Der Februar war ein unruhiger Monat mit kalten, frostigen Nächten und Nachrichten, die permanent auf uns einprasselten. Da fiel es manchmal schwerer, sich zu konzentrieren oder sich bewusst zeitweise aus all dem Getöse zurückzuziehen. Und auch zum Schreiben bzw. Bloggen fehlte manchmal Zeit und Muße. Und doch habe ich diesen Monat einige meiner Pläne für Kultur und Literatur umsetzen können.
So habe ich endlich die absolut sehenswerte Ausstellung im LANDSHUTmuseum „Landshut im Nationalsozialismus. Opfer. Täter. Zuschauer.“ besucht, die jetzt nochmal bis zum 27. April 2025 verlängert wurde. Gerade der direkte Bezug zur Heimatstadt lässt hier Geschichte nahbar und konkret werden. Der Besuch geht unter die Haut, fördert das Geschichtsverständnis und ist gerade jetzt so wichtig!
Der Besuch lässt sich übrigens hervorragend mit der zauberhaften und stimmungsaufhellenden Ausstellung „Marlene Reidel – seitenweise Leben“ im Kasimirmuseum (noch bis zum 31.03.2025 verlängert) kombinieren, welche einen wunderbaren Einblick in die schönsten Kinderbücher der Landshuter Künstlerin gibt (ihr Werk „Jadwiga“ habe ich zum Beispiel schon hier auf dem Blog in meiner Herzbowle vorgestellt.)
Und auch im Landshuter Koenigmuseum gibt es gerade eine sehr lohnende Ausstellung anlässlich des 100. Geburtstags von Fritz Koenig: „Lebensstationen“ (noch bis zum 31.07.2025).
Alle drei Museen liegen direkt nebeneinander und sind fußläufig in wenigen Minuten von der Landshuter Altstadt aus zu erreichen – der Eintritt ist frei.



Intensiv und berührend war auch mein Theaterbesuch von Tennessee Williams’ „Endstation Sehnsucht“ im Landestheater Niederbayern. Unfassbar gut gespielt – Katharina Elisabeth Kram brilliert als Blanche – ist es ein Stück, das schmerzt und nachdenklich werden lässt.
Und ich habe es auch geschafft, mir den Film „One Life“ mit Anthony Hopkins in der ZDF Mediathek anzusehen. Auch diese wahre Geschichte des Londoner Maklers Nicholas Winton, der 669 überwiegend jüdische Kinder aus der Tschechoslowakei vor den Nationalsozialisten rettete, kann ich – gerade jetzt – wirklich jeder und jedem ans Herz legen.
Gerne gesehen habe ich auf ORF auch die aktuelle Neuinszenierung der „Zauberflöte“ aus der Wiener Staatsoper von Barbora Horáková, die das Geschehen in einem Spukhaus angesiedelt hat und mit einer wilden Mischung aus Addams Family, Harry Potter, Herr der Ringe und Momo etc. aufwartet, aber mich vor allem auch wieder musikalisch aufgrund des stets hervorragenden Georg Zeppenfeld als Sarastro begeisterte.
Im kürzesten Monat des Jahres ist aber auch wieder einiges an Lektüren zusammengekommen:
Im englischen Original habe ich den (in meinen Augen zu recht) hochgelobten Krimi „Old God’s time“ des irischen Autors Sebastian Barry gelesen, der einen Kriminalkommissar im Ruhestand nochmal zu aktuellen Ermittlungen hinzuzieht. Das Setting in einem abgeschiedenen Ort am sturmumtosten Meer, die düstere Atmosphäre und die interessante, vielschichtige Hauptfigur, sowie die dem Krimi zugrundeliegende Thematik und Barrys Schreibstil haben mich überzeugt und gefesselt.
„All his working life he had dealt with villains. After a few decades of that your faith in human nature is in the ground. It’s a premature burial, pre-dating your own. But he wanted to be a believer again, in something. He wanted to live in his wealth of minutes, the ones he had left anyhow. He wanted a blessed, a quiet time.“
(aus Sebastian Barry „Old God’s time“, S. 8)
Leichtfüßiger und für mich heimatnäher ging es in Kristina Schalkes Romandebüt „Alles was lebt“ zu, in dem sie ein buntes Kaleidoskop an Menschen und menschlichen Schicksalen eines Orts im Bayerischen Wald auf geschickte Weise und mit einer ordentlichen Prise Magie miteinander verknüpft.
Etwas magischen Eskapismus erlaubte ich mir auch mit der Lektüre von Ali Standishs zweitem Band der Jugendbuchreihe „Baskerville Hall – Das Zeichen der Fünf“, die den jungen Arthur Doyle in einem ganz besonderen Internat als Schüler von Professor Holmes gemeinsam mit seinen Freunden so einige Rätsel lösen und Abenteuer bestehen lässt. Elemente von Harry Potter treffen auf Sherlock Holmes – für mich funktioniert das gut!
Im Lesekreis beschäftigten wir uns diesen Monat mit Edgar Rais Roman „Ascona“ (hier geht es zu meiner bereits veröffentlichten Rezension) und natürlich der Hauptfigur des Romans: Erich Maria Remarque.
„Vielleicht, dachte Erich, würde es dereinst eine Auszeichnung bedeuten, zu den Autoren gehört zu haben, deren Werke in diesem Moment in Flammen aufgingen. Vergesst mich nicht. Vergesst nicht, auch meine Bücher ins Feuer zu werfen, und vergesst nicht, sich ihrer zu erinnern.“
(aus Edgar Rai „Ascona, S. 67)
Und es gibt Neues von einer mir altbekannten Schriftstellerin, der schwedischen Krimiautorin Liza Marklund: „Der Polarkreis“ bildet den Auftakt und den Schauplatz zu einer neuen Trilogie und handelt unter anderem von Schülerinnen, die gemeinsam in einem Buchclub aktiv sind. Schweden, Buchclub, Krimi… so schnell hat man meine Aufmerksamkeit und meine Neugier geweckt. Dazu gibt es in Kürze sicher mehr hier auf dem Blog.
Die Büchergilde Gutenberg hat im letzten Jahr einen großartigen Band über die drei Erichs herausgegeben: Wolfgang Eckert/Jürgen Seul „Habt ein besseres Gedächtnis! – Erich Kästner, Erich Knauf, Erich Ohres alias e.o.plauen – Die Geschichte einer Freundschaft“. In toller, bibliophiler Ausstattung mit zahlreichen Abbildungen, Fotos und Illustrationen wird die bekanntlich leider traurige Geschichte der Zusammenarbeit der drei Freunde beschrieben. Sie trägt den Titel und endet mit dem so wichtigen und zeitlosen Appell Erich Kästners, der die Zeit des Nationsozialismus als einziger der Drei überlebte, aus dem Gedicht „Verdun, viele Jahre später“: „Habt ein besseres Gedächtnis!“.
„Wir glauben manchmal, die Zeit sei nicht nur gleichgültig, sondern vergehe auch zu schnell. Aber es ist unser Erinnerungsvermögen, das sie verkürzt.“
(aus Wolfgang Eckert/Jürgen Seul „Habt ein besseres Gedächtnis!…“, S.119)
Wer schon etwas länger hier auf der Kulturbowle mitliest, weiß vermutlich, dass mir auch die italienische Literatur sehr am Herzen liegt und daher war es höchste Zeit auch diesbezüglich mein italienisches Lesejahr 2025 zu eröffnen – und zwar mit Donatella Di Pietrantonios Roman „Die zerbrechliche Zeit“. Die Preisträgerin des Premio Strega 2024 erzählt leise, ohne jede Effekthascherei und sehr klug von Familien, die sich entfremden und von einem Ort in den Abruzzen und seinen BewohnerInnen, die durch eine Gewalttat für immer verändert werden. Einfühlsam und wehmütig – große Literatur!
„Unser Geburtsort hatte uns lange beschützt, oder vielleicht war das ein falscher Eindruck. In einer einzigen Nacht sind wir erwachsen geworden.“
(aus Donatella Di Pietrantonio „Die zerbrechliche Zeit“. S. 186)
Die Booker-Preisträgerin 2024 Samantha Harvey ist mit ihrem preisgekrönten Werk „Orbital“ bzw. „Umlaufbahnen“ gerade in aller Munde und auf den Bestsellerlisten. Mich hat jedoch thematisch ihr Roman „Westwind“ (Originaltitel: „The Western Wind“) aus dem Jahr 2018, der auch auf der Krimibestenliste von Deutschlandfunk Kultur stand, mehr gereizt. Und diese opulente Geschichte, die an den Faschingstagen bzw. der beginnenden Fastenzeit in einer kleinen englischen Ortschaft Ende des 15. Jahrhunderts spielt, passte nicht nur perfekt in die Zeit, sondern hat auch echte Schmökerqualitäten. Ich habe diese sprachgewaltige Zeitreise mit einem Dorfpfarrer, der in einem ungeklärten Todesfall ermittelt, als Hauptfigur sehr genossen.
„Der Tag war lang und merkwürdig gewesen, das ist alles, was ich weiß. Ich mag keine Merkwürdigkeiten; ich mag es, wenn das Leben normal und vernünftig abläuft, wenn die dunklen Dinge, die am Rande unserer Wahrnehmung leben, dort auch bleiben. Aber die dunklen Dinge kommen. Manche scheinen zunächst nicht einmal dunkel zu sein, sondern vor trügerischer Freude zu leuchten.“
(aus Samantha Harvey „Westwind“, S.177/178)
Es ging weiter mit einem Historienstoff und tatsächlich auch wieder einiges gelernt habe ich bei der Romanlektüre von Arno Geigers „Reise nach Laredo“, das die letzte Lebensphase von Karl V. erzählt, der in einem Kloster im spanischen Laredo auf sein Leben zurückblickt und darüber reflektiert, was im Leben wirklich zählt. Es geht um Verpasstes, Verdrängtes und um das, was am Ende bleibt.
„Das Bett ist der einzige richtige Ort, die Welt sieht am besten aus mit der Decke über dem Kopf.“
(aus Arno Geiger „Reise nach Laredo“, S.193)
Und wenn sonst nicht mehr viel oder gar nichts mehr geht, dann geht immer noch ein Krimi-Klassiker:
„Wimsey könnte einer der besten Detektive Englands sein, wenn er nicht so bequem wäre. Wir können ihn zurzeit nur nicht finden.“
(aus Dorothy L. Sayers „Diskrete Zeugen“, S.50)
In diesem Fall habe ich mir den zweiten Band der Wimsey-Reihe von Dorothy L. Sayers „Diskrete Zeugen“ hervorgeholt, den ich zum Glück gleich in einem meiner Stapel gefunden habe, und bin abgetaucht in britisch-spitzzüngigem Humor, in Landhäusern und englischen Adelskreisen.
Was bringt der März?
Für mich viel Theater (und dieses Mal meine ich nicht das Welttheater!) aus allen Genres:
Als Studiostück im Landshuter Salzstadl wird die Komödie „Ein Satz zu viel“ von Éric Assous gespielt, und musikalisch gibt es nicht nur das berühmte Musical „Chicago“, sondern auch noch Richard Strauss’ Oper „Ariadne auf Naxos“ zu erleben.
Für meinen Lesekreis gibt es nach ein paar Wiederholungslektüren endlich wieder einmal Neues für mich zu entdecken und zwar einen Titel, der schon länger auf meiner erweiterten Wunschliste stand: die schöne Ausgabe aus dem mare Verlag von Herbert Clyde Lewis „Gentleman über Bord“. Ich freue mich drauf!
Auf meine TV bzw. Mediatheks-Merkliste gesetzt habe ich mir die britische Serie „Douglas is Cancelled“ mit Hugh Bonneville auf ARTE (die am 6. März ausgestrahlt wird und wohl bis 27.06.25 in der Mediathek zu sehen ist) und ebenfalls auf ARTE interessiert mich der Dokumentarfilm „ ‚Das andere Geschlecht‘ – Auf den Spuren von Simone de Beauvoir“ (Live-Sendetermin: 5. März, 21.50 Uhr).
Uns allen wünsche ich einen guten Frühlingsbeginn – es ist schön, die Schneeglöckchen, Winterlinge und Krokusse schon spitzen und blühen zu sehen – sowie Kraft und Energie, diesen neuen Monat anzupacken. Bleibt offen und neugierig! Und natürlich wünsche ich wie immer, dass hoffentlich genug Zeit und Muße für die schönen Dinge des Lebens, für Musik, Theaterbesuche, kulturelle Erlebnisse und gute Bücher bleibt!
„Das Leben, es ist ein Taumel – Amen.“
(aus Arno Geiger „Reise nach Laredo“, S.220)
Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight Februar:
Seit langem habe ich für einen schönen Anlass wieder einmal Käsefüße gebacken – nach folgendem Rezept für Cheddar-Cracker.
Musikalisches im Februar:
Auch wenn ich die Oper wirklich bereits sehr, sehr gut kenne, hat mich Mozarts Musik bzw. „Die Zauberflöte“ in der Neuinszenierung der Wiener Staatsoper wieder aufs Neue gepackt.
„Die Strahlen der Sonne vertreiben die Nacht,
Zernichten der Heuchler erschlichene Macht.“
(aus Johann Emanuel Schikaneder, Libretto „Die Zauberflöte“, 2.Akt, 30. Auftritt)











Die Raben
Über den schwarzen Winkel hasten
Am Mittag die Raben mit hartem Schrei.
Ihr Schatten streift an der Hirschkuh vorbei
Und manchmal sieht man sie mürrisch rasten.O wie sie die braune Stille stören,
In der ein Acker sich verzückt,
Wie ein Weib, das schwere Ahnung berückt,
Und manchmal kann man sie keifen hörenUm ein Aas, das sie irgendwo wittern,
Und plötzlich richten nach Nord sie den Flug
Und schwinden wie ein Leichenzug
In Lüften, die von Wollust zittern.(Georg Trakl)
Ich befinde mich auch gerade in einer italienischen Phase und lese nach „Accabadora“ von Michela Murgia gerade „Arminuta“ von Donatella Di Pietrantonio.
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„Arminuta“ ist bei mir jetzt auch auf meine (lange) Wunschliste gewandert, da ich „Die zerbrechliche Zeit“ bzw. auch den Stil von Donatella Di Pietrantonio wirklich großartig fand. Ich bin gespannt, was Du zu „Arminuta“ berichten wirst. Einen guten Start in die Woche!
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Vielen Dank, das wünsche ich Dir auch!
So viel kann ich schon sagen: Bis jetzt gefällt mir „Arminuta“ sehr gut.
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Liebe Barbara,
in „rabenschwarzen“ Zeiten, – mögen die Krähen und Raben die Wortwahl verzeihen -, und frostigen Nächten, liest sich Deine Monatsbowle wohl kühlend und gleichfalls erwärmend. Von Ausstellungen, Musik und Theater über vielfältige Lektüren bis hin zur Bäckerei und den jahreszeitlichen Fotos – sendest Du wiederum ein Gesamtkunstwerk.
Gute Vorfrühlingszeit und schöne Grüße,
Bernd
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Vielen herzlichen Dank, Bernd.
Es freut mich, dass Du in meinem Monatsrückblick kühlende, erwärmende Seiten und auch Zwischentöne entdecken konntest. Ich wünsche Dir einen sonnigen, frühlingshaften März und sende an diesem Aschermittwoch die besten Grüße nach Nürnberg, Barbara
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Die Autobiographie der 3 Freunde interessiert mich am Meisten. Kästners Bllick ist und bleibt aktuell. Über das Jugendbuch „…Baskervill…“ musste ich schmunzeln. Der 2. Bd war bei mir gerade die perfekte, spannende Nachtlektüre.
Liebe Grüße und schönes Wochenende
Nina
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Dankeschön, Nina. Ich sehe schon mit Baskerville Hall sind wir uns bezüglich etwas Eskapismus einig. 🙂
Und ja auch Deine andere Auswahl kann ich sehr gut nachvollziehen, denn die Geschichte der Freundschaft der drei Erichs ist wirklich lesenswert und auch sehr gut illustriert.
Herzliche und sonnige Wochenendgrüße! Barbara
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