Landshuter Burgtheater

Ein kalter Winterabend im Advent – jeden Moment könnte es zu schneien beginnen – und man spaziert durch den Wehrgang hinauf zur Burg Trausnitz – dem Wahrzeichen Landshuts. Ein voller Mond am Himmel, unten in der Stadt strahlt die Weihnachtsbeleuchtung. Man betritt den Innenhof der Burg und ist sofort in der richtigen Stimmung für ein grandioses und ganz besonderes Theatererlebnis: „Oliver Twist“ von Charles Dickens – die berühmte Geschichte um den Waisenjungen, der in die Fänge einer Verbrecherbande gerät. Gespielt von Kindern und Jugendlichen aus Landshuter Stadtteilen, die im Rahmen des sozialen Kulturprojekts „Hoffnung in Bewegung“ des Vereins „Wir für Landshut e.V.“ die Möglichkeit bekommen haben, in einer hochprofessionellen und aufwändigen Produktion gemeinsam mit Schauspielern der drei Landshuter Amateurtheater (Theater Nikola, Theater Konrad und dem Hofberg-Theater), welche die Erwachsenenrollen übernehmen, auf der Bühne zu stehen. Ein in jeder Hinsicht herausragendes Projekt, das mit viel Engagement, Enthusiasmus und großer Liebe zum Detail von zahlreichen Ehrenamtlichen realisiert wurde, das höchsten Respekt verdient und zudem wunderbar anzusehen ist.

„Da sah man wieder, wie wahr das Wort ist, daß Kleider Leute machen: bisher in ein Tuch gehüllt und in sonst nichts, hätte Oliver ebensogut das Kind eines Adeligen wie das eines Bettlers sein können, aber jetzt, wo er in dem alten Kattunsteckkissen untergebracht war, dessen Farbe in langjährigem Dienst zu einem häßlichen Gelb verschossen war, sah man ihm sofort das Waisenkind des Arbeitshauses an, das nur dazu da war, durch die Welt geknufft zu werden, verspottet und verachtet von jedermann und von niemand bemitleidet.“

(S.11)

Für mich war der Theaterbesuch ein schöner Anlass, davor den Romanklassiker von Charles Dickens aus dem Jahr 1838 in der Übersetzung von Gustav Meyrink (1868-1932) zu lesen, um mich auf die Geschichte einzustimmen.

Über die Handlung muss man vermutlich nicht viel erzählen: der junge Oliver Twist wächst als Waisenkind – seine Mutter ist bei der Geburt verstorben, der Vater ist unbekannt – in einem Armenhaus auf. Dort geht es rau zu, die Kinder hungern und werden vom gewissenlosen, gewalttätigen Vorsteher Mr. Bumble (im Stück poltrig gespielt von Rudolf Karl) so früh wie möglich an Arbeitsstellen vermittelt. Oliver landet zunächst beim Sargmacher Mr. Sowerberry (alias Gerhard Daniel), wird dort jedoch vom anderen Gehilfen Noah Claypole (Jakob Anzeneder) gnadenlos gemobbt und letztlich hinausgeekelt. Oliver flieht nach London, um dort sein Glück zu suchen und gerät in die Fänge von Fagin und seiner Kinderbande, die sich mit Taschendiebstählen und Gaunereien über Wasser halten.

Als ein Raubzug der Bande schiefläuft und die Polizei (Florian Leitl gibt den Polizisten Jenkins sehr überzeugend) Oliver fälschlicherweise festnimmt, scheint sein Leben eine gute Wendung zu nehmen, denn der bestohlene Gentleman Mr. Brownlow nimmt ihn – als sich Olivers Unschuld herausstellt – bei sich auf.
Doch Fagin hat größtes Interesse, den Jungen zurück zu bekommen und schickt die Dirne Nancy (Sarah Donius) los, um ihn zurückzuholen und so gibt es noch einige überraschende Wendungen bis zum großen Happy End.

Dickens prangerte in seinem Roman soziale Missstände seiner Zeit an und auch heute sind in „Oliver Twist“ noch viele brisante und hochaktuelle Themen zu finden, die leider nichts an Bedeutung verloren haben: Mobbing, das Abdriften in falsche Kreise und unter schlechten Einfluss zu geraten, Gewalt an Kindern, Scheinheiligkeit, Einsamkeit und Armut. Und ganz klar lässt sich doch auch die Moral herauslesen, dass es sich am Ende lohnt, redlich und ehrlich zu bleiben und dass das Gute letztlich siegt.

Die Rollen der Kinder und Jugendlichen sind in Landshut doppelt besetzt. Ich durfte als Oliver Twist Vincent Kaiser erleben, der einem sofort ans Herz wächst und all die Höhen und Tiefen bzw. Wendungen, die sich schon in seinem Namen „Twist“ verbergen mit großer Lebendigkeit und viel Gefühl auf die Bühne bringt.

Reinhart Hoffmann als charismatischer Bandenchef kann sich nun auf Augenhöhe einreihen in eine so namhafte Riege der Fagin-Darsteller wie Alec Guiness (1948), Richard Dreyfuss (1997) oder Ben Kingsley (2005) – und es ist angenehm zu sehen, dass sich seine Interpretation der Rolle vollkommen von den antisemitischen Zügen, die in Dickens ursprünglicher Figurenzeichnung im Roman leider deutlich herauszulesen sind, unterscheidet.
Fagin als erbarmungsloser Chef, der seine Untergebenen Charley Bates (Maya Finger), Jack Dawkins (den überzeugend düster-durchtriebenen Bösewicht gibt Korbindian Greindl) und die restliche Kinderbande mit unerbittlicher Härte steuert, darf in der Landshuter Inszenierung auch Momente der Schwäche, Nachdenklichkeit und des Scheiterns zeigen – denn seine Pläne werden immer wieder durchkreuzt und letztlich bleibt auch er ein durch Gier und von außen – in Gestalt des mysteriösen Monks (alias Leon Kaunzinger) – Getriebener.

„In jedem guten Melodrama wechseln auf der Bühne komische und tragische Dinge so regelmäßig miteinander wie die roten und weißen Schichten eines speckdurchwachsenen Schinkens.“

(S.101)

Für witzige, leichte Momente sorgt das Funken sprühende Zusammenspiel zwischen der guten Seele des Stücks bzw. dem gütigen Grandseigneur Mr. Brownlow (Heinrich Wannisch) und dem herrlich steifen, britisch-komödiantischen Butler Giles (mit genialer stiff upper lip: Ludwig Götz). Gemeinsam mit Mrs. Maylie (mütterlich-würdevoll und mit dem Herz am rechten Fleck gespielt von Petra Woidy-Kellner) verkörpern sie die helle Seite der Geschichte.

Leider ist es mir nicht möglich, alle Darstellerinnen und Darsteller hier namentlich aufzuzählen und zu würdigen, obwohl es jeder und jede Einzelne wirklich verdient hätte. Es ist wunderbar, die Spielfreude und das Glitzern in den Augen der Kinder und Jugendlichen – und natürlich auch der Erwachsenen – auf der Bühne zu sehen, die in aufwändigen und herrlichen historischen Kostümen (für die Sabine Hoffmann und Monika Barstorfer verantwortlich zeichnen) im eindrucksvollen Bühnenbild (gestaltet vom Landshuter Künstler Michael Lange) und unter der Regie von Thomas Ecker und der Regieassistentin Patrizia Bauer großartige schauspielerische Leistungen zeigen.

Durch geschickte Regie, ein gutes Licht- und Bühnenkonzept, schnelle Umbauten und musikalische Untermalung ist es dem Team gelungen – trotz der räumlichen Restriktionen des historischen Raumes – ein stimmungsvolles und zauberhaftes Theaterstück in den ehrwürdigen, weißen Saal der Burg zu zaubern.

„Zu einer harten dicken Kruste gefroren lag der Schnee. In tausend Wirbeln drehten sich die Flocken und zerstoben in der Luft. Es war trüb, finster und grimmig kalt und so recht eine Nacht für Leute, die ein gutes Dach über den Häuptern haben und eine reichliche Mahlzeit. Da setzen sie sich dann um das helle Kaminfeuer und danken dem lieben Gott, daß er ihnen ein Heim gegeben hat und dem Obdachlosen, Hungrigen eine Nacht, um sich hinzulegen und zu sterben.“

(S.136)

Und auch wenn der Schnee an diesem Abend in Landshut noch auf sich warten lässt, so erfüllt einen auch dieser Theaterabend mit einer tiefen Dankbarkeit, diesen schönen Moment mit den leidenschaftlichen und sichtlich glücklichen, kleinen und großen Schauspielerinnen und Schauspielern auf der Bühne teilen zu dürfen und wenn am Ende beim großen Schlussapplaus alle gemeinsam auf der Bühne feierlich das berühmte „Auld Lang Syne“ anstimmen, dann kann auch im Publikum das eine oder andere Tränchen der Rührung rollen.

Es war ein vorgezogenes Weihnachtsgeschenk und ein zauberhafter Theaterabend – wenn in meinem Fall auch „nur“ die öffentliche Generalprobe – und ich wünsche allen Mitwirkenden von ganzem Herzen viel Freude und Erfolg bei allen weiteren Aufführungen. Toi, toi, toi und hoffentlich einen stets gut gefüllten weißen Saal! Es gibt noch Karten und ich kann das Stück jeder und jedem wärmstens ans Herz legen und raten, unbedingt die Chance zu nutzen, es zu besuchen (in diesem Fall unbezahlte Werbung aus tiefster Überzeugung).

Die OrganisatorInnen wollten – gerade auch mit der Stückauswahl – einen Lichtblick und Hoffnungsschimmer in dunklen Zeiten geben für Kinder und Jugendliche, aber auch für die Kulturszene. Das ist diesem großartigen Projekt zweifelsohne gelungen und so bleibt zu hoffen, dass sich die im Programmheft formulierte Vision, „eine feste Kulturreihe auf der Burg Trausnitz mit den Kindern und Jugendlichen, sowie den Theatervereinen und weiteren Künstlern zu etablieren“ verwirklichen lässt.

Gesehen am 08. Dezember 2022 im Weißen Saal der Burg Trausnitz in Landshut

Oliver Twist“ ist bis zum 15.12.22 noch an einigen Terminen in Landshut auf der Burg Trausnitz zu sehen. Genaue Daten und weitere Details findet man jederzeit auf der Homepage von „WIR für Landshut e.V.“.

Mit diesem Buch habe ich den vorletzten Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 1) auf der Liste: Ich möchte einen Klassiker lesen. Wie so oft habe ich festgestellt, dass man bei vorheriger Lektüre des Werks noch mehr von der anschließenden Theateraufführung hat. Auch bei „Oliver Twist“ erging es mir so – es ist spannend, Buch und Stück (das natürlich mit gewissen Kürzungen arbeiten muss) zu vergleichen.

Buchinformation (zu meiner älteren Ausgabe):
Charles Dickens, Oliver Twist
Deutsch von Gustav Meyrink
Diogenes
ISBN: 3-257-21035-3

***

Wozu inspirierte mich bzw. woran erinnerte mich „Oliver Twist“:

Für den Gaumen:
Während es im Landshuter Burginnenhof mit Glühweinbewirtung doch traditionell weihnachtlich zugeht, sind Speis und Trank in „Oliver Twist“ zwar eher britisch angehaucht, aber auch wärmend: mit Genevre (S.14)einem Wacholderschnaps zur Herzstärkung von Mr. Bumble – einem „Schälchen Tee“ (S.136) für Mrs. Cornay oder einem „Teller schöne kräftige Fleischbrühe“ mit „geröstete(n) Semmelschnitten“ (S.71) zur Stärkung von Oliver Twist.

Zum Weiterhören:
Es gibt auch eine Musical-Version namens „Oliver!“ des britischen Komponisten Lionel Bart aus dem Jahr 1960, die viele Jahre erfolgreich im Londoner West End lief. Persönlich habe ich diese leider noch nicht gesehen, aber schon das erste Reinhören macht Laune.

Zum Weiterlesen:
Bald ist Weihnachten und daher bietet es sich an, ein weiteres sehr bekanntes Werk von Charles Dickens zur Hand zu nehmen: „A Christmas Carol“ bzw. „Eine Weihnachtsgeschichte“ – der Klassiker mit Geizhals Ebenezer Scrooge und den Weihnachtsgeistern.

Charles Dickens, Eine Weihnachtsgeschichte
Aus dem Englischen übersetzt von Curt Noch
Dressler Verlag
ISBN: 978-3-7915-0161-1

4 Kommentare zu „Landshuter Burgtheater

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