.

„Gustav Radbruch war ein deutscher Jurist des Jahrgangs 1878, ein Rechtsgelehrter und Philosoph. Er war aber auch zweimal – ganz kurz, während der Weimarer Republik – Justizminister und tat als solcher etwas Unglaubliches: Er ließ Frauen zum Richteramt zu.“

(S.66)

In der Götterwelt ist Justitia eine Frau, doch bis Frauen auch in irdischen Kreisen etwas in der Gerichtswelt zu sagen hatten, dauerte es lange. Die Hauptfigur im Roman ist die Tochter eines Schauspielerehepaars, das eine turbulente und letztlich gescheiterte Ehe führte, so dass Thirza schließlich vom Großvater – einem Juristen – und zwei älteren Tanten aufgezogen wird. Dass sie mit Jurastudium, als Amtsrichterin, Staatsanwältin und später als Richterin im Justizpalast in die Fußstapfen ihres Opas tritt, ist eine Lebensentscheidung, die sie immer wieder hinterfragen wird.

„Als Richterin hast du immer nur mit dem zu tun, was vorgestern schiefgelaufen ist. Glückliche Menschen ziehen nicht vor Gericht. Die, die zu uns kommen, sind unglücklich, unzufrieden oder rücksichtslos, oder sie werden von unglücklichen, unzufriedenen Menschen vor Gericht gezerrt und werden dadurch ebenso unglücklich.“

(S.35)

Sie hadert mit sich selbst, ihrer Aufgabe, ihrem Berufsstand, den Menschen, mit denen sie es zu tun hat. Der Beruf nimmt sehr großen Raum in ihrem Leben ein, Zeit für Beziehungen, Kinder, Familie bleibt wenig. Erst spät begegnet sie ihrer großen Liebe, doch selbst dieses Glück ist ihr nicht lange vergönnt.

„Normale Menschen verzichten um des lieben Friedens willen auch mal auf ihr gutes Recht, und wenn das nicht so wäre, bräche übrigens der Rechtsstaat zusammen. Aber mit friedfertigen Menschen haben gerade wir selten zu tun.“

(S.125)

Gleichsam nebenbei erzählt die Autorin aber auch die Geschichte der Frauen im deutschen Justizsystem, über Kämpfe um Chancengleichheit, Karriere und Anerkennung und über die damit verbundenen Schwierigkeiten und Ungerechtigkeiten. Anhand zahlreicher Fallbeispiele und Prozessbeschreibungen entsteht aber auch ein Bild über die enorme Flut an Akten und Vorgängen im deutschen Rechtssystem und somit auch ein Blick in den Berufsalltag von Richtern – fundierte Einblicke, für welche die Autorin mit vielen Juristen gesprochen und lange recherchiert hat.

Petra Morsbach hat eine große Gabe, mit wenigen Sätzen ungemein lebendige und plastische Charakterporträts ihrer Figuren zu zeichnen, die einem sofort vor Augen stehen. So trifft man auf Karrieristen, Betrüger, Alphamännchen, besorgte Tanten und Lebenskünstler – und stets hat man sofort ein inneres Bild und weiß genau, wovon sie schreibt. Dieses feine Auge und die treffende Art zu beschreiben und zu formulieren haben mich bei der Lektüre von „Justizpalast“ wieder aufs Neue beeindruckt. Bereits ihren „Opernroman“ habe ich vor vielen Jahren mit großem Genuss gelesen und kann mich erinnern, dass ich schon damals wirklich begeistert war.

Morsbach nimmt sich Zeit, die Geschichte Thirza Zornigers auf nicht ganz 500 Seiten von der Kindheit bis weit hinein in die Wechsel- und in ihrem Fall Witwenjahre zu beschreiben. Sie lässt tief in die Gedankenwelt und das Seelenleben ihrer Hauptfigur blicken und entwirft so ein interessantes Frauenporträt. Man begleitet die Richterin in ihrer Entwicklung mit allen Sorgen, Nöten und Selbstzweifeln.

„Thirza gab sich einer Art Wachstumsschmerz der Seele hin, der aus einem reißenden Wechsel von waghalsiger Neugier und wilden Selbstzweifeln bestand.“

(S.73)

Besonders gefielen mir die innigen Szenen der Liebesbeziehung, in welchen Max zum Beispiel seiner geliebten Thirza vorliest – ein intimer, liebevoller Vorgang mit viel Gefühl, viel Herzblut. Überhaupt spielt Literatur für beide im Leben eine große Rolle – schon alleine das macht sie für mich zu Sympathieträgern.

„Wenn für jemanden, wie offenbar für Max, die Welt ein einziges Kabarett zu sein scheint, wozu braucht er dann gute Literatur?
‚Sie lehrt, das Leben als Kabarett zu sehen.‘
‚Und wenn es ernst wird?‘
‚Dann hat sie mehr Energie, weil sie den Ernst verarbeitet, statt ihn zu verleugnen.‘ “

(S.383)

„Justizpalast“ ist jedoch – trotz aller juristischen Details und Fallbeschreibungen – vor allem auch ein Roman darüber, was ein gelungenes Leben auszeichnet. Was ist wichtig im Leben und wann kann man ein Leben als gelungen oder gelebt betrachten?

„Ist ein ungelebtes Leben ohne Fehler besser als ein fehlerhaft gelebtes?“

(S.162)

Petra Morsbach hat ein intelligentes, kluges Buch über Recht und Gerechtigkeit, das Justizsystem und die Rolle der Frau in der Justiz geschrieben, das hochinteressante Denkanstöße gibt und zum weiteren Nachdenken anregt. Jedoch hat sie zugleich auch ein sehr gefühlvolles und menschliches Buch über eine Frau geschrieben, die sich und ihr Leben reflektiert und hinterfragt und stets auf der Suche nach Liebe sowie nach dem richtigen und wahrhaften Leben zu sein scheint.
Und so versteckt sich hinter vielen juristischen Ausführungen auch ein tiefgründiger und vielschichtiger Roman über die großen Fragen des Lebens, über Liebe und Verlust.

Eine weitere Besprechung gibt es bei Birgit Böllinger.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 22) auf der Liste: Ich möchte ein Buch, das schon seit mehr als zwei Jahren bei mir im Regal steht lesen. Petra Morsbachs Roman ist im Dezember 2018 bei mir eingezogen und daher war es höchste Zeit, diesen Regalschlummerer endlich aus dem Dornröschenschlaf zu erlösen.

Buchinformation:
Petra Morsbach, Justizpalast
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-10379-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Petra Morsbachs „Justizpalast“:

Für den Gaumen (I):
Kulinarisch ist einiges geboten in Petra Morsbachs Roman: vom „Minigyros beim Stehgriechen“ (S.236) bis zu den Muffinvariationen des Lebensgefährten:

„Er entdeckte Muffins, und viele Wochen ernährte sich das Paar davon: Emmentaler-Muffins, Muffins mit Speck, Muffins mit Spinat, Schafkäse oder Broccoli, Spargel-Muffins; oder auch süße Muffins mit Kinderschokolade, Karamell, Himbeeren, Zimt, mit Sahne, ohne Sahne, mit Ei, ohne Ei.“

(S.379)

Für den Gaumen (II):
Interessant fand ich auch die Anklänge an die ostpreußische Küche:

„(…) während sie (…) ein altes ostpreußisches Rezept ausgrub, Apfelklöße mit brauner Butter.“

(S.419)

Hierzu findet man zum Beispiel bei Margots Blog Das Leben ist bunt ein Rezept.

Zum Weiterlesen (I):
Die ostpreußischen, kulinarischen Anregungen erinnerten mich daran, dass ich eigentlich schon seit langem die Kindheitserinnerungen der ehemaligen ZEIT-Herausgeberin Marion Gräfin Dönhoff lesen wollte. Jetzt ist das Werk auf meiner „Das möchte ich lesen-Liste“ wieder nach oben gerutscht:

Marion Gräfin Dönhoff, Kindheit in Ostpreußen
btb
ISBN: 978-3-442-72265-5

Zum Weiterlesen (II):
Auf die Autorin Petra Morsbach wurde ich vor vielen, vielen Jahren während einer Ausgabe des literarischen Quartetts (damals noch mit Marcel Reich-Ranicki) aufmerksam und der „Opernroman“ begeisterte mich damals sehr – das wäre eigentlich mal eine gute Gelegenheit, auch dieses Buch nochmal zu lesen:

Petra Morsbach, Opernroman
Penguin Verlag
ISBN: 978-3-328-10394-3

9 Kommentare zu „Göttin der Gerechtigkeit

    1. Danke, Alexander. Das mit dem lebensbejahend finde ich interessant, denn bemerkenswerterweise ist es im Roman auch der muffinbackende Max, der positive Energie in Thirzas Leben bringt. Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende (vielleicht mit einem Muffin – obwohl jetzt ja eigentlich bald die Lebkuchen- und Plätzchenzeit beginnt)!

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    1. Das stimmt und bei mir schlummert da auch wirklich noch so einiges… Herzliche Wochenendgrüße aus dem neblig-trüb-kalten Niederbayern! Das richtige Wetter für Couch, Decke, ein warmes Getränk und natürlich ein gutes Buch!

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  1. Danke für die schöne Besprechung und den Hinweis auf meine … das weckt Erinnerungen: Ich hab das Buch damals als Bloggerin für den Bayerischen Buchpreis 2017 gelesen und es war mein Favorit. Gewonnen hat Franzobel mit dem Floß der Medusa, auch ein sehr starker Roman. Petra Morsbach habe ich beim anschließenden Empfang kennengelernt, auch eine sehr sympathische, freundliche Autorin.

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    1. Sehr gerne geschehen. Den Franzobel habe ich bisher nicht gelesen. Aber ich habe nach dieser Morsbach-Lektüre definitiv auch Lust bekommen, den Opernroman von ihr nochmal zur Hand zu nehmen. Mal sehen, ob er mir nach 24 Jahren immer noch so gut gefällt. Herzliche Grüße!

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