Krähenkrieg und Schutzflucht

Was haben Saatkrähen und Menschen, die gerade von einer Krebserkrankung genesen, gemeinsam? Können wir etwas von den Vögeln lernen? Christina Walker geht in ihrem Roman „Kleine Schule des Fliegens“ nicht nur diesen Fragen nach, sondern entwirft ein spannendes, außergewöhnliches Seelenporträt eines Mannes, der sich – mit der Vergänglichkeit konfrontiert – nicht nur den Krähen vor seinem Fenster, sondern ganz großen Themen des Menschseins stellen muss.

„Im Gegensatz zu den Krähen war ich ein Kulturflüchter. Heimatlos. Im Zwischenlager. Ich musste Kontakte möglichst meiden. Andernfalls könnte ich aussterben.“

(S.21)

Alexander Höch kommt gerade aus den Krankenhaus – frisch entlassen nach einer überstandenen Chemotherapie. Da sein Immunsystem noch geschwächt ist, er zur Erholung Ruhe benötigt und bei ihm Zuhause Handwerker, die von seiner Frau beaufsichtigt werden, gerade das Haus renovieren, zieht er vorübergehend in die leerstehende Wohnung seines Bruders.

„Ich mochte keine Prüfungen. Schon gar keine, um irgendwo anzukommen, wo ich nie hinwollte. In eine fremde Wohnung zum Beispiel oder zu mir selbst. Ich hatte den Eindruck, dass ich im Moment schwer auszuhalten war.“

(S.43)

Und so sitzt er allein, isoliert – bis auf die mysteriöse Nachbarin Melitta Müller, die ihn mit dem nötigsten versorgt, die Blumen gießt und die Wohnung sauber hält – in einer fremden Umgebung. Unbehaust. Fernab von Zuhause und von seiner Frau, die gerade wenig Zeit für ihn hat und auch Tochter Lilly schickt nur Bilder und knappe Kurznachrichten aus Paris. Viel Zeit zum Nachdenken und zum Schreiben, wären da nicht die Krähen in der Platane vor dem Haus, die sich lautstark bemerkbar machen und immer mehr werden.

Melitta Müller erklärt den Vögeln den Kampf und versucht, sie mit allen Mitteln aus den Bäumen zu vertreiben. Doch schon bald führen die Saatkrähen in der Straße nicht nur zu Lärm und verschmutzten Bürgersteigen, sondern auch zu zwischenmenschlichen Unruhen, denn im Umgang mit ihnen spalten sich die Geister.

Der Roman wartet mit so manch überraschenden Wendungen auf, die verblüffen und für Spannung sorgen. Ein Buch, das man daher sehr gut in einem Rutsch lesen kann und bei dem man keine Angst vor Schwermütigkeit haben muss oder davor, dass einen das ernste Thema erdrückt. Im Gegenteil.

Verfasst ist der Roman aus der Perspektive des Ich-Erzählers – wir blicken direkt in Alexander Höchs Kopf und folgen seinem inneren Monolog, tauchen ab in seine ganz persönliche Gedankenwelt. Er blickt auf sein Leben, seine Leistungen und seine Niederlagen, auf sein Verhältnis zur Frau, zur Tochter oder dem Bruder. Er reflektiert seinen Umgang mit der Krankheit und der Zeit im Krankenhaus.

„Irgendetwas zog nun deutlich in meiner Brust. Es war vermutlich die Erinnerung daran, dass ich so wenig wie möglich in rotbraune Augen schauen wollte, um das Leben einfach zu halten.“

(S.52)

Man erfährt etwas über den Charme von alten, blauen, abgeplatzten Emaille-Gießkannen und die Ausstrahlung von Gummibäumen und lernt viel über Saatkrähen bzw. ihr Verhalten – über Kulturfolger und Kulturflüchter, über Schutzflucht und Lockjagd.

Auf subtile, tiefgründige Art und Weise werden in Alexander Höchs Geschichte mit den Krähen zwischen den Zeilen aber vor allem auch große menschliche Fragen behandelt. Es geht um Vergänglichkeit, Krankheit, Resilienz und zwischenmenschliche Beziehungen.

Gerade die Doppeldeutigkeit und das Parabelhafte lassen viel Raum für Assoziationen und persönliche Interpretation. Wofür stehen die Krähen? Welcher Kampf wird da ausgefochten? Gerade durch die reduzierte Form und so manche bewusst mehrdeutige Stelle öffnen sich Räume für individuelle Auslegung und dafür, Ideen aufzugreifen und Fäden weiterzuspinnen.

„Ich beschloss, vorerst nicht mehr auf Frauen zu hören. Ich würde mir lieber ein Beispiel an der Hartnäckigkeit der Krähen nehmen. Es war Zeit für mehr Widerstand, für mehr Vorstellungskraft. Es herrschte Handlungsbedarf.“

(S.145)

Christina Walkers Erzählstil ist unkonventionell und erfrischend, sie findet ihren eigenen Ton. Für den Beginn des Romans wurde sie 2020 mit dem Schwäbischen Literaturpreis ausgezeichnet. Die mehrfach prämierte Autorin ist 1971 in Bregenz geboren, arbeitete viele Jahre für Theater, Film und Museen in Wien und Berlin und lebt heute in Augsburg und Hard am Bodensee.

Ein kluges, feines Buch, das auf gerade einmal gut 200 Seiten auf Gedankenfährten lockt und so den Gedanken über das Leben Flügel verleiht. Ein raffiniertes sowie spannendes, literarisches Gedankenspiel und zugleich ein kleines Lehrstück über Saatkrähen – aber vor allem auch über die Menschen!

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Frau Walker und dem Braumüller Verlag, die mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt haben. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Christina Walker, Kleine Schule des Fliegens
Braumüller
ISBN: 978-3-99200-342-6

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Kleine Schule des Fliegens“:

Für den Gaumen:
Kulinarisch ist bei Herrn Höch noch Schonkost angesagt: Toast mit Butter (S.48) und ein unstillbares Verlangen nach Kaffee bzw. einem guten Espresso (S.60). Dem weißen Tee in der Wohnung seines Bruders, der angeblich „den Geist klärt“ (vgl. S.160) kann er hingegen nicht so viel abgewinnen.

Zum Weiterhören (I):
Höch stellt sich vor, wie das Baustellenradio einen Song aus den 80er Jahren spielt: „Every breath you take“ (S.35) von The Police. Und schon klingen die Worte von Sting auch im Kopf der Leserin oder des Lesers…

Zum Weiterhören (II):
Kennt Ihr das, wenn einem beim Lesen auf einmal ein Songtext oder ein bestimmtes Lied durch den Kopf spukt? Bei „Kleine Schule des Fliegens“ war das bei mir der Fall: Auf einmal war da der Text von „Der Mann am Fenster“ – ein Lied der Gruppe PUR aus dem Jahr 1993. Dreißig Jahre alt, ewig nicht gehört, aber der Text war wohl noch irgendwo verschüttet und passte zur Handlung…

Zum Weiterlesen:
Bei Krähen oder Raben in der Literatur schießt mir natürlich sofort Otfried Preußlers „Krabat“ durch den Kopf – ein Buch, das man auch im Erwachsenenalter mit großem Gewinn lesen kann:

Otfried Preußler, Krabat
Thienemann Esslinger
ISBN: 978-3-522-20234-3

5 Kommentare zu „Krähenkrieg und Schutzflucht

    1. Sehr gerne. Schön – Fenster und Fliegen… da steckt auch der von Dir erwähnte Titel von City drin, stimmt. Ich finde es wunderbar, wenn man merkt, wie sehr Musik und Liedtexte sich in einen eingraben und wenn Literatur wieder Assoziationen hervorrufen und Erinnerungen wecken kann… Inspiration eben. Einen wunderbaren, inspirierenden Sonntag und herzliche Grüße aus dem verregneten Niederbayern!

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    1. Danke, Alexander. Es freut mich, wenn Dich der Titel und mein Beitrag dazu anspricht. Die ca. 200 Seiten bergen wirklich so manche Überraschung und regen zum Nachdenken an. Und für mich steckt zwischen den Zeilen noch viel mehr, als auf den ersten Blick ersichtlich ist. Herzliche Sonntagsgrüße mit Zeit und Muße zum Lesen!

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