Der Matador im Klostergarten

Linus Reichlin hat mit seinem neuesten Roman Señor Herreras blühende Intuition“ ein komisches und mit schrägem Humor ausgestattetes Buch verfasst, das für stressgeplagte Leser die Möglichkeit bietet, sich literarisch einfach mal ein paar Stunden auszuklinken und auf amüsante Art und Weise unterhalten zu lassen.

Stressgeplagt ist auch der Ich-Erzähler des Romans, der sich als von Bluthochdruck und zu hohem Puls geplagter Schriftsteller eine regenerative Auszeit in einem andalusischen Kloster gönnen möchte. Yoga zur Entspannung, angenehmes Klima, gutes Essen, die Ruhe in einem zum Retreat erweiterten Kloster und zugleich die Möglichkeit, für sein neuestes Romanprojekt zu recherchieren: so perfekt, idyllisch und harmonisch hatte er sich dies vorgestellt.

Doch schon bald wird klar, dass dieser Urlaub im Kloster so einige Haken und Ösen zu bieten hat: das Kloster verströmt eher morbiden Charme, die Recherchen gestalten sich schwierig, zumal es sich um ein Nonnenkloster des strengen Schweigeordens der Trappistinnen (oder genauer Zisterzienserinnen strengerer Observanz) handelt und auch das Hotel-Personal entpuppt sich als reichlich eigenwillig. So offenbart sich der Gästebetreuer, Faktotum und Chefkoch des Klosters Señor Herrera als pensionierter Stierkämpfer und Matador, der trotz großer Leidenschaft fürs Kochen schnell für kulinarische Verzweiflung bei seinem Gast sorgt. Denn seine Gerichte sind überwiegend ungenießbar und landen stets in einem unbeobachteten Moment im tiefen Ziehbrunnen des Klostergartens.

„Eine gute Nachricht. Die schlechte war die Salmorejo, die kurz vor Sonnenuntergang auf dem Marmortischchen im Zitronengarten stand. Die dicke, kalte Suppe glich von den Zutaten her der Gazpacho, aber Herrera besaß ein Talent für die Dearomatisierung traditioneller Gerichte, die Generationen von Menschen bis zu Herreras Erscheinen am Kochhimmel geschmeckt hatten.“

(S.105/106)

Und auch bei den Recherchen für das Romanprojekt sorgt Herrera schon bald für mehr Verwirrung als dem Autoren lieb ist – zumal seine Geschichte über die junge Frau, die im Kloster vor Auftragsmördern im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms versteckt werden soll, schon bald die lebhafte Fantasie des Gästebetreuer-Matadors beflügelt und es diesem zunehmend schwer fällt, Fiktion und Wirklichkeit auseinanderzuhalten. Und als dann auch noch ein weiterer weiblicher Gast im Kloster auftaucht, scheint das Chaos komplett.

„Für Yogaübungen fehlte mir nun die innere Ruhe, immerhin hatte mich gerade ein kräftiger Koch, der bestimmt über eine Menge lange Messer verfügte, verdächtigt, ein Auftragskiller zu sein.“

(S.67)

So entwickelt sich ein turbulenter und unterhaltsamer Plot, der in seiner teils schrägen Komik an die Filme von Pedro Almodóvar erinnert – ein sehr treffender Vergleich – wie ich finde – der auch im Klappentext durch den Verlag bereits gezogen wird. Man darf die Handlung natürlich nicht allzu ernst nehmen, aber das Buch macht Sommerlaune und lenkt für einige Zeit vom Alltag ab. Selbstverständlich werden Klischees bedient und Charaktere überzeichnet, aber all das geschieht auf sehr lustige, witzige Art und Weise.

Der Autor nimmt sich selbst und seine Figuren ironisch aufs Korn (wieviel Linus Reichlin mag wohl in der Hauptfigur des Leo Renz stecken?) und hatte beim Schreiben bestimmt großen Spaß, denn Reichlin verbreitet unbeschwerte Urlaubsstimmung und versprüht mediterranes Flair: Man sieht die Zitronenbäume und die Klostermauern vor sich, riecht den Rosmarin, schmeckt den Rotwein und macht in Gedanken die Yogaübungen mit.

Eine satirische, quirlige und freche Sommerkomödie unter spanischer Sonne mit zirpenden Zikaden, welche mir als leichtfüßige Lektüre für zwischendurch einige gut gelaunte und entspannte Lesestunden beschert hat.
Ein leichtes, helles, fröhliches und liebenswert schräges Buch, das sich selbst nicht allzu ernst nimmt, sich in keine Genre-Schublade stecken lässt und mit einem Augenzwinkern gelesen und verstanden werden sollte.

„In Romanen, dachte ich, muss die Wahrheit stets wahrscheinlich sein, um von den Lesern geglaubt zu werden. Aber es gibt eben auch Wahrheiten, die unwahrscheinlich sind – wohin mit denen?“

(S.211)

Buchinformation:
Linus Reichlin, Señor Herreras blühende Intuition
Galiani Berlin
ISBN: 978-3-86971-227-7

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Señor Herreras blühende Intuition“:

Für den Gaumen:
Nachdem die ungenügenden gastronomischen Fähigkeiten des zum Koch ungeschulten Matadors Señor Herrera einen nicht unwesentlichen thematischen Raum im Roman einnehmen, halten sich die kulinarischen Verlockungen in Grenzen. Denn das meiste davon ist ungenießbar und wird im Ziehbrunnen des Klosters entsorgt. Aber zu einem Gläschen vino tinto im klösterlichen Zitronengarten würde man wohl nicht nein sagen.

Zum Weiterschauen (und Weiterhören):
Die mögliche Handlung des Romankonzeptes, für welche der Autor im Kloster recherchieren möchte, erinnert unweigerlich an den großen Kinoerfolg aus dem Jahre 1992 „Sister Act – Eine himmlische Karriere“, denn auch hier soll im Rahmen eines Zeugenschutzprogramms eine Frau hinter Klostermauern geschützt werden. Lange ist es her, dass ich diesen Film gesehen habe, aber der Soundtrack des Films mit tollen Gospel-Nummern hat sich für immer eingebrannt (u.a. „Hail holy queen“, „I will follow him“).

Zum Weiterhören:
Im Kloster ertönt unerwarteterweise auf einmal der ABBA-Song „Fernando“ – ein Schlüsselmoment – mehr sei nicht verraten. Zumindest bei mir ging beim Lesen dann sofort die innere ABBA-Dauerschleife im Kopf los… der Ohrwurm war vorprogrammiert: „There was something in the air that night, the stars were bright, Fernando…“

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