Zeitungslektüre im Kaffeehaus

Der österreichische Autor Gerhard Loibelsberger ist dem breiten Lesepublikum vor allem durch seine sehr unterhaltsamen, historischen Krimis um den Wiener Polizisten Joseph Maria Nechyba bekannt. Seinem neuesten Roman „Zerrüttung – Ein Roman aus Wien im Jahr 1933“ schickt er daher für alle Fans der Reihe gleich einmal eine deutliche Anmerkung vorneweg:

„Das ist kein Kriminalroman. Das ist ein auf Fakten basierender historischer Roman.“

(S.5)

Doch die bekannte und beliebte Hauptfigur steht erneut im Zentrum, wenn auch auf andere Weise als in den bisherigen Bänden:

Joseph Maria Nechyba sitzt im Kaffeehaus und liest die Zeitungen – ausführlich und mit zunehmendem Unwohlsein. Er verfolgt mit, wie die Welt um ihn herum, die er kannte, in sich zusammenbricht. Er muss mit ansehen, wie Wien im Strudel der Ereignisse immer mehr im Chaos versinkt und die nationalsozialistischen Überzeugungen aus Deutschland immer mehr nach Österreich herüberschwappen.

Und er bemerkt mit Entsetzen, wie auch Menschen in seinem näheren Umfeld, von welchen er es nie vermutet hätte, immer mehr den Versprechungen und Parolen der Braunen verfallen.

„Im Kaffeehaus kam Nechyba ins Sinnieren.“

(S.137)

Auch aus den Zeitungsartikeln, die Gerhard Loibelsberger alle im Original aus den Jahren 1933, 1934 und 1936 zitiert und in kursiver Schrift gekennzeichnet hat, geht hervor, wie schnell sich Judenhass und nationalsozialistische Gesinnung in Wien verbreiten.

So dass schließlich auch der Kellner in Nechybas Stammkaffeehaus Engelbert Novak auf die Judenfeindlichkeit reagiert, die von Tag zu Tag spürbarer wird. Er beschließt, seine jüdische Partnerin Dorli zu heiraten, um sie zu schützen und so ihren jüdischen Nachnamen durch einen böhmischen zu ersetzen.

Dabei würde Novak doch am liebsten nur in Ruhe seiner Arbeit nachgehen und seiner Kundschaft Mokka oder Gulasch servieren. Denn wenn Nechyba beginnt, sich über das soeben Gelesene auszulassen, ist Novak dies nicht besonders geheuer und er bittet mehrfach:

„Hören S’auf mit dem Politisieren.“

(S.56)

Selbst mit seiner geliebten Ehefrau Aurelia gibt es für Nechyba plötzliche Meinungsverschiedenheiten zu politischen Angelegenheiten, zumal sie die politischen Verhältnisse rund um Bundeskanzler Dollfuß zunächst anders einzuordnen scheint als er.

Fassungslos muss Nechyba schließlich im Mai 1933 in der Zeitung von der Bücherverbrennung am Berliner Opernplatz lesen – die Feuersprüche werden ebenfalls zitiert – und auch in der Nachbarschaft spielen sich so manche Dramen im Kleinen ab: so gerät beispielsweise der Nachbarjunge Erich immer wieder zwischen die Fronten des permanenten Ehekrachs seiner Eltern.

Der Autor erzählt so auch die Geschichte des Jahres 1933 aus Sicht der einfachen Wiener Bevölkerung. Wie mag diese die damaligen politischen Ereignisse eingeordnet und verarbeitet haben? Was hatte man kommen sehen? Hätte man etwas unternehmen können? Interessante Perspektiven und Gedankengänge, die er hier eröffnet. Da kann und soll man natürlich schon auch „ins Sinnieren“ kommen.

Im Anhang des Buches gibt Loibelsberger seinen LeserInnen die Möglichkeit, mittels zahlreicher QR-Codes direkt ins Archiv der Österreichischen Nationalbibliothek (ANNO – AustriaN Newspapers Online – der virtuelle Zeitungslesesaal der Österreichischen Nationalbibliothek) und in die Originalzeitungsartikel abzutauchen. Eine großartige Einrichtung und auch Idee des Autors, die ich in dieser Form so bisher noch nicht gesehen habe und die für eine zusätzliche, faszinierende, wenn auch gespenstische Authentizität sorgt.

Die vielen gewählten Originalzitate und Ausschnitte transportieren die aufgeheizte Stimmung, das Aufeinanderprallen von konträren Meinungen und Gesinnungen, sowie die Verzweiflung vieler Menschen auf eindrückliche Weise. Der Autor hat auf diese Weise geschickt ein geschichtliches Zeitengemälde Wiens im Jahre 1933 entstehen lassen, das sich flüssig liest und das zugleich erhellend und aufschlussreich ist.

Loibelsberger hat recht mit seiner Einordnung zum Auftakt des Buches, dass es sich nicht um einen Kriminalroman handelt, denn für Nechyba gibt es nichts zu ermitteln und nichts aufzuklären, auch wenn es so manches Gewalt- und Todesopfer im Buch zu beklagen gibt. Weniger spannend und packend als die seiner Krimis ist diese Lektüre jedoch keinesfalls.

Hochinteressant, erschreckend und bedrückend zugleich hat Gerhard Loibelsberger nun in Form eines historischen Romans seinen vormaligen Oberinspector des k.k. Polizeiagenteninstituts Joseph Maria Nechyba jetzt wohl auf dem letzten Stück seines Lebensweges begleitet, auf dem er feststellen muss, wie das Gesellschaftssystem und die Welt, die er als Lebens- und Genussmensch mit dem Herz am rechten Fleck kannte und liebte, untergeht.

Ausgehend von den zwei Tagen im März – dem 4. und 5. März 1933 – ab welchen der demokratisch gewählte Bundeskanzler Dollfuß per Notverordnung regierte, hat der Autor auch ein Buch über österreichische Geschichte geschrieben und erzählt, wie der Staat in die Diktatur abrutschte. Zerrüttung – so dass auch die Wahl des Titels bei der Lektüre immer verständlicher wird.

Ein spannend komponierter, mit Originalquellen fundierter, historischer Roman mit wichtiger Aussage, der für alle, die sich mit Wien, österreichischer Geschichte bzw. der Zeit des Nationalsozialismus näher beschäftigen wollen, sehr zu empfehlen ist.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Gmeiner Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Gerhard Loibelsberger, Zerrüttung
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-0521-1

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Gerhard Loibelsbergers „Zerrüttung“:

Für den Gaumen:
Nechyba kocht selbst gern und gut, aber manchmal auch ganz einfache Hausmannskost, um seine Aurelia zu entlasten, z.B. „ein wunderbares Panadlsupperl aus alten Semmeln“ (S.43) und dazu gibt es „ein Flascherl Gemischten Satz vom Nussberg“ (S.44).

Zum Weiterhören:
Nechyba hört mit Aurelia auch gerne Radio. Es gibt „Kurmusik“ zu hören:

„Eine Übertragung aus Bad Hall mit Stücken von Franz von Suppé, Johann Strauß und anderen. (…) er (…) tapste zu seinem Ohrensessel und dem Radioapparat zurück, aus dem die Ouvertüre von Suppés Operette „Leichte Kavallerie“ erklang.“

(S.82)

Zum Weiterlesen:
Gerhard Loibelsberger ist hier auf der Kulturbowle kein Unbekannter, schon 2020 habe ich seinen Roman „Alles Geld der Welt“, der sich um den „Gründerkrach“ 1873 und die Zeit vor der Wiener Weltausstellung dreht, hier vorgestellt.
Zudem mag ich auch seine Krimi-Reihe um Joseph Maria Nechyba sehr.

Gerhard Loibelsberger, Alles Geld der Welt
Gmeiner
ISBN: 978-3-8392-2686-5

9 Kommentare zu „Zeitungslektüre im Kaffeehaus

      1. Sehr schön! Ich wollte schon länger mal die Klachelsuppe aus einem der Brenner-Krimis von Wolf Haas wieder kochen.

        Kennst Du „Erlesenes Menü. Kulinarische Texte von Altenberg bis Highsmith“, das Wolfgang Böck und Gerald Schantin für den Hauptverband des Österreichischen Buchhandels rausgegeben haben? Das mag ich auch sehr. Wobei Literarisches bei mir klar vor Kulinarischem geht. 🙂

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      2. Das klingt interessant und nein, das kannte ich bisher noch nicht. Ebensowenig habe ich bisher jemals eine Klachelsuppe gegessen – dazu musste ich gerade die Suchmaschine befragen.
        Auch die Aussage „Literarisches geht vor Kulinarischem“ unterschreibe ich, wenn es um die Lektüre geht. Aber wenn es hin und wieder den Glücksfall gibt, dass beides sich gelungen ergänzt und harmonisch Hand in Hand geht, dann finde ich das wunderbar.

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  1. solche bücher, die historisch exakt und zugleich spannend erzählen, finde ich absolut wichtig, gerade auch für die junge generation. das kommt gleich auf meine verschenkliste …
    vielen dank für die rezension!
    lieben gruß: pega

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    1. Sehr gerne, liebe Pega.
      Da kann ich Dir nur recht geben – auch ich schätze dieses Genre der Literatur sehr.
      In diesem Fall verwendet der Autor zudem wirklich sehr viele Originalzitate und Quellen mit ausführlichem Anhang (und den bereits beschriebenen QR-Code-Verlinkungen auf das ANNO-Archiv, die ich so bisher noch in keinem Buch gesehen habe) und dem Roman ist auch ein erläuterndes Personenregister vorangestellt. Herzliche Sonntagsgrüße! Barbara

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      1. ohja, die enge verknüpfung mit historischen quellen über zitate und QR-codes im text sind wirklich etwas besonderes. eigentlich, so denke ich eben, könnte dieses buch wohl eine ausgezeichnete schullektüre sein …
        herzlichen: pega

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      2. Ja, genug Anknüpfungspunkte an geschichtliche Inhalte und Diskussionsstoff bietet es sicherlich.
        Vermutlich ist es aber – aufgrund des klaren Fokus auf Österreich und Wien – wohl eher für österreichische Schulen interessant.
        Liebe Grüße, Barbara

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