Die starke Frau an Churchill’s Seite

„Männer sind nur so stark, wie die Frauen an ihrer Seite“ – eine Weisheit, die nicht neu ist und die sich dennoch immer wieder bewahrheitet. Auch Clementine Churchill war ein solches Paradebeispiel und Marie Benedict hat sie in ihrem neu erschienenen Roman „Lady Churchill“ aus dem Schatten des großen Winston Churchill ins Licht geholt. Ein eindrucksvolles Buch über eine bemerkenswerte Frau, die als emanzipierte Frau und ebenbürtige Partnerin an der Seite ihres Ehemanns Geschichte geschrieben hat.

„Mein Mann, der von Kaisern und Königen eingeladen und um Rat gebeten wird, bittet wiederum mich um Rat und verlässt sich in seinem Wahlkampf und der Politik, die er macht, auf mich.“

(S.65)

Benedict erzählt in ihrem Roman die Lebensgeschichte Clementine Churchill’s von ihrer Jugend an, sie berichtet vom Zeitpunkt als sie Winston Churchill kennen und lieben lernte und sie ihn – den 10 Jahre älteren Mann und bereits aufstrebenden Politiker – im Alter von 23 Jahren heiratete. Beide litten in ihrer Kindheit daran, dass sie sich von ihren Müttern – die einen teils unkonventionellen und unsteten Lebenswandel pflegten – vernachlässigt fühlten. Eine Gemeinsamkeit, welche die beiden lebenslang verband und um so mehr zusammenschmiedete. Churchill wusste die Intelligenz, Aufgeschlossenheit und Meinungsstärke seiner Frau stets zu schätzen. Während all seiner Karriereschritte, die ihn in so wichtige Ämter wie das des Innenministers, Marineministers, Schatzkanzlers und später zweimal das Amt des Premierministers führten, war sie stets Beraterin, politische Diskussionspartnerin und gleichberechtigte Vertrauensperson an seiner Seite.

Gemeinsam mit ihm durchlebte Clementine jedoch auch familiäre Höhen und Tiefen, sie bekam fünf Kinder und verlor eines davon – ihre Tochter Marigold – im Alter von nur drei Jahren. Ein Schicksalsschlag, der sie ihr Leben lang verfolgte und für den sie sich stets die Schuld gab, da sie ihr Kind in der Obhut eines Kindermädchens gelassen hatte. Benedict beleuchtet immer wieder die Zweifel Clementine’s, ihrer Rolle als Mutter nicht ausreichend gerecht zu werden und sich zu wenig zu kümmern – meist schien sie sich jedoch in den politischen Diskussionen mit ihrem Mann besser aufgehoben und zufriedener zu fühlen.
Auch musste sie sich regelmäßig gegen die Einmischungen der dominanten Schwiegermutter oder gegen die Avancen anderer Damen ihrem Mann gegenüber erwehren, der mit zunehmender Macht auch für andere Frauen immer attraktiver wurde.

„Ich bemühe mich täglich nach Kräften, Winston keinen Grund für einen seiner Tobsuchtsanfälle zu geben, unter anderem, in dem ich Gespräche über politische Themen vermeide, bei denen wir nicht einer Meinung sind.“

(S.224)

Wie Benedict in einigen Szenen beschreibt, fungierte Clementine auch häufig als beruhigendes und ausgleichendes Element im Kontrast zu ihrem oft aufbrausenden und cholerischen Gatten. Sie glättete die Wogen, wenn er das Personal wieder einmal schlecht behandelt oder zu Unrecht beschimpft hatte. Sie wusste, was er brauchte, um seine schwierigen Aufgaben erfüllen zu können und sorgte dafür, dass er es bekam – und war es nur ein Glas seines geliebten Champagners zur rechten Zeit.

Sie hielt in Niederlagen (wie seinem Rücktritt während des ersten Weltkriegs) und Siegen zu ihm und versuchte vor allem während seiner Zeit als Premierminister seinen Blick auch immer wieder auf die Sorgen und Nöte der Bevölkerung zu lenken. So sorgte sie für die nötige Erdung, hielt den Kontakt zu den Bürgern aufrecht, setzte sich für die Frauen ein und fungierte als „sein Sozialbarometer und Gewissen“ (S.284).

Auch wenn sich über die Jahre durchaus auch Meinungsunterschiede bei wichtigen politischen Themen – wie zum Beispiel der Indien-Frage – herausbildeten, hielt sie ihrem Ehemann stets den Rücken frei. So zum Beispiel war sie es, die stets auch prekäre finanzielle Situationen meisterte. Jedoch nahm sie sich über die Jahre auch zunehmend die Freiheiten, ihre Herzensthemen selbst in die Hand zu nehmen und voranzutreiben, wie zum Beispiel Suppenküchen, Entbindungskliniken oder die Verbesserung der hygienischen Zustände in den Luftschutzkellern während des zweiten Weltkriegs.

„Im Leben eines jeden Menschen gibt es offenbar eine richtungsweisende Entscheidung, eine Entscheidung, die von diesem Zeitpunkt an die eigenen Möglichkeiten einschränkt, weil sie gewisse Dinge für immer ausschließt, die aber gleichzeitig viele neue Möglichkeiten eröffnet.“

(S.340)

Marie Benedict deckt in ihrem Roman einen großen zeitlichen Rahmen ab und entführt die Leser in die Zeit der Suffragetten im Kampf um das Frauenwahlrecht, den ersten Weltkrieg bis hin zum zweiten Weltkrieg. Clementine Churchill (1885-1977) lebte in einer bewegten Zeit und der Leser begleitet sie durch wechselhafte und schwere Phasen, die sie mit ihrer zupackenden, klugen und offenen Art stets zu meistern wusste.

Der gefühlvolle Roman über diese starke Frau hat mich absolut gepackt und gefesselt, denn er ließ mich abtauchen in eine andere Zeit: die intensiven Schilderungen London’s während der Bombardierung, die Zustände in den Luftschutzkellern, die Gespräche und Beratungen im War Room – all das ist spannend und interessant zu lesen.
Obwohl man den Lauf der Geschichte kennt, schafft Benedict einen Spannungsbogen, der einen durch den ganzen Roman trägt und nicht mehr loslässt. Einmal begonnen, lässt sich das Buch nur schwer wieder weglegen.

Ein großartiger, lesenswerter Schmöker über eine außergewöhnliche, intelligente, emanzipierte und beachtenswerte Frau, die stets versuchte, Nachhaltiges und Gutes für die Bevölkerung und ihr Land zu bewirken und ihre Rolle als Gattin des Premierministers als gleichberechtigte, politische Sparringspartnerin auf Augenhöhe interpretierte und lebte.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim KiWi-Bloggerportal und dem Verlag Kiepenheuer&Witsch, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:

Marie Benedict, Lady Churchill
Aus dem amerikanischen Englisch von Marieke Heimburger
Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05381-4

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Lady Churchill“:

Für den Gaumen:
Mit Ihrer Präsidentengattin-Kollegin Eleanor Roosevelt schmaust Clementine Churchill den in England sehr bekannten Battenbergkuchen. Dieser war mir bisher nicht bekannt und scheint wohl typisch britisch zu sein. Marion hat auf ihrem wunderbaren Blog „Schiefgelesen“ ein schönes Rezept des Kuchens in ihrer genialen Kategorie „Essen aus Büchern“ (Schiefgegessen) veröffentlicht (denn auch in Jane Gardam’s Roman „Eine treue Frau“ wird dieser Kuchen serviert). Wer also gerne dieses Kunstwerk aus zwei verschieden farbigen Biskuitteigen in einer Marzipanhülle nachbacken möchte, findet dort das passende Rezept und schöne Bilder.

Zum Weiterschauen:
Wer gerne mal einen guten Film schaut und mehr über Winston Churchill und die Zeit des Zweiten Weltkriegs erfahren möchte, dem sei „Die dunkelste Stunde“ aus dem Jahr 2017 empfohlen, der mich sehr beeindruckt hat und nachhaltig in Erinnerung geblieben ist. Gary Oldman, der Winston Churchill spielt, erhielt für die Hauptrolle den Oscar und Clementine Churchill wird im Film durch die bekannte Schauspielerin Kristin Scott Thomas verkörpert.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Theaterbesuch:
Es war unglaublich schade, dass die für Dezember 2020 geplante Premiere des Landestheater Niederbayern von „The King’s Speech“ ausfallen musste, auf die ich mich so gefreut hatte. Ich hoffe sehr, dass das Landshuter Theaterpublikum jedoch noch irgendwann in den Genuss dieses Stückes kommen wird. Die Umsetzung des grandiosen Kinofilms als Theaterstück bietet dem Schauspiel-Ensemble sicherlich große Rollen, um zu brillieren. Und neben den Hauptrollen des Bertie und seines Sprachtherapeuten Lionel Logue, ist auch Winston Churchill mit von der Partie.

Zum Weiterlesen:
Lady Churchill ist bereits der zweite Roman von Marie Benedict, der die Biografie einer intelligenten und starken Frau erzählt. Der Vorgängerroman war der ersten Ehefrau Albert Einstein’s Mileva Marić gewidmet und ist ebenfalls sehr zu empfehlen:

Marie Benedict, Frau Einstein
Übersetzt von: Marieke Heimburger
KiWi-Taschenbuch
ISBN: 978-3-462-05343-2

Irischer Weg zurück ins Leben

Die zweite Station meiner „Literarischen Europareise“ oder „Europabowle“ führt mich noch einmal Richtung Norden, dieses Mal aber etwas westlicher nach: Irland. Colm Tóibín hat mit „Nora Webster“ einen leisen, harmonischen Roman verfasst und eine wunderbare Frauenfigur ins Zentrum seiner Geschichte gesetzt.

Als Nora in den späten Sechziger Jahren nach dem frühen Krebstod ihres Mannes plötzlich auf sich allein gestellt ist – mit vier Kindern und einem nur geringen finanziellen Einkommen – zeigt sich, wie schwer es ist, sich in der konservativen, katholischen und teils engstirnigen Gesellschaft einer Kleinstadt im Norden Irlands als Witwe und alleinstehende Frau wieder einen Platz im Leben zu erkämpfen.

Sie versucht, den Kindern Halt zu geben. Die beiden älteren Töchter sind weitestgehend schon flügge und aus dem Haus, doch die jüngeren Söhne brauchen ihre volle Unterstützung, denn einer der beiden stottert und trägt autistische Züge und beide leiden sehr unter dem Verlust des Vaters. Um finanziell über die Runden zu kommen, trennt sie sich vom ehemals so geliebten Ferienhaus an der Küste und sie beginnt nach langen Jahren der Hausfrauenrolle wieder in Teilzeit im Büro einer ortsansässigen Firma zu arbeiten, in welcher sie bereits vor den Kindern berufstätig war. Doch auch dort machen ihre Kollegen es ihr nicht immer leicht und sie ist Anfeindungen und Schikanen ausgesetzt.

„Sie war überrascht, wie fest sich ihr Entschluss anfühlte, wie leicht es schien, allem, was sie geliebt hatte, den Rücken zu kehren, dieses Haus am Weg zur Klippe aufzugeben, damit andere es kennenlernten, andere es im Sommer aufsuchten und mit verschiedenen Geräuschen erfüllten.“

(S.15)

Der Alltag fordert ihre ganze Kraft und Energie, Geldverdienen, die Kinder, der Haushalt, da bleibt nicht viel Zeit für seelisches Verarbeiten, Trauer oder eigene Interessen und doch entdeckt sie Schritt für Schritt, dass sie auch alleine das Leben meistern kann. Sie findet Gefallen daran, eigene Entscheidungen zu treffen, einen eigenen Geschmack zu entwickeln, unabhängig selbst über finanzielle Dinge zu entscheiden und sich selbst zu verwirklichen.
Doch Armut, Geldsorgen, die Sorgen um die Kinder und die politisch aufgeheizte Zeit – die Geschehnisse des Blutsonntags („Bloody Sunday“) im nordirischen Derry 1972 werden ebenfalls thematisiert – sind Nora’s ständige Begleiter.

Trost findet sie in der Musik – sie besucht Treffen, bei welchen gemeinsam Schallplatten gehört werden und über die Musikstücke diskutiert wird. Nach und nach nimmt sie auch wieder am gesellschaftlichen Leben teil, besucht ein Pubquiz und entscheidet sich sogar, einer Gewerkschaft beizutreten. Ein mutiger Schritt, den sie sich zunächst selbst kaum zugetraut hatte. Sie beginnt, Gesangsstunden zu nehmen, die ihr Kraft und Selbstbewusstsein geben. So findet sie nach und nach ihre eigene Stimme und ihren Weg zurück ins Leben.

Der Ire Colm Tóibín hat mit Nora Webster einer literarischen Figur das Leben geschenkt, die man bewundert und die mir in Erinnerung bleiben wird. Eine Frau, die für sich und ihre Kinder kämpft und sich in einer Zeit alleine durchsetzen muss, in welcher Frauen in vielen Aspekten noch benachteiligt waren und nicht ernst genommen wurden. Doch Nora wächst mit jeder Herausforderung, geht gestärkt daraus hervor und findet letztlich auch zu ihrem eigenen Geschmack und Lebensstil.

Sprachlich klingt die Übersetzung von Giovanni und Ditte Bandini wunderbar ruhig und harmonisch – wie das Rauschen der Brandung an Nora’s Lieblingsstrand – und so entfaltet der Roman einen wunderbaren Lesefluss.

Ein großartiges Buch über das Loslassen, das Trauern und die Emanzipation einer starken, beharrlichen und unkonventionellen Frau, die allen Widrigkeiten trotzt und so an Selbstbewusstsein und Stärke gewinnt.
Für mich auch ein Roman über die Kraft der Musik und des Gesangs – eine Ode an die wohltuende, positive Wirkung des Chorgesangs. Ein leises, eindringliches und behutsames Buch, das ruhig dahinfließt und das mich dennoch nachhaltig beeindruckt hat.

„Es gibt keinen besseren Weg, sich selbst zu heilen, als in einem Chor zu singen.“

(S.246)

Eine literarische Reise nach Irland, die mich berührt und fasziniert hat und die sich für jeden lohnt, der sich Zeit nimmt und sprachlich schöne, ruhige Literatur mit einer feinen und tiefgründigen Personenzeichnung zu schätzen weiß.

Weitere Besprechungen des Romans finden sich bei Birgit Böllinger (Sätze&Schätze) und Letteratura.

Buchinformation:
Colm Tóibín, Nora Webster
Aus dem Englischen von Giovanni und Ditte Bandini
Hanser Verlag
ISBN: 978-3-446-25063-5

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Nora Webster“:

Für den Gaumen:
In vielen Kulturen ist es üblich beim Besuch in Trauerhäusern etwas Gekochtes oder Gebackenes mitzubringen. Auch im Buch werden frische Scones und Tee gereicht und sollen als Trostspender fungieren. Auf dem Blog „Tea&Scones“ habe ich ein schönes Rezept für Scones gefunden, das ich bei Gelegenheit wohl mal ausprobieren werde.

Zum Weiterhören:
Musik spielt in „Nora Webster“ eine zentrale Rolle und am Ende des Romans wird sie gemeinsam mit einem Chor Brahm’s „Deutsches Requiem“ einstudieren. Ein Stück, in das ich mich angeregt durch die Lektüre wieder einmal einhören möchte.

Zum Weiterlesen (oder Weiterschauen):
Bisher habe ich einen irischen Roman hier auf meiner Kulturbowle besprochen: „Die Asche des Tages“ von Máirtín Ó Cadhain, der das Thema Trauer aus einem völlig anderen Blickwinkel beleuchtet als Colm Tóibín das in „Nora Webster“ tut, denn der Erzähler irrt in diesem Werk lieber durch Dublin, als sich um die Beisetzung seiner soeben verstorbenen Frau zu kümmern.

Literaturnobelpreisträger hat Irland bisher drei zu verzeichnen: William Butler Yeats (1923), Samuel Beckett (1969) und Seamus Heaney (1995). Bekanntschaft habe ich bisher vor allem mit dem Zweiten aus der Reihe gemacht:
Samuel Beckett’s „Warten auf Godot“ durfte ich in der Spielzeit 17/18 im Landestheater Niederbayern in einer tollen Aufführung im Landshuter KOENIGmuseum an einem besonderen Ort erleben und konnte somit eine Bildungslücke schließen. Hier würde ich dem Theatererlebnis gegenüber dem Lesen zwar immer den Vorzug geben, aber ich führe trotzdem gerne auch die bibliographischen Daten mit auf.

Máirtín Ó Cadhain, Die Asche des Tages
Übersetzt von Gabriele Haefs
Kroener
ISBN: 978-3-520-60301-2

Samuel Beckett, Warten auf Godot. Endspiel. Glückliche Tage – Drei Stücke
Aus dem Englischen von Elmar Tophoven und Erika Tophoven
Suhrkamp Taschenbuch 3751
ISBN: 978-3-518-45751-1