Symphonie in Grün

Meine Lektüre von Karin Kalisas „Fischers Frau“ liegt zwar schon eine Weile zurück und doch möchte ich die Gelegenheit noch nutzen, den Roman hier auf der Kulturbowle vorzustellen, da er es in meinen Augen unbedingt verdient hat, vorgestellt zu werden. Ein feines, poetisches Buch, das die Leserschaft nicht nur abtauchen lässt in ein interessantes Kapitel der deutschen Geschichte, sondern unter der Oberfläche auch tiefgründige psychologische Aspekte verbirgt. Zudem entführt die Autorin an schöne, teils maritime Schauplätze an der Ostsee – z.B. nach Greifswald oder Stralsund – oder aber auch nach Zagreb.

Mia Sund arbeitet als Kuratorin an einem Greifswalder Museum und ist Expertin für Textilien, unter anderem für Teppiche. Als sie ein ganz besonderes Exemplar eines Fischerteppichs zur Begutachtung bekommt, beginnt eine interessante Forschungsreise, um den Wurzeln des Teppichs auf den Grund zu gehen, aber letztlich auch sich selbst näher zu kommen.

„Was wussten die von der Schönheit und Wärme jener Abende unter Gauklern und Gestrandeten? Was von einer Fälscherwelt, in der wahrhaftige Menschen mit echten Gefühlen einander besser zu schützen wussten als die meisten Leute einander in einer Welt, in der es ihrer Meinung nach mit rechten Dingen zuging.“

(S.24)

Denn Mias Lebensweg war bisher alles andere als geradlinig und hat bisher bereits einige Untiefen bereit gehalten. Aufgewachsen auf einem Hippie-Hof, umgeben von Menschen, die es mit der Legalität und Wahrheit nicht immer allzu genau genommen haben – Fluchten, wechselnde Wohnorte, Mia ist von klein auf entwurzelt, erfüllt von innerer Unruhe und stets auf dem Sprung.

„Ich denke darüber nach, dass das, was nicht echt ist, noch lange nicht falsch sein muss.“

(S.240)

Im Roman erfährt der Leser von der Geschichte der pommerschen Fischerteppiche – auch Freester Fischerteppiche genannt:
Als während der Weimarer Republik in den späten Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein dreijähriges Fangverbot für die Fischer an der Ostsee verhängt wird, kommt es zu einem interessanten Projekt, um die Fischer und ihre Familien in Lohn und Brot zu halten: sie werden vom österreichischen Textilexperten Rudolf Stundl darin geschult, Teppiche zu weben und zu knüpfen. So entstanden Teppiche in besonderen Farben und mit völlig eigenen, maritimen Motiven (Wellen, Möwen, Schwänen und natürlich Fischen).
Die Tradition der pommerschen Teppichproduktion wurde auch während der DDR-Zeit bis 1990 aufrechterhalten. Heute sind einige Teppiche als Exponate unter anderem in Museen in Wolgast oder Greifswald zu besichtigen.

Im Roman gibt dieser eine, sehr besondere Teppich Mia jedoch Rätsel auf, denn er sticht aufgrund seiner außergewöhnlichen Farben – einer „Symphonie von Grün“ (S.28) aus dem üblichen Schema der pommerschen Fischerteppiche heraus. Schließlich macht sie sich auf die Suche nach der Herkunft dieses besonderen Meisterwerks.
Kalisa webt selbst eine wunderbare Geschichte und spielt kunstvoll mit Farben, Stimmungen und sprachlichen Bildern – so dass der Roman auch stilistisch herrlich fließend zu lesen ist. Ein Sinnes- und Farbenrausch, der Freude macht und ein sehr schönes Gesamtbild entstehen lässt.

„Wie das Meer, schätze ich – das Meer bei wechselndem Licht. Wie wenn man Licht und Wasser miteinander verknüpfen würde. Licht der eine, Wasser der andere Faden. Alles in Bewegung. Und dazwischen die Fische.“

(S.245)

Die Hauptfigur mit dem sprechenden Namen Mia Sund, ist ein vielschichtiger, spannender Charakter, der während der Lektüre zunächst rätselhaft anmutet und erst Stück für Stück oder Seite für Seite einige Geheimnisse enthüllt.

„Fischers Frau“ ist ein Roman über Heimat, und was es bedeutet, bei sich selbst anzukommen und spielt zudem gekonnt mit dem Kontrast zwischen Fälschung und Original, zwischen Lüge und Wahrheit.
Kalisa hat einen im wahrsten Sinne des Wortes tollen Stoff zu einer raffinierten Erzählung verwoben. „Fischers Frau“ handelt vom Teppichknüpfen und Geschichten erzählen und verankert die „Perser der Ostsee“, bzw. die pommerschen Fischerteppiche gleichsam literarisch in der deutschen Zeitgeschichte und dem Gedächtnis der Leser. Intelligent, feinsinnig und stimmig erzählt ohne ausufernd zu sein.
Literatur, die einen an andere Orte und in andere Zeiten reisen lässt, auf unterhaltsame Weise Geschichte vermittelt und auch sprachlich ansprechend ist – Leserherz, was willst Du mehr. Wer auf der Suche nach passender Lektüre für den nächsten Ostseeurlaub ist, sollte sich den Titel zweifelsohne getrost auf die Merkliste setzen.

Buchinformation:
Karin Kalisa, Fischers Frau
Droemer
ISBN: 978-3-426-28209-0


Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Karin Kalisas „Fischers Frau“:

Für den Gaumen (I):
In Zagreb bekommt Mia unter anderem Burek zu essen:


„ein Gebäck, so leicht, knusprig und herzhaft, dass es ihr wie ein Wunderwerk erschien, feilgeboten am Straßenrand.“

(s.108)


Und sie wird von einem Mann bekocht:

Salat gab es, mit frittierten Salbeiblättern und marinierten Walnüssen. Knödel mit frischem Spinat. Eine Flasche dalmatinischen Wein dazu.“

(S.133)

Zum Weiterhören:
Mia ist ein Fan katalanischer Musik aus der Renaissancezeit von Luys Milan für Vihuela (eine Kastenhalslaute aus dem 15./16. Jahrhundert):

„Über fünfhundert Jahre alt und doch so gegenwärtig, als habe er die Töne gerade eben erst gesetzt und die Saiten gestimmt. Für sie. Um ihr zu hören zu geben, wie betörend behutsam, wie zärtlich und zart die Welt sein konnte.“

(S.39)

Zum Weiterlesen:
„Fischers Frau“ hat mir definitiv Lust darauf gemacht, noch weitere Bücher von Karin Kalisa zu entdecken. „Bergsalz“ liegt schon bei mir zu Hause bereit, mal sehen, wann dann der richtige Moment dafür kommen wird, um mich von der Autorin in die Allgäuer Bergwelt entführen zu lassen.

Karin Kalisa, Bergsalz
Droemer
ISBN: 978-3-426-28208-3

9 Kommentare zu „Symphonie in Grün

  1. … wie oft bin ich schon an der Ostsee, zur Ostsee hin geradelt. Noch nie habe ich von den Fischerteppichen gehört. Also wird die Lektüre von „Fischers Frau“ zum Leseprogramm der nächsten Wochen gehören. Danke für diese Beschreibung, die spontan in mir Leselust erweckt. All the best – Dietmar

    Gefällt 1 Person

    1. Danke, Pega. Ja, die Sprache ist wirklich sinnlich und macht Lust auf mehr. Daher freue ich mich schon auf „Bergsalz“ – jetzt ein Winterausflug in die Berge, wenn auch nur literarisch vom Lesesessel aus – ist definitiv reizvoll… Herzliche Grüße und eine schöne Advents- und Weihnachtszeit! Barbara

      Gefällt 2 Personen

  2. Erneut eine spannende Geschichte, Barbara, die Du vorstellst.
    Wie kam es denn dazu, dass „in den späten Zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts ein dreijähriges Fangverbot für die Fischer an der Ostsee“ verhängt wurde? Gab es damals bereits Überfischung oder eine andere Bewandnis?
    Werde Deinen weiterführenden Link nachsehen …
    Guten 4. Advent wünscht Dir
    Bernd

    Gefällt 2 Personen

    1. Lieber Bernd,
      So wie ich es im Netz nachgelesen habe, erließ die Regierung der Weimarer Republik wohl 1928 ein dreijähriges Fangverbot aufgrund der dezimierten Heringsbestände.
      Ich mag Bücher, die wahre Geschehnisse aufgreifen und gleichsam „Geschichte erzählen“ – das ist der Autorin hier in Kombination mit einer Handlung im Hier und Jetzt sehr gut gelungen, wie ich finde.
      Dir auch einen schönen, weiß-verschneiten und ruhigen 4. Advent!
      Herzliche Grüße, Barbara

      Gefällt 2 Personen

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