Geheimnisvolle Pietà

Anfang Januar. Die ersten und noch ruhigen Tage des Jahres sind für mich immer eine Einladung, einmal bzw. gleich zum Auftakt des Lesejahres einen richtigen Schmöker aus dem Stapel zu ziehen. Denn was gibt es Schöneres, als an diesen stillen Wintertagen auf über 500 Seiten in eine andere Zeit und eine andere Welt abzutauchen. Und ich hatte ein gutes Händchen bzw. auch wirklich Glück, denn „Was ich von ihr weiß“ von Jean-Baptiste Andrea schenkte mir genau dieses Leseerlebnis. Der mit dem Prix Goncourt 2023 prämierte Roman war genau das, was ich mir unter einem richtigen Schmöker vorstelle: opulent, fesselnd und mit Figuren, die einem ans Herz wachsen und die man gespannt und genussvoll in vielen Lesestunden mit Freude begleitet. Um so schöner, wenn es dann auch möglich ist, dran zu bleiben und man das Buch nicht lange zwischendurch weglegen muss.

Michelangelo Vitaliani – kurz Mimo – wurde von seinen Eltern ein großer Name mit auf den Lebensweg gegeben. Doch Mimo ist an Achondroplasie erkrankt und wird sein Leben lang kleinwüchsig bleiben, was ihn jedoch nicht daran hindert, seinem viel zu früh verstorbenen Vater in die Fußstapfen der Bildhauerei zu folgen. Aufgewachsen in Frankreich, verschlägt es ihn als Jugendlichen nach Italien, um dort das Handwerk weiter zu erlernen, sein Glück zu suchen und seiner Mutter nicht mehr auf der Tasche zu liegen.

In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts in Pietra D’Alba – einem kleinen Dorf in Ligurien – muss Mimo in einfachen Verhältnissen in einer Werkstatt als Lehrjunge schuften, als er zufällig im Ort der wunderschönen, gleichaltrigen Viola begegnet. Die Tochter des Marchese ist ein Freigeist und selbst als ihre adelige Familie ihr den Kontakt zu diesem Handwerksjungen verbietet, findet sie Mittel und Wege mit ihm in Kontakt zu bleiben.

„Für einen kurzen Moment sind Viola und ich gleich groß. Wir sind fast vierzehn Jahre alt. Und genau gleich groß. Das wird nicht so bleiben, sie weiß es, ich weiß es, wir wissen es, denn am liebsten sage ich wir. In einer Sekunde wird Viola weiter wachsen und sich aufmachen in Richtung Himmel. Ich werde hierbleiben, in Bodennähe.“
(S.120)

Viola versucht in jeglicher Hinsicht, Konventionen und Rahmen zu sprengen: den gesellschaftlichen Rahmen des Adels mit all seinen Zwängen, den Rahmen, was sich für Mädchen und Frauen ihres Alters und ihres Standes geziemt und selbst die Schwerkraft will sie überwinden. Denn Viola – wissbegierig, klug und belesen – träumt vom Fliegen. Für Mimo schmuggelt sie Bücher aus der Familienbibliothek, eröffnet ihm so neue Horizonte und es entwickelt sich ein besonderes Band zwischen den beiden. Doch plötzlich kommt das Leben dazwischen und ihre Wege trennen sich.

„So lange, bis ich meine Zukunft geplant hätte, eine Zukunft, die mir im Moment noch unbekannt war. Ich würde nur zurückkehren, um wieder zu gehen. Würde nicht einmal versuchen, Viola zu sehen, da diese Prinzessin erwachsen geworden war und ich nicht.“
(S.219)

Doch sie werden sich auch wieder kreuzen diese Wege und so führt der Autor seine Leserinnen und Leser mit Mimo und Viola nicht nur durch deren wechselvolle und turbulente Lebensgeschichten, die sie von Ligurien teils auch nach Florenz, Rom und in die Sphären des Vatikan verschlagen werden, sondern erzählt zugleich die Geschichte Italiens im 20. Jahrhundert. Vom Aufstieg des Faschismus, von Kardinal Pacelli, der später Papst werden wird, vom Priester Pankratius Pfeiffer, der in Rom versucht, der jüdischen Bevölkerung zu helfen bis hin zu einem starken Erdbeben in Ligurien, das alles verändert.

Jean-Baptiste Andrea hat ein großes, opulentes Buch geschrieben über italienische Zeitgeschichte, aber vor allem auch über Standesunterschiede, Ungleichheit, Größenunterschiede, ungleiche Lebenschancen und Geschlechtsunterschiede.

„Ich sei eben anders, sagte meine Mutter. Statt mich groß, schön und stark zu machen, habe der liebe Gott mich klein, schön und stark gemacht. Und auch mein Glück wäre ein anderes. Es wäre nie das Glück der ersten Gelegenheiten, dieses billige Glück wie auf dem Jahrmarkt, wo alle immer gewönnen und deshalb nichts gewönnen. Der liebe Gott halte für mich bereit, was es in Sachen Glück als Bestes gebe. Du wirst ein Mensch der zweiten Chance sein.
(S.256)

Schön, dass dieser opulente, traditionell und mit viel Witz erzählte Roman den renommierten und wichtigsten französischen Literaturpreis – den Prix Goncourt 2023 – gewonnen hat. Eine Wahl, die man in unseren schnelllebigen Zeiten vielleicht ebenso wenig erwarten würde wie das verträumte Umschlagbild.

„Ich hatte die Macht der Bibliotheken unterschätzt, die mich immerhin aus dem Dunkel gerissen und mir gar einen Hauch von zartester Schönheit geschenkt hatten. Ich war undankbar. An wie vielen Abenden hatte ich mir sturzbetrunken wieder und wieder gesagt, dass das wahre Leben hier stattfand, in einer ewigen Stadt, die sich in rasendem Tempo um mich drehte? Fern von zu Hause erteilte mir Viola erneut eine Lektion – das wahre Leben fand in den Büchern statt.“
(S.361)

„Was ich von ihr weiß“ ist ein Buch über den Traum vom Fliegen, den Traum von der Liebe, über die Liebe zu Büchern, aber auch über Freiheit, Kunst und die Kraft von Kunstwerken. Denn Mimo gelingt es – wie seinem großen Namensgeber – eine Pietà zu erschaffen, die offenbar das Leben der BetrachterInnen in einem Ausmaß zu verändern scheint, dass manche Menschen es für notwendig erachten, sie den Augen der Öffentlichkeit zu entziehen…
… eine wirklich spannende Geschichte, ein großartiges Buch und ein wunderbarer Schmöker, um der heutigen Welt für einige Stunden zu entfliehen.

„… Wir sind zwei Magnete. Je näher wir uns kommen, desto heftiger stoßen wir uns ab.“
„Wir sind keine Magnete. Wir sind eine Symphonie. Und selbst die Musik braucht Pausen.“
(S.401)

Eine weitere Besprechung gibt es bei Literaturreich.

Buchinformation:
Jean-Baptiste Andrea, Was ich von ihr weiß
Aus dem Französischen von Thomas Brovot
Luchterhand
ISBN: 978-3-630-87800-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Jean Baptiste Andreas „Was ich von ihr weiß“:

Zum Weiterhören:
Mimo erfährt im Buch nicht nur viel über die Macht der Liebe, der Kunst, sondern auch über die Macht der Musik. Er hört eine Fassung von „Vesti la giubba“, der Arie des Bajazzo aus Leoncavallos gleichnamiger Oper (italienisch: Pagliacci), die ihn tief im Herzen berührt:

„Ich hatte nicht das Glück, Caruso auf der Bühne zu sehen (…). Doch durch die Magie einer Technologie, die noch in den Kinderschuhen steckte, der Tonaufzeichnung, hörte ich ihn später die Rolle des Bajazzo singen, der, von seiner Frau betrogen, alles daransetzt, sein Leid hinterm Clownskostüm zu verbergen.“ (S.123)

Zum Weiterklicken:
Im Roman spielt die Pietà von Michelangelo und auch das Attentat von Laszlo Toth am Pfingstsonntag 1972 eine Rolle, als dieser mit einem Hammer auf die Statue einschlug. Mehr dazu gibt es in diesem WDR-Artikel nachzulesen.

Zum Weiterlesen:
Der Traum vom Fliegen spielt auch in Michael Römlings RomanPandolfoeine wichtige Rolle – allerdings ist dieser in einer ganz anderen Zeit angesiedelt, d.h. viele Jahre früher als Andreas Roman. Alle Schmökerfreund*innen und Fans von historischen Romanen können hier gerne auch mal in meine Besprechung des Buchs reinlesen.

Michael Römling, Pandolfo
Rowohlt Hundert Augen
ISBN: 978-3-498-09356-3

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