Norwegen ist in der Regel nicht der Schauplatz, der einem als erstes einfällt, wenn man sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und der Zeit des zweiten Weltkriegs beschäftigt. Und so konnte mir der Debütroman „Der schmale Grat der Vernunft“ der norwegischen Schauspielerin und Autorin Kirsti Eline Torhaug, in dem sie auf fiktionale Art die Geschichte ihres Onkels und Schriftstellers Per Torhaug erzählt, der als „Nacht-und Nebel-Gefangener“ drei Jahre im Waldkommando des Konzentrationslagers Sachsenhausen überlebte, einen mir bislang unbekannten und neuen, geschichtlichen Blickwinkel eröffnen.
In ihrem Vorwort schreibt die Autorin:
„Um die Geschichte meines Onkels Per zu erzählen – eine Geschichte vom Überleben und davon, einen Weg durch die Leere zu finden, die Kriege hinterlassen -, habe ich mir die erzählerische Freiheit genommen, seine Erfahrungen in einen größeren historischen Kontext einzubetten und sie mit meiner eigenen Fantasie anzureichern.“
(S.5)
Und so hat die Nichte Lücken gefüllt, Gefühlswelten ausgelotet und eben kein Sachbuch, sondern einen Roman verfasst, der auf verschiedenen Zeitebenen basierend auf wahren Begebenheiten eine Kriegs- und Lebensgeschichte aus Norwegen erzählt.
Per Torhaug träumt als Kind von der Ferne bzw. davon als Abenteurer den Amazonas zu entdecken. Als er als Jugendlicher kurzfristig die Möglichkeit bekommt im Rahmen eines Austauschprogramms die Olympiade 1936 in Berlin zu besuchen, zögert er nicht lange und ergreift die Gelegenheit beim Schopf.
„Abende, die langsam heller werden, Büsche und Moore, die unter der unbändigen Freude der kleinen Vögel über den aufkeimenden Frühling zittern und explodieren. Wie kann in so einem kleinen Körper so viel Freude stecken? Siebzehn zu sein, dem allem zu lauschen, zu spüren, wie sich die Melancholie in der Brust ausdehnt, während der Frühling Anflüge von Lebenslust in das gesamte Nervensystem schickt. Bleiben wollen und wegwollen. Kind sein und Mann sein. Ein Lachen im Hals und Tränen im Herzen. Das Leben, das an einem zieht und zerrt.“
(S.71)
Die Tage, die er in einer deutschen Gastfamilie verbringt, wird er sein Leben lang nicht mehr vergessen und die Zeit wird ihn prägen. Denn trotz aller Euphorie, ausgelassener Stimmung und unvergesslicher Erlebnisse bei Sportereignissen im Stadion sowie im Berliner Nachtleben, nimmt er auch ganz bewusst die Auswirkungen und dunklen Seiten des Nationalsozialismus wahr.
Per ist vielseitig interessiert und ein wacher, kritischer Kopf. Als die deutsche Wehrmacht 1940 Norwegen besetzt, schließt er sich dem Widerstand an und versucht mit Freunden auf einem Kvarstad-Schiff nach England zu gelangen.
Doch der Versuch scheitert und die Widerstandskämpfer werden als „Nacht-und-Nebel-Gefangene“ ins Konzentrationslager Sachsenhausen gebracht und müssen dort im sogenannten Waldkommando unfassbare Grausamkeiten erleiden und um ihr Überleben kämpfen. Im Gegensatz zu vielen seiner Mithäftlinge überlebt Per die Zeit im Lager. Doch wie lebt man weiter?
„Bald ist der Krieg vorbei. Doch was wird aus ihnen, die sie so viele Jahre in dieser Hölle gelebt haben? Die sie so verabscheuenswürdig und seelenlos geworden sind. Wie sollen sie, die dieser menschlichen Erniedrigung so lange ausgesetzt waren, je wieder ein normales Leben in einer normalen Welt führen können? Wie sollen sie wieder Menschen werden und sich als Teil der Menschheit fühlen?“
(S.214/215)
Nach seiner Rückkehr in die norwegische Heimat arbeitet Per zunächst als Lehrer und findet bald Erfüllung in der Arbeit mit jungen Menschen. Und obwohl er immer wieder mit der Haltung vieler Norweger während des Krieges und seinem Schicksal hadert, macht ihm die Offenheit seiner SchülerInnen Mut, so dass er beginnt, Zeugnis abzulegen.
„Sie wollen, dass er ihnen vom Lager erzählt, von seinen Kameraden, dem Leben, dem Alltag. Zunächst fällt es ihm schwer, er weiß nicht, wo er anfangen soll. Die Erinnerungen, die Wunden, es ist noch nicht lange her, sie bluten noch. Aber er tastet sich vor, erzählt, so gut er kann, und erlaubt sich zwischendurch, sich verwundbar zu zeigen. Ja, das tut er. Angesichts ihrer Fragen und ihres intensiven Zuhörens bricht ihm manchmal die Stimme. Aber er fasst sich schnell wieder, will sie nicht erschrecken und übt sich stattdessen darin, die angenehmeren Erinnerungen, die komischen Situationen und absurden Begegnungen, die lustigen Gespräche, all die klitzekleinen Dinge herauszupicken, die einem selbst in der Hölle einen Alltag bescheren. Ja, sogar dort. Wie erstaunlich die menschliche Anpassungsfähigkeit doch ist.“
(S.240/241)
Der Roman rüttelt auf, berührt und ließ mich immer wieder über geschichtliche Ereignisse, Begrifflichkeiten und Orte weiter recherchieren und nachlesen. Die Lektüre war wertvoll und lehrreich, gerade weil sie mich auch auf viele neue Aspekte – vor allem der norwegischen Geschichte – gestoßen hat.
Die Autorin, die 1969 in Oslo geboren wurde, hat als Schauspielerin ein feines Gespür für Geschichten und Sprache bzw. eine besondere Gabe, die richtigen, angemessenen Worte auch für Unaussprechliches zu finden. Wahrlich keine leichte Aufgabe, dieser tragischen Geschichte gerecht zu werden und doch auch die Leichtigkeit der hoffnungsvollen Momente gleichermaßen in einprägsame Worte zu fassen. Auch die erfahrene Übersetzerin Ina Kronenberger hat hier großartige Arbeit geleistet.
Torhaug beschreibt Szenen, die sich einbrennen, die einen während der Lektüre still und fassungslos werden lassen. „Der schmale Grat der Vernunft“ ist ein Buch, dem es sich zu stellen lohnt. Ein Buch, das schmerzt, Finger in Wunden legt, aber eben auch eine Geschichte voller Mut, die davon erzählt, was es bedeutet, zu überleben. Torhaug schreibt über menschliche Stärke, die Kraft der Freundschaft, Widerstandsfähigkeit und Überlebenswillen und hat ihrem Onkel, der einst selbst in dem Werk „Das Waldkommando“ seine eigene Geschichte verarbeitete, eine weitere kraftvolle, literarische Stimme gegen das Vergessen gegeben.
Ich bedanke mich sehr herzlich beim Verlag STROUX Edition,der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.
Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Kirsti Eline Torhaug, Der schmale Grat der Vernunft
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
STROUX Edition
ISBN: 978-3-948065-42-3
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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Kirrst Eline Torhaues „Der schmale Grat der Vernunft“:
Für den Gaumen:
Bei seiner deutschen Gastfamilie in Berlin lernt Per auch eine ganz besondere Kuchenspezialität kennen:
„Silke hat den Kuchen schon gebacken, aber nicht nach dem Rezept ihrer Tante, das für sie immer der Inbegriff des perfekten Rezepts für eine Schwarzwälder Kirschtorte war.“
(S.98)
Zum Weiterschauen:
In Berlin macht Per die Bekanntschaft von Paul Klees Gemälde „Angelus Novus“, das ihn zunächst schockiert:
„Walter zeigt ihm stattdessen ein anderes Bild: Angelus Novus. Per erschrickt. Ja, das ist seine erste Reaktion, er erschrickt vor den großen Augen und den ausgebreiteten Armen, die zugleich Flügel sind, und vor den Vogelfüßen. Das Bild hat etwas Unheilvolles an sich, es löst ein Unbehagen in ihm aus.“
(S.93)
Zum Weiterlesen (I):
In der Gereon Rath-Reihe von Volker Kutscher spielt einer der – in meinen Augen stärksten – Bände während der Olympiade 1936 in Berlin, den ich damals gleich nach Erscheinen verschlungen und hier auf dem Blog vorgestellt habe.
Volker Kutscher, Olympia
Piper
ISBN: 978-3-492-07059-1
Zum Weiterlesen (II):
Auch die schwedisch-israelische Schriftstellerin Cordelia Edvardson hat in ihrem Buch „Gebranntes Kind sucht das Feuer“ Zeugnis über ihre Zeit in einem Todeslager abgelegt und somit ein eindringliches, wichtiges Werk gegen das Vergessen geschaffen.
Cordelia Edvardson, Gebranntes Kind sucht das Feuer
Aus dem Schwedischen von Ursel Allenstein
Hanser
ISBN: 978-3-446-27756-4