Schwedisches Schreibmaschinengeklapper

Meine Europabowle oder literarische Europareise hat wieder ein Weile pausiert, aber heute geht es nach Schweden, in die wunderbare Hauptstadt Stockholm. Und zwar mit einem Roman aus dem Jahr 1908, der auch mehr als 110 Jahre nach seinem Erscheinen vor allem sprachlich nichts von seiner Frische eingebüßt hat: Elin Wägner’s „Die Sekretärinnen“ (Originaltitel: Norrtullsligan). Eine wunderbare Wiederentdeckung dieses feinen, feministischen Werks des frühen 20. Jahrhunderts, das jetzt im Ecco Verlag in der deutschen Übersetzung von Wibke Kuhn neu aufgelegt wurde.

„Ich weiß nicht, was für Männer und andere Unglücksfälle mich hier in Stockholm erwarten, aber zumindest kann ich mir auf empirischem Wege ausrechnen, dass dort, wo ich bin, in den nächsten Jahren noch einige zusammenkommen werden…“

(S.13)

Für die damalige Zeit behandelt der Roman eine geradezu unerhörte Sache: vier junge Frauen teilen sich in Stockholm eine gemeinsame Wohnung – heute würde man wohl von einer Wohngemeinschaft sprechen – und wollen sich ihren Lebensunterhalt selbst verdienen ohne sich an einen Mann zu binden. Sie arbeiten im Büro und stoßen in Zeiten, die für Frauen nichts anderes als eine Ehe bzw. Kinder, Kirche, Küche vorsehen, gesellschaftlich auf Unverständnis und offene Ablehnung.

„Heute gerieten wir in einen grässlichen Streit, als der Chef gerade frühstückte. Es ging, wie es immer geht: Ich wurde zum Schweigen gebracht, aber nicht überzeugt.“

(S.33)

Die Jobs in den Büros der Großstadt sind dürftig bezahlt und reichen gerade mal so, die Miete und die Kost zu bezahlen. Große Sprünge sind da nicht zu machen und doch genießen die Freundinnen ihre selbstgewählte Unabhängigkeit und unterstützen sich gegenseitig, teilen Freud und Leid, ersetzen sich gegenseitig die Familie.

Sie kämpfen für Gleichberechtigung, gleiche Bezahlung und gegen die Diskriminierung durch die männlichen Kollegen. Auch sexuelle Übergriffe sind keine Seltenheit. Doch die jungen Frauen lassen sich nicht beirren, organisieren sich und schnell entwickeln sich auch politische Ideen und Aktivitäten.
Sie wollen frei sein und unabhängig ein selbstbestimmtes Leben im Sinne der Gleichberechtigung von Mann und Frau führen. Dafür kämpfen und streiken sie.

„Mit dreißig Jahren macht eine Frau mehr oder weniger leicht, was sie mit zwanzig noch verurteilt hätte.“

(S.57)

Sprachlich und stilistisch ist der Roman so herzerfrischend modern, dass man ihm die mehr als 110 Jahre auf dem Buckel überhaupt nicht anmerkt. Wägner schreibt so entwaffnend direkt und mit einer ordentlichen Prise Selbstironie, dass es eine Freude ist, Eva, Magnhild, Emmy und Elisabeth zu begleiten.

Man könnte es sich gut vorstellen, mit ihnen einen draufzumachen, in der WG-Küche zu feiern, zu tanzen und zu diskutieren. Mit einigen Themen hat auch die Frau von heute immer noch zu kämpfen und doch haben Generationen wie diese dankenswerterweise große Vorarbeit hinsichtlich der Frauenrechte geleistet. Man hätte sich sicherlich viel zu erzählen und würde sich prächtig verstehen.

Trotz all der kämpferischen Haltung klingen im Roman jedoch auch immer wieder Selbstzweifel durch und auch Elisabeth und ihre Freundinnen haben schwache Momente, in welchen sie den Mut vor der eigenen Courage zu verlieren scheinen. Denn hin und wieder verdreht ihnen doch auch mal ein Mann den Kopf und der Gedanke blitzt auf, ob eine Ehe nicht doch eine Option bzw. eine bequeme Lösung sein könnte.

Ein ehrliches und authentisches Buch, das zwischen ungezähmter Lebensfreude und nachdenklicher Melancholie schwankt, so wie die hellen skandinavischen Sommer sich mit langen, dunklen Wintern abwechseln.

Mich hat die Lektüre fasziniert und hätte es der Klappentext nicht verraten, hätte ich das Werk niemals dem Erscheinungsjahr 1908 zugeordnet. Elin Wägner (1882 – 1949), die sich für das Frauenwahlrecht einsetzte und 1919 zu den GründerInnen von Save the Children gehörte, schreibt so zeitlos und unterhaltsam, dass die Lektüre auch heute noch zum Fest wird. Mehrfach musste ich herzlich lachen, um mich schon ein paar Seiten weiter gemeinsam mit der Ich-Erzählerin Elisabeth wieder so richtig über die Ungerechtigkeiten zu ärgern. Ein empathisches Buch, dem man sich nicht entziehen kann und möchte.

Grandiose Unterhaltung und ein kampflustiges Zeitzeugnis feministischer Literatur des frühen 20. Jahrhunderts vor der zauberhaften Kulisse Stockholms und in meinen Augen eine wirklich lesens- und liebenswerte literarische Wiederentdeckung, die ich wärmstens empfehlen kann.

„Nein, Baby“, sagte ich, „man kriegt nie den, den man haben will, aber man kann vielleicht den kriegen, den eine andere haben will, und das ist genauso gut, fast noch besser.“

(S.43)

Die bisherigen Stationen meiner Europabowle oder Literarischen Europareise haben mich nach Finnland, Irland, Italien, Österreich, Dänemark, Rumänien, Griechenland, in die Schweiz, nach Spanien, Slowenien und Frankreich geführt – wer neu auf die Kulturbowle gelangt ist und noch weiterreisen oder nachlesen möchte, was bisher geschah, kann dies auf den farbig hinterlegten Länderbezeichnungen gerne tun. Weitere Stationen sind in Planung und werden folgen.

Buchinformation:
Elin Wägner, Die Sekretärinnen
Aus dem Schwedischen von Wibke Kuhn
Ecco Verlag
ISBN: 978-3-7530-0060-2

***

Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Elin Wägner’s „Die Sekretärinnen“:

Für den Gaumen:
Die jungen Damen müssen sich ihr Verpflegung hart erarbeiten und oft fällt sie daher auch dürftig aus, um so größer die Freude über den gelungenen Einstand der neuen Mitbewohnerin:

„Wir haben keine Butter mehr“, flüsterte sie.
„Ich schon“, verkündete ich, und es war rührend zu sehen, wie sie sich freuten, als ich Butter und Brot und Eier vom Land auspackte. Wir hatten ein verschwenderisches Souper, die Stimmung schlug hohe Wellen.“

(S.21)

Zum Weiterhören:
Musikalisch hat der Roman einiges zu bieten, immer wieder taucht – gerade wenn die Damen in Feierlaune sind – der Bostonwalzer auf, der dann gerne getanzt wird.

Allerdings haben auch Händels Largo bei einem Kirchenkonzert und Wagner’s Lohengrin bei einem seltenen und kostbaren Opernbesuch ihren Auftritt im Buch:

„Ich kaufte mir eine Karte für einen Platz für fünfundsiebzig Öre in der dritten Reihe, wo ich nicht mehr sah als ein paar weiße Blusenleibchen und Nackenkämme und nicht mal die, denn ich hörte mir den Lohengrin mit geschlossenen Augen an. Die Musik wirkte wie Coldcream auf meine Seele, sie wurde außen ganz glatt.“

(S.115)

Zum Weiterlesen:
Schweden, das Heimatland der Literaturnobelpreise hat bisher 8 PreisträgerInnen zu verzeichnen: Selma Lagerlöf, Verner von Heidenstam, Erik Axel Karlfeldt, Pär Lagerkvist, Nelly Sachs, Eyvind Johnson, Harry Martinson und Tomas Tranströmer.
Interessanterweise ist wohl die Erste in dieser Reihe und zugleich die erste Frau, die den Literaturnobelpreis bekam, auch die Bekannteste. Sie erhielt den Preis 1909, ein Jahr nachdem Elin Wägners „Die Sekretärinnen“ erschienen ist.
Mich würden vor allem die Memoiren Selma Lagerlöf’s interessieren, die ich mir hiermit einmal auf meine geistige Merkliste setze:

Selma Lagerlöf, Die Erinnerungen: Mårbacka. Aus meinen Kindertagen.
Das Tagebuch der Selma Ottilia Lovisa Lagerlöf
Aus dem Schwedischen von Pauline Klaiber-Gottschau
Urachhaus
ISBN: 978-3825179595

Wenn die Chemie stimmt

Ich gebe zu: Chemie war nicht mein Lieblingsfach in der Schule und das meiste habe ich bereits vergessen, aber in Bonnie Garmus’ Debütroman „Eine Frage der Chemie“ durfte ich mit Elizabeth Zott eine Romanheldin kennenlernen, die mir sicher lange im Gedächtnis bleiben wird. Und keine Angst! Man kommt auch ohne chemisches Wissen sehr gut durch diese Lektüre.

1961 – Die Welt ist noch nicht wirklich reif für Frauen in der Wissenschaft und doch wünscht sich Elizabeth Zott nichts sehnlicher, als eine Karriere als Chemikerin in der Forschung zu machen. Kaum einer traut ihr das zu und die meisten Kollegen nehmen sie nicht ernst, bis sie auf Calvin Evans trifft. Er ist der unangefochtene und exzentrische Star des Instituts und Nobelpreiskandidat, der gesellschaftlich eher ein Außenseiter ist und seine eigenen Wege geht. Doch als er buchstäblich auf Elizabeth stößt, knistert es sofort – zwei verwandte Seelen haben sich gefunden.

Ein schwerer Schicksalsschlag stellt Elizabeth jedoch vor die größte Herausforderung ihres Lebens und zwingt sie, ihren Traum von der Wissenschaftskarriere aufzugeben. Als alleinerziehende Mutter nimmt sie, um den Lebensunterhalt für ihre Tochter Madeline und sich zu verdienen, das überraschende Angebot an, Fernsehmoderatorin der konservativen Kochshow „Essen um sechs“ zu werden.
Doch Elizabeth wäre nicht Elizabeth, würde sie der Sendung nicht ihren ganz persönlichen Stempel aufdrücken. Der Sender würde sie am liebsten feuern, doch das Publikum liebt sie. Was als Lückenfüller im Programm gedacht war, entwickelt sich zum brandheißen Geheimtip und Elizabeth inspiriert die Zuschauerinnen dazu, ihr Leben zu verändern.

„Kochen ist eine seriöse Wissenschaft. Im Grunde ist es Chemie.“

(S.60)

Bonnie Garmus hatte mich schon nach dem Vorwort verzaubert und mir war schnell klar, dass diese Elizabeth Zott eine Heldin sein wird, der ich wie gebannt folgen würde. Eine starke, rebellische, kluge, intelligente Frau, die für ihre Rechte und ihr selbstbestimmtes Leben kämpft und dabei kein Blatt vor den Mund nimmt.

„Und doch war das jetzt ihr Leben, eine alleinstehende Mutter, die leitende Wissenschaftlerin bei dem wohl unwissenschaftlichsten Experiment aller Zeiten: das Großziehen eines anderen Menschen. Jeden Tag empfand sie die Mutterschaft wie einen Test, für den sie nicht gelernt hatte. Die Fragen waren beängstigend, und es gab nicht annähernd genug Lösungsvorschläge.“

(S.197)

Und auch wenn sie Selbstzweifel plagen und das Leben ihr schwere Prüfungen auferlegt, verliert sie nicht den Mut und kämpft. Unterstützung im Haushalt und bei der Betreuung ihrer Tochter Madeline erhält sie von Nachbarsfrau Harriet, die sich als wahrer Engel entpuppt und aufblüht, als ihr Leben wieder einen Sinn bekommt. Denn so kann sie der beklemmenden Enge ihrer unglücklichen Ehe zumindest stundenweise entfliehen. Und auch Tochter Madeline ist etwas Besonderes, denn sie hat die Intelligenz und Begabung ihrer Mutter geerbt. Sie fordert und will gefordert werden.

„Denn während musikalische Wunderkinder stets bejubelt werden, ist das bei frühen Lesern nicht der Fall. Weil frühe Leser nämlich bloß in etwas gut sind, in dem andere irgendwann auch gut sein werden. Deshalb ist es nichts Besonderes, darin die Erste zu sein – es ist bloß nervig.“

(S.8)

Und es sind genau diese wunderbaren, sympathischen Figuren, die für mich die ganz große Stärke des Romans ausmachen. Man muss diese Charaktere einfach lieben und lacht, weint, leidet und freut sich mit ihnen.
Wenn rationalen Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen die Gefühle dazwischen kommen, dann wird es kompliziert und man beobachtet als Leser, wie sie scheitern, Wesentliches verschweigen oder verheimlichen und aus gut gemeinten Gründen dem Abgrund entgegen steuern.

Die Lektüre ist zugleich auf kluge Weise witzig-amüsant, aber auch zutiefst berührend. Freud und Leid liegen nahe beieinander – wie im richtigen Leben eben.
Viele Szenen machen wütend und im nächsten Moment auch dankbar, dass die Frauengeneration der Fünfziger und Sechziger Jahre so manche – wenn auch nicht alle – Kämpfe für die Nachfolgegeneration ausgefochten hat.

„Man sollte meinen, dass die Dummen früher wegsterben“, fuhr Elizabeth fort. „Doch Darwin hat nicht berücksichtigt, dass die Dummen nur selten vergessen zu essen.“

(S.352)

Bonnie Garmus, die viele Jahre als Kreativdirektorin gearbeitet hat, hat ein inspirierendes und starkes Debüt über Emanzipation, intelligente Frauen sowie den Kampf um Anerkennung und gegen sexuelle Diskriminierung verfasst.

Schon nach wenigen Seiten ist man dem Sog der Geschichte und der grandiosen Hauptfigur verfallen und möchte das Buch gar nicht mehr weglegen.
Es gibt also viele gute Gründe, diesen großartigen Roman zu lesen und falls Ihr noch einen braucht: Ihr müsst unbedingt Halbsieben kennenlernen!

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Piper Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Bonnie Garmus, Eine Frage der Chemie
Aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann
Piper
ISBN: 978-3-492-07109-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Eine Frage der Chemie“:

Für den Gaumen:
Elizabeth’s Art zu kochen ist unkonventionell, aber sie versteht es, auf ihre ganz eigene Art und Weise gesunde und schmackhafte Kost zuzubereiten – und natürlich gibt es in einem Buch, das die Moderatorin einer Kochshow zur Heldin hat, auch kulinarische Anregungen, zum Beispiel: „Hähnchen Parmigiana. Kartoffelgratin. Irgendein Salat.“ (S.57)

Zum Weiterhören oder für einen Theaterbesuch:
Ein Theaterbesuch der Operette „Der Mikado“ von Gilbert und Sullivan wird zum Schlüsselerlebnis für Elizabeth Zott. Zwar kann sie der Inszenierung an diesem Abend nicht viel abgewinnen und doch wird dieser ihr Leben entscheidend verändern.

Zum Weiterlesen:
Ich habe mir das Hirn zermartert, ob ich schon einmal einen Roman gelesen habe, der mit Chemie zu tun hatte. Aber mir ist ehrlich gesagt keiner eingefallen. Aber wer literarisch gerne in den Sechziger Jahren bleiben möchte und nach „Eine Frage der Chemie“, der 1961 angesiedelt ist, mit dem Jahr 1962 weitermachen möchte, dem kann ich Steffen Kopetzky’s Roman „Monschau“ wirklich sehr empfehlen. Er zählte zu meinen Lesehighlights im vergangenen Jahr 2021 und erzählt eine feine Liebesgeschichte vor dem Hintergrund des Pockenausbruchs in der Eifel.

Steffen Kopetzky, Monschau
Rowohlt Berlin
ISBN: 978-3-7371-0112-7

Paris – Stadt der Bücherliebe

Ich liebe Bücher über Menschen, die Bücher lieben und in Veronika Peters’ Roman „Das Herz von Paris“ darf man gleich mehrere Vertreterinnen dieser Spezies kennenlernen. Schauplatz ist die legendäre Buchhandlung Shakespeare and Company im Herzen von Paris im Jahr 1925 und der Roman beschert nicht nur eine wunderbare Zeitreise in die Stadt der Liebe der Zwanziger Jahre, sondern kann zugleich als Hommage an Sylvia Beach, Adrienne Monnier und Djuna Barnes gelesen werden.

„Sehr gut. Ich bin Sylvia. Kommen Sie herein, drinnen sind noch mehr zornige Frauen. Lassen Sie uns gemeinsam einen Tee trinken und das richtige Buch für Sie finden.“

(S.19)

Ann-Sophie von Schoeller – junge Ehefrau aus gutem Berliner Hause – verschlägt es gegen ihren Willen an der Seite ihres Ehemanns nach Paris. Sie hat sich fest vorgenommen, diese Stadt nicht zu mögen, in welcher ihr Mann als Anwalt in der Kanzlei seines Onkels Karriere machen möchte.
Widerstrebend fängt sie daher erst spät damit an, mit einem Baedeker bewaffnet die Stadt zu erkunden – schließlich wird es irgendwann doch langweilig in der kleinen Wohnung den ganzen Tag auf den Gatten zu warten. Bei einem ihrer Spaziergänge landet sie plötzlich zufällig in der Rue de L’Odéon. Vor einem englischen Buchladen namens Shakespeare and Company steht eine charismatische Frau in Männerkleidung und lädt sie ein hereinzukommen. Für Ann-Sophie ein Schritt in eine völlig andere Welt, der ihr Leben verändern wird.

„Willkommen in Odéonia, der freien Republik der Bücherliebenden, dem wahren Herzen von Paris!“ sagte Adrienne. „Hier wird Literatur nicht nur verkauft, sondern auch verliehen, verlegerisch begleitet sowie in eigens zu diesem Zweck ins Leben gerufenen Zeitschriften gefeiert. (…)“

(S.25)

Im legendären Buchladen der Verlegerin von James Joyce’s „Ulysses“ Sylvia Beach trifft sie auf starke, unabhängige Frauen, die ihr Leben emanzipiert und selbstbestimmt leben. Da wird gelesen, geraucht, diskutiert und abends auch gemeinsam ausgegangen und der eine oder andere Drink genommen. Auch Ann-Sophie, die bald beginnt, als Aushilfe im Laden zu arbeiten, merkt schnell, dass mehr in ihr steckt und sie mehr möchte, als ausschließlich die fügsame Vollzeit-Gattin zu spielen.

„Frauen wie Sylvia, Dunja, Janet und Adrienne übten selbst Berufe aus, statt von ihren Vätern oder Ehemännern abhängig zu sein. Sie reisten autonom durch aller Herren Länder, verkehrten mit erfolgreichen Schriftstellerinnen und mysteriösen Poeten-Genies, sie organisierten skandalträchtige literarische Soireen, gingen abends in ein Café und betranken sich, wenn ihnen danach war.“

(S.46)

Veronika Peters ist es gelungen, eine Handlung und eine Atmosphäre zu erschaffen, bei der man sofort selbst dabei sein möchte. Man will diese zauberhafte Buchhandlung und die starken, wunderbaren Frauen am liebsten selbst kennenlernen, mit ihnen über Bücher sprechen, ein Gläschen trinken und das französische, intellektuelle Savoir-Vivre genießen. Die Charaktere – viele entsprechen natürlich den realen, historischen Persönlichkeiten mit gewissen fiktiven Freiheiten – sind so sympathisch, dass einen die Geschichte sofort in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Schon parallel zur Lektüre war ich am recherchieren und Notizen machen, worüber ich mehr wissen will oder was ich weiter lesen möchte – eine wirklich inspirierende Lektüre.

„Du musst lesen! Literatur bestärkt und befreit eine geschundene Seele, führt ins Weite, bringt lang unterdrückte Emotionen an die Oberfläche, lässt uns über den eigenen beschränkten Horizont hinauswachsen!“

(S.54)

Sylvia Beach eröffnete die englischsprachige Buchhandlung Shakespeare and Company 1919 gegenüber dem Buchladen ihrer späteren Lebensgefährtin Adrienne Monnier und schloss diesen 1941 nach der Besetzung Paris’ durch die Deutschen im zweiten Weltkrieg. 1922 verlegte sie Ulysses von James Joyce und ihr Laden galt als Treffpunkt der Literatur- und Kunstszene. Im Roman begegnen wir ihr gemeinsam mit der Hauptfigur Ann-Sophie im Jahr 1925.

Auch wenn das eine oder andere im Roman vielleicht etwas idealisierend oder verklärt beschrieben wird, tut dies der Lesefreude keinerlei Abbruch. Es ist ein Buch über Emanzipation, über starke, unabhängige Frauen, über Selbstverwirklichung, Literatur und Schriftstellerei, sowie eine Welt im Wandel.

„Das Herz von Paris“ ist ein Herzensbuch für BücherliebhaberInnen – so trostspendend wie eine Badewanne voller Schaum oder die Lieblingskuscheldecke auf der Couch. Ein Buch zum Reinlegen und genießen. Beim Lesen fühlt man sich wie bei einem gelungenen Mädelsabend mit guten Freundinnen und es ist schade, wenn die letzte Seite umgeblättert und das Vergnügen schon wieder vorbei ist.
Eine herzerwärmende Hymne über Paris, den Zauber von Buchläden und die erstaunliche Kraft der Literatur, Menschen zu ändern.

Mit diesem Buch habe ich einen weiteren Punkt meiner „22 für 2022“ erfüllt – Punkt Nummer 10) auf der Liste: Ich möchte ein Buch mit Paris als Schauplatz lesen. Doch mein nächster literarischer Besuch in der französischen Hauptstadt wird sicherlich nicht lange auf sich warten lassen – es liegt schon weitere Paris-Lektüre auf meinem Stapel bereit.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Oktopus / Kampa Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Veronika Peters, Das Herz von Paris
Oktopus / Kampa Verlag
ISBN: 978-3-311-30019-9

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Veronika Peters’ „Das Herz von Paris“ :

Für den Gaumen:
Einen ziemlich stilvollen, aber ordentlichen Absturz beschert den Damen und insbesondere Ann-Sophie der Genuss eines klassischen Pariser Cocktails – dem Monkey Gland. Laut Wikipedia ein „alkoholhaltiger Cocktail aus Gin, Orangensaft, Absinth und Grenadine“, der erstmals in den 1920er Jahren in Paris zubereitet wurde – das Rezept der International Bartenders Association findet sich ebenso bei Wikipedia.

Zum Weiterlesen (I):
Rimbaud’s „Le bateau ivre“ spielt im Roman ebenso eine Rolle wie die Werke von Colette oder James Joyce. somit ist der Roman über den legendären Pariser Buchladen natürlich voll von neuen Inspirationen und Leseanregungen.

Arthur Rimbaud, Das trunkene Schiff
Übersetzt von Paul Celan
Insel Bücherei 1300, Insel Verlag
ISBN: 978-3-458-19300-5

Zum Weiterlesen (II):
Nach der Lektüre ist zudem ein ganz klares „Muss ich unbedingt lesen“-Buch auf meine Wunschliste gelangt: Sylvia Beach’s eigenes Buch über ihren Buchladen in Paris „Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris“. Ich möchte definitiv noch mehr über diesen legendären Buchladen, das Paris der Künstler und Schriftsteller und die Buchhändlerin und Verlegerin erfahren – eine spannende Persönlichkeit.

Sylvia Beach, Shakespeare and Company – ein Buchladen in Paris
Aus dem Amerikanischen von Lilly von Sauter
Suhrkamp Taschenbuch
ISBN: 978-3-518-37323-1

Poesiealbumzauber

Pascale Hugues blätterte durch ihr Poesiealbum, in welchem sich 1968 ihre Straßburger Klassenkameradinnen verewigten und die Idee zu ihrem neuen, wunderbaren Buch „Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration“ war geboren. Was ist aus diesen zwölf Mädchen, die damals in Pascale’s Poesiealbum bescheidene, süße und fromme Verse schrieben sowie Blumen- und Glitzerbilder einklebten, geworden?

Anhand der Lebensgeschichten ihrer Schulkameradinnen – geboren in den Jahren 1958 bis 1960 – fächert die französische Journalistin, die seit vielen Jahren als Deutschlandkorrespondentin für das Nachrichtenmagazin Le Point in Berlin arbeitet und auch Kolumnen für den Tagesspiegel schreibt, das Bild einer ganzen Generation auf. Den Krieg kannten sie nur aus Erzählungen, für die Revolution 1968 waren sie selbst noch zu jung und so profitierten sie in hohem Maße von neuen Errungenschaften und Rechten, welche ihre Großmütter und Mütter für sie erkämpft hatten. Sie entwickelten sich vom „braven Mädchen aus dem Poesiealbum“ zu starken und selbstständigen Frauen, die mitten im Leben stehen.

„Wir ritten auf einer steilen Diagonale immer höheren Gipfeln zu. Um uns herum stieg alles an: die Geburtenrate, die Lebenserwartung, das Wirtschaftswachstum, die Industrieproduktion, die Abiturientenzahl, das Einkommen, das Kindergeld, die Renten, der gesetzlich garantierte Mindestlohn, der am ersten Juni 1968 einen Sprung von fünfunddreißig Prozent machte, der Lebensstandard, die Kaufkraft, der Konsumentenverbrauch, die Länge des bezahlten Urlaubs und die unserer Sommerferien, die zehn Wochen dauerten.“

(S.33)

Als Pascale Hugues ein Klassentreffen organisiert und die meisten ihrer Klassenkameradinnen zum ersten Mal seit der Schulzeit wieder sieht, um ihr literarisches Projekt in die Tat umzusetzen, herrscht zunächst Skepsis: Werden sie sich wieder erkennen? Was hat man sich nach all der Zeit zu sagen? Wird es mehr sein als das übliche „mein Haus, mein Auto, mein Mann, meine Kinder…“ oder das gemeinsame Schwelgen in Streichen und Anekdoten aus der Schulzeit? Und sind ihre vermeintlich alltäglichen Lebensläufe es wirklich wert und substanziell genug, um in einem Buch erzählt zu werden?

„Verändert man sich während eines Lebens? Es scheint mir, es gibt eine unwandelbare Essenz, einen inneren Wesenskern, dem weder die verflossenen Jahre noch die unterwegs angesammelten Erfahrungen etwas anhaben können.“

(S.47)

Schnell stellt sich heraus, dass es hochspannend ist, sich die Lebensgeschichten der Frauen anzuhören und aufzuschreiben – und für den Leser, diese zu verfolgen. Die Frauen öffnen sich gegenüber der Autorin und sie merkt, dass viele Eigenschaften und Anlagen, die bereits in der Kindheit vorhanden waren, sich wie ein roter Faden durch ihre Lebensläufe ziehen. Manches überrascht, manches nicht und doch zeichnen diese Erzählungen der Frauen über ihre Kindheit, schulische Ausbildung, Berufswahl, Liebesgeschichten und Eheschließungen, Mutterschaft und das Jonglieren zwischen Familie und Beruf ein umfassendes Bild einer ganzen Generation.

„Wir sind Zeugen der wiederkehrenden Moden und Epochen. Amüsiert beobachten wir, wie all diese Gesten aus unserer Kindheit wie ein Bumerang zurückkehren. Ein eigentümlicher Eindruck von Déjà-vu. Recycling, Kompostierung, eingekochtes Obst und hausgemachte Marmelade, Tausch, Do-it-yourself, die Kunst des Umgangs mit Resten, Servietten und Taschentücher aus Stoff, waschbare Windeln und weißer Essig zum Putzen des Waschbeckens. Sogar das Stricken ist zurück. Unsere Mütter und Großmütter waren Pionierinnen, ohne es zu wissen.“

(S.287/288)

Doch das Buch ist noch so viel mehr als lediglich eine Geschichte der Frau seit den 60er oder 70er Jahren: es erzählt auch die wechselvolle Entwicklung des Elsass – das Verhältnis zwischen Frankreich und Deutschland. So durfte ich zum Beispiel lernen, dass ein Poesiealbum als deutsches Kulturgut galt und in Frankreich eher verpönt war – ein Geschenk der deutschen Großmutter in Erinnerung ihrer Wurzeln an die kleine Pascale, die sich damals der Tragweite dieser Geste noch gar nicht bewusst war.

Man erfährt aber auch vieles über das Schicksal der Gastarbeiter, die fernab ihrer Heimat im Elsass ein neues Leben beginnen mussten. Es ist ein Buch über Armut und teils fehlende Chancengleichheit – ein Buch über herausragende Pädagogen und prägende Lehrerpersönlichkeiten, die rückläufige Bedeutung der Kirche in der Gesellschaft, über Klassenunterschiede, über schwierige Familienverhältnisse – Scheidung der Eltern, Alkoholismus, Depression.

All das bringt die Autorin in ihrem Buch über zwölf Frauenleben, die voller Menschlichkeit, Respekt und Herzenswärme erzählt sind, auf gerade einmal 300 Seiten unter. Ein wunderschönes und kluges Stück Literatur, das mich mitten ins Herz getroffen hat und von dem ich glaube, dass viele sich darin – unabhängig von Alter oder Herkunft – mit gewissen Aspekten identifizieren oder ihre Omas, Mamas, Tanten oder gar sich selbst wiederfinden werden.

Pascale Hugues hat ein großartiges, faszinierendes und warmherziges Buch geschrieben, das zeigt, dass in jedem Menschen eine spannende Geschichte steckt, die es sich zu erzählen lohnt und wir alle Kinder unserer jeweiligen Zeit sind. Meisterhaft verknüpft sie die besondere deutsch-französische Situation des Elsass damit, wie sich die Rolle und das Bild der Frau in ihrer eigenen Generation und der ihrer Mutter gewandelt hat. All das ist so mitreißend erzählt und wunderbar mit viel Liebe zum Detail beschrieben, dass man dieses Buch einfach lieben muss. Für mich ganz klar eines der Leseglanzlichter in diesem Bücherjahr 2021!

Eine weitere Besprechung gibt es auf Deutschlandfunk Kultur.

Buchinformation:
Pascale Hugues, Mädchenschule – Porträt einer Frauengeneration
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt
ISBN: 978-3-498-00271-8

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Pascal Hugues’ „Mädchenschule“:

Für den Gaumen:
Die Gerichte, an welche wir uns aus unserer Kindheit erinnern, sind oft die guten, einfachen Dinge – hier im Buch ist es zum Beispiel der französische Quatre-Quarts-Kuchen. Der Name kommt daher, dass die vier Zutaten jeweils das selbe Gewicht haben: Eier (mit Schale), Mehl, Zucker und Butter. Für Pascale’s Freundin Françoise’s Geburtstag wurde von ihrer Mutter stets ein solcher gebacken „mit elfenbeinfarbener Kirschglasur und Kerzen darauf“ (S.74).

Zum Weiterstöbern:
Was spricht gegen ein bisschen Nostalgie? Mich inspirierte der Roman, mein eigenes Poesiealbum wieder einmal zur Hand zu nehmen und darin zu blättern. Schön, wie man sich dann wieder an Freundinnen und Freunde, Wegbegleiter und Menschen erinnert, die einem etwas bedeutet haben.

Zum Weiterlesen (I):
Pascale Hugues hat mit ihrem ersten Buch „Marthe und Mathilde“ 2008 bereits ihren beiden Großmüttern ein literarisches Denkmal gesetzt. Auch hier geht es um die besondere Situation im Elsass und so ist es nicht verwunderlich, dass der Untertitel „Eine Familie zwischen Frankreich und Deutschland“ lautet. Nach meiner Lektüre von „Mädchenschule“ ist „Marthe und Mathilde“, das ich noch nicht kenne, gleich auf meine gedankliche Leseliste gewandert.

Pascale Hugues, Marthe und Mathilde
Aus dem Französischen von Lis Künzli
Rowohlt Taschenbuch
ISBN: 978-3-499-62415-5

Zum Weiterlesen (II):
Auch im November letzten Jahres war es ein Buch aus Frankreich, das mich mit seiner Herzenswärme im Sturm erobert hat: Jacky Durand’s liebenswürdiger Roman „Die Rezepte meines Vaters“, das ich damals auf der Kulturbowle vorgestellt habe.

Jacky Durand, Die Rezepte meines Vaters
Aus dem Französischen von Ina Kronenberger
Kindler
ISBN: 978-3-463-00008-4

Die starke Frau an Churchill’s Seite

„Männer sind nur so stark, wie die Frauen an ihrer Seite“ – eine Weisheit, die nicht neu ist und die sich dennoch immer wieder bewahrheitet. Auch Clementine Churchill war ein solches Paradebeispiel und Marie Benedict hat sie in ihrem neu erschienenen Roman „Lady Churchill“ aus dem Schatten des großen Winston Churchill ins Licht geholt. Ein eindrucksvolles Buch über eine bemerkenswerte Frau, die als emanzipierte Frau und ebenbürtige Partnerin an der Seite ihres Ehemanns Geschichte geschrieben hat.

„Mein Mann, der von Kaisern und Königen eingeladen und um Rat gebeten wird, bittet wiederum mich um Rat und verlässt sich in seinem Wahlkampf und der Politik, die er macht, auf mich.“

(S.65)

Benedict erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichte Clementine Churchill’s von ihrer Jugend an, sie berichtet vom Zeitpunkt als sie Winston Churchill kennen und lieben lernte und sie ihn – den 10 Jahre älteren Mann und bereits aufstrebenden Politiker – im Alter von 23 Jahren heiratete. Beide litten in ihrer Kindheit daran, dass sie sich von ihren Müttern – die einen teils unkonventionellen und unsteten Lebenswandel pflegten – vernachlässigt fühlten. Eine Gemeinsamkeit, welche die beiden lebenslang verband und um so mehr zusammenschmiedete. Churchill wusste die Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Meinungsstärke seiner Frau stets zu schätzen. Während all seiner Karriereschritte, die ihn in so wichtige Ämter wie das des Innenministers, Marineministers, Schatzkanzlers und später zweimal das Amt des Premierministers führten, war sie stets Beraterin, politische Diskussionspartnerin und gleichberechtigte Vertrauensperson an seiner Seite.

Gemeinsam mit ihm durchlebte Clementine jedoch auch familiäre Höhen und Tiefen, sie bekam fünf Kinder und verlor eines davon – ihre Tochter Marigold – im Alter von nur drei Jahren. Ein Schicksalsschlag, der sie ihr Leben lang verfolgte und für den sie sich stets die Schuld gab, da sie ihr Kind in der Obhut eines Kindermädchens gelassen hatte. Benedict beleuchtet immer wieder die Zweifel Clementine’s, ihrer Rolle als Mutter nicht ausreichend gerecht zu werden und sich zu wenig zu kümmern – meist schien sie sich jedoch in den politischen Diskussionen mit ihrem Mann besser aufgehoben und zufriedener zu fühlen.
Auch musste sie sich regelmäßig gegen die Einmischungen der dominanten Schwiegermutter oder gegen die Avancen anderer Damen ihrem Mann gegenüber erwehren, der mit zunehmender Macht auch für andere Frauen immer attraktiver wurde.

„Ich bemühe mich täglich nach Kräften, Winston keinen Grund für einen seiner Tobsuchtsanfälle zu geben, unter anderem, in dem ich Gespräche über politische Themen vermeide, bei denen wir nicht einer Meinung sind.“

(S.224)

Wie Benedict in einigen Szenen beschreibt, fungierte Clementine auch häufig als beruhigendes und ausgleichendes Element im Kontrast zu ihrem oft aufbrausenden und cholerischen Gatten. Sie glättete die Wogen, wenn er das Personal wieder einmal schlecht behandelt oder zu Unrecht beschimpft hatte. Sie wusste, was er brauchte, um seine schwierigen Aufgaben erfüllen zu können und sorgte dafür, dass er es bekam – und war es nur ein Glas seines geliebten Champagners zur rechten Zeit.

Sie hielt in Niederlagen (wie seinem Rücktritt während des ersten Weltkriegs) und Siegen zu ihm und versuchte vor allem während seiner Zeit als Premierminister seinen Blick auch immer wieder auf die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zu lenken. So sorgte sie für die nötige Erdung, hielt den Kontakt zu den Bürgern aufrecht, setzte sich für die Frauen ein und fungierte als „sein Sozialbarometer und Gewissen“ (S.284).

Auch wenn sich über die Jahre durchaus auch Meinungsunterschiede bei wichtigen politischen Themen – wie zum Beispiel der Indien-Frage – herausbildeten, hielt sie ihrem Ehemann stets den Rücken frei. So zum Beispiel war sie es, die stets auch prekäre finanzielle Situationen meisterte. Jedoch nahm sie sich über die Jahre auch zunehmend die Freiheiten, ihre Herzensthemen selbst in die Hand zu nehmen und voranzutreiben, wie zum Beispiel Suppenküchen, Entbindungskliniken oder die Verbesserung der hygienischen Zustände in den Luftschutzkellern während des zweiten Weltkriegs.

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es offenbar eine richtungsweisende Entscheidung, eine Entscheidung, die von diesem Zeitpunkt an die eigenen Möglichkeiten einschränkt, weil sie gewisse Dinge für immer ausschließt, die aber gleichzeitig viele neue Möglichkeiten eröffnet.“

(S.340)

Marie Benedict deckt in ihrem Roman einen großen zeitlichen Rahmen ab und entführt die Leser in die Zeit der Suffragetten im Kampf um das Frauenwahlrecht, den ersten Weltkrieg bis hin zum zweiten Weltkrieg. Clementine Churchill (1885-1977) lebte in einer bewegten Zeit und der Leser begleitet sie durch wechselhafte und schwere Phasen, die sie mit ihrer zupackenden, klugen und offenen Art stets zu meistern wusste.

Der gefühlvolle Roman über diese starke Frau hat mich absolut gepackt und gefesselt, denn er ließ mich abtauchen in eine andere Zeit: die intensiven Schilderungen London’s während der Bombardierung, die Zustände in den Luftschutzkellern, die Gespräche und Beratungen im War Room – all das ist spannend und interessant zu lesen.
Obwohl man den Lauf der Geschichte kennt, schafft Benedict einen Spannungsbogen, der einen durch den ganzen Roman trägt und nicht mehr loslässt. Einmal begonnen, lässt sich das Buch nur schwer wieder weglegen.

Ein großartiger, lesenswerter Schmöker über eine außergewöhnliche, intelligente, emanzipierte und beachtenswerte Frau, die stets versuchte, Nachhaltiges und Gutes für die Bevölkerung und ihr Land zu bewirken und ihre Rolle als Gattin des Premierministers als gleichberechtigte, politische Sparringspartnerin auf Augenhöhe interpretierte und lebte.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lady Churchill“:

Für den Gaumen:
Mit Ihrer Präsidentengattin-Kollegin Eleanor Roosevelt schmaust Clementine Churchill den in England sehr bekannten Battenbergkuchen. Dieser war mir bisher nicht bekannt und scheint wohl typisch britisch zu sein. Marion hat auf ihrem wunderbaren Blog „Schiefgelesen“ ein schönes Rezept des Kuchens in ihrer genialen Kategorie „Essen aus Büchern“ (Schiefgegessen) veröffentlicht (denn auch in Jane Gardam’s Roman „Eine treue Frau“ wird dieser Kuchen serviert). Wer also gerne dieses Kunstwerk aus zwei verschieden farbigen Biskuitteigen in einer Marzipanhülle nachbacken möchte, findet dort das passende Rezept und schöne Bilder.

Zum Weiterschauen:
Wer gerne mal einen guten Film schaut und mehr über Winston Churchill und die Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren möchte, dem sei „Die dunkelste Stunde“ aus dem Jahr 2017 empfohlen, der mich sehr beeindruckt hat und nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Gary Oldman, der Winston Churchill spielt, erhielt für die Hauptrolle den Oscar und Clementine Churchill wird im Film durch die bekannte Schauspielerin Kristin Scott Thomas verkörpert.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Es war unglaublich schade, dass die für Dezember 2020 geplante Premiere des Landestheater Niederbayern von „The King’s Speech“ ausfallen musste, auf die ich mich so gefreut hatte. Ich hoffe sehr, dass das Landshuter Theaterpublikum jedoch noch irgendwann in den Genuss dieses Stückes kommen wird. Die Umsetzung des grandiosen Kinofilms als Theaterstück bietet dem Schauspiel-Ensemble sicherlich große Rollen, um zu brillieren. Und neben den Hauptrollen des Bertie und seines Sprachtherapeuten Lionel Logue, ist auch Winston Churchill mit von der Partie.

Zum Weiterlesen:
Lady Churchill ist bereits der zweite Roman von Marie Benedict, der die Biografie einer intelligenten und starken Frau erzählt. Der Vorgängerroman war der ersten Ehefrau Albert Einstein’s Mileva Marić gewidmet und ist ebenfalls sehr zu empfehlen:

Marie Benedict, Frau Einstein
Übersetzt von: Marieke Heimburger
KiWi-Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-05343-2

Irischer Weg zurück ins Leben

Die zweite Station meiner „Literarischen Europareise“ oder „Europabowle“ führt mich noch einmal Richtung Norden, dieses Mal aber etwas westlicher nach: Irland. Colm Tóibín hat mit „Nora Webster“ einen leisen, harmonischen Roman verfasst und eine wunderbare Frauenfigur ins Zentrum seiner Geschichte gesetzt.

Als Nora in den späten Sechziger Jahren nach dem frühen Krebstod ihres Mannes plötzlich auf sich allein gestellt ist – mit vier Kindern und einem nur geringen finanziellen Einkommen – zeigt sich, wie schwer es ist, sich in der konservativen, katholischen und teils engstirnigen Gesellschaft einer Kleinstadt im Norden Irlands als Witwe und alleinstehende Frau wieder einen Platz im Leben zu erkämpfen.

Sie versucht, den Kindern Halt zu geben. Die beiden älteren Töchter sind weitestgehend schon flügge und aus dem Haus, doch die jüngeren Söhne brauchen ihre volle Unterstützung, denn einer der beiden stottert und trägt autistische Züge und beide leiden sehr unter dem Verlust des Vaters. Um finanziell über die Runden zu kommen, trennt sie sich vom ehemals so geliebten Ferienhaus an der Küste und sie beginnt nach langen Jahren der Hausfrauenrolle wieder in Teilzeit im Büro einer ortsansässigen Firma zu arbeiten, in welcher sie bereits vor den Kindern berufstätig war. Doch auch dort machen ihre Kollegen es ihr nicht immer leicht und sie ist Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt.

„Sie war überrascht, wie fest sich ihr Entschluss anfühlte, wie leicht es schien, allem, was sie geliebt hatte, den Rücken zu kehren, dieses Haus am Weg zur Klippe aufzugeben, damit andere es kennenlernten, andere es im Sommer aufsuchten und mit verschiedenen Geräuschen erfüllten.“

(S.15)

Der Alltag fordert ihre ganze Kraft und Energie, Geldverdienen, die Kinder, der Haushalt, da bleibt nicht viel Zeit für seelisches Verarbeiten, Trauer oder eigene Interessen und doch entdeckt sie Schritt für Schritt, dass sie auch alleine das Leben meistern kann. Sie findet Gefallen daran, eigene Entscheidungen zu treffen, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, unabhängig selbst über finanzielle Dinge zu entscheiden und sich selbst zu verwirklichen.
Doch Armut, Geldsorgen, die Sorgen um die Kinder und die politisch aufgeheizte Zeit – die Geschehnisse des Blutsonntags („Bloody Sunday“) im nordirischen Derry 1972 werden ebenfalls thematisiert – sind Nora’s ständige Begleiter.

Trost findet sie in der Musik – sie besucht Treffen, bei welchen gemeinsam Schallplatten gehört werden und über die Musikstücke diskutiert wird. Nach und nach nimmt sie auch wieder am gesellschaftlichen Leben teil, besucht ein Pubquiz und entscheidet sich sogar, einer Gewerkschaft beizutreten. Ein mutiger Schritt, den sie sich zunächst selbst kaum zugetraut hatte. Sie beginnt, Gesangsstunden zu nehmen, die ihr Kraft und Selbstbewusstsein geben. So findet sie nach und nach ihre eigene Stimme und ihren Weg zurück ins Leben.

Der Ire Colm Tóibín hat mit Nora Webster einer literarischen Figur das Leben geschenkt, die man bewundert und die mir in Erinnerung bleiben wird. Eine Frau, die für sich und ihre Kinder kämpft und sich in einer Zeit alleine durchsetzen muss, in welcher Frauen in vielen Aspekten noch benachteiligt waren und nicht ernst genommen wurden. Doch Nora wächst mit jeder Herausforderung, geht gestärkt daraus hervor und findet letztlich auch zu ihrem eigenen Geschmack und Lebensstil.

Sprachlich klingt die Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini wunderbar ruhig und harmonisch – wie das Rauschen der Brandung an Nora’s Lieblingsstrand – und so entfaltet der Roman einen wunderbaren Lesefluss.

Ein großartiges Buch über das Loslassen, das Trauern und die Emanzipation einer starken, beharrlichen und unkonventionellen Frau, die allen Widrigkeiten trotzt und so an Selbstbewusstsein und Stärke gewinnt.
Für mich auch ein Roman über die Kraft der Musik und des Gesangs – eine Ode an die wohltuende, positive Wirkung des Chorgesangs. Ein leises, eindringliches und behutsames Buch, das ruhig dahinfließt und das mich dennoch nachhaltig beeindruckt hat.

„Es gibt keinen besseren Weg, sich selbst zu heilen, als in einem Chor zu singen.“

(S.246)

Eine literarische Reise nach Irland, die mich berührt und fasziniert hat und die sich für jeden lohnt, der sich Zeit nimmt und sprachlich schöne, ruhige Literatur mit einer feinen und tiefgründigen Personenzeichnung zu schätzen weiß.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich bei Birgit Böllinger (Sätze&Schätze) und Letteratura.

Buchinformation:
Colm Tóibín, Nora Webster
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-25063-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Nora Webster“:

Für den Gaumen:
In vielen Kulturen ist es üblich beim Besuch in Trauerhäusern etwas Gekochtes oder Gebackenes mitzubringen. Auch im Buch werden frische Scones und Tee gereicht und sollen als Trostspender fungieren. Auf dem Blog „Tea&Scones“ habe ich ein schönes Rezept für Scones gefunden, das ich bei Gelegenheit wohl mal ausprobieren werde.

Zum Weiterhören:
Musik spielt in „Nora Webster“ eine zentrale Rolle und am Ende des Romans wird sie gemeinsam mit einem Chor Brahm’s „Deutsches Requiem“ einstudieren. Ein Stück, in das ich mich angeregt durch die Lektüre wieder einmal einhören möchte.

Zum Weiterlesen (oder Weiterschauen):
Bisher habe ich einen irischen Roman hier auf meiner Kulturbowle besprochen: „Die Asche des Tages“ von Máirtín Ó Cadhain, der das Thema Trauer aus einem völlig anderen Blickwinkel beleuchtet als Colm Tóibín das in „Nora Webster“ tut, denn der Erzähler irrt in diesem Werk lieber durch Dublin, als sich um die Beisetzung seiner soeben verstorbenen Frau zu kümmern.

Literaturnobelpreisträger hat Irland bisher drei zu verzeichnen: William Butler Yeats (1923), Samuel Beckett (1969) und Seamus Heaney (1995). Bekanntschaft habe ich bisher vor allem mit dem Zweiten aus der Reihe gemacht:
Samuel Beckett’s „Warten auf Godot“ durfte ich in der Spielzeit 17/18 im Landestheater Niederbayern in einer tollen Aufführung im Landshuter KOENIGmuseum an einem besonderen Ort erleben und konnte somit eine Bildungslücke schließen. Hier würde ich dem Theatererlebnis gegenüber dem Lesen zwar immer den Vorzug geben, aber ich führe trotzdem gerne auch die bibliographischen Daten mit auf.

Máirtín Ó Cadhain, Die Asche des Tages
Übersetzt von Gabriele Haefs
Kroener
ISBN: 978-3-520-60301-2

Samuel Beckett, Warten auf Godot. Endspiel. Glückliche Tage – Drei Stücke
Aus dem Englischen von Elmar Tophoven und Erika Tophoven
Suhrkamp Taschenbuch 3751
ISBN: 978-3-518-45751-1