Tantenalarm

New York in den späten Zwanziger Jahren – ein zehnjähriger Junge, der Waise wird und in die Obhut einer reichlich exaltierten Tante mit schillernder Persönlichkeit, aber auch einem sehr großen Herzen, gelangt. Die Bühne ist bereitet für die literarische Ausnahmeerscheinung Tante Mame, die ihresgleichen sucht: Patrick Dennis’ Roman „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“ aus dem Jahr 1955 ist eine humorvolle Komödie, die es sich wieder und neu zu entdecken lohnt.

„Er hatte keine Ahnung, was das Wort Persönlichkeit überhaupt bedeutet. Woher auch? Er war ja meiner Tante Mame nie begegnet.“

(S.8)

Der kleine Patrick lernt seine Tante, die nach dem Tod der Eltern seine Vormundschaft übernehmen soll, gleich in ihrer bevorzugten, natürlichen Umgebung kennen – auf einem rauschenden Fest in ihrer New Yorker Wohnung. In der nächsten Zeit hat der Zehnjährige einiges zu lernen und aufzuholen: in einem Vokabelheft notiert er sich all die sonderbaren, neuen Worte, die seine Tante verwendet und die seinen Wortschatz ab sofort erweitern sollen: Daiquiri, nymphomanisch, Ödipuskomplex, Strandhaubitze oder narzisstisch. Es gibt viel zu lernen für den Jungen, wenn er seine neue Bezugsperson besser verstehen möchte und auch die FKK-Schule, die seine Tante für seine persönliche Entwicklung am geeignetsten hält, wird zu einer einschneidenden Erfahrung.

Selbst der Börsencrash des Jahres 1929, bei dem Auntie Mame einen Großteil ihres Vermögens verliert, kann ihr nicht die Laune verderben. Dann verkauft sie eben Rollschuhe in einem Kaufhaus und angelt sich nebenbei zufällig einen reichen Verehrer. Mame versteht es, Parties zu feiern, sich mit interessanten Menschen zu umgeben, ist einem guten Drink nicht abgeneigt und sprüht vor Lebensfreude. Ihren Neffen liebt sie und hält auch während seiner Zeit im Internat, das die Treuhandgesellschaft als Verwalter seines Vermögens letztlich für ihn auswählt, und während seines Studiums mit ihm Kontakt. Wann immer möglich versucht sie, ihn in die bessere Gesellschaft einzuführen. Selbst die Brautschau für Patrick will sie natürlich nicht dem Zufall überlassen.

In zahlreichen Episoden und skurrilen, witzigen Situationen bahnt sich das Naturereignis Tante Mame unaufhaltsam ihren Weg durch die New Yorker High Society, die Künstlerszene oder das Milieu jagdfreudiger Südstaatler.

„Es war ein schrecklich lustiger Abend, und ich glaube, ich hatte zu tief ins Glas geschaut, jedenfalls habe ich Lindsay erzählt, was ich alles so gemacht habe, seitdem ich aus Buffalo weg bin, und er zeigte sich recht amüsiert, und plötzlich sagt er: ‚Warum schreiben Sie nicht ein Buch darüber, Mame?‘“

(S.143)

Das Buchprojekt endet ohne Ergebnis in einer Katastrophe, aber Tante Mame beschert es dennoch eine interessante Affäre mit einem jüngeren Mann und sie hat einige Zeit ihren Spaß. Auch das zarte Pflänzchen einer angestrebten Theaterkarriere wird im Keim erstickt, zumal sie bei ihrem ersten Bühnenauftritt mit unfreiwilliger Komik allen anderen Darstellern die Schau stiehlt und dem Stück dank unpassender Requisiten eine völlig unerwartete Wendung gibt, die nicht im Skript steht.

Doch Tante Mame wäre nicht Tante Mame würde sie sich unterkriegen lassen.
Zielstrebig stürzt sie sich in jedes Abenteuer, das sich bietet, und in nahezu alle Fettnäpfchen, die zu finden sind, scheitert krachend und mit Stil, um sich sofort wieder aufzurappeln, das Krönchen zu richten, die Nase zu pudern und … weiter geht’s! Auf zu neuen Ufern!

Mame lässt sich stets sofort für neue Ideen begeistern, ist sprunghaft und flexibel, doch so schnell sie für einen neuen Plan entbrennt, geht dieser meist auch wieder in Flammen auf.
Doch an einigen Stellen hört selbst für Tante Mame der Spaß auf, und zwar dann, wenn es um Rassismus und Antisemitismus geht. Hier beweist sie Haltung und bezieht klar Stellung – das sind starke Szenen im Roman, die man zwischen all dem Witz und Humor zunächst in der Deutlichkeit nicht erwartet hätte.

Der Neffe nimmt es mit Humor, liebt seine Tante trotz aller Eskapaden und Peinlichkeiten, bügelt den einen oder anderen Schnitzer für sie aus und erträgt all die öffentlichen Niederlagen, Szenen und unfreiwillig komischen Situationen meist mit stoischer Ruhe.

„Ich war mal wieder im Wunderland mit dir, wie üblich. Und jetzt fahre ich mit dem nächsten Schiff zurück nach New York.“

(S.388)

Ähnlich spektakulär und turbulent wie Auntie Mame’s Lebensgeschichte, liest sich auch die Vita des Autors selbst: Edward Everett Tanner III. (1921 – 1976), der unter dem Pseudonym Patrick Dennis bekannt wurde, gehörte in den 50er und 60er Jahren zu den meist gelesenen Autoren Amerikas, geriet dann jedoch in Vergessenheit und arbeitete gegen Ende seines Lebens als Butler (u.a. für den McDonald’s-CEO Ray Croc) – ohne dass seine Arbeitgeber wussten, wen sie da eigentlich beschäftigten.

Wer kennt Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910)? Er war Journalist, Redakteur, Schriftsteller und Librettist und verfasste auch Reiseliteratur, doch jeder kennt wohl sein berühmtestes Zitat: „Humor ist, wenn man trotzdem lacht“. Gerade in diesen düsteren Zeiten können wir vermutlich alle etwas Humor, gute Laune und etwas zu Lachen gebrauchen. Daher kommt die Wiederentdeckung von Patrick Dennis’ „Darling!“, die im amerikanischen Original „Auntie Mame. An Irreverant Escapade“ heißt, vielleicht gerade zur rechten Zeit. Eine witzige literarische „Eskapade“ mit Esprit, die mich auf jeden Fall zum Lächeln, Grinsen, Schmunzeln und Lachen gebracht hat.

Dass der Autor reichlich dick aufträgt und für heutige Verhältnisse vielleicht nicht alles vollkommen politisch korrekt ist, sollte man im Hinblick auf das Erscheinungsjahr 1955 mit einer gewissen Großzügigkeit den zeitlichen Umständen zuschreiben.

Wer dem Leben also wieder einmal so richtig ins Gesicht lachen möchte, dem kann ich nur empfehlen, Tante Mame’s Bekanntschaft zu machen.
Ein Buch voller Lebenslust und Leichtigkeit, das beschwingt und beschwipst – und das ohne am nächsten Morgen einen Kater zu verursachen! Cheers!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Patrick Dennis, Darling! Meine verrückte Tante aus New York
Aus dem amerikanischen Englisch von Thomas Stegers
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30023-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Patrick Dennis’ „Darling! Meine verrückte Tante aus New York“:

Für den Gaumen:
Tante Mame ist durchaus trinkfreudig, zum Beispiel genehmigt sie sich gerne einen „Pink Whiskers“, also einen Cocktail aus Apricot Brandy, Wermut, Orangensaft, Grenadine und Creme de Menthe.
Doch auch die süße Note des Lebens darf natürlich nicht fehlen, zum Beispiel in Form eines Lady-Baltimore-Kuchens – ein mehrschichtiger, weißer Kuchen mit Nuss- und Fruchtfüllung sowie Zuckerguss.

Zum Weiterhören:
Auch musikalisch ist Auntie Mame für ihre Zeit extravagant unterwegs, so hört sie gerne Platten von Paul Hindemith (Symphonische Metamorphosen), aber auch von Bartók, Glasunow oder Meyerbeer.

Zum Weiterschauen und Weiterhören:
Der Neffe hingegen verehrt Fred Astaire, zum Beispiel den Song „They can’t take that away from me“, der bereits 1937 von George und Ira Gershwin geschrieben wurde.

„Unser Gott hieß Fred Astaire. Er war so, wie wir sein wollten: geschliffen, weltmännisch, lässig, mondän, intelligent, erwachsen, geistreich und klug. Wieder und wieder sahen wir uns seine Filme an, spielten seine Platten, bis sie abgenudelt und verkratzt waren, kleideten uns wie er, wenn wir uns trauten.“

(S.226)

Zum Weiterlesen:
Tante Mame liest durchaus gerne, zum Beispiel André Gide’s Roman „Die Falschmünzer“ oder Romane von Edith Wharton. 1921 erhielt die Autorin den Pulitzer Preis für „The Age of Innocence“ – ein Werk, das ich jetzt wohl auch mal auf meine lange „Das sollte ich irgendwann lesen“-Liste wandern lasse.

Edith Wharton, Zeit der Unschuld
Aus dem Amerikanischen von Andrea Ott
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2350-5

7 Gedanken zu “Tantenalarm

  1. Hallo Barbara, das erinnert mich in seiner Neffe-Tante-Konstellation auch an „Travels with my Aunt“ von Graham Greene 🙂 Deinen Buchtipp lese ich definitiv mal an. Schöne Besprechung. Hab einen feinen Sonntag. LG Anna

    Gefällt 1 Person

    • Hallo Anna! Dankeschön! Diesen Roman von Graham Greene kenne ich bisher (noch) nicht (ich habe ein paar andere Bücher von ihm gelesen, ist aber auch schon wieder eine Weile her). Ich habe gerade mal kurz reingestöbert, das hört sich wirklich auch nach einer abenteuerlich wilden Geschichte an. 🙂 Greene’s Tantenroman ist von 1969, da war Patrick Dennis‘ Aunt Mame schon 14 Jahre alt. Wer weiß, vielleicht hat er sich ja inspirieren lassen. 😉
      Dir auch einen schönen, entspannten Sonntag! Herzliche Grüße! Barbara

      Gefällt 1 Person

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