Eine Nacht im Museum

Wer meine Neujahrsbowle bzw. meinen Jahresrückblick gelesen hat, hat vielleicht gemerkt, dass noch eine Rezension meiner Jahresglanzlichter fehlt. Das muss natürlich schleunigst geändert werden. Denn da dachte ich, das Lesejahr 2022 ist schon so gut wie gelaufen und dann halte ich auf einmal dieses Buch in den Händen und lese es in einem Rutsch an einem Sonntagnachmittag und bin verzaubert: Leïla Slimanis „Der Duft der Blumen bei Nacht“ hat in mir etwas zum Klingen gebracht und ist eine feine, kleine Lektüre (mit gerade einmal knapp 160 Seiten), die sprachlich begeistert und interessante Gedanken aufwirft.

Die französisch-marokkanische Erfolgsautorin – preisgekrönt unter anderem mit dem renommierten Prix Goncourt – erhält das Angebot, eine Nacht alleine im Museum Punta della Dogana in Venedig zu verbringen.

„An bestimmten Orten, an mit Worten, mit Bedeutungen gesättigten Orten, an denen man sich gedrängt fühlt, dieses oder jenes zu empfinden, ist Schweigen die beste Abwehr. In diesem Gemütszustand durchquere ich Venedig. Eine tiefstehende orange Sonne bringt die Fassaden der Palazzi zum Leuchten. Schweigend laufe ich durch die Stadt, nehme sie einfach nur in mich auf.“

(S.37/38)

Im Buch erzählt sie von ihrer Reise in die Serenissima, dieser außergewöhnlichen Erfahrung und den Gedanken, die sie an diesem besonderen Ort – einem ehemaligen Zollgebäude, an welchem sich in der Handelsstadt einst Orient und Okzident begegneten – beschäftigen.

Wie nimmt sie diese Ausnahmesituation wahr, nachts das Museum alleine für sich zu haben?
Gleich ihrem Leben, das sich zwischen zwei Ländern und Kulturkreisen abspielt, scheint auch die Abgeschlossenheit des nächtlichen Museums einer Zwischenwelt mit ganz besonderer Atmosphäre zu gleichen. Es hat nahezu etwas Klösterliches, Slimani wird im Museum eingeschlossen und begibt sich gleichsam in Klausur – sie ist alleine mit den Kunstwerken und ihren Gedanken.

„Mein gesamtes Dasein ist zerrissen zwischen dem Wunsch, in Ruhe in meinem Zimmer zu bleiben, und der Lust, mich zu amüsieren, immerzu, Menschen zu begegnen, mich zu vergessen. Ich möchte mich gleichzeitig beherrschen, ruhig verhalten, und mich meinem momentanen Gemütszustand, meinem bisherigen Leben entreißen und durch Bewegung meine Freiheit erobern.“

(S.26)

Sie erzählt vom Schreiben und der Herausforderung Schriftstellerin zu sein. Sie berichtet von ihrer Beziehung zur Kunst, von Träumen, Sehnsüchten und dem Bedürfnis nach Ruhe, Einsamkeit und Rückzug. Es sind kluge, philosophische Gedanken durchdrungen vom Wunsch nach Freiheit, welche die Autorin aus dieser besonderen, nächtlichen Erfahrung heraus zu Papier bringt.

Leïla bedeutet übersetzt „Nacht“ und so scheint schon im Vornamen der Autorin eine besondere Bestimmung zu liegen. Die Art und Weise, auf welche sie den betörenden Duft des Nachtjasmins beschreibt, hat etwas Magisches.

„Die Nacht, Territorium des sich Neu-Erfindens, der geflüsterten Gebete, der erotischen Leidenschaften. Die Nacht, ein Ort an dem den Utopien der Duft des Möglichen anhaftet, wir den Zwängen des Realen und des Trivialen scheinbar nicht mehr unterliegen. Die Nacht, Gefilde der Träume, wo man entdeckt, dass man tief in seinem Herzen eine Vielzahl an Stimmen und unendlich viele Welten birgt.“

(S.145)

Die Lektüre gleicht einem intensiven und zum Nachdenken anregenden Traum.
Sprachlich ist das Buch ein Genuss, denn Slimani schreibt unvergleichlich präzise, kristallklar und zugleich kunstvoll. Es ist ein echtes Vergnügen, sich ihren Formulierungen hinzugeben und ich bin mit dem Notieren von bemerkens- und zitierenswerten Textstellen kaum noch nachgekommen. Es ist mir daher dieses Mal besonders schwer gefallen, mich für die Zitate in dieser Rezension zu entscheiden, so dass diese vielleicht auch ausnahmsweise besonders umfangreich ausgefallen sind. Ich konnte einfach nicht widerstehen.

„Ich bin nicht in einem Harem aufgewachsen, und man hat mich nie daran gehindert, mein eigenes Leben zu leben. Doch ich bin das Produkt dieser Welt, und meine Urgroßmütter waren Frauen, die noch an die Notwendigkeit solcher Grenzen glaubten. Ganz bestimmt haben sie in dem beschränkten Raum, der ihnen zugedacht war, von einem weiteren, offeneren Leben geträumt.“

(S.81)

Feminismus, kulturelle Unterschiede und Migration sind Herzensthemen Slimanis und spielen auch in diesem Werk eine große Rolle. Dieses Projekt überschnitt sich mit ihrer Recherche für ihre Romantrilogie, in welcher sie die Geschichte ihrer Familie erzählt, z.B. ihrer elsässischen Großmutter, die es der Liebe wegen nach Marokko verschlug.
Welche Auswirkungen haben ihre französisch-marokkanischen Wurzeln für sie selbst? Was bedeutet dies für ihr Leben?
Slimani plaudert aus dem Nähkästchen und gewährt interessante Einblicke in persönliche Erfahrungen.

„Man fragt mich weder, woher ich komme, noch, wo ich aufgewachsen bin. Man fragt mich nach meinem Ursprungsland, und manchmal antworte ich, dass ich, da ich weder ein Stück Fleisch noch eine Flasche Wein bin, kein Ursprungsland habe, sondern eine Nationalität, eine Geschichte, eine Kindheit. Niemals ganz von hier, nicht mehr ganz von dort, habe ich mich lange jeder Identität beraubt gefühlt. Auch wie eine Verräterin, weil es mir nie gelang, die Welt, in der ich lebte vollständig anzunehmen. Es waren immer die anderen, die für mich entschieden, was ich war.“

(S.139/140)

Ich habe diese Lektüre zum Jahresende noch einmal als wunderbares Geschenk empfunden und freue mich, die Autorin für mich entdeckt zu haben. Dieser besondere Sonntagnachmittag war für mich der Beginn einer Reise, die sicherlich weitergehen wird.

Weitere Besprechungen gibt es unter anderem bei Arcimboldi’s World und Sandra Falke.

Buchinformation:
Leïla Slimani, Der Duft der Blumen bei Nacht
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87687-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Leïla Slimanis „Der Duft der Blumen bei Nacht“:

Für den Gaumen:
Vor ihrer Nacht im Museum gönnt sich Slimani noch eine genussvolle Mahlzeit:

„Ich setze mich auf die Terrasse eines Restaurants. Ich bestelle Sardinen, Kürbis-Pasta, ein paniertes Schnitzel und Venusmuscheln mit Knoblauch und Petersilie. Ich trinke ein Glas Rotwein.“

(S.38)

Zum Weiterhören:
Slimani hört im Buch Ausschnitte aus Tschaikowskis „Pathéthique“ – das berühmte letzte Werk des Komponisten, das in St. Petersburg noch unter seiner Leitung neun Tage vor seinem Tod 1893 uraufgeführt wurde.

Für den nächsten Venedig- und Museumsbesuch:
Bisher war ich noch nicht im Museum Punta della Dogana in Venedig, aber die Lektüre von „Der Duft der Blumen bei Nacht“ macht Lust auf einen Besuch. Das ehemalige venezianische Zollgebäude beherbergt wechselnde Ausstellungen zeitgenössischer Kunst.

Zum Weiterlesen (I):
Slimani schwärmt wie folgt:

„Ich würde gerne einen Ort bewohnen können, mit der Welt, die mich umgibt eins werden, mich an den Elementen und der Natur erfreuen, wie Camus es so wunderbar in Hochzeit des Lichts beschreibt (…)“

(S.147)

Na, wenn das keine verführerische Lektüreempfehlung für ein Werk ist, das ich bisher noch nicht kenne:

Albert Camus, Hochzeit des Lichts
Aus dem Französischen von Peter Gan und Monique Lang
Arche Literatur
ISBN: 978-3-7160-2706-6

Zum Weiterlesen (II):
Meine Begeisterung zu „Der Duft der Blumen bei Nacht“ hat sofort eine Folgeinvestition nach sich gezogen, denn nun möchte ich unbedingt auch den ersten Band der Trilogie lesen, in welcher Slimani ihrer Familiengeschichte und zugleich die Geschichte Marokkos erzählt:

Leïla Slimani, Das Land der Anderen
Aus dem Französischen von Amelie Thoma
btb
ISBN: 978-3-442-77261-2

10 Kommentare zu „Eine Nacht im Museum

    1. Vielen lieben Dank, Bettina! Es freut mich, wenn ich Dich mit meiner ersten Buchbesprechung im neuen Jahr anregen konnte. Mich hat dieses kleine, feine Buch wirklich auf wunderbare Weise überrascht. Da steckt auf 160 Seiten unglaublich viel drin und sprachlich hat es mich vollkommen für sich eingenommen. Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende! Barbara

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    1. 🙂 Schön, das freut mich und ich bin jetzt schon gespannt, wie Du es finden wirst.
      Viel Freude bei der Lektüre (wann auch immer dann der richtige Zeitpunkt dafür kommen wird) und ganz herzliche Grüße!

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      1. Danke Dir! Einer meiner wenigen Neujahrs-Vorsätze ist im Übrigen mich bei meinen Kommentaren zu verbessern. Öfter mal welche schreiben, sie nicht nur denken und schneller antworten – aber wie wir sehen, alles work in progress 😉

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  1. Liebe Barbara – schön, hat Dir das Buch auch so gut gefallen. Und die Biografie, die Du nun beginnst wirst Du lieben, habe gerade den zweiten Band beendet! Slimani ist eine grossartige Autorin, habe fast alles von ihr gelesen! sehr zu empfehlen! Herzlichst aus Zürich, Adrian

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    1. Danke, Adrian. Ja, ich habe definitiv ganz große Lust auf weitere Werke von Slimani bekommen. „Das Land der Anderen“ liegt schon auf dem Stapel neben mir.
      Da freue ich mich schon sehr drauf – habe bisher viel (bzw. eigentlich nur) Gutes darüber gelesen und bin mir auch sehr sicher, dass wir uns da vom Lesegeschmack her einig sein werden. 🙂 Ich werde im Anschluss an die Lektüre bestimmt hier auf der Bowle berichten. Herzliche Sonntagsgrüße aus Landshut, Barbara

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