Griechische Strohhüte

Heute geht es mit meiner Europabowle oder Literarischen Europareise weiter und ich reise nach Griechenland – auf ein Landgut in der Nähe von Athen. Margarita Liberaki schrieb ihren Roman „Drei Sommer“ im Jahr 1946 – jetzt liegt 75 Jahre später zum ersten Mal eine deutsche Übersetzung von Michaela Prinzinger vor. In Griechenland war und ist dieses zeitlose literarische Werk sehr erfolgreich und gilt bereits als Klassiker.

„Es war ein süßer Schlaf, beim Erwachen kehrte ich zurück wie aus einer anderen Welt. Die Wiese strahlte, die reifen Weinbeeren hingen von der Rebe, meine Hand langte nach ihnen, und mein Mund wollte sie kosten. Von allen möglichen Welten, so sagte ich mir, war die Erde gewiss die schönste.“

(S.11)

Margarita Liberaki hat mit „Drei Sommer“ die Geschichte dreier Schwestern erzählt: Maria, Infanta und Katerina. Sie wachsen in einem kleinen ländlichen Ort in der Nähe Athens auf und der Roman beschreibt wie jede der drei auf sehr unterschiedliche Weise zur Frau heranwächst und ihren Platz im Leben sucht.

Die Ich-Erzählerin Katerina ist die Jüngste der Schwestern – in kurzem Abstand folgt sie auf Maria und Infanta.
Maria ist die Zupackende, Pragmatische, die sich nach der Liebe, der Ehe und vor allem der Mutterschaft sehnt. Sie heiratet früh und bringt schon bald einen Sohn zur Welt. Die Autorin beschreibt intensiv Schwangerschaft und Muttergefühle, sowie eine junge Ehe, die mehr Zweckgemeinschaft als leidenschaftliche Liebesheirat darstellt.

„Die größte Kraft liegt in den Dingen des Alltags verborgen.“

(S.81)

Infanta, die Mittlere der Schwestern, steht unter starkem Einfluss der Tante Tereza, die ebenfalls im Haushalt lebt, aufgrund einer prägenden Missbrauchserfahrung nie geheiratet und sich an keinen Mann gebunden hat. So schärft sie auch der Nichte ein, dass sie ohne Mann besser dran ist. Infanta schwankt zwischen Häuslichkeit – sie verbringt viel Zeit mit Handarbeiten und Stickbildern – und Freiheit, die sie vor allem auf dem Rücken ihres Pferdes findet.

Katerina ist die Freiheitsliebendste der drei und fühlt sich im Geiste mit der Großmutter verbunden, die sie nie kennengelernt hat. Denn die aus Polen stammende Großmutter wird in der Familie verteufelt und verurteilt, da sie den Großvater bereits früh mit den Kindern allein gelassen hat, als sie mit einem Musiker durchbrannte. Katerina scheint als Einzige Respekt für diese Entscheidung zu haben, verspürt einen Drang in die Ferne, um ebenfalls alles zurückzulassen. Sie möchte unabhängig bleiben, frei sein und entwickelt den Wunsch, Schriftstellerin zu werden.

„So gern würde ich beschreiben, wie die Welt aufglänzt, wenn das Licht knapp vor Sonnenuntergang auf das Gras der Wiese fällt, ihr intensives Grün und noch andere schöne Dinge, die bedauerlicherweise nicht länger existieren als der Augenblick, da ich sie erblicke.“

(S.318)

Interessant fand ich, dass bereits in den Vornamen der Schwestern ihre Charaktere anklingen: Maria die Mütterliche, Infanta die Kindliche und Unbefleckte und Katerina, bei der ich stets die Widerspenstige bei Shakespeare im Kopf hatte.

„Irgendwann verschwindet die Befangenheit bestimmt wieder, nur der Verrat wird bleiben. Dann denken wir an die Zeit zurück, als wir im Heu lagen und unsere Sehnsüchte so verflochten waren, dass sie keiner von uns allein gehörten.“

(S.192)

Die Autorin, die später auch in Paris lebte und dort Bekanntschaft mit Camus und Sartre machte, behandelt Essentielles und einschneidende Erlebnisse im Leben einer Frau. Es geht um erste Lieben und unterschiedliche Lebenskonzepte, um Freiheit und Selbstbestimmung. Liberaki zeichnet intensive Charakterstudien und beschreibt, wie jede der Schwestern eine völlig andere Erwartungshaltung an das Leben und die Liebe hat.

Die Natur und der ländliche Alltag in einem griechischen Dorf bieten den Rahmen und die flirrende Hitze des Sommers wird für den Leser spürbar. Liberaki singt ein Loblied auf Naturverbundenheit und die Schönheit im Kleinen. „Drei Sommer“ ist ein geerdetes und stilles Buch, das den Blick auf Wesentliches lenkt.

Ein Roman, der mich vor allem durch die ausdrucksstarke Sprache, die bezaubernden Naturschilderungen und die ruhige, fließende Sprachmelodie für sich eingenommen hat. In der Einfachheit liegt die Kraft und Liberaki schreibt sinnlich und ästhetisch über den griechischen Sommer und existenzielle Fragen, die sich Frauen auch heute noch stellen.

Ein Buch wie ein reicher, blühender, naturbelassener Garten – wenn man sich Zeit nimmt und genau hinschaut, gibt es viel Schönes zu entdecken. Ein leises, zartes und doch ungemein intensives Werk über Lebensfreude und die Kunst ein Leben zu leben, dem es sich lohnt zu lauschen und aufmerksam zuzuhören.

Eine weitere schöne Besprechung gibt es beim Leseschatz.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Arche Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark und Rumänien geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Margarita Liberaki, Drei Sommer
Aus dem Griechischen von Michaela Prinzinger
Arche
ISBN: 978-3-7160-2798-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Margarita Liberaki’s „Drei Sommer“:

Für den Gaumen:
Zur Erfrischung bei sommerlichen Temperaturen wird im Roman immer mal wieder Sauerkirschlimonade gereicht. Vielleicht ist dies die passende Idee für das diesjährige Sommergetränk?

Zum Weitergenießen:
Der Roman dessen griechischer Titel sich in einer wörtlichen Übersetzung auf die Strohhüte bezieht, die sich die Schwestern zu Beginn des Sommers kaufen, strahlt eine sommerliche Wärme und Ruhe aus. Warum also nicht den Strohhut aufgesetzt, hinaus in die Sonne und einfach mal den sommerlichen Geräuschen lauschen, die frische Luft genießen oder natürlich ein gutes Buch im Freien lesen.

Zum Weiterlesen:
Aus Griechenland stammten bisher zwei Literaturnobelpreisträger: Giorgos Seferis im Jahr 1963 und Odysseas Elytis im Jahr 1979 – mit beiden bin ich bisher nicht in Berührung gekommen und auch wenn ich den Blick über mein Bücherregal streifen lasse, ist die griechische Literatur im Grunde nicht vertreten. Vielleicht mag das auch daran liegen, dass das Jahr 2001, in dem Griechenland das Gastland der Frankfurter Buchmesse und daher im Fokus der Verlage war, schon 20 Jahre zurück liegt. Somit verbinde ich persönlich Griechenland stets mehr mit der altgriechischen Literatur von Homer – der Ilias und der Odyssee.

Homer, Ilias / Odyssee
Übersetzer: Johann Heinrich Voss, Hans Rupé
Anaconda
ISBN: 978-3-7306-0809-8

Nomen est omen – Malvita

Irene Diwiak, die junge österreichische Autorin (Jahrgang 1991), legt mit „Malvita“ ihren zweiten Roman vor und nimmt den Leser nicht nur mit auf eine Reise in die Toskana, sondern auch in die düstere Welt menschlicher Abgründe.

Das farbenfrohe, stimmungsvolle Umschlagbild mit den leuchtend roten Mohnblumen – dem „papavero“, der so typisch ist für die Toskana – mag so manchen Leser auf eine falsche Fährte locken, denn hinter dem Buchdeckel verbirgt sich kein „Wohlfühl-Italien-Urlaubs-Roman“, sondern ein dunkles und abgründiges Familiendrama, das fortschreitend immer mehr die Züge eines Thrillers annimmt.

Aber der Reihe nach: Worum geht es in „Malvita“?
Christina, Anfang Zwanzig, aus einfachen Verhältnissen stammend, die ihren Platz ihm Leben noch nicht gefunden hat und gerade unter Liebeskummer leidet, reist mit dem Zug in die Toskana. Die Schwester ihrer Mutter – Tante Ada – lebt dort mit ihrer Familie, welche Christina jedoch bisher noch nicht kennenlernen konnte, und hat sie kurzfristig als Fotografin für die Hochzeit ihrer Tochter Marietta engagiert. Denn die ursprünglich verpflichtete Fotografin ist verhindert. Eine Reise in die Toskana mit zusätzlichem Honorar fürs Fotografieren und eine Weile dem Liebesleid zu entfliehen, kommt der jungen Frau zunächst nicht ungelegen.

In „Malvita“ angekommen – der Ort heißt übersetzt tatsächlich „schlechtes Leben“ bzw. das italienische Wort „malavita“ bedeutet Unterwelt – staunt Christina anfangs nicht schlecht über den großen Reichtum der Familie und das hochherrschaftliche Anwesen, das einem Schloss gleicht und in dem sie sich ohne fremde Hilfe verlaufen würde. Sie fühlt sich wie ein Eindringling und Außenseiter in dieser Welt der Reichen und Schönen (die Frauen der Familie sehen aus wie Models) und schon ihre Unterbringung im Dienstbotentrakt macht ihr deutlich, dass sie mehr als Bedienstete denn als Familienmitglied angesehen und behandelt wird.

Sie erkundet Haus und Umgebung – stets kritisch beäugt und überwacht von Personal und Verwandtschaft – und lernt unter anderem auch Jordie kennen, den verzärtelten und überbehüteten Sohn der Familie. Als die beiden bei einer gemeinsamen Cabrio-Spritztour plötzlich im Bach eine Leiche finden und diese sich als die verschwundene, ursprünglich vorgesehene Fotografin Blanca entpuppt, überschlagen sich die Ereignisse. Für Christina ist es vorbei mit dem ungetrübten Urlaubsgenuss in der sonnigen Toskana. Der Aufenthalt verwandelt sich mehr und mehr in einen Alptraum und sie stößt auf menschliche Abgründe, eine verkorkste Familie und dunkle Geheimnisse, die sie sich vorher niemals hätte ausmalen können.

„Malvita“ hat mich ebenso überrascht und ein wenig überrumpelt, wie die Hauptfigur im Roman, denn auch ich hatte vor der Lektüre keine genaue Vorstellung, was mich erwartet. Eine Reise ins Ungewisse, aber vor allem auch in die wunderbare Landschaft der Toskana. Sprachlich und atmosphärisch hat mich auch dieser zweite Roman von Irene Diwiak definitiv überzeugt. Das ist flüssig-süffig zu lesen und man taucht schnell in die Geschichte ein.

Lediglich im letzten Drittel wurde mir die Handlung dann stellenweise etwas zu schräg und abgedreht und ich habe festgestellt, dass ich den drastischen und überzeichneten Plot zunehmend eher als bitterböse Satire gelesen und wahrgenommen habe. Fast als ob Diwiak das Genre der psychologischen Thriller, die sich ja einer breiten Leserschaft erfreuen, durch grotesk übertriebene Überspitzung ein wenig auf die Schippe nehmen möchte.

Stark fand ich hingegen die Bezüge zur Unterwelt und auch zur Kunst Artemisia Gentileschi’s, die sich die Hauptfigur des Romans in den Uffizien in Florenz ansieht und von welchen eine dunkle Faszination ausgeht.

„Das ist einfach so“, sagte sie, „Frauen werden vergessen, wenn sie sterben. Manchmal auch davor.“

(S.134)

„Malvita“ ist ein Roman über eine Familie am Abgrund und vor allem über starke und rachsüchtige Frauen. Verglichen mit ihrem Debütroman „Liebwies“ hat sich Diwiak zeitlich und räumlich auf völlig anderes Terrain begeben und – wie ich finde – gut daran getan. Denn so steht „Malvita“ für sich selbst und hat – bis auf den verbindenden ironischen Tonfall und die Stilistik – einen völlig eigenen Charakter bekommen.

Ich habe versucht, mit der Lektüre den Sommer noch ein klein wenig zu verlängern und gedanklich in die Toskana zu reisen, was definitiv gelungen ist. Und so bleibe ich abschließend – trotz der gegen Ende etwas unglaubwürdigen und überzogenen Handlung – insgesamt versöhnt und zufrieden zurück.

Buchinformation:
Irene Diwiak, Malvita
Zsolnay
ISBN: 978-3-552-05977-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Malvita“:

Für den Gaumen:
Zu diesem Buch passt natürlich ein Glas schöner, runder Rotwein aus der Toskana, z.B. ein wunderbarer „Morellino di Scansano“.

Zum Weiterhören:
Toskana – das ist Gianna Nannini, die in Siena geboren ist und das musikalische Aushängeschild der italienischen Urlaubsregion darstellt. Die markante, verrauchte Stimme und vor allem ihr Song „Meravigliosa creatura“ passen für mich mit dem etwas schwebenden und mystischen Sound wunderbar zu diesem Buch.

Zum Weiterschauen:
Artemisia Gentileschi, eine herausragende Persönlichkeit und eine der wenigen Frauen, die in der Barockzeit (17. Jahrhundert) als Malerin gearbeitet haben und heute noch bekannt sind, spielt im Buch eine Rolle. Die düsteren, teils blutrünstigen Bilder der Künstlerin fügen sich sehr stimmig in die dunkle Atmosphäre von Diwiaks Roman ein und mögen der Autorin auch als Inspiration gedient haben. Denn auch die wahre Biographie der Malerin liest sich wie ein Krimi.
Eins der berühmtesten Bilder Gentileschi’s „Judith und Holofernes“ hängt in den Uffizien in Florenz. Aktuell widmet die National Gallery of Art in London Artemisia Gentileschi bis Mitte Januar 2021 eine eigene Ausstellung: „Artemisia“. Da Reisen gerade schwierig ist, lohnt sich zumindest ein Blick auf die Website des Museums: https://www.nationalgallery.org.uk.

Zum Weiterlesen:
Hätte ich nicht bereits Diwiaks Debütroman „Liebwies“ gelesen, wäre ich vermutlich nicht auf „Malvita“ aufmerksam geworden. Auch der Erstling der jungen österreichischen Autorin war bereits bitterböse und zynisch und erzählt von einer Sängerin, die im Wien der Zwanziger Jahre Erfolge feiert ohne singen zu können.

Irene Diwiak, Liebwies
Diogenes
ISBN: 978-3-257-24441-0