Krimigeistlichkeit im Duett

Rund um die Weihnachtstage habe ich mich mit zwei neuen geistlichen Ermittlern dem Krimivergnügen hingegeben und durfte mich in zwei gemütlichen Kriminalfällen auf ein englisches und ein schwedisches Dorf entführen lassen. Das passte für mich stimmungsmäßig gut in diese ruhige Zeit um die Festtage.
Bei beiden Büchern handelt es sich um die Auftaktromane zu neuen Krimireihen, die bereits fortgesetzt wurden und werden: „Murder before Evensong“ von Reverend Richard Coles habe ich im englischen Original gelesen und da ich des Schwedischen leider nicht mächtig bin Marianne Cedervalls „Schwedische Familienbande“ in deutscher Übersetzung von Ulrike Brauns.

In Richard Coles’ Krimi „Murder before Evensong“ bzw. der kleinen englischen Gemeinde von Canon Daniel Clement gibt es Aufruhr, denn der Plan, endlich eine Toilette in der Kirche einzubauen, stößt auf heftigen Widerstand in Reihen einiger Damen und Herren des Pfarrgemeinderats. Und zu allem Überfluss – als hätte er es nach den langen, nervenaufreibenden Diskussionen und kirchenpolitischen Ränkespielen nicht wahrlich verdient, einen ruhigen Feierabend zu Hause bei seiner Mutter und seinen zwei Dackeln Cosmo und Hilda zu verbringen – will sein schauspielernder Bruder ihn auch noch in seinem Priesteralltag als Hospitant begleiten, um sich auf eine neue Rolle vorzubereiten. Und als wäre dies nicht schon genug der Aufregung, erschnüffeln seine Hunde schließlich beim abendlichen Spaziergang tatsächlich auch noch einen Toten, der in seiner Kirche liegt – erstochen mit einer Gartenschere.

„He remembered a moment once, talking to Anthony over a drink in his study after a parish church council meeting. The fire was glowing, the hour late and the whisky peaty;“

(aus Richard Coles „Murder before Evensong“, S.133)

Wer wollte seinem Gemeindemitglied Anthony Bowness etwas Böses und wer profitiert von dessen vorzeitigem Ableben?

Die kleine Gemeinde steht Kopf und der Seelsorger ist gefordert, denn schließlich ist eine Beerdigung vorzubereiten und ein Mörder zu fassen.

„Easier to ask for forgiveness than for permission.“

(aus Richard Coles „Murder before Evensong“, S.234)

Während es im englischen Champton St. Mary bis zur Seite 100 dauert, bis die erste Leiche auftaucht, ist dies im Örtchen Klockarvik im schwedischen Dalarna bei Marianne Cedervalls „Schwedische Familienbande“ schon nach 17 Seiten der Fall. Denn sofort bei Amtsantritt stolpert der frisch aufs Land versetzte Pfarrer Samuel Williams gleich über eine Leiche auf dem Friedhof, die leider über der Erde und noch nicht wie üblich unter der Erde liegt. Und so führt ihn seine erste seelsorgerische Aufgabe gemeinsam mit der zuständigen Kriminalkommissarin Maja-Sofia Rantatalo zu den Familienangehörigen des Toten, um die Todesnachricht zu überbringen. Beim Mordopfer handelt es sich um den örtlichen Hotelier, der sich im Dorf nicht nur Freunde gemacht hatte.

„Aber die harte Wirklichkeit hatte ihn gezwungen, die Vertretung in einem Kaff zu übernehmen, wo vermutlich jeder jede kannte und wo man nur etwas zählte, wenn man ein Stück Wald besaß, jagte oder einen unverständlichen Dialekt sprach.“

(aus Marianne Cedervall „Schwedische Familienbande“, S.14)

Schnell befindet sich der Geistliche selbst mitten in den Ermittlungen und wird nicht nur von seiner neuen Aufgabe in der Gemeinde, sondern auch vom Mordfall selbst vollkommen absorbiert. Und so wächst ihm, der doch eigentlich viel lieber große Karriere in der Domstadt machen wollte, der kleine Ort und seine Bewohner zu seiner Überraschung schnell ans Herz.

Die beiden Krimis haben auf ihre Art vieles gemeinsam – wie die ländliche Idylle und das Leben in einem kleinen Dorf oder die Aktivitäten der Pfarrgemeinde und der kirchlichen Gremien wie dem Pfarrgemeinderat etc. – und unterscheiden sich doch in einigen Punkten:

Während Canon Clement sich neben seinen Schäfchen ausschließlich mit seinem schauspielernden Bruder, seiner Mutter und zwei Dackeln auseinandersetzt, gibt es bei Pfarrer Samuel Williams durchaus auch amouröse Komplikationen. Denn die ermittelnde Kriminalkommissarin Maja-Sofia scheint dem Vater zweier Kinder aus einer ersten Ehe und mittlerweile mit einer Gemeindereferentin Verlobten, ordentlich den Kopf zu verdrehen.
Und während die Autorin Cedervall so mehr auf romantische Elemente setzt, findet man bei Richard Coles hingegen mehr Witz und Komik.

Interessant ist auch, dass sowohl Coles als auch Cedervall jeweils einen besonderen und tiefen, persönlichen Bezug zur Kirche haben:
Richard Coles, der ohnehin einen außergewöhnlichen Lebenslauf vorzuweisen hat und sich nach seiner Karriere als Pop-Musiker bei den Communards („Don’t leave me this way“) schließlich zum anglikanischen Priester weihen ließ und mittlerweile zusätzlich nebenamtlich als Radiomoderator und Schriftsteller erfolgreich ist, schreibt gleichsam aus seiner persönlichen Erfahrung als Priester heraus.

Marianne Cedervall ist die Tochter eines Pastors der Svenska Kyrkan – der schwedischen Kirche – und bedankt sich in einem rührenden Vorwort bei ihrem mittlerweile verstorbenen Vater, den sie häufig „zu Taufen, Hochzeiten, Beerdigungen und Gottesdiensten begleitete“ (S.5). Auch sie weiß also, was es bedeutet, Pfarrer zu sein.

Ich habe beide Krimis, die jeweils von Krimiklassikern inspiriert und auf liebenswürdige Art altmodisch-beschaulich anmuten, gerne gelesen und kann mir gut vorstellen, auch jeweils die zweiten Fälle zu lesen (Richard Coles „A Death in the Parish“ soll im Sommer auf englisch erscheinen und Marianne Cedervalls „Schwedische Schwestern“ liegt bereits in deutscher Übersetzung vor.)

Im Mai 2023 soll der Krimi von Richard Coles übrigens bei Goldmann mit dem Titel „Der Tote in der Dorfkirche“ in deutscher Übersetzung erscheinen.

Eine weitere Besprechung zu „Murder before Evensong“ findet man auf Annas Blog buchpost.

Buchinformationen:
Richard Coles, Murder before Evensong
Weidenfeld & Nicolson
ISBN: 9781474612647

Marianne Cedervall, Schwedische Familienbande
Aus dem Schwedischen von Ulrike Brauns
Dumont
ISBN: 978-3-8321-6588-8

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich die beiden Pfarrer-Krimis:

Für den Gaumen (I):
Bei Canon Clement geht es natürlich auch kulinarisch britisch zu, denn da gibt es zum Beispiel Süßes wie „French Fancies and a fruit cake“ (S.14) oder aber zu einem gemütlichen Sonntagabendessen zu Hause „soup-and-sarnie“ (S.32) – Tomatensuppe und Sandwiches – im Hause Clement ein regelmäßig zelebriertes Ritual von Mutter und Sohn.

Für den Gaumen (II):
Während Samuel Williams sich in der Dorfkneipe auch gerne mal einen „Doppelcheeseburger mit Pommes, dazu ein großes Bier“ (S.127) gönnt, gibt es aber bei Maja-Sofia dann doch auch noch schwedische Weihnachtsspezialitäten aus ihrer Heimatstadt Kiruna: „Anisbrot, Safrangebäck, Pfefferkuchen und Brotkäse“ (S.169).

Zum Weiterhören:
Was wären Gottesdienste ohne Musik?
In der Kirche von Canon Clement gibt es Mendelssohns „Song Without Words“ bzw. „Lieder ohne Worte“ zu hören.

Bei Samuel Williams wird hingegen in der Messe am ersten Advent das feierliche „Tochter Zion, freue dich“ mit Bläserunterstützung aufgeführt.

Zum Weiterlesen (I):
Wenn man an geistliche Ermittler denkt, fällt einem natürlich sofort „Father Brown“ ein – und da wiederum denken wohl die meisten an die Filme mit Heinz Rühmann. Ich habe mir vorgenommen, diese Kriminalgeschichten von Gilbert Keith Chesterton, die als Klassiker gelten, ebenfalls nach und nach zu lesen, zumal es seit kurzem eine schöne Gesamtausgabe gibt:

Gilbert Keith Chesterton, Pater Brown – Tod und Amen
Aus dem Englischen von Hans-Wilhelm und Julian Haefs
Kampa
ISBN: 9783311125662

Zum Weiterlesen (II):
Pfarrer Samuel Williams sagt in Cedervalls Roman über die Krimis von Maria Lang – die in Schweden als Klassiker gelten:

„Die Bücher sind ja schon ziemlich retro. Schöne Sprache und irgendwie nette Fälle“

(aus Marianne Cedervall „Schwedische Familienbande“, S.292)

Ich hatte ehrlich gesagt bisher noch nie etwas gehört oder gelesen von Maria Lang (1914 – 1991), die wohl zu den bekanntesten schwedischen Krimiautorinnen zählt und als schwedische Agatha Christie bezeichnet wird. Na, wenn es da nicht mal eine Bildungslücke für mich zu schließen gibt. In deutscher Übersetzung liegt bisher unter anderem auch ein Weihnachtskrimi vor:

Maria Lang, Tragödie auf dem Landfriedhof
Aus dem Schwedischen von Stefan Pluschkat
btb
ISBN: 978-3-442-71580-0

12 Kommentare zu „Krimigeistlichkeit im Duett

  1. Ich finde, gerade wenn du Krimis magst, in denen Pfarrer nicht bloße Abziehbilder sind, dass du unbedingt Dorothy Sayers erwähnen musst, nicht nur Agatha Christie. Ich schmökere mich gerade durch meine Sammlung, und gerade ihre Vertrautheit mit den Pfarrern ist auffällig. Einem Nachwort habe ich dann entnommen, dass auch ihr Vater Pfarrer war und die Sage geht, dass sie ihn in „Der Glocken Schlag“ zumindest zum Teil porträtiert habe.
    Ansonsten werde ich wohl Coles lieber lesen als die Schwedin – danke für den Tipp!
    Morgenkaffeegrüße ⛅🛋️☕🍪

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    1. Danke, Christiane. Dorothy Sayers habe ich schon lange nicht mehr gelesen und sie steht witzigerweise auch schon seit einiger Zeit wieder auf meiner gedanklichen Merkliste, weil ich u.a. Durch die Lektüre von Josephine Tey auf den Geschmack gekommen bin, Krimiklassiker von Frauen wieder zu entdecken. Ich hatte daran gedacht, mit dem ersten Fall von Lord Peter Wimsey zu starten, aber vielleicht ist das der entscheidende Wink, mit „Der Glocken Schlag“ zu beginnen. Es klingt auf jeden Fall spannend! Danke und herzliche Sonntagsvormittagsgrüße 🛋️☕🍪

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      1. Ich finde, man merkt beim Lesen, wie Wimsey sich entwickelt. Wenn du also nicht alle lesen möchtest: Ich würde UNBEDINGT „Starkes Gift“, „Aufruhr in Oxford“ und „Hochzeit kommt vor dem Fall“ empfehlen: Kennenlernen, Verlobung, Heirat – und daher auch in dieser Reihenfolge. Das Glockenbuch hat mir allerdings auch viel Spaß gemacht: Campanologie! 😉

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      2. Super danke nochmal, Christiane. Die Ratschläge nehme ich gerne an – und normalerweise bin ich schon auch dafür, die Fälle bei solchen Reihen in der richtigen Reihenfolge zu lesen, weil man dann einfach mehr davon hat. Mal sehen, ob ich dann doch mit dem ersten Band beginne oder gleich Deinen Tips folge. Ich werde berichten. 🙂

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  2. Hach, jetzt muss ich mich natürlich schlau machen, was Maria Lang angeht 🙂 Vielen Dank für die Erwähnung. Bei ermittelnden Pfarrern bitte auch James Runcie auf die gedankliche Merkliste setzen. Seine Reihe um Sidney Chambers fliegt in Deutschland leider völlig unter dem Radar. Und Dorothy Sayers, ach, schön! Könnte ich auch gleich wieder lesen 🙂

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    1. Und die Liste wächst und wächst 😉 Danke, Anna. James Runcie sagt mir bisher wirklich nichts und ist tatsächlich auf meinem Radar bislang noch nicht aufgetaucht.
      Lang und Sayers sind in meiner Lesewunschliste jetzt auch nach oben gewandert. Lang kenne ich bisher noch gar nicht und von Sayers habe ich vor vielen Jahren meines Wissens nur „Ärger im Bellona Club“ gelesen. Da gibt es also auch noch einiges zu tun. 🙂 herzliche Sonntagsgrüße aus dem regnerischen Niederbayern, Barbara

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