Zwölf Monate im Jahr 1939

Frauen in der Fremde – das Jahr 1939 treibt viele Künstlerinnen ins Exil – Unda Hörner schildert in ihrem neuen Buch „1939 – Exil der Frauen“ stellvertretend die Geschichten einiger dieser Frauen: von Hannah Arendt, über Erika Mann bis hin zu Marlene Dietrich oder der Fotografin Lotte Jacobi.

Was bedeutet es, fremd zu sein, alle Brücken hinter sich abzubrechen und fernab der Heimat einen Neuanfang zu wagen.
Helene Weigel, Else Lasker-Schüler oder auch Luise Mendelsohn machten genau diese Erfahrungen und die Autorin begleitet sie dabei. In Anekdoten und kurzen Szenen wirft sie Schlaglichter auf entscheidende aber auch alltägliche Momente des Jahres 1939.

Zudem erfährt man wie Simone de Beauvoir im Café de Flore ihr Kriegstagebuch führt, Milena Jesenská sich in Prag dem Widerstand anschließt, Frida Kahlo einer wichtigen Ausstellung in Paris entgegenfiebert oder woher die Idee zu Bertolt Brecht’s „Mutter Courage“ stammt.

Ein bunter Bilderbogen, der wimmelbildartig anhand expressiver Augenblicke einen Querschnitt durch die intellektuelle weibliche Künstlerszene und Gedankenwelt des Jahres 1939 auffächert und die Stimmung, die Ängste, Sorgen und Nöte sehr gut transportiert. Ein Lesegenuss für alle, die sich für Literatur-, Kunst- und Zeitgeschichte interessieren und gerade auch aufgrund der Tatsache, dass explizit die doch häufig im Schatten stehenden Frauen im Fokus sind, sehr empfehlenswert.

Die Konstruktion in zwölf Monatskapiteln die Geschichte des Jahres 1939 zu erzählen und die Frauen immer wieder über mehrere Stationen hinweg durch dieses schicksalshafte Jahr zu begleiten, ist in meinen Augen sehr gelungen umgesetzt und lässt das Buch – trotz vieler, schnell wechselnder unterschiedlicher Szenen und Momentaufnahmen – insgesamt sehr rund wirken bzw. schafft einen ruhigen, geordneten Rahmen.

Wie bereits bei den ersten Bänden der Reihe wurde als Umschlagbild eines der ausdrucksstarken Gemälde der Künstlerin Tamara de Lempicka gewählt, das wunderbar zu Zeit und Inhalt passt und so auch die optische Aufmachung sehr wertig und ansprechend gestaltet.

Wer meine Kulturbowle schon ein wenig länger verfolgt, kann erahnen, dass ich mich immer wieder gerne literarisch mit der Zeit der Zwanziger und Dreißiger Jahre beschäftige. So ist es kein Wunder, dass mich auch Unda Hörner’s Buch über die starken Künstlerinnen im Jahr 1939 und ihre Lebens- und Fluchtschicksale fasziniert, informiert und doch auch aufgrund des flüssigen Erzählstils zugleich unterhalten hat.

Einiges weiß man, wenn man sich schon öfter mit dieser Epoche befasst hat und hat man vielleicht auch schon einmal gehört oder gelesen. Und dennoch ist die Lektüre in jeder Hinsicht lohnend und aufschlussreich. Zudem begegne ich nicht nur mir bekannten Büchern und literarischen Querbezügen, sondern sauge gerne auch immer neue, weiterführende Lesetips auf wie ein Schwamm und füge sie meiner geistigen Lesewunschliste hinzu. Und da hat das Werk auch wieder Vieles zu bieten.

Allen, die sich vielleicht ein erstes Mal dem Thema widmen oder noch nicht so vertraut sind mit der weiblichen Kunst- und Kulturszene der Dreißiger Jahre des vorigen Jahrhunderts, kann das Buch eine schöne erste Orientierung und weitere Impulse geben.

Wer also gerne mehr über Anna Freud in London, Helene Weigel in den Stockholmer Schären, Else Lasker-Schüler in Israel oder Annemarie Schwarzenbuch in Afghanistan erfahren möchte, der liegt mit Unda Hörner’s neuem Sachbuch goldrichtig. Doch die dunklen Wolken, die Bedrohung, Verfolgung und die Existenzängste sind steter Begleiter. Der Titel des Buches ist nicht umsonst gewählt, denn die meisten Frauen, die im Zentrum des Werkes stehen, eint eines: sie befinden sich auf der Flucht oder bereits im Exil.

„Wer jetzt unterwegs ist, reist mit kleinem Gepäck und ohne Rückfahrkarte. Wer jetzt in ferne Länder kommt, hat keine Auge für Sehenswürdigkeiten, sondern hofft auf gnädige Einwanderungsbehörden. Und wer sich selbst in Sicherheit weiß, lebt in Sorge um die Zurückgelassenen und mit dem Schmerz über bereits erlittene Verluste – manch einer auch in Angst vor dem langen Arm der Gestapo, der über Grenzen reicht.“

(S.69)

Ein Buch voller Abschiede und Neuanfänge, voll Trauer und Angst, aber auch voller Hoffnung, eine Zeit der Schicksalsschläge und Umbrüche – kaum ein Stein blieb auf dem anderen und doch stellten sich viele intellektuelle, begabte und kluge Frauen ihrem Schicksal und den Herausforderungen und boten die Stirn. Vielleicht vermag „1939 – Exil der Frauen“ auch manchen LeserInnen Inspiration zu bieten, die gerade in der heutigen Zeit wieder sehr gefragt sein kann.

Bleibt zu hoffen, dass Unda Hörner ihre gut recherchierten und facettenreichen Bücher zu Kultur- und Zeitgeschichte fortsetzt und um weitere Bände ergänzt – denn dies wäre in jedem Sinne bereichernd.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag ebersbach&simon, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Unda Hörner, 1939 – Exil der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-268-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Unda Hörner’s „1939 – Exil der Frauen“:

Für den Gaumen:
Helene Weigel ist auch im Stockholmer Exil für das leibliche Wohl der Familie und Brecht’schen Entourage zuständig:

„Die Rezepte ihrer Heimatstadt Wien beherrscht sie wie im Schlaf, Wurstsalat, Strudel und Nockerln und natürlich das klassische Wiener Schnitzel.“

(S.97/98)

Zum Weiterhören:
Für die Musikerin Luise Mendelsohn ist Musik auch im Jerusalemer Exil ein wichtiger Anker – so wie bereits früher in Berlin:

„Musik erfüllte unser Haus“, erzählt Luise Mendelsohn, die studierte Musikerin, jedem Besucher der Jerusalemer Mühle. Auch Einstein frequentierte ihren Berliner Salon, per Segelboot kam er über den See, die Violine an Bord. (…) Er bevorzugte Haydn, was mich verblüffte.“ Luise Mendelsohn liebt Bach. Sie holt ihr Cello hervor und beginnt zu spielen, das berühmte Air.“

(S.22)

Zum Weiterlesen (I) oder vorher lesen:
Bislang hatte ich es noch nicht geschafft, die ersten beiden Bände der Reihe zu lesen, aber das möchte ich jetzt unbedingt bald nachholen, denn Unda Hörner hat bereits mit „1919 – Das Jahr der Frauen“ und „1929 – Frauen im Jahr Babylon“ zwei weitere Jahre und die Geschichten starker Frauen näher beleuchtet:

Unda Hörner, 1919 – Das Jahr der Frauen
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-169-4

Unda Hörner, 1929 – Frauen im Jahr Babylon
ebersbach&simon
ISBN: 978-3-86915-213-4

Zum Weiterlesen (II):
Wer Bücher liebt, die sich bestimmten Jahren oder Jahrzehnten widmen, kaleidoskopartig ein Stimmungsbild der jeweiligen Epoche zeichnen und den Zeitgeist durch Anekdoten und eingängige Szenen wieder lebendig werden lassen, dem kann ich auch Florian Illies’ „Liebe in Zeiten des Hasses“ sehr ans Herz legen, das ich Anfang diesen Jahres auf der Kulturbowle vorgestellt habe:

Florian Illies, Liebe in Zeiten des Hasses – Chronik eines Gefühls 1929-1939
S. Fischer
ISBN: 978-3-10-397073-9

Fallstricke des Lebens

„Leben ist das, was passiert, während du dabei bist, andere Pläne zu machen“ – dieses berühmte Zitat von John Lennon ging mir bei der Lektüre von Catherine Cusset’s Roman „Die Definition von Glück“ immer wieder durch den Kopf.
Die Autorin – 1963 in Paris geboren, ehemalige Dozentin für französische Literatur in Yale, die jetzt in New York lebt – hat ein starkes Buch über zwei Frauen geschrieben, die wie sie selbst in den Sechzigern geboren sind:

Clarisse lebt in Paris, ist eine Abenteurerin und Kämpferin, die sich oft nicht den direkten, geraden Weg durchs Leben sucht und sich immer wieder alleine durchschlagen muss. Ob bereits in der Jugend von der alkoholkranken Mutter in den Ferien zur Patentante abgeschoben oder später auf Selbstfindungstrip in Asien als Backpackerin unterwegs beweist sie auch in punkto Männer nicht immer unbedingt das beste Händchen. So führt sie ein turbulentes Leben und muss sich selbst immer wieder neu erfinden: als Reisende, als Ehefrau, als alleinerziehende Mutter und als Frau in wechselnden Beziehungen mit einem großen Lebenshunger.

Ève hingegen führt in New York eine langjährige, stabile Ehe mit Paul, ist Mutter von zwei wohlerzogenen Töchtern und hat sich selbst ein florierendes, erfolgreiches Cateringunternehmen aufgebaut, das wächst und gedeiht. Ihr Alltag verläuft verglichen zu dem von Clarisse in ruhigeren, geregelteren Bahnen und doch gibt es auch in ihrem Leben Momente, in welchen das Leben über sie hereinbricht und ihr Knüppel zwischen die Beine wirft. Doch sie steht ihre Frau und beweist Kraft und Stärke.

„Ist es nicht immer so mit Geheimnissen? Irgendwann kommen sie ans Licht. Und dieses Geheimnis hatte schwarze Augen, einen dunklen Teint und einen Namen.“

(S.281)

Man fiebert und leidet mit Clarisse und Ève und würde sie häufig so gerne vor den Fallen bewahren, in welche sie tappen. Der Roman ist spannend und entwickelt schnell einen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann.

Zunächst wirft die Autorin – wie Spots auf der Bühne – Schlaglichter auf unterschiedliche Szenen und Anekdoten – Momentaufnahmen aus verschiedenen Lebensphasen von Clarisse und Ève: Teenagerzeit, erste Lieben, Jugendsünden, ernsthafte Beziehungen, Mutterschaft, Schicksalsschläge. Wie ein Fotoalbum, durch das man blättert – ein Aneinanderreihen von verschiedenen Schlüsselmomenten im Leben – zunächst ohne erkennbare Verbindung zwischen den beiden Frauen.

Geschickt wird die Spannung aufgebaut, wann und wie sich die Wege der beiden kreuzen werden. Führen sie doch ein Leben weit von einander entfernt – durch die Weite des Ozeans getrennt: Clarisse in Paris, Ève in New York. Doch was wird sie zusammenführen?

Catherine Cusset erzählt zwei Lebensgeschichten, die stellvertretend für so viele Lebenswege moderner Frauen stehen können und unverfälscht, direkt und ungeschminkt auch die Schattenseiten thematisieren. Jede Leserin wird sich im einen oder anderen Aspekt finden und verstanden fühlen. Der Autorin ist meiner Meinung nach ein universelles und großes Werk gelungen, in dem viele große Themen des Frauseins behandelt werden.

Zartbesaitete, die sich beim Lesen nicht gerne mit unangenehmen Wahrheiten beschäftigen wollen, sollten sich vom Titel „Die Definition von Glück“ nicht zu sehr in die Irre führen lassen.
Denn es geht nicht nur um glückliche Themen, sondern unter anderem um sexuellen Missbrauch, häusliche Gewalt, um Krankheit in der Familie, Brustkrebs oder die herausfordernde Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Und Cusset schildert gekonnt und einfühlsam auch die ganze Achterbahnfahrt der Gefühle in Beziehungen: vom ersten Verliebtsein, über Ehe, Mutterschaft bis hin zu Affären, Entfremdung und Trennung.

„Wenn man liebt, ist man zwanzig, die Menschen um einen herum aber nicht.“

(S.319)

Das pralle Leben eben. Ein dichter, intensiver Roman über die Höhen, aber vor allem auch über die Tiefen des Frauenlebens – über Fallstricke, Schicksalsschläge, Gefühlschaos, Irrungen und Wirrungen und doch auch darüber, wie man sich aus Löchern und Abgründen wieder selbst herausziehen kann.

Und letztlich auch ein Stück Literatur darüber, wie unterschiedlich die persönlichen Vorstellungen von Glück ausfallen können, das doch für jede und jeden etwas Anderes bedeutet. Trotz aller negativer Aspekte eben kein deprimierendes, sondern auch ein hoffnungsvolles Buch über Stärke und Tapferkeit.

Keine Kuschel- und Wohlfühllektüre mit Happy End, sondern vielmehr ein kluges und wichtiges Buch, das auch für ernste Themen sensibilisiert und einen aufmerksam und hellwach werden lässt, indem es das Bewusstsein schärft für schwierige Situationen und Gefährdungen, welchen Frauen ausgesetzt sein können. Ein empathischer Roman darüber, was es bedeutet eine Frau zu sein, bei dem man sich verstanden fühlt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Eisele Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Catherine Cusset, Die Definition von Glück
Aus dem Französischen von Sabine Schwenk
Eisele Verlag
ISBN: 9783961611409

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Catherine Cusset’s „Die Definition von Glück“:

Für den Gaumen:
Clarisse hat eine Vorliebe für den bretonischen Kouign-amann: ein Butterkuchen bzw. laut Wikipedia ein „runder, dicker Fladen“ aus Blätterteig mit knuspriger, karamellisierter Kruste.
Bei Lapaticesse und la-bretonelle findet man Rezepte für diese süße Spezialität aus der Bretagne.

Zum Weiterhören:
Der Song „I put a spell on you“ wird im Buch leider zu einem traurigen Anlass gesungen. Auf YouTube gibt es eine schöne Coverversion von Annie Lennox aus dem Jahr 2014.
Im Original ist das Stück jedoch von Screamin Jay Hawkins und bereits aus dem Jahr 1956.

Zum Weiterlesen:
Clarisse liest zu Beginn des Romans einen wahren Klassiker der französischen bzw. der Weltliteratur:

„Die beiden Kopfkissen in den Rücken gestopft, setzte sie sich aufs Bett und vertiefte sich in Balzacs Verlorene Illusionen. Alles, was David und Ève erlebten, ihre Liebe, die Habgier und der Egoismus von Davids Vater, der dem eigenen Sohn die Druckerei verkaufte, um sich daran zu bereichern, schien ihr realer als ihr eigenes Leben.“

(S.19)

Ein 960 Seiten Schmöker des Realisten Balzac, den ich noch nicht gelesen habe und für den man vermutlich Muße und ausreichend Zeit benötigt:

Honoré de Balzac, Verlorene Illusionen
Aus dem Französischen von Melanie Walz
Hanser
ISBN: 978-3-446-24614-0

Frauen Stimmen geben

Frau Musica – Musik von, mit und über Frauen aus 900 Jahren“ war das diesjährige Motto der 20. Landshuter Hofmusiktage, einem europäischen Festival für Alte Musik, das nach pandemiebedingter zweijähriger Verspätung endlich stattfinden konnte. Ein wunderbares und wichtiges Motto, das mir einen unvergesslichen und in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Konzertabend bescherte, auf den ich mich mehr als zwei Jahre lang und vollkommen zu Recht sehr gefreut hatte.

Das Vokalsolistenensemble Singer Pur besteht aus einer Frauen- und fünf Männerstimmen, d.h. ein Sopran, drei Tenöre, ein Bariton und ein Bass. 1992 ursprünglich von fünf ehemaligen Regensburger Domspatzen und einer Sängerin gegründet hat sich das Ensemble – dessen Besetzung im Laufe der Zeit immer wieder einmal gewechselt hat – zu einem der führenden und mehrfach preisgekrönten deutschen Vokalensembles entwickelt.

Das enorm vielseitige Programm, das in der als Konzertsaal bestens geeigneten Heilig Kreuzkirche Landshut durch das Ensemble zur Aufführung kam, spannte einen großen, zeitlichen Bogen von Musik aus dem 15. Jahrhundert bis hin zu zeitgenössischer Musik – und legte vor allem Wert auf einen hohen Anteil an Musik „von Frauen“, d.h. der leider im Klassikbetrieb so häufig unterrepräsentierten Komponistinnen. Das Konzert, das so schön mit „Herztöne – Liebe im Klang der Zeit“ betitelt war, bereitete gleich zu Beginn des ersten Teils einen wunderbaren Einstieg, denn schon der Auftakt mit Dominique Phinot’s Renaissance-Werk „Surge, propere amica mea“ breitete einen dichten Klangteppich der sechs Stimmen aus, auf dem man sich sofort gerne von den wunderbaren Harmonien davon tragen ließ.

Die Gedanken kamen zur Ruhe, der Blick streifte durch die renovierte, ehemalige Klosterkirche des Landshuter Franziskanerinnenklosters mit Asamfresken und Wessobrunner Stukkaturen, der mittlerweile als „säkularer“ Kirchenraum, Konzertsaal und Aula des Hans-Carossa-Gymnasiums genutzt wird.

Der getragenere erste Teil des Konzerts „Das Hohelied der Liebe“ setzte Schwerpunkte auf alte Musik mit Werken von Phinot, de Latre, Dufay und Senfl, die durch zeitgenössische Stücke von Joanne Metcalf und Jessica Horsley kontrastiert wurden.

Die Harmonie der Stimmen, der Zusammenklang, die perfekte Intonation und sehr hohe Textverständlichkeit begeisterten das Publikum. Und jeder Musikbegeisterte oder auch jemand, der vielleicht sogar selbst in einem Chor singt, weiß und kann einschätzen, welche Klasse und welch hohes Niveau dieses Repertoire den SängerInnen abverlangt.

Allerhöchsten Respekt nötigte mir auch die Tatsache ab, dass Sarah M. Newman als kurzfristige Einspringerin (für die erkrankte Claudia Reinhard) mit lediglich einer Woche Vorlauf das hoch anspruchsvolle Programm mit einer faszinierenden Souveränität meisterte und sich perfekt in den Klang des eingespielten Ensembles einfügte. Diese Leistung hatte wahrlich einen Extra-Applaus verdient.

Ein wunderbarer, unvergesslicher Konzertabend nach einem sonnigen Maitag, der zum Ende des etwas luftig-leichteren zweiten Teils – die Herren auf der Bühne hatten die Krawatten jetzt auch abgelegt – sehr passend mit zwei genial arrangierten Sting-Titeln „Every Little Thing She Does Is Magic“ und „Fields of Gold“ einen stimmungsvollen Ausklang fand und das Publikum glücklich, beschwingt und freudig in den lauen Sommerabend entließ.

Doch so mancher Gast stoppte davor noch kurz am gut sortierten CD-Stand und nahm wie ich ein paar der musikalischen „Wirbelwinde“ mit nach Hause, denn die neueste CD „Among Whirlwinds“ – ein Projekt, das während der Pandemie entstanden ist – enthält ausschließlich Musik von Komponistinnen. Eines meiner Lieblingslieder darauf ist das Stück „Remember“ der 1979 geborenen slowenischen Komponistin Katarina Pustinek Rakar.

Einer Aufforderung, der ich gerne folge, denn dieses zauberhafte Konzert, das getragen wurde von der großen Freude und dem Herzblut, das Singer Pur in ihre „Herztöne“ legten und es sichtlich genossen, endlich wieder live vor Publikum auftreten zu können, werde ich sicherlich nicht vergessen. Die „Wirbelwinde“ werden ihr übriges tun, wenn sie von Zeit zu Zeit bei mir zu Hause aus den Lautsprechern klingen dürfen.

Gesehen am 12. Mai 2022 in der Heilig Kreuzkirche Landshut

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Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich dieses Konzert:

Zum Weiterhören:
Die aktuelle CD von Singer Pur „Among Whirlwinds – Kompositionen von Frauen für Stimmen“ (erschienen 2021 bei OEHMS Classics – hier geht es zur Homepage) widmet sich ausschließlich der Musik weiblicher Komponistinnen. Viele Stücke, die ich in Landshut live genießen durfte, sind auf der CD vertreten, u.a. Werke von Joanne Metcalf, Hildegard von Bingen, Fanny Hensel, Clara Schumann, alte Musik (u.a. von Cesarine Ricci de Tingoli), aber auch Werke zeitgenössischer Komponistinnen wie Stanislava Stoytcheva oder Katarina Pustinek Rakar, um nur ein paar zu nennen.

Aber auch nordische Klänge aus Island von Anna S. Þorvaldsdóttir oder aus Schweden von Elfrida Andrée sind vertreten. Eine wunderbare klangliche, musikalische Zeitreise durch die Welt der Musik von Frauen – eine längst überfällige Idee und erstklassig umgesetzt.

Zum Weiterklicken oder für einen Konzertbesuch:
Vielleicht kommen Singer Pur demnächst aber ja auch in Eure Nähe – auf der Website der Gruppe findet ihr die nächsten Termine, musikalische Eindrücke und Hörproben, Porträts der Mitglieder und jede Menge weitere Informationen zur Historie und den zahlreichen Aufnahmen, die seit der Gründung 1992 bereits entstanden sind.

Zum Weiterschauen und Weiterklicken:
Schon seit längerem auf meiner Liste steht der preisgekrönte Dokumentarfilm „Komponistinnen“ von Kyra Steckeweh und Tim van Beveren. Dieser beleuchtet neben den Lebensläufen der vier Komponistinnen Mel Bonis (1858-1937), Lili Boulanger (1893-1918), Fanny Hensel (1804-1847) und Emilie Mayer (1812-1883) vor allem auch die Frage, warum auch heute immer noch so wenig Stücke von Komponistinnen in der Klassikszene aufgeführt werden. Hier geht es zur Website des Films: „Komponistinnen“.

Für einen Konzertbesuch oder Städtetrip:
Die Landshuter Hofmusiktage wurden 1982 gegründet und sind eines der ältesten Festivals für Alte Musik in Bayern. In der Regel finden sie alle zwei Jahre statt und sind für Freunde und Freundinnen alter Musik ein beliebter Anlass, die niederbayerische Stadt und das eine oder andere Konzert zu besuchen.

Zum Weiterlesen:
Bereits vor einiger Zeit habe ich Peter Härtlings Buch über das Leben von Fanny Hensel-Mendelssohn mit großem Interesse gelesen, die als Komponistin immer im Schatten ihres berühmten Bruders Felix Mendelssohn-Bartholdy stand.
Auf der Singer Pur-CD „Among Whirlwinds“ ist auch ein Werk von ihr vertreten: „Nacht liegt auf den fremden Wegen“.

Peter Härtling, Liebste Fenchel!:
Das Leben der Fanny Hensel-Mendelssohn in Etüden und Intermezzi
dtv
ISBN: 978-3423141956

„In der Musik hat Gott den Menschen die Erinnerung an das verlorene Paradies hinterlassen.“

(Hildegard von Bingen)

Paris – Stadt der Bücherliebe

Ich liebe Bücher über Menschen, die Bücher lieben und in Veronika Peters’ Roman „Das Herz von Paris“ darf man gleich mehrere Vertreterinnen dieser Spezies kennenlernen. Schauplatz ist die legendäre Buchhandlung Shakespeare and Company im Herzen von Paris im Jahr 1925 und der Roman beschert nicht nur eine wunderbare Zeitreise in die Stadt der Liebe der Zwanziger Jahre, sondern kann zugleich als Hommage an Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes gelesen werden.

„Sehr gut. Ich bin Sylvia. Kommen Sie herein, drinnen sind noch mehr zornige Frauen. Lassen Sie uns gemeinsam einen Tee trinken und das richtige Buch für Sie finden.“

(S.19)

Ann-Sophie von Schoeller – junge Ehefrau aus gutem Berliner Hause – verschlägt es gegen ihren Willen an der Seite ihres Ehemanns nach Paris. Sie hat sich fest vorgenommen, diese Stadt nicht zu mögen, in welcher ihr Mann als Anwalt in der Kanzlei seines Onkels Karriere machen möchte.
Widerstrebend fängt sie daher erst spät damit an, mit einem Baedeker bewaffnet die Stadt zu erkunden – schließlich wird es irgendwann doch langweilig in der kleinen Wohnung den ganzen Tag auf den Gatten zu warten. Bei einem ihrer Spaziergänge landet sie plötzlich zufällig in der Rue de L’Odéon. Vor einem englischen Buchladen namens Shakespeare and Company steht eine charismatische Frau in Männerkleidung und lädt sie ein hereinzukommen. Für Ann-Sophie ein Schritt in eine völlig andere Welt, der ihr Leben verändern wird.

„Willkommen in Odéonia, der freien Republik der Bücherliebenden, dem wahren Herzen von Paris!“ sagte Adrienne. „Hier wird Literatur nicht nur verkauft, sondern auch verliehen, verlegerisch begleitet sowie in eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Zeitschriften gefeiert. (…)“

(S.25)

Im legendären Buchladen der Verlegerin von James Joyce’s „Ulysses“ Sylvia Beach trifft sie auf starke, unabhängige Frauen, die ihr Leben emanzipiert und selbstbestimmt leben. Da wird gelesen, geraucht, diskutiert und abends auch gemeinsam ausgegangen und der eine oder andere Drink genommen. Auch Ann-Sophie, die bald beginnt, als Aushilfe im Laden zu arbeiten, merkt schnell, dass mehr in ihr steckt und sie mehr möchte, als ausschließlich die fügsame Vollzeit-Gattin zu spielen.

„Frauen wie Sylvia, Dunja, Janet und Adrienne übten selbst Berufe aus, statt von ihren Vätern oder Ehemännern abhängig zu sein. Sie reisten autonom durch aller Herren Länder, verkehrten mit erfolgreichen Schriftstellerinnen und mysteriösen Poeten-Genies, sie organisierten skandalträchtige literarische Soireen, gingen abends in ein Café und betranken sich, wenn ihnen danach war.“

(S.46)

Veronika Peters ist es gelungen, eine Handlung und eine Atmosphäre zu erschaffen, bei der man sofort selbst dabei sein möchte. Man will diese zauberhafte Buchhandlung und die starken, wunderbaren Frauen am liebsten selbst kennenlernen, mit ihnen über Bücher sprechen, ein Gläschen trinken und das französische, intellektuelle Savoir-Vivre genießen. Die Charaktere – viele entsprechen natürlich den realen, historischen Persönlichkeiten mit gewissen fiktiven Freiheiten – sind so sympathisch, dass einen die Geschichte sofort in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Schon parallel zur Lektüre war ich am recherchieren und Notizen machen, worüber ich mehr wissen will oder was ich weiter lesen möchte – eine wirklich inspirierende Lektüre.

„Du musst lesen! Literatur bestärkt und befreit eine geschundene Seele, führt ins Weite, bringt lang unterdrückte Emotionen an die Oberfläche, lässt uns über den eigenen beschränkten Horizont hinauswachsen!“

(S.54)

Sylvia Beach eröffnete die englischsprachige Buchhandlung Shakespeare and Company 1919 gegenüber dem Buchladen ihrer späteren Lebensgefährtin Adrienne Monnier und schloss diesen 1941 nach der Besetzung Paris’ durch die Deutschen im zweiten Weltkrieg. 1922 verlegte sie Ulysses von James Joyce und ihr Laden galt als Treffpunkt der Literatur- und Kunstszene. Im Roman begegnen wir ihr gemeinsam mit der Hauptfigur Ann-Sophie im Jahr 1925.

Auch wenn das eine oder andere im Roman vielleicht etwas idealisierend oder verklärt beschrieben wird, tut dies der Lesefreude keinerlei Abbruch. Es ist ein Buch über Emanzipation, über starke, unabhängige Frauen, über Selbstverwirklichung, Literatur und Schriftstellerei, sowie eine Welt im Wandel.

„Das Herz von Paris“ ist ein Herzensbuch für BücherliebhaberInnen – so trostspendend wie eine Badewanne voller Schaum oder die Lieblingskuscheldecke auf der Couch. Ein Buch zum Reinlegen und genießen. Beim Lesen fühlt man sich wie bei einem gelungenen Mädelsabend mit guten Freundinnen und es ist schade, wenn die letzte Seite umgeblättert und das Vergnügen schon wieder vorbei ist.
Eine herzerwärmende Hymne über Paris, den Zauber von Buchläden und die erstaunliche Kraft der Literatur, Menschen zu ändern.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 10) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Paris als Schauplatz lesen. Doch mein nächster literarischer Besuch in der französischen Hauptstadt wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen – es liegt schon weitere Paris-Lektüre auf meinem Stapel bereit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Veronika Peters, Das Herz von Paris
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30019-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Veronika Peters’ „Das Herz von Paris“ :

Für den Gaumen:
Einen ziemlich stilvollen, aber ordentlichen Absturz beschert den Damen und insbesondere Ann-Sophie der Genuss eines klassischen Pariser Cocktails – dem Monkey Gland. Laut Wikipedia ein „alkoholhaltiger Cocktail aus Gin, Orangensaft, Absinth und Grenadine“, der erstmals in den 1920er Jahren in Paris zubereitet wurde – das Rezept der International Bartenders Association findet sich ebenso bei Wikipedia.

Zum Weiterlesen (I):
Rimbaud’s „Le bateau ivre“ spielt im Roman ebenso eine Rolle wie die Werke von Colette oder James Joyce. somit ist der Roman über den legendären Pariser Buchladen natürlich voll von neuen Inspirationen und Leseanregungen.

Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff
Übersetzt von Paul Celan
Insel Bücherei 1300, Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-19300-5

Zum Weiterlesen (II):
Nach der Lektüre ist zudem ein ganz klares „Muss ich unbedingt lesen“-Buch auf meine Wunschliste gelangt: Sylvia Beach’s eigenes Buch über ihren Buchladen in Paris „Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris“. Ich möchte definitiv noch mehr über diesen legendären Buchladen, das Paris der Künstler und Schriftsteller und die Buchhändlerin und Verlegerin erfahren – eine spannende Persönlichkeit.

Sylvia Beach, Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris
Aus dem Amerikanischen von Lilly von Sauter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-37323-1

Griechische Strohhüte

Heute geht es mit meiner Europabowle oder Literarischen Europareise weiter und ich reise nach Griechenland – auf ein Landgut in der Nähe von Athen. Margarita Liberaki schrieb ihren Roman „Drei Sommer“ im Jahr 1946 – jetzt liegt 75 Jahre später zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung von Michaela Prinzinger vor. In Griechenland war und ist dieses zeitlose literarische Werk sehr erfolgreich und gilt bereits als Klassiker.

„Es war ein süßer Schlaf, beim Erwachen kehrte ich zurück wie aus einer anderen Welt. Die Wiese strahlte, die reifen Weinbeeren hingen von der Rebe, meine Hand langte nach ihnen, und mein Mund wollte sie kosten. Von allen möglichen Welten, so sagte ich mir, war die Erde gewiss die schönste.“

(S.11)

Margarita Liberaki hat mit „Drei Sommer“ die Geschichte dreier Schwestern erzählt: Maria, Infanta und Katerina. Sie wachsen in einem kleinen ländlichen Ort in der Nähe Athens auf und der Roman beschreibt wie jede der drei auf sehr unterschiedliche Weise zur Frau heranwächst und ihren Platz im Leben sucht.

Die Ich-Erzählerin Katerina ist die Jüngste der Schwestern – in kurzem Abstand folgt sie auf Maria und Infanta.
Maria ist die Zupackende, Pragmatische, die sich nach der Liebe, der Ehe und vor allem der Mutterschaft sehnt. Sie heiratet früh und bringt schon bald einen Sohn zur Welt. Die Autorin beschreibt intensiv Schwangerschaft und Muttergefühle, sowie eine junge Ehe, die mehr Zweckgemeinschaft als leidenschaftliche Liebesheirat darstellt.

„Die größte Kraft liegt in den Dingen des Alltags verborgen.“

(S.81)

Infanta, die Mittlere der Schwestern, steht unter starkem Einfluss der Tante Tereza, die ebenfalls im Haushalt lebt, aufgrund einer prägenden Missbrauchserfahrung nie geheiratet und sich an keinen Mann gebunden hat. So schärft sie auch der Nichte ein, dass sie ohne Mann besser dran ist. Infanta schwankt zwischen Häuslichkeit – sie verbringt viel Zeit mit Handarbeiten und Stickbildern – und Freiheit, die sie vor allem auf dem Rücken ihres Pferdes findet.

Katerina ist die Freiheitsliebendste der drei und fühlt sich im Geiste mit der Großmutter verbunden, die sie nie kennengelernt hat. Denn die aus Polen stammende Großmutter wird in der Familie verteufelt und verurteilt, da sie den Großvater bereits früh mit den Kindern allein gelassen hat, als sie mit einem Musiker durchbrannte. Katerina scheint als Einzige Respekt für diese Entscheidung zu haben, verspürt einen Drang in die Ferne, um ebenfalls alles zurückzulassen. Sie möchte unabhängig bleiben, frei sein und entwickelt den Wunsch, Schriftstellerin zu werden.

„So gern würde ich beschreiben, wie die Welt aufglänzt, wenn das Licht knapp vor Sonnenuntergang auf das Gras der Wiese fällt, ihr intensives Grün und noch andere schöne Dinge, die bedauerlicherweise nicht länger existieren als der Augenblick, da ich sie erblicke.“

(S.318)

Interessant fand ich, dass bereits in den Vornamen der Schwestern ihre Charaktere anklingen: Maria die Mütterliche, Infanta die Kindliche und Unbefleckte und Katerina, bei der ich stets die Widerspenstige bei Shakespeare im Kopf hatte.

„Irgendwann verschwindet die Befangenheit bestimmt wieder, nur der Verrat wird bleiben. Dann denken wir an die Zeit zurück, als wir im Heu lagen und unsere Sehnsüchte so verflochten waren, dass sie keiner von uns allein gehörten.“

(S.192)

Die Autorin, die später auch in Paris lebte und dort Bekanntschaft mit Camus und Sartre machte, behandelt Essentielles und einschneidende Erlebnisse im Leben einer Frau. Es geht um erste Lieben und unterschiedliche Lebenskonzepte, um Freiheit und Selbstbestimmung. Liberaki zeichnet intensive Charakterstudien und beschreibt, wie jede der Schwestern eine völlig andere Erwartungshaltung an das Leben und die Liebe hat.

Die Natur und der ländliche Alltag in einem griechischen Dorf bieten den Rahmen und die flirrende Hitze des Sommers wird für den Leser spürbar. Liberaki singt ein Loblied auf Naturverbundenheit und die Schönheit im Kleinen. „Drei Sommer“ ist ein geerdetes und stilles Buch, das den Blick auf Wesentliches lenkt.

Ein Roman, der mich vor allem durch die ausdrucksstarke Sprache, die bezaubernden Naturschilderungen und die ruhige, fließende Sprachmelodie für sich eingenommen hat. In der Einfachheit liegt die Kraft und Liberaki schreibt sinnlich und ästhetisch über den griechischen Sommer und existenzielle Fragen, die sich Frauen auch heute noch stellen.

Ein Buch wie ein reicher, blühender, naturbelassener Garten – wenn man sich Zeit nimmt und genau hinschaut, gibt es viel Schönes zu entdecken. Ein leises, zartes und doch ungemein intensives Werk über Lebensfreude und die Kunst ein Leben zu leben, dem es sich lohnt zu lauschen und aufmerksam zuzuhören.

Eine weitere schöne Besprechung gibt es beim Leseschatz.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Arche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark und Rumänien geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Margarita Liberaki, Drei Sommer
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger
Arche
ISBN: 978-3-7160-2798-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Margarita Liberaki’s „Drei Sommer“:

Für den Gaumen:
Zur Erfrischung bei sommerlichen Temperaturen wird im Roman immer mal wieder Sauerkirschlimonade gereicht. Vielleicht ist dies die passende Idee für das diesjährige Sommergetränk?

Zum Weitergenießen:
Der Roman dessen griechischer Titel sich in einer wörtlichen Übersetzung auf die Strohhüte bezieht, die sich die Schwestern zu Beginn des Sommers kaufen, strahlt eine sommerliche Wärme und Ruhe aus. Warum also nicht den Strohhut aufgesetzt, hinaus in die Sonne und einfach mal den sommerlichen Geräuschen lauschen, die frische Luft genießen oder natürlich ein gutes Buch im Freien lesen.

Zum Weiterlesen:
Aus Griechenland stammten bisher zwei Literaturnobelpreisträger: Giorgos Seferis im Jahr 1963 und Odysseas Elytis im Jahr 1979 – mit beiden bin ich bisher nicht in Berührung gekommen und auch wenn ich den Blick über mein Bücherregal streifen lasse, ist die griechische Literatur im Grunde nicht vertreten. Vielleicht mag das auch daran liegen, dass das Jahr 2001, in dem Griechenland das Gastland der Frankfurter Buchmesse und daher im Fokus der Verlage war, schon 20 Jahre zurück liegt. Somit verbinde ich persönlich Griechenland stets mehr mit der altgriechischen Literatur von Homer – der Ilias und der Odyssee.

Homer, Ilias / Odyssee
Übersetzer: Johann Heinrich Voss, Hans Rupé
Anaconda
ISBN: 978-3-7306-0809-8

Nomen est omen – Malvita

Irene Diwiak, die junge österreichische Autorin (Jahrgang 1991), legt mit „Malvita“ ihren zweiten Roman vor und nimmt den Leser nicht nur mit auf eine Reise in die Toskana, sondern auch in die düstere Welt menschlicher Abgründe.

Das farbenfrohe, stimmungsvolle Umschlagbild mit den leuchtend roten Mohnblumen – dem „papavero“, der so typisch ist für die Toskana – mag so manchen Leser auf eine falsche Fährte locken, denn hinter dem Buchdeckel verbirgt sich kein „Wohlfühl-Italien-Urlaubs-Roman“, sondern ein dunkles und abgründiges Familiendrama, das fortschreitend immer mehr die Züge eines Thrillers annimmt.

Aber der Reihe nach: Worum geht es in „Malvita“?
Christina, Anfang Zwanzig, aus einfachen Verhältnissen stammend, die ihren Platz ihm Leben noch nicht gefunden hat und gerade unter Liebeskummer leidet, reist mit dem Zug in die Toskana. Die Schwester ihrer Mutter – Tante Ada – lebt dort mit ihrer Familie, welche Christina jedoch bisher noch nicht kennenlernen konnte, und hat sie kurzfristig als Fotografin für die Hochzeit ihrer Tochter Marietta engagiert. Denn die ursprünglich verpflichtete Fotografin ist verhindert. Eine Reise in die Toskana mit zusätzlichem Honorar fürs Fotografieren und eine Weile dem Liebesleid zu entfliehen, kommt der jungen Frau zunächst nicht ungelegen.

In „Malvita“ angekommen – der Ort heißt übersetzt tatsächlich „schlechtes Leben“ bzw. das italienische Wort „malavita“ bedeutet Unterwelt – staunt Christina anfangs nicht schlecht über den großen Reichtum der Familie und das hochherrschaftliche Anwesen, das einem Schloss gleicht und in dem sie sich ohne fremde Hilfe verlaufen würde. Sie fühlt sich wie ein Eindringling und Außenseiter in dieser Welt der Reichen und Schönen (die Frauen der Familie sehen aus wie Models) und schon ihre Unterbringung im Dienstbotentrakt macht ihr deutlich, dass sie mehr als Bedienstete denn als Familienmitglied angesehen und behandelt wird.

Sie erkundet Haus und Umgebung – stets kritisch beäugt und überwacht von Personal und Verwandtschaft – und lernt unter anderem auch Jordie kennen, den verzärtelten und überbehüteten Sohn der Familie. Als die beiden bei einer gemeinsamen Cabrio-Spritztour plötzlich im Bach eine Leiche finden und diese sich als die verschwundene, ursprünglich vorgesehene Fotografin Blanca entpuppt, überschlagen sich die Ereignisse. Für Christina ist es vorbei mit dem ungetrübten Urlaubsgenuss in der sonnigen Toskana. Der Aufenthalt verwandelt sich mehr und mehr in einen Alptraum und sie stößt auf menschliche Abgründe, eine verkorkste Familie und dunkle Geheimnisse, die sie sich vorher niemals hätte ausmalen können.

„Malvita“ hat mich ebenso überrascht und ein wenig überrumpelt, wie die Hauptfigur im Roman, denn auch ich hatte vor der Lektüre keine genaue Vorstellung, was mich erwartet. Eine Reise ins Ungewisse, aber vor allem auch in die wunderbare Landschaft der Toskana. Sprachlich und atmosphärisch hat mich auch dieser zweite Roman von Irene Diwiak definitiv überzeugt. Das ist flüssig-süffig zu lesen und man taucht schnell in die Geschichte ein.

Lediglich im letzten Drittel wurde mir die Handlung dann stellenweise etwas zu schräg und abgedreht und ich habe festgestellt, dass ich den drastischen und überzeichneten Plot zunehmend eher als bitterböse Satire gelesen und wahrgenommen habe. Fast als ob Diwiak das Genre der psychologischen Thriller, die sich ja einer breiten Leserschaft erfreuen, durch grotesk übertriebene Überspitzung ein wenig auf die Schippe nehmen möchte.

Stark fand ich hingegen die Bezüge zur Unterwelt und auch zur Kunst Artemisia Gentileschi’s, die sich die Hauptfigur des Romans in den Uffizien in Florenz ansieht und von welchen eine dunkle Faszination ausgeht.

„Das ist einfach so“, sagte sie, „Frauen werden vergessen, wenn sie sterben. Manchmal auch davor.“

(S.134)

„Malvita“ ist ein Roman über eine Familie am Abgrund und vor allem über starke und rachsüchtige Frauen. Verglichen mit ihrem Debütroman „Liebwies“ hat sich Diwiak zeitlich und räumlich auf völlig anderes Terrain begeben und – wie ich finde – gut daran getan. Denn so steht „Malvita“ für sich selbst und hat – bis auf den verbindenden ironischen Tonfall und die Stilistik – einen völlig eigenen Charakter bekommen.

Ich habe versucht, mit der Lektüre den Sommer noch ein klein wenig zu verlängern und gedanklich in die Toskana zu reisen, was definitiv gelungen ist. Und so bleibe ich abschließend – trotz der gegen Ende etwas unglaubwürdigen und überzogenen Handlung – insgesamt versöhnt und zufrieden zurück.

Buchinformation:
Irene Diwiak, Malvita
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-05977-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Malvita“:

Für den Gaumen:
Zu diesem Buch passt natürlich ein Glas schöner, runder Rotwein aus der Toskana, z.B. ein wunderbarer „Morellino di Scansano“.

Zum Weiterhören:
Toskana – das ist Gianna Nannini, die in Siena geboren ist und das musikalische Aushängeschild der italienischen Urlaubsregion darstellt. Die markante, verrauchte Stimme und vor allem ihr Song „Meravigliosa creatura“ passen für mich mit dem etwas schwebenden und mystischen Sound wunderbar zu diesem Buch.

Zum Weiterschauen:
Artemisia Gentileschi, eine herausragende Persönlichkeit und eine der wenigen Frauen, die in der Barockzeit (17. Jahrhundert) als Malerin gearbeitet haben und heute noch bekannt sind, spielt im Buch eine Rolle. Die düsteren, teils blutrünstigen Bilder der Künstlerin fügen sich sehr stimmig in die dunkle Atmosphäre von Diwiaks Roman ein und mögen der Autorin auch als Inspiration gedient haben. Denn auch die wahre Biographie der Malerin liest sich wie ein Krimi.
Eins der berühmtesten Bilder Gentileschi’s „Judith und Holofernes“ hängt in den Uffizien in Florenz. Aktuell widmet die National Gallery of Art in London Artemisia Gentileschi bis Mitte Januar 2021 eine eigene Ausstellung: „Artemisia“. Da Reisen gerade schwierig ist, lohnt sich zumindest ein Blick auf die Website des Museums: https://www.nationalgallery.org.uk.

Zum Weiterlesen:
Hätte ich nicht bereits Diwiaks Debütroman „Liebwies“ gelesen, wäre ich vermutlich nicht auf „Malvita“ aufmerksam geworden. Auch der Erstling der jungen österreichischen Autorin war bereits bitterböse und zynisch und erzählt von einer Sängerin, die im Wien der Zwanziger Jahre Erfolge feiert ohne singen zu können.

Irene Diwiak, Liebwies
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24441-0