Ein Leben erfinden

Sich selbst in ein anderes Leben träumen oder sich vorstellen, wie es wäre, in das Leben einer anderen Person zu schlüpfen. Ein Wunsch, den vielleicht viele Menschen schon einmal verspürt haben. Doch was geschieht, wenn die Vorstellungskraft und Fantasie so stark wird, dass man Wunsch und Wahrheit nicht mehr auseinanderhalten kann? Die Journalistin Anja Scherz hat sich in ihrem Buch „Goldstein – ein phantastisches Leben“ an eine ganz besondere Recherche gewagt und sich auf die Suche nach der Wahrheit begeben.

Als eine Freundin nach dem Tod ihres Mannes auf Scherz zukommt, mutet ihre Bitte bzw. ihr Wunsch zunächst außergewöhnlich und befremdlich an. Vor seinem Tod hatte der Schauspieler und Schauspieldozent Raphael-Maria Goldstein an seinen Memoiren gearbeitet. Das von ihm verfasste Manuskript enthält eine spektakuläre und unglaubliche Lebensgeschichte und die Witwe bittet Scherz, die Ausführungen ihres Ehemanns auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen und zu belegen.

„Meine Identität hat wohl großen Schaden genommen – aber ich habe mir durch die Schauspielerei die Möglichkeit geschaffen, in andere Figuren schlüpfen zu können, mich in diese hineinzuversetzen.“

(S.23)

Kein leichtes Unterfangen, wie sich im Laufe der Recherche herausstellen wird, zumal die Dokumente, Quellen, sowie die Befragung von Weggefährt*Innen, Bekannten und Familienmitgliedern ein sehr diffuses, unübersichtliches Bild ergeben, das zunächst mehr Fragen aufzuwerfen als zu beantworten scheint.

Goldstein, der als Norbert Burger bei einer Duisburger Unternehmerfamilie aufwuchs, beschreibt in seinen Lebensaufzeichungen seine Entdeckung, dass er als Kind adoptiert wurde. Als er seine leibliche Mutter in den Niederlanden suchte und fand, erfuhr er, dass die jüdische Auschwitzüberlebende eine Affäre mit Otto Frank, dem Vater von Anne Frank gehabt haben soll.

„Zwölf Jahre zuvor hatte er sich „Raphael-Maria Goldstein“ als Künstlernamen vom Interessenverband Deutscher Schauspieler e.V. bestätigen lassen. (…) Aber was für eine Entwicklung! Vom deutschen Norbert über den künstlerisch frankophilen Jean-Bert bis hin zum bedeutungsschweren jüdischen Raphael, dem er den christlichen Namen Maria hinzufügte.“

(S.115)

Schnell steht für Goldstein fest, dass er der Sohn Otto Franks und somit der Halbbruder der berühmten Anne Frank sein muss. Im Manuskript schreibt er neben seiner abenteuerlichen Lebensgeschichte auch Briefe an seine verstorbene Halbschwester. Er fühlt sich ihr nah, öffnet ihr sein Herz und ist stellenweise geradezu schonungslos ehrlich nahe an der Wahrheit.

„Liebe Anne, mein Leben ist ein verworrener Weg zwischen Realität, gewünschter Realität, Ahnung, Wunschtraum und Fakten gewesen. Der gewünschte Beleg vieler Äußerungen kann nur unzulänglich erbracht werden. Dessen bin ich mir bewusst.“

(S.128)

Goldstein unterrichtete viele Jahre an unterschiedlichen Einrichtungen Schauspiel.
In seiner letzten Wohnung findet Anja Scherz zahlreiche Bücher, deren jeweilige Handlung der Schauspieler geradezu als Mosaiksteine und Versatzstücke in seine ganz persönliche Lebensgeschichte eingebaut zu haben scheint. Fiktion und Wahrheit verschwimmen mehr und mehr.

„Ich möchte Dir, liebe Anne, an dieser Figur deutlich machen, wie sehr der Zweifel, nicht zu wissen, wer man ist, das eigene Bewusstsein betrübt, verändert, schädigt. Andri versucht ständig, dazu zu gehören, sich anzupassen, es gut zu machen. Er sucht nach seiner Identität, wird aber durch Vorurteile immer wieder aus dem Gleichgewicht geworfen.“

(S.208)

Für Scherz ist es eine abenteuerliche Reise und ein steiniger Weg, denn immer wieder stößt sie bei ihren Nachforschungen auf Unstimmigkeiten und überraschende Ergebnisse.

Kann man tatsächlich ein Leben erfinden, das letztlich zur ganz persönlichen Wahrheit und gelebten Realität wird? Was in Goldsteins Leben war Lebenslüge oder -märchen und was wirklich wahr? Und wie bringt man all die Ergebnisse der Witwe möglichst schonend bei?

Eine mögliche Erklärung könnte „Fantasy-prone personality“ sein.
„Fantasy prone personality“ (FPP) war mir vor der Lektüre offen gestanden kein Begriff. Wikipedia definiert dies wie folgt: „Fantasy-prone personality (FPP) is a disposition or personalty trait in which a person experiences a lifelong, extensive, and deep involvement in fantasy.“

Die Autorin zeichnet ein fein beschriebenes, differenziertes Bild und versucht dem Menschen Raphael-Maria Goldstein in allen Facetten gerecht zu werden, ohne zu werten oder zu verurteilen. Dies ist ihr in meinen Augen sehr gut gelungen, was angesichts der herausfordernden Situation großen Respekt verdient.

Auch wenn einige Beziehungen an seiner Persönlichkeit zerbrachen, wird und wurde Goldstein von einigen Weggefährt*innen, Schüler*innen und Kolleg*innen teilweise auch als sehr gewinnend beschrieben.

„Es war auch nicht wichtig, ob die Geschichte wahr ist oder nicht. Schon allein, wie er sie erzählt hat, war einfach schön.“

(S.275)

Scherz hat ein hochinteressantes Buch über eine außergewöhnliche Persönlichkeit und ein schwieriges Leben geschrieben, das geprägt war vom Vorgaukeln falscher Tatsachen, aber auch von Selbsttäuschung und Enttäuschungen.
Goldstein inszenierte sein eigenes Leben, machte daraus sein größtes, ganz persönliches Schauspiel und stand sich aufgrund seines Verhaltens oft selbst im Weg. Er verstrickte sich in einem Dickicht von Geschichten, er brach Kontakte ab, wechselte häufig Wohnorte und Unterkünfte, war ein Ruheloser und Getriebener und doch war da eine Sehnsucht in ihm:

„Es blieb dieses Gefühl, immer wieder neu beginnen zu wollen.“

(S.215)

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag Stroux Edition, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Anja Scherz, Goldstein – ein phantastisches Leben
Edition Stroux
ISBN: 978-3-948065-30-0

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Anja Scherzs „Goldstein – ein phantastisches Leben“:

Für den Gaumen:
Bei Raphael-Maria Goldstein gehörte so mancher kulinarische Moment ebenso zur Inszenierung:

„Raphael wusste Szenen zu entwickeln. Im entscheidenden Passagen brachte er immer wieder die „Tasse Tee“ ins Spiel. (…) Auch beim Erstbesuch bei seiner Mutter Esther gab es erstmal einen Tee. Mit Jacqueline van Maarsen trank er Tee. Annes Haushälter serviert Tee. Raphael schien ein Faible für dieses Setting zu haben. (…) Dabei trank er selbst nach Aussage seiner Frau „so gut wie nie Tee“.“

(S.187)

Zum Weiterlesen (I):
Das Bücherregal in Goldsteins Wohnung war für die Autorin Anja Scherz sehr aufschlussreich und machte auf viele Weise deutlich, wie Literatur, Motive und Versatzstücke aus Büchern auch Einzug in Goldsteins eigene Lebenserzählung fanden, so auch Max Frischs Drama „Andorra“ – „Max Frischs Drama vom Juden, der gar kein Jude ist, der vom Vater und der Gesellschaft zum Juden gemacht wird.“ (S.209)

Max Frisch, Andorra
Suhrkamp
ISBN: 978-3-518-36777-3

Zum Weiterlesen (II):
Oder auch Philip Roths „The Ghost Writer“:

„Es war Philip Roth, der jüdisch-amerikanische Schriftsteller, der in seinem Roman „The Ghost Writer“ Anne Frank ebenfalls ihr Martyrium hatte überleben lassen. Die Journalistin sucht nach den Fotos, die sie vor Monaten in Köln von Raphaels Bücherregal gemacht hatte. Ihre Erinnerung täuscht sie nicht. Sie erkennt in seinem Regal sofort das schmale Taschenbuch von Philip Roth.“

(S.284)

Philip Roth, Der Ghostwriter
Übersetzt von Werner Peterich
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-23862-8

5 Kommentare zu „Ein Leben erfinden

  1. Liebe Barbara, danke für Deine aktuelle Lesefrucht.

    Von dem Buch hatte ich im Bayerischen Rundfunk gehört auf Bayern2, im Notizbuch am 1. Februar. Frau Ostner konnte die Autorin interviewen. Ob dies jetzt noch nachhörbar wäre, kann ich gerade nicht wirklich erkennen, sonst hätte ich gerne einen Link geschickt.

    Dies ist schon eine ganz spezielle Geschichte. Insofern auch Max Frisch ins Spiel kommt, fällt mir dessen Satz und Figur ein: „Ich bin nicht Stiller.“

    Schöne Grüße nach Landshut aus Nürnberg

    Bernd

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    1. Danke, Bernd. Sehr gern geschehen.
      Ja, ich fand es bemerkenswert, wie sich die Autorin Anja Scherz der Recherche und dieser unglaublichen Lebensgeschichte bzw. -erzählung genähert hat. Respektvoll und einfühlsam.
      Wahrlich keine leichte Aufgabe.
      „Stiller“ war bei mir Schullektüre, „Andorra“ jedoch nicht. Und „Das Tagebuch der Anne Frank“ habe ich gelesen, Philip Roths „The Ghost Writer“ wiederum nicht.
      Herzliche Sonntagsgrüße aus dem regnerischen Landshut nach Nürnberg!
      Barbara

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