Zwölf Monate im Jahr 1939

Frauen in der Fremde – das Jahr 1939 treibt viele Künstlerinnen ins Exil – Unda Hörner schildert in ihrem neuen Buch „1939 – Exil der Frauen“ stellvertretend die Geschichten einiger dieser Frauen: von Hannah Arendt, über Erika Mann bis hin zu Marlene Dietrich oder der Fotografin Lotte Jacobi.

Was bedeutet es, fremd zu sein, alle Brücken hinter sich abzubrechen und fernab der Heimat einen Neuanfang zu wagen.
Helene Weigel, Else Lasker-Schüler oder auch Luise Mendelsohn machten genau diese Erfahrungen und die Autorin begleitet sie dabei. In Anekdoten und kurzen Szenen wirft sie Schlaglichter auf entscheidende aber auch alltägliche Momente des Jahres 1939.

Zudem erfährt man wie Simone de Beauvoir im Café de Flore ihr Kriegstagebuch führt, Milena Jesenská sich in Prag dem Widerstand anschließt, Frida Kahlo einer wichtigen Ausstellung in Paris entgegenfiebert oder woher die Idee zu Bertolt Brecht’s „Mutter Courage“ stammt.

Ein bunter Bilderbogen, der wimmelbildartig anhand expressiver Augenblicke einen Querschnitt durch die intellektuelle weibliche Künstlerszene und Gedankenwelt des Jahres 1939 auffächert und die Stimmung, die Ängste, Sorgen und Nöte sehr gut transportiert. Ein Lesegenuss für alle, die sich für Literatur-, Kunst- und Zeitgeschichte interessieren und gerade auch aufgrund der Tatsache, dass explizit die doch häufig im Schatten stehenden Frauen im Fokus sind, sehr empfehlenswert.

Die Konstruktion in zwölf Monatskapiteln die Geschichte des Jahres 1939 zu erzählen und die Frauen immer wieder über mehrere Stationen hinweg durch dieses schicksalshafte Jahr zu begleiten, ist in meinen Augen sehr gelungen umgesetzt und lässt das Buch – trotz vieler, schnell wechselnder unterschiedlicher Szenen und Momentaufnahmen – insgesamt sehr rund wirken bzw. schafft einen ruhigen, geordneten Rahmen.

Wie bereits bei den ersten Bänden der Reihe wurde als Umschlagbild eines der ausdrucksstarken Gemälde der Künstlerin Tamara de Lempicka gewählt, das wunderbar zu Zeit und Inhalt passt und so auch die optische Aufmachung sehr wertig und ansprechend gestaltet.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt, kann erahnen, dass ich mich immer wieder gerne literarisch mit der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre beschäftige. So ist es kein Wunder, dass mich auch Unda Hörner’s Buch über die starken Künstlerinnen im Jahr 1939 und ihre Lebens- und Fluchtschicksale fasziniert, informiert und doch auch aufgrund des flüssigen Erzählstils zugleich unterhalten hat.

Einiges weiß man, wenn man sich schon öfter mit dieser Epoche befasst hat und hat man vielleicht auch schon einmal gehört oder gelesen. Und dennoch ist die Lektüre in jeder Hinsicht lohnend und aufschlussreich. Zudem begegne ich nicht nur mir bekannten Büchern und literarischen Querbezügen, sondern sauge gerne auch immer neue, weiterführende Lesetips auf wie ein Schwamm und füge sie meiner geistigen Lesewunschliste hinzu. Und da hat das Werk auch wieder Vieles zu bieten.

Allen, die sich vielleicht ein erstes Mal dem Thema widmen oder noch nicht so vertraut sind mit der weiblichen Kunst- und Kulturszene der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, kann das Buch eine schöne erste Orientierung und weitere Impulse geben.

Wer also gerne mehr über Anna Freud in London, Helene Weigel in den Stockholmer Schären, Else Lasker-Schüler in Israel oder Annemarie Schwarzenbuch in Afghanistan erfahren möchte, der liegt mit Unda Hörner’s neuem Sachbuch goldrichtig. Doch die dunklen Wolken, die Bedrohung, Verfolgung und die Existenzängste sind steter Begleiter. Der Titel des Buches ist nicht umsonst gewählt, denn die meisten Frauen, die im Zentrum des Werkes stehen, eint eines: sie befinden sich auf der Flucht oder bereits im Exil.

„Wer jetzt unterwegs ist, reist mit kleinem Gepäck und ohne Rückfahrkarte. Wer jetzt in ferne Länder kommt, hat keine Auge für Sehenswürdigkeiten, sondern hofft auf gnädige Einwanderungsbehörden. Und wer sich selbst in Sicherheit weiß, lebt in Sorge um die Zurückgelassenen und mit dem Schmerz über bereits erlittene Verluste – manch einer auch in Angst vor dem langen Arm der Gestapo, der über Grenzen reicht.“

(S.69)

Ein Buch voller Abschiede und Neuanfänge, voll Trauer und Angst, aber auch voller Hoffnung, eine Zeit der Schicksalsschläge und Umbrüche – kaum ein Stein blieb auf dem anderen und doch stellten sich viele intellektuelle, begabte und kluge Frauen ihrem Schicksal und den Herausforderungen und boten die Stirn. Vielleicht vermag „1939 – Exil der Frauen“ auch manchen LeserInnen Inspiration zu bieten, die gerade in der heutigen Zeit wieder sehr gefragt sein kann.

Bleibt zu hoffen, dass Unda Hörner ihre gut recherchierten und facettenreichen Bücher zu Kultur- und Zeitgeschichte fortsetzt und um weitere Bände ergänzt – denn dies wäre in jedem Sinne bereichernd.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag ebersbach&simon, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Unda Hörner, 1939 – Exil der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-268-4

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Unda Hörner’s „1939 – Exil der Frauen“:

Für den Gaumen:
Helene Weigel ist auch im Stockholmer Exil für das leibliche Wohl der Familie und Brecht’schen Entourage zuständig:

„Die Rezepte ihrer Heimatstadt Wien beherrscht sie wie im Schlaf, Wurstsalat, Strudel und Nockerln und natürlich das klassische Wiener Schnitzel.“

(S.97/98)

Zum Weiterhören:
Für die Musikerin Luise Mendelsohn ist Musik auch im Jerusalemer Exil ein wichtiger Anker – so wie bereits früher in Berlin:

„Musik erfüllte unser Haus“, erzählt Luise Mendelsohn, die studierte Musikerin, jedem Besucher der Jerusalemer Mühle. Auch Einstein frequentierte ihren Berliner Salon, per Segelboot kam er über den See, die Violine an Bord. (…) Er bevorzugte Haydn, was mich verblüffte.“ Luise Mendelsohn liebt Bach. Sie holt ihr Cello hervor und beginnt zu spielen, das berühmte Air.“

(S.22)

Zum Weiterlesen (I) oder vorher lesen:
Bislang hatte ich es noch nicht geschafft, die ersten beiden Bände der Reihe zu lesen, aber das möchte ich jetzt unbedingt bald nachholen, denn Unda Hörner hat bereits mit „1919 – Das Jahr der Frauen“ und „1929 – Frauen im Jahr Babylon“ zwei weitere Jahre und die Geschichten starker Frauen näher beleuchtet:

Unda Hörner, 1919 – Das Jahr der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-169-4

Unda Hörner, 1929 – Frauen im Jahr Babylon
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-213-4

Zum Weiterlesen (II):
Wer Bücher liebt, die sich bestimmten Jahren oder Jahrzehnten widmen, kaleidoskopartig ein Stimmungsbild der jeweiligen Epoche zeichnen und den Zeitgeist durch Anekdoten und eingängige Szenen wieder lebendig werden lassen, dem kann ich auch Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ sehr ans Herz legen, das ich Anfang diesen Jahres auf der Kulturbowle vorgestellt habe:

Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397073-9

5 Gedanken zu “Zwölf Monate im Jahr 1939

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s