Februarbowle 2021 – Kälteklirren und Frühlingsgezwitscher

28 Tage, 4 Wochen, ein Monat – der Februar 2021 ist zu Ende gegangen. Eine Zeit, die von tiefstem, klirrend kaltem Winter mit Schnee und eisigen Minusgraden bis zu zweistelligen Temperaturen und Frühfrühlingstagen mit viel Sonnenschein, hervorspitzenden Schneeglöckchen und Vogelgezwitscher alles zu bieten hatte.

Kulturell blieben erneut leider nur die digitalen Alternativen, aber mit einer kurzweiligen „La Cenerentola“ aus dem Münchner Gärtnerplatz, einer für mich äußerst gelungenen Neuinszenierung des „Freischütz“ in der Bayerischen Staatsoper und Massenet’s „Manon“ aus der Hamburger Staatsoper (mit einer herausragenden Elsa Dreisig in der Titelrolle) konnte ich mir an einigen Abenden sehr schöne Opernerlebnisse nach Hause auf meine Couch holen.

Literarisch begann der Februar für mich mit einem Roman, den ich mir ausschließlich wegen des Titels gekauft hatte: „Bücher schmücken ein Zimmer“ von Anthony Powell. Eine Aussage, die ich aus tiefstem Herzen unterschreibe, allerdings konnte mich die Lektüre selbst leider nicht hundertprozentig überzeugen. Dies war jedoch vielleicht auch der Tatsache geschuldet, dass es sich bei diesem Werk um den zehnten Band des 12-bändigen Zyklus „Ein Tanz zur Musik der Zeit“ handelt und ich bisher noch keinen anderen Teil davon gelesen hatte. Powell beschreibt darin, wie sich im England des Winters 1945/1946 das literarische Leben nach dem zweiten Weltkrieg wieder zu regen beginnt. Very British und mit einer gewissen Ironie porträtiert Powell die britische Upper Class.

Danach setzte ich meine literarische Europareise oder auch Europabowle fort und reiste nach Österreich mit Martin Horváth’s Roman „Mein Name ist Judith“ – ein melancholisch-verträumter Roman, der auf ungewöhnliche Art und Weise die Geschichte einer jüdischen Buchhändlerfamilie in Wien erzählt, die während des Dritten Reichs aus ihrem Haus und der Heimat Wien vertrieben wurde. Denn im Hier und Jetzt taucht plötzlich ein junges Mädchen in der Küche des heutigen Hausbewohners auf und behauptet die Tochter des Buchhändlers zu sein. Vergangenheit und Gegenwart, Traum und Realität verschwimmen auf eindrucksvolle Art und Weise.

Eintauchen in die Vergangenheit und in 100 Jahre deutsche Geschichte ließ mich dann auch Thomas Harding’s „Sommerhaus am See“, das die Geschichte eines kleines Holzhäuschens am Glienicker See nahe Potsdams und seiner Bewohner erzählt. Eine pralles, opulentes und dichtes Sachbuch, das einen großen Bogen spannt vom adligen Rittergut Ende des 19. Jahrhunderts während der Kaiserzeit über die Errichtung eines Wochenendhäuschens der jüdischen Familie Alexander (der Autor Thomas Harding ist der Urenkel des Erbauers), welche dann vor dann Nationalsozialisten fliehen und das Haus und ihren Besitz zurücklassen musste, über die Arisierung des Häuschens, die Zeit der russischen Besatzung, der DDR und des Mauerbaus, der direkt im Garten entlang des Seeufers erfolgte. Eine faszinierende und bewegte Geschichte. Schön zu lesen, dass mittlerweile ein Museum und ein Ort für Bildung und Versöhnung in dem jetzt denkmalgeschützten Haus (Alexanderhaus) eingerichtet werden konnte.

Von Potsdam ging es literarisch dann gleich noch weiter ins benachbarte Berlin und mit Mariam Kühsel-Hussaini’s „Tschudi“ konnte ich für mich ein literarisches Glanzlicht und Kunstwerk entdecken, das mich absolut begeistert hat. Der Roman über den Museumsdirektor Hugo von Tschudi, der um die Jahrhundertwende herum die Nationalgalerie leitete und es gegen den Widerstand Kaiser Wilhelm II. wagte, französische Impressionisten zu erwerben und auszustellen, ist sprachlich und atmosphärisch ganz große Klasse. Für mich sicherlich einer der Lesehöhepunkte des bisherigen Jahres. Ein Roman über eine herausragende und interessante Persönlichkeit und zugleich sinnlich, kunstvoll, kristallklar geschrieben und wunderschön zu lesen!

Danach ging meine literarische Europareise weiter nach Dänemark ins schöne Kopenhagen, auch wenn der zweite und vor allem der dritte Band der Kopenhagen-Trilogie von Tove Ditlevsen „Jugend“ und „Abhängigkeit“ oft nicht die schönen Seiten der Stadt beleuchten, sondern vielmehr die Entwicklung der Autorin und im letzten Band vor allem ihre Suchterkrankung in den Mittelpunkt stellt. Eine literarisch höchst interessante Trilogie, welche auch 50 Jahre nach dem Erscheinen nichts an Aktualität eingebüßt hat und eine bereichernde, intensive Lektüre darstellt.

Nach der traurigen und schwermütigen, schmerzhaften Kost des dritten Bands der Kopenhagen-Trilogie brauchte ich Aufheiterung und literarische Stimmungsaufhellung in Form eines unterhaltsamen und amüsanten Romans: Linus Reichlin’s „Señor Herreras blühende Intuition“ kam mir da gerade recht. Ein Autor, der sich in ein spanisches Kloster zurückzieht, um dort unter Klosterschwestern eines Schweigeordens für seinen nächsten Roman zu recherchieren, per Yoga seinen Ruhepuls zu senken und dort auf einen ehemaligen Matador trifft, der zum Koch und Gästebetreuer umgeschult hat und zwar passioniert, aber eher minderbegabt kocht – das verspricht turbulent und komisch zu werden. Und das war es auch.

Der kürzeste Monat des Jahres ging somit nach lohnenden, geschichtlich interessanten und literarischen anregenden Büchern witzig und gut gelaunt zu Ende und in diesem Sinne hoffe ich auf einen ebenso spannenden und vielseitigen Büchermärz.

Es bleibt abzuwarten, ob uns der März noch einmal Wintertage beschert oder ob sich doch der Frühling durchsetzen wird – Zeit zum Spaziergehen und Lesen wird bleiben und auch die Kultur wird vermutlich weiterhin nur im digitalen Raum stattfinden. Ich freue mich im März sehr auf einen Livestream einer meiner Lieblingsopern: Richard Strauss’ „Der Rosenkavalier“ in einer Neuinszenierung von Barrie Kosky an der Bayerischen Staatsoper (21.03.21 um 15.30 Uhr und ab dem 23.03.21 30 Tage als kostenloses Video-on-demand zu sehen).

Zudem habe ich mir vorgenommen, noch bis zum 7. März 21 durch das digitale Angebot der Ausstellung „Italiensehnsucht! Auf den Spuren deutschsprachiger Künstlerinnen und Künstler 1905-1933“ im Würzburger Kulturspeicher zu bummeln. Wer sehnt sich schließlich nicht gerade nach etwas Urlaubsstimmung und dem „Land, wo die Zitronen blühen“?

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

***

Gaumen-Highlight Februar:
Zu Beginn der Fastenzeit kommen auch vermeintliche „Fastenspeisen“ oder auch Mehlspeisen wieder verstärkt in den Fokus: zum Beispiel ein schöner Quarkauflauf mit Äpfeln oder Kirschen.

Musikalisches im Februar:
Für mich entdeckt habe ich im Februar eine wunderschöne Arie aus Richard Strauss’ „Ariadne auf Naxos“: „Lieben, hassen, hoffen, zagen“ – sie war Teil des Livestreams aus dem Münchner Gärtnerplatztheater „Straus & Strauss & Co.“ – und die Interpretation des Baritons Daniel Gutmann hat mir sehr gut gefallen.

„O lass Hoffnung dich beleben, und vertraue dem Geschick!“

(Friedrich Kind, aus dem Libretto von „Der Freischütz“)

4 Gedanken zu “Februarbowle 2021 – Kälteklirren und Frühlingsgezwitscher

    • Dankeschön, liebe Maren, für die wunderbare Rückmeldung! Manchmal ist man am Monatsende selbst erstaunt, was man – trotz reduzierter Möglichkeiten – alles genießen konnte und durfte. Und das Schöne an der Freude ist, dass sie mehr wird, wenn man sie teilt. Herzliche Grüße!

      Gefällt 2 Personen

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