Wirbelnde Waldfee

Geistreich und Wandel“: was klingt wie ein Motto oder Wunschgedanke für das neue Jahr 2023 – denn auch hier wünscht man sich Wandel und geistreiche Lösungen – ist der außergewöhnlich kreative Debütroman der Grazer Autorin Rike Springer.

Doch was verbirgt sich hinter diesem Titel, der sofort zum Nachdenken anregt und wie auch der Roman selbst viel Raum für Interpretation lässt?
Nach der Lektüre stellte ich mir die Frage: Ist mit Geistreich vielleicht gar nicht die Eigenschaft, sondern vielmehr ein Geist(er)reich gemeint? Denn Springer wechselt zwischen realen Szenen und Traumsequenzen – da tauchen Waldgeister und Waldfeen auf und nicht alles lässt sich mit dem Verstand begreifen.

Aber der Reihe nach. Worum geht es im Roman?
Die Erzählerin, die nie mit ihrem Namen genannt wird, lernt einen Musiker, genau genommen einen Flötenspieler kennen. Schnell wird klar, dass beide bereits große Lieben in ihrem Leben auf tragische Weise verloren haben. Die Frau versucht, den Künstler auf ihre Weise aus seiner Trauer und Resignation zu reißen, was sich jedoch deutlich schwerer gestaltet, als zunächst angenommen. Doch sie, die selbst nicht frei von Problemen und Sorgen ist, gibt nicht auf und sucht beständig den Kontakt, versucht aufzumuntern, zu motivieren, eine neue, positive Lebenseinstellung zu transportieren.

„Und das Leben besteht nun einmal aus einer Aneinanderreihung von Geschichten, und sie sind ein Geschenk. Du kannst entscheiden. Füll dir dein Leben voll damit oder sitz nur herum und iss Pommes. Befülle dein Leben mit Unsinn und allem Magischen, das vor dir liegt! Warum sollte man das auch nicht tun? Unsinn ist ein Vergnügen, das nichts kostet.“

(S.93/94)

In intensiven Träumen, die ebenfalls geschildert werden, versucht ihr Unterbewusstsein, ihr weitere Botschaften zu vermitteln.

Zudem eröffnen sich ihr nach und nach – während der Hauch einer Liebesgeschichte an ihr vorbeistreicht – auch Einsichten und Erkenntnisse über ihr eigenes Leben:

„Sie bemerkte, dass sie einem Lebensabschnitt entwachsen war, als sie damit aufgehört hatte, ihr Leben immerzu mit dem anderer zu vergleichen. Eines Tages hatte sie keine Lust mehr gehabt, irgendjemanden zu bewundern. Sie fand Begegnungen mit Menschen und deren Ecken und Kanten weitaus interessanter.“

(S.7)

Sprachlich kann man stellenweise eine österreichische Färbung herauslesen, was ich persönlich sehr mag. Springer spielt mit Worten und Formulierungen – auch hier beweist sie große Kreativität und eine auf positive Art frech-verschmitzte Lust am Fabulieren.

Die Autorin schreibt über Menschenfreunde und Lustmenschen ebenso wie über den Sinn des Lebens. Aber auch über die schönen Künste und ihre heilsame Wirkung, wobei sie hier viele Disziplinen, d.h. Musik, Museen, Ausstellungen und Theaterbesuche mit einfließen lässt.
Sie arbeitet mit schnellen Szenenwechseln, die hin- und herspringen zwischen den realen Treffen mit dem Flötenspieler oder ihrem Lieblingsmensch und den Traumsequenzen, welche sie ihre Hauptfigur durchleben lässt.

„Wer lustvoll lebt und sinnlich, steht zumindest mit sich selbst in Beziehung. Und nur so kann man in Verbindung stehen mit sich und der Welt. Und nur so kann man sich spüren. Und nur so kann man die Not und das Leid anderer spüren.“

(S.103)

So schwebt der Roman gleichsam zwischen Wachen und Träumen.
Wald, Berge, Unterwelt – auch die Schauplätze wechseln beständig.
Es ist ein wirbelnder, wilder Tanz voller Fantasie und sprudelnder Kreativität. Ein Roman über die Macht der Musik, über die Magie von Kunst und darüber, dass Kultur in jeglicher Ausprägung ein Sprachrohr sein kann, eine Möglichkeit, sich künstlerisch zu artikulieren und das Unsagbare zum Ausdruck zu bringen.

„Ein Traum war eine Richtschnur, die unverfälschteste und reinste Geschichte, die einem das Unterbewusstsein erzählte. Er machte einem nie etwas vor. Träume erzählen und erzählen, bis man aufhört sich selbst etwas vorzumachen.“

(S.40)

Der Roman selbst gleicht einem überbordenden, intensiven Traum: Nicht alles lässt sich inhaltlich vollumfänglich verstehen und durchdringen.
Rike Springers Buch ist verspielt, märchenhaft sowie leicht und schwer zugleich – doch immer durchdrungen von einer tiefen Empathie.
Sie lässt der Leserschaft viel Raum für persönliche Interpretation und hat ein kunstvolles, schwebendes und sehr sinnliches Werk geschaffen, das den Leser aus der Reserve lockt – wie die namenlose Frau den Flötenspieler – und zum Nachdenken anregt.

Der Autorin, die im richtigen Leben Kinder mit und ohne Behinderung betreut, ist ein erfrischend unkonventioneller und ungewöhnlicher Blick auf die Welt und das Leben und somit ein Roman mit ganz eigenem Charakter gelungen, den man in dieser Form so noch nicht gelesen hat. Eine Entdeckung für kunstsinnige, kreative und kulturliebende Menschen, die mit offenen Augen in die Welt blicken, sich ihre Neugier bewahrt haben und bereit sind, sich auch einmal abseits von ausgetretenen Literaturpfaden zu bewegen.

Mit Rike Springers „Geistreich und Wandel“ habe ich einen ersten Punkt meiner „23 für 2023“ erfüllt – Punkt Nummer 21) auf der Liste: Ich möchte einen Debütroman lesen. Der Grazer Autorin, die mit ihrem Roman auch auf der Liste der eingereichten Titel für „Das Debüt 2022“ stand, ist ein außergewöhnlicher und kreativer Erstling gelungen.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Mirabilis Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Rike Springer, Geistreich und Wandel
Mirabilis Verlag
ISBN: 978-3-947857-16-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Rike Springers „Geistreich und Wandel“:

Für den Gaumen:
Während bei einem Frühstück im Kaffeehaus „ein Schnittblauchbrot, weiches Ei im Glas“ (S.44) und ein Milchkaffee bestellt wird, gibt es bei einem Theaterbesuch im Foyer „Waldmeisterbowle“ (S.145) – kein Wunder, dass sich die Autorin damit bei mir gleich noch zusätzliche Sympathien erschreibt.

Zum Weiterhören:
Und auch die musikalischen Anklänge sind nach meinem Geschmack, denn Ottorino Respighis „Pini die Roma“ schätze ich ebenfalls sehr. Die Heldin des Romans empfindet diese gar als „orgasmische Musik“ (S.30)

Zum Weiterlesen:
Im Roman landet Milan Kunderas Klassiker „Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins“ auf einem Weihnachtswunschzettel. Bei mir steht dieser schon seit vielen, vielen Jahren – um nicht Jahrzehnte zu schreiben – im Regal und auch meine Lektüre liegt schon lange zurück:

Milan Kundera, Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins
Übersetzt von Susanna Roth
Fischer
ISBN: 978-3596259922

5 Kommentare zu „Wirbelnde Waldfee

  1. Dies macht schon neugierig, was aus der Erzählerin und dem Flötisten werden wird? Und was hat es mit den Waldgeistern und Feen auf sich? Liebe Barbara, vielen Dank für die Vorstellung mit erlesenen Zitaten und schöne Grüße
    Bernd

    Gefällt 1 Person

    1. Sehr gern geschehen, Bernd. Schön, wenn ich neugierig machen konnte.
      Das Buch lädt wirklich dazu ein, entdeckt zu werden, denn vermutlich wird jede und jeder darin etwas anderes lesen und entdecken. Somit spiegelt die Autorin auch in literarischer Hinsicht sehr gut die Aussage wider, dass Kunst und Kultur eine Form des persönlichen Ausdrucks, aber auch in der Rezeption und Interpretation sehr individuell sein können.
      Herzlichen Grüße und eine guten restliche Woche! Barbara

      Gefällt 1 Person

  2. „Sie bemerkte, dass sie einem Lebensabschnitt entwachsen war, als sie damit aufgehört hatte, ihr Leben immerzu mit dem anderer zu vergleichen. Eines Tages hatte sie keine Lust mehr gehabt, irgendjemanden zu bewundern. Sie fand Begegnungen mit Menschen und deren Ecken und Kanten weitaus interessanter.“ Ach, gäbe es doch mehr Menschen, die sich in diese Richtung orientieren. Die gesamten „Influencer“ und ähnliche Phänomene blieben uns erspart

    Gefällt 2 Personen

    1. Ich finde, dass dieses Zitat die Selbstreflexion und Entwicklung der Hauptfigur im Roman sehr schön einfängt, daher war mir schnell klar, dass es Eingang in meine Rezension finden wird. Es freut mich, wenn es auch Dich angesprochen hat. Herzliche Grüße!

      Gefällt 1 Person

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