Spanische Geständnisse

Es ist wieder einmal soweit: die Europabowle oder Literarische Europareise geht weiter und führt mich dieses Mal nach Spanien – genau genommen nach Barcelona und Umgebung. Jaume Cabré hat mit „Eine bessere Zeit“ einen Familienroman verfasst, der über mehrere Generationen hinweg die Geschichte einer Fabrikantenfamilie erzählt.

„Statt mir ein Flugticket zu kaufen und mir in Indien irgendein ausgefallenes Fieber zu holen oder mich wie ein Wilder zwischen die Schenkel williger Bekanntschaften zu stürzen, beschränkte ich mich darauf, ein Konzertabonnement für den Palau de la Música zu erstehen und das pralle Leben anderen zu überlassen, mal sehen, ob sie sich weniger dumm anstellten.“

(S.33)

Júlia bittet Miquel, den Spross einer ehemals betuchten Textilfabrikantenfamilie zu einem gemeinsamen Abendessen. Es knistert zwischen den beiden, aber in erster Linie möchte sie mehr über den Tod eines gemeinsamen Freundes erfahren.

Miquel beginnt sich zu erinnern und eine lange, traurige Geschichte zu erzählen – die Geschichte einer Freundschaft, die zu Schulzeiten begann, die Jahre überdauerte und beide bis in den Untergrund und in eine terroristische Gruppierung führte. Eine Geschichte über Schuld und Schuldgefühle und zugleich die Geschichte seiner Familie und seiner Vorfahren – Aufstieg und Niedergang einer Dynastie.

„Unsere Familie ist eine prächtige Fassade mit damastgeschmückten großen Balkonen, die bei den Leuten Bewunderung weckt. Viele Generationen lang haben sämtliche Gensanas vor allem eines versucht: einen Skandal zu vermeiden. In den letzten zweihundert Jahren haben wir viel Wäsche beschmutzt, aber wir haben sie immer in unserem Waschraum gewaschen.“

(S.233)

Im Roman kommen vor allem die männlichen Familienmitglieder der Gensanas zu Wort und alle scheinen sich Vieles von der Seele zu reden. So erzählt der Onkel dem Neffen sein Schicksal und seine Version der Familiengeschichte und Miquel beichtet beim Abendessen Júlia über sich und sein Leben.

„Und nun denke ich, dass du für dich allein genommen eine ganze Universität warst und ich ihr einziger Student, der dein Wissen nicht zu nutzen wusste, weil ich in meinen Krieg gezogen bin und Torheit und Vernunft nicht in Einklang zu bringen vermochte.“

(S.373)

Der Roman ist aufgebaut wie ein Musikstück in vier Sätzen: Andante, Allegretto, Allegro, Adagio. Die Musik ist für Miquel Zufluchtsort und Medizin. Durch sie trifft er die große Liebe – sie zieht sich wie ein roter Faden durch sein Leben und den Roman. Miquel liebt die Kunst und sträubt sich dagegen, er flieht davor, Verantwortung im Familienunternehmen zu übernehmen und entzieht sich dem Erbe. Er bricht mit der Tradition. So geht letztlich auch das Elternhaus verloren, in das schließlich ein Restaurant einzieht – genau jenes Restaurant, das Júlia mit ihm besuchen möchte und so sitzt er letztlich in seinem ehemaligen Wohnzimmer und erzählt.

„Ich bin ein Sonderfall, mein Sohn, weil ich als zweite Generation den zweiten Teil des Axioms hätte befolgen müssen, das besagt, dass die erste Generation das Vermögen erschafft, die zweite es vermehrt und die dritte es in Whisky vertrinkt.“

(S.397)

Der Roman hat mich durchaus gefordert – man braucht eine gewisse Ausdauer, Beharrlichkeit und einen langen Atem. An einigen Stellen hatte ich Schwierigkeiten mit der für mich oft allzu männlichen Perspektive – die weibliche Seite kam für meinen Geschmack in diesem Roman etwas zu kurz.

Und doch gibt es auch poetische, schwelgerische und kluge Passagen, die sehr schön sind und die Lektüre lohnenswert machen, wunderschöne Textstellen, die man sich notieren und merken möchte. Mir persönlich hatten es vor allem die Anklänge an Kunst, Literatur und die Musik angetan, die mich in Summe wieder versöhnlich stimmten. Sprachlich kann Cabré überzeugen, auch wenn nicht alle Figuren Sympathieträger sind. „Die Stimmen des Flusses“, der bekanntere Roman des Autors, den ich vor vielen Jahren gelesen habe, hat mir persönlich etwas besser gefallen.

Und doch ist auch „Eine bessere Zeit“ ein mächtiger, praller Roman mit weit über 500 Seiten, der große Fragen thematisiert: ist man verpflichtet, ein Familienerbe weiterzuführen? Wie kann man mit einer großen Schuld, die man auf sich geladen hat, weiterleben? Was ist ein gelungenes Leben und was bedeutet Glück für den Einzelnen?

Weitere Besprechungen gibt es beim Leseschatz und Literaturreich.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark, Rumänien, Griechenland und die Schweiz geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Jaume Cabré, Eine bessere Zeit
Aus dem Katalanischen von Kirsten Brandt und Petra Zickmann
Insel Taschenbuch 4716
ISBN: 978-3-458-36416-0

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jaume Cabré’s „Eine bessere Zeit“:

Für den Gaumen:
Obwohl das Abendessen zwischen Miquel und Júlia den Rahmen für diesen Roman abgibt, spielt das Essen selbst eine wirklich untergeordnete Rolle. Zu Beginn schwankt sie zwischen „dem Filet und dem Entrecôte“ (S.13) – das lässt bei mir noch kein großes kulinarisches Kopfkino entstehen… aber ein gutes Gläschen spanischer vino tinto passt durchaus zur Lektüre.

Zum Weiterhören:
Kunst – vor allem die Musik und der Palau de la Música Catalana sind im Roman immer wieder präsent. So werden teils mit Notenbeispielen versehen, ganze Konzerte ausführlich beschrieben: Das Rimsky-Trio (Geige, Cello und Klavier) spielt Schubert, Schostakowitsch und Brahms – ein Schlüsselerlebnis für Miquel.

Zum Weiterlesen:
Wie ist es um die spanischen Literaturnobelpreisträger bestellt? Es sind bisher fünf an der Zahl: José Echegaray, Jacinto Benavente, Juan Ramón Jiménez, Vicente Alexander und Camilo José Cela – ich muss gestehen, dass ich da bisher lektüretechnisch nichts vorzuweisen habe.
In meinem Regal stehen von spanischen Autoren jedoch zum Beispiel „Einsteins Versprechen“ von Àlex Rovira und Francesc Miralles und natürlich „Der Schatten des Windes“ von Carlos Ruiz Zafón.

Carlos Ruiz Zafón, Der Schatten des Windes
Übersetzt von: Peter Schwaar
Fischer Taschenbuch
ISBN: 978-3-596-19615-9

Der Matador im Klostergarten

Linus Reichlin hat mit seinem neuesten Roman Señor Herreras blühende Intuition“ ein komisches und mit schrägem Humor ausgestattetes Buch verfasst, das für stressgeplagte Leser die Möglichkeit bietet, sich literarisch einfach mal ein paar Stunden auszuklinken und auf amüsante Art und Weise unterhalten zu lassen.

Stressgeplagt ist auch der Ich-Erzähler des Romans, der sich als von Bluthochdruck und zu hohem Puls geplagter Schriftsteller eine regenerative Auszeit in einem andalusischen Kloster gönnen möchte. Yoga zur Entspannung, angenehmes Klima, gutes Essen, die Ruhe in einem zum Retreat erweiterten Kloster und zugleich die Möglichkeit, für sein neuestes Romanprojekt zu recherchieren: so perfekt, idyllisch und harmonisch hatte er sich dies vorgestellt.

Doch schon bald wird klar, dass dieser Urlaub im Kloster so einige Haken und Ösen zu bieten hat: das Kloster verströmt eher morbiden Charme, die Recherchen gestalten sich schwierig, zumal es sich um ein Nonnenkloster des strengen Schweigeordens der Trappistinnen (oder genauer Zisterzienserinnen strengerer Observanz) handelt und auch das Hotel-Personal entpuppt sich als reichlich eigenwillig. So offenbart sich der Gästebetreuer, Faktotum und Chefkoch des Klosters Señor Herrera als pensionierter Stierkämpfer und Matador, der trotz großer Leidenschaft fürs Kochen schnell für kulinarische Verzweiflung bei seinem Gast sorgt. Denn seine Gerichte sind überwiegend ungenießbar und landen stets in einem unbeobachteten Moment im tiefen Ziehbrunnen des Klostergartens.

„Eine gute Nachricht. Die schlechte war die Salmorejo, die kurz vor Sonnenuntergang auf dem Marmortischchen im Zitronengarten stand. Die dicke, kalte Suppe glich von den Zutaten her der Gazpacho, aber Herrera besaß ein Talent für die Dearomatisierung traditioneller Gerichte, die Generationen von Menschen bis zu Herreras Erscheinen am Kochhimmel geschmeckt hatten.“

(S.105/106)

Und auch bei den Recherchen für das Romanprojekt sorgt Herrera schon bald für mehr Verwirrung als dem Autoren lieb ist – zumal seine Geschichte über die junge Frau, die im Kloster vor Auftragsmördern im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms versteckt werden soll, schon bald die lebhafte Fantasie des Gästebetreuer-Matadors beflügelt und es diesem zunehmend schwer fällt, Fiktion und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Und als dann auch noch ein weiterer weiblicher Gast im Kloster auftaucht, scheint das Chaos komplett.

„Für Yogaübungen fehlte mir nun die innere Ruhe, immerhin hatte mich gerade ein kräftiger Koch, der bestimmt über eine Menge lange Messer verfügte, verdächtigt, ein Auftragskiller zu sein.“

(S.67)

So entwickelt sich ein turbulenter und unterhaltsamer Plot, der in seiner teils schrägen Komik an die Filme von Pedro Almodóvar erinnert – ein sehr treffender Vergleich – wie ich finde – der auch im Klappentext durch den Verlag bereits gezogen wird. Man darf die Handlung natürlich nicht allzu ernst nehmen, aber das Buch macht Sommerlaune und lenkt für einige Zeit vom Alltag ab. Selbstverständlich werden Klischees bedient und Charaktere überzeichnet, aber all das geschieht auf sehr lustige, witzige Art und Weise.

Der Autor nimmt sich selbst und seine Figuren ironisch aufs Korn (wieviel Linus Reichlin mag wohl in der Hauptfigur des Leo Renz stecken?) und hatte beim Schreiben bestimmt großen Spaß, denn Reichlin verbreitet unbeschwerte Urlaubsstimmung und versprüht mediterranes Flair: Man sieht die Zitronenbäume und die Klostermauern vor sich, riecht den Rosmarin, schmeckt den Rotwein und macht in Gedanken die Yogaübungen mit.

Eine satirische, quirlige und freche Sommerkomödie unter spanischer Sonne mit zirpenden Zikaden, welche mir als leichtfüßige Lektüre für zwischendurch einige gut gelaunte und entspannte Lesestunden beschert hat.
Ein leichtes, helles, fröhliches und liebenswert schräges Buch, das sich selbst nicht allzu ernst nimmt, sich in keine Genre-Schublade stecken lässt und mit einem Augenzwinkern gelesen und verstanden werden sollte.

„In Romanen, dachte ich, muss die Wahrheit stets wahrscheinlich sein, um von den Lesern geglaubt zu werden. Aber es gibt eben auch Wahrheiten, die unwahrscheinlich sind – wohin mit denen?“

(S.211)

Buchinformation:
Linus Reichlin, Señor Herreras blühende Intuition
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-227-7

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Señor Herreras blühende Intuition“:

Für den Gaumen:
Nachdem die ungenügenden gastronomischen Fähigkeiten des zum Koch ungeschulten Matadors Señor Herrera einen nicht unwesentlichen thematischen Raum im Roman einnehmen, halten sich die kulinarischen Verlockungen in Grenzen. Denn das meiste davon ist ungenießbar und wird im Ziehbrunnen des Klosters entsorgt. Aber zu einem Gläschen vino tinto im klösterlichen Zitronengarten würde man wohl nicht nein sagen.

Zum Weiterschauen (und Weiterhören):
Die mögliche Handlung des Romankonzeptes, für welche der Autor im Kloster recherchieren möchte, erinnert unweigerlich an den großen Kinoerfolg aus dem Jahre 1992 „Sister Act – Eine himmlische Karriere“, denn auch hier soll im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms eine Frau hinter Klostermauern geschützt werden. Lange ist es her, dass ich diesen Film gesehen habe, aber der Soundtrack des Films mit tollen Gospel-Nummern hat sich für immer eingebrannt (u.a. „Hail holy queen“, „I will follow him“).

Zum Weiterhören:
Im Kloster ertönt unerwarteterweise auf einmal der ABBA-Song „Fernando“ – ein Schlüsselmoment – mehr sei nicht verraten. Zumindest bei mir ging beim Lesen dann sofort die innere ABBA-Dauerschleife im Kopf los… der Ohrwurm war vorprogrammiert: „There was something in the air that night, the stars were bright, Fernando…“