Theater im Café

Mit diesem Beitrag möchte ich mich zum ersten Mal an der Indiebookchallenge beteiligen, die dazu einlädt, jeden Monat ein Buch aus einem unabhängigen Verlag zu entdecken und im Mai 2021 unter dem Motto „lies ein Buch mit einem Gemälde auf dem Umschlag“ steht. Und nachdem Cora Sandel’s „Café Krane“ aus dem Urachhaus Verlag ohnehin schon eine Weile bei mir im Regal schlummerte, war dies jetzt der perfekte Zeitpunkt, um diesen norwegischen Roman aus dem Jahr 1945 endlich zu lesen und hier vorzustellen.

Das Cover ziert ein Werk des Norwegers Edvard Munch – ein ausdrucksstarkes Frauenportrait – und auch Cora Sandel hat in ihrem Roman eine Frau in den Mittelpunkt der Handlung gestellt: die alleinerziehende Mutter und Schneiderin Katinka Stordal. Der Roman spielt in den 20er Jahren in einer nordnorwegischen Stadt – vermutlich in Tromsø.

„Es gibt wohl kaum jemanden, der das Café Krane nicht kennt. Seit dem Umbau wird es von allen besucht, sowohl von den besseren Herrschaften als auch vom einfacheren Publikum. Und das ist ja nur erfreulich, Hauptsache, es sind anständige Leute.“

(S.12/13)

Der Schauplatz des Romans ist das Café Krane – hier sitzt Katinka Stordal am helllichten Tag und trinkt Wein – Portwein, um genau zu sein. Zu Hause wartet ein Berg Arbeit auf sie, denn sie hat zahlreiche Nähaufträge für Damenkleider, die eigentlich abzuarbeiten wären. Aber sie kann sich nicht aufraffen zu gehen. Die Inhaberin des Kaffeehauses, das Servicepersonal und die anderen Gäste versuchen, sie an ihre Pflichten zu erinnern und zum Heimgehen zu motivieren – ohne Erfolg.

Und als dann auch noch der zwielichtige Hilfsarbeiter und Außenseiter Svenne auftaucht, sich auf Katinka’s Seite stellt und befeuert von einem steigenden Alkoholpegel immer heftiger mit ihr zu flirten beginnt – ist der Skandal nicht mehr aufzuhalten.
Gemäß dem Motto „In vino veritas“ schüttet sie dem Unbekannten ihr Herz aus, berichtet von ihrer Belastung, was es bedeutet, für ihre Kinder sorgen zu müssen und sich ihren Lebensunterhalt als Schneiderin mit Aufträgen verdienen zu müssen, die sie in ihrer Berufsehre kränken. Kleider für Damen, die nicht wissen, was sie tragen können und was nicht – die Arbeit ist ihr unerträglich geworden. Der Rest der Cafébesucher hört unfreiwillig und beschämt mit – ein in ihren Augen unvorstellbares, vollkommen inakzeptables Verhalten, sich als Frau in aller Öffentlichkeit so gehen zu lassen. Plötzlich tauchen dann auch noch der Ex-Mann und die Kinder im Lokal auf und das Chaos scheint perfekt…

„Ich unterstütze alle, die finden, der Klubraum soll so bleiben, wie er ist! Wisst ihr noch, als wir klein waren, fanden wir es dort drin immer besonders aufregend! Denn bei Kranes war es tatsächlich immer ein bisschen spannend. Unsere Mütter kamen nie zum Kaffeetrinken her, nur den Kuchen haben sie hier geholt. Und wie groß die Napoleonschnitten damals waren!“

(S.67)

Ich kann sehr gut nachvollziehen, dass dieses Werk bereits früh für die Bühne adaptiert wurde, denn aufgrund der großen Bedeutung der Dialoge und der kammerspielartigen Räumlichkeiten, die sich auf den Hauptraum des Café’s und das Nebenzimmer bzw. den sogenannten dunkel getäfelten Klubraum beschränken, ist es geradezu prädestiniert, auf eine Theaterbühne gebracht zu werden.

Man sieht förmlich die Irrungen, Wirrungen, die Schiebetür in Bewegung und wie das Personal und die Wirtin verzweifelt versuchen, die neuen Gäste vom Klubraum fernzuhalten – ein Kommen und Gehen, Auftritte und Abgänge. Der Skandal, der sich immer mehr aufbauscht und das Zuspitzen der Situation: das ist großes Drama und wie geschaffen für die Bretter, die die Welt bedeuten.

Neben allem oberflächlichen Wirtshausgeplauder und gehässigem Kaffeeklatsch birgt der Roman aber auch tiefgründige Themen und entwirft ein Bild der norwegischen Kleinstadt in den Zwanziger Jahren. Sandel behandelt Themen wie Armut, Isolation, Alkoholismus, die physischen und psychischen Belastungen alleinerziehender Mütter und auch das Thema Emanzipation. Vieles davon ist auch heute immer noch aktuell und nachvollziehbar. Vielleicht würde man Katinka’s Verhalten heute als „Burn Out“ bezeichnen, ihr Verharren im Café als Flucht vor dem Alltag und der Überforderung.

Auf 220 Seiten hat die Autorin auch die Kleingeistigkeit und die Engstirnigkeit der Menschen in dieser norwegischen Kleinstadt eingefangen, die sich über Katinka im wahrsten Sinne des Wortes das Maul zerreißen und einen Skandal herbeireden, der gar keiner sein müsste. Der Kosmos Kaffeehaus bietet in konzentrierter Form die Bühne für die Probleme der Zeit und so trifft der ungewöhnliche Untertitel „Interieur mit Figuren“ perfekt den Charakter dieser literarischen Perle.
Schön, dass dieses in Norwegen sehr bekannte Werk seit 2019 durch die Übersetzung jetzt auch deutschen Lesern zugänglich gemacht wurde.

Eine weitere Besprechung des Romans gibt es bei Literaturreich.

Buchinformation:
Cora Sandel, Café Krane
Aus dem Norwegischen von Birgitta Kicherer
Urachhaus
ISBN: 978-3-8251-5213-0

Im Juni 2021 lautet die Indiebookchallenge übrigens:
„Lies ein Buch aus einem unabhängigen Verlag ohne den Buchstaben »A« im Titel“ – wer ist dabei?
Hier geht es zur Seite des Indiebookday’s und dort findet man auch die zukünftigen Themen der Challenge – vielleicht ist ja auch für Euch etwas dabei.

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Cora Sandel’s „Café Krane“:

Für den Gaumen:
Die unumstrittene Kuchenspezialität des Café Krane sind Napoleonschnitten – ein Blätterteigkuchen mit einer Vanillecremefüllung, den ich bisher noch nirgends bekommen habe und somit noch nicht probieren konnte.

Zum Weiterhören:
Auch im Café Krane steht bereits ein Radiogerät – beim Suchen nach dem passenden Sender ertönt auf einmal „Chant Hindou“ von Nikolai Andrejeweitsch Rimski-Korsakow aus der Oper Sadko (1898) als Version für Violine.

Zum Weiterschauen:
Das Gemälde auf dem Umschlag stammt vom weltberühmten, norwegischen Maler Edvard Munch und trägt den Namen Birgit Prestøe, Porträt Studie (1924-25, Öl auf Holz) und es ist im Munchmuseet in Oslo beheimatet – hier ist das Bild auf der Homepage des Museums zu bewundern.

Zum Weiterlesen:
Einen weiteren schönen Vorschlag zur Indiebookchallenge im Mai 21 mit dem Thema #Gemäldecover hat der Kröner Verlag. Auf dem Blog von Birgit Böllinger kann man in einem Interview mit der Autorin Daniela Engist erfahren, warum sie sich beim Umschlag ihres Romans „Lichte Horizonte“ für das Bild „Couple on the Beach“ des kanadischen Malers Alex Colville entschieden hat.
Diesen wunderbaren und sehr lesenswerten Roman habe ich ebenfalls schon auf der Kulturbowle vorgestellt (hier geht es zu meiner Rezension.)

Daniela Engist, Lichte Horizonte
Kröner Verlag
ISBN: 978-3-520-75001-3

Schwesterglocken

Lars Myttings „Die Glocke im See“ ist großartige, skandinavische Literatur und schickt den Leser auf eine Reise ins norwegische Gudbrandsdal des Jahres 1880. Im abgelegenen, einsamen und den Naturgewalten ausgesetzten Tal träumt eine junge Frau namens Astrid davon, mehr aus ihrem Leben zu machen. Sie ist wissbegierig, rastlos und lechzt nach Bildung – jede Zeitung, die sie in die Hände bekommt, liest sie hingebungsvoll und sie will mehr als die harte körperliche Arbeit und das entbehrungsreiche und in der Regel vorgezeichnete Schicksal, das sie als Frau im stillen Bergtal erwartet. Kinder, Küche, Kirche und Kälte an der Seite eines für sie gewählten Mannes ist nicht das, was sie sich erträumt.

Und doch meint es gerade der junge, ambitionierte Pastor, der vor kurzem neu ins Dorf gekommen ist, gut mit ihr, versorgt sie mit Lesestoff und schätzt ihre Meinung. Vielmehr ist er, der aus der Stadt in die raue Welt der Bergbauern gelangt ist, dankbar für ihre Hilfe und ihre Ratschläge. Denn sie vermittelt und erklärt ihm immer wieder auf ihre einfache, direkte und offene Art und Weise, wie die Menschen im Tal denken und leben – ihre Bräuche und Eigenheiten – und bewahrt ihn damit vor einigen Fehlern und Missverständnissen im Umgang mit seinen Gemeindemitgliedern.

Norwegen ist ein Land der Sagen und Mythen und so ist der christliche Glaube im 19. Jahrhundert in der Abgeschiedenheit des Tals noch tief durchzogen von Aberglauben und anderen Aspekten der Naturreligionen und überlieferten Bräuchen. Und Astrid macht dem Pastor Kai schnell klar: „Gottesfurcht ist gut und schön, (…) aber Hunger und gesunder Menschenverstand werden immer stärker bleiben.“ (Zitat, S. 56).

So prallen durch die neuen Ideen des jungen, progressiven Pastors deutlich spürbar Tradition und Fortschritt aufeinander. Und als er dann auch noch plant, die alte Stabkirche durch einen Neubau zu ersetzen, bringt er das Dorf und das Schicksal gegen sich auf. Astrid findet sich plötzlich im Zwiespalt der Gefühle und zwischen zwei Männern wieder: dem norwegischen Pastor Kai Schweigaard und dem aufstrebenden Architekturstudenten Gerhard Schönauer aus Dresden, der gekommen ist, um die Stabkirche des Dorfes zu dokumentieren, abzubauen und im fernen Deutschland wieder neu zu errichten. Wofür wird Astrid sich entscheiden? Bleibt sie der Heimat treu und sucht die Nähe des Pfarrers oder bricht sie auf in ein neues Leben in Deutschland und folgt Gerhard nach Dresden?
Und wird es ihr gelingen, die Schwesterglocken der alten Kirche – eine Stiftung ihrer Familie und tief verwurzelt in der Familiengeschichte – im Ort zu halten? Denn eine alte Sage besagt, dass die Glocken das Dorf durch ihr Läuten vor Unglück bewahren können.

Wer sich auf den Roman einlässt, kann sehr viel darin entdecken, denn er ist reich an Ideen und Themen. So kann man in den Aktionen des Pastors durchaus den Aufklärungsgedanken erkennen, denn er kämpft gegen das Dunkel und die Macht des Aberglaubens in seiner Gemeinde an. Dass er dabei nicht immer das richtige Fingerspitzengefühl beweist, zeugt von der Schwierigkeit dieses Unterfangens. Der Konflikt zwischen Tradition und Aufbruch ist für mich ein Hauptthema des Romans. Damit verbunden auch die Rolle der Frau und der innere Konflikt, den Astrid mit sich selbst austrägt: in wie weit kann und darf sie als Frau mehr vom Leben erwarten und selbstbestimmt entscheiden, mit wem und wie sie lebt? Kann sie sich den Zugang zu Bildung und Emanzipation erkämpfen?

Zentral war für mich aber auch der Gedanke, wie man mit kulturellem Erbe umgeht. So blutet einem das Herz, wenn man lesen muss, wie die jahrhundertealte Stabkirche zerlegt, abgebaut, aus ihrer angestammten Umgebung herausgerissen und versetzt wird. Und wenn man heute das Glück hat, selbst in Norwegen eines der wenigen verbliebenen Exemplare besichtigen zu können, spürt man, wie sehr diese architektonischen Meisterstücke in der norwegischen Landschaft und gelebten Tradition verwurzelt sind und welcher Zauber von ihnen ausgeht.

Sprachlich hat mich das Buch und vor allem auch die hervorragende Übersetzung von Hinrich Schmidt-Henkel begeistert. Mytting nimmt sich Zeit für seine Geschichte, erzählt behutsam und in Ruhe. Man fühlt als Leser die Stille und Abgeschiedenheit im Tal fernab der städtischen Hektik gleichsam auch in der Sprache und dem erzählerischen Aufbau des Romans. Ein Buch der leisen Töne mit großem Tiefgang, starken Gefühlen und herausragenden Figuren, die lange in Erinnerung bleiben.

Buchinformation:
Lars Mytting, Die Glocke im See
Aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Insel Taschenbuch
ISBN: 978-3458364757

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Welche weiteren sinnlichen Genüsse passen zu „Die Glocke im See“:

Für den Gaumen:
Eine kulinarische Besonderheit Norwegens und zudem traditionell auch noch aus Gudbrandsdalen stammend ist der braune Karamellkäse (Gudbrandsdalsost), der aus Molke hergestellt wird. Ein Geschmack, der mich unweigerlich immer an meine erste, wunderschöne Reise nach Norwegen erinnern wird.

Für die Ohren:
Mit Norwegen verbinde ich musikalisch vor allem Edvard Grieg und seine berühmtesten Werke – die „Peer Gynt-Suiten“.

Im Kopf hatte ich beim Lesen aber auch häufig – vor allem bei den Stellen, die in der Kirche spielen – das wunderschöne „Abendlied“ von Josef Gabriel Rheinberger („Bleib bei uns, denn es will Abend werden, und der Tag hat sich geneiget.“)
Eines der schönsten und bewegendsten sakralen Chorstücke, das ich kenne.

Für weiteren literarischen Genuss:
Aufgrund der rauen, einsamen Bergwelt und thematisch hat mich das Buch immer wieder an Paolo Cognettis wunderbaren Roman „Acht Berge“ erinnert, den ich sehr empfehlen kann und der mit dem renommierten Premio Strega ausgezeichnet wurde. Auch in diesem Roman geht es um den Konflikt zwischen Gehen und Bleiben und die Kraft der Natur:

Paolo Cognetti, Acht Berge
DVA
ISBN: 978-3-421-04778-6

Augustbowle 2020 – Reisen durch Bücher

Ein außergewöhnlicher August geht zu Ende – ein weiterer merkwürdiger Monat in einem Jahr, das aus der Reihe fällt und uns alle vor neue Fragen, Sorgen, Herausforderungen und Entscheidungen gestellt hat. Viele Blogger pflegen das Ritual des monatlichen Rückblicks und des „Revue passieren-Lassens“. Meine Kulturbowle ist noch jung – noch nicht mal einen Monat alt, aber ich versuche mich einfach mal an einem „halben“ Monatsrückblick, da ich am 14. August meinen Blog im Netz gestartet habe. Ob sich dieses monatliche Format bei mir regelmäßig etablieren wird, wird wie so vieles die Zeit zeigen.

Eine der Entscheidungen, welche die Corona-Pandemie uns abverlangt hat, war die Frage nach dem Sommerurlaub: Verreisen – ja oder nein? Ich habe mich für ein Nein zum Reisen und im Gegenzug für ein Ja zu diesem Blog entschieden. Die Idee, die Umsetzung und der Start fallen in meine Urlaubszeit – die Kulturbowle ist mein Sommer- bzw. Urlaubsprojekt 2020.

Und somit habe ich mein ganz persönliches, neues Abenteuer begonnen und ich habe mich vor allem auch in meiner Lektüre auf Reisen begeben. Schon seit meiner Kindheit liebe ich es, mich durch das Lesen von Büchern in andere Länder, Städte, andere Zeiten und andere Milieus entführen zu lassen. Reisen im Kopf, in der Fantasie – das ist die Macht der Bücher, die dies vermag und die mich immer wieder aufs Neue fasziniert, wenn ich abtauche in ein neues Buch, eine andere Welt.

„Wenn ein Kind lesen gelernt hat und gerne liest, entdeckt und erobert es eine zweite Welt, das Reich der Buchstaben. Das Land des Lesens ist ein geheimnisvoller, unendlicher Erdteil.“

(Erich Kästner, aus „Als ich ein kleiner Junge war“)

Wohin führte mich meine Buchauswahl im August bzw. seit Mitte des Monats? Zunächst ins wunderbare Salzburg, die Stadt der Nockerl und der Kugeln und die Stadt Mozarts und der Musik. So habe ich mich inspiriert durch die tolle „Così fan tutte“ der diesjährigen Festspiele, mit Vergnügen in die Lektüre von Rolando Villazóns „Amadeus auf dem Fahrrad“ gestürzt und wurde nicht enttäuscht. Dass der Opernsänger auch einen kurzweiligen und amüsanten Roman schreiben kann, der mit viel Augenzwinkern und südlichem Temperament verfasst ist, hat er für mich klar unter Beweis gestellt. Eine schöne, leichte Sommerlektüre, die vor allem das Warten auf die nächste Theatersaison und Besuche von Live-Veranstaltungen ein wenig verkürzen konnte.

Danach fand ich mich dann mit Robert Seethalers neuem Roman „Der letzte Satz“, der kurz danach auch den Weg auf die Longlist des Deutschen Buchpreises 2020 gefunden hat, auf einem Ozeandampfer wieder und begleitete den todkranken Komponisten Gustav Mahler auf seiner letzten Reise über den Atlantik nach Hause. Wellenrauschen und Seeluft inklusive. Obwohl der Roman in Bloggerkreisen durchaus kontrovers beurteilt wird, ist er für mich ein wunderbares Stück Literatur und hat meinen Nerv definitiv getroffen. Für mich das richtige Buch zur richtigen Zeit und sowohl sprachlich als auch thematisch (Musik, Kunst und Kultur) genau meine Wellenlänge.

Ohne mich danach lange in ein Flugzeug setzen zu müssen, reiste ich danach sofort zurück nach New York und verschlang in relativ kurzer Zeit die 496 Seiten von Elizabeth Gilberts „City of Girls“. Vierziger Jahre im Big Apple, eine bunt gewürfelte Theatertruppe und eine junge Frau, die sich zunächst im schillernden Nachtleben der Stadt austobt, um dann schmerzlich festzustellen, was wirklich wichtig ist im Leben. Ein leichtfüßiger Schmöker, der sich süffig liest und mich aufgrund der Schilderung des Theaterlebens (vor und hinter der Bühne) und der warmherzig gezeichneten Figuren sehr gut unterhalten hat.

August ist Poznanski-Jugendbuch-Zeit und im neu erschienenen „Cryptos“ nimmt die österreichische Autorin ihre Leser mit auf einen wilden Ritt durch Raum und Zeit und in eine Vielzahl unterschiedlichster Welten. Wenn man mal zu lesen anfängt, kann man das Buch schwer wieder weglegen, daher ist die Urlaubszeit hierfür ideal. Für mich interessant war vor allem, wie Ursula Poznanski das Thema Klimakatastrophe anpackt, für junge Leser greifbar macht und wie sie hier die sich bereits abzeichnenden Entwicklungen und Probleme gedanklich weiterspinnt.

Bella Italia und in diesem Falle Venedig war das nächste Ziel meiner August-Lesereise. Der Roman „Margherita“ zeichnet die Lebensgeschichte der Großmutter des Ehemanns der Autorin Jana Revedin nach und macht sie somit literarisch unsterblich. Ihre Geschichte liest sich wie ein wahr gewordenes Märchen und so trifft Margherita, die als einfache Zeitungsverkäuferin einen einflussreichen Adeligen heiratet, in Paris und später in Venedig auf alle künstlerischen Größen ihrer Zeit: Pablo Picasso, Coco Chanel, Giacometti, Poulenc. Die schillernde Persönlichkeit Peggy Guggenheim wird zu einer ihrer engsten Freundinnen. Ein atmosphärisches Buch, das einen wirklich in die engen Gassen und Kanäle der Serenissima versetzt.

Da Deutschland als Reiseziel dieses Jahr ja besonders beliebt ist, stand dann auch noch die Insel Sylt auf meinem Leseplan. Susanne Matthiessen hat mit „Ozelot und Friesennerz“ ihrer Heimat und ihren Sylter Mitbürgern ein ganz persönliches Buch gewidmet, das sich witzig, bissig und kritisch mit der Entwicklung und Geschichte der Insel auseinandersetzt. Im Zusammenspiel mit ihrer Familiengeschichte und der Schilderung ihrer eigenen Kindheit als gebürtiger Sylterin im florierenden Pelzgeschäft ihrer Eltern, fächert sie ein buntes Bild der wilden Siebziger Jahre auf der Insel und in der Bundesrepublik auf und erzählt mit gewisser Wehmut von Einheimischen und Gästen und der Insel im Wandel der Zeit.

Die letzte Station meiner Reise führte mich noch in den hohen Norden ins wunderschöne Norwegen – genau genommen ins Gudbrandsdal. Lars Myttings „Die Glocke im See“ hat mich als stimmungsvoller und stiller Roman mit seiner Ruhe und Kraft tief beeindruckt und war ein absolut würdiger Abschluss meiner Reise durch Bücher – meiner Lesereise „im Kopf“. Die ausführliche Rezension folgt hier im Blog in Kürze.

Aufgrund der Urlaubs- und daher verfügbaren Lesezeit ist für einen halben Monat doch einiges zusammengekommen und mit Lesen, Bloggen und Reisen in der Fantasie, hatte ich auch keine Zeit, eine wirkliche Reise zu vermissen.
Wenn für den Einen oder Anderen ein attraktives Reiseziel bzw. eine lohnende und lockende Lektüre dabei ist, freut es mich, denn mir hat dieser Lesemonat August und der Auftakt zur „Kulturbowle“ großen Spaß gemacht.

Die ausführlichen Rezensionen sind jeweils auf den farbig hinterlegten Titeln verlinkt und ein Klick führt direkt zum jeweiligen Beitrag, wo dann auch die entsprechenden bibliographischen Angaben zu finden sind.

Gaumen-Highlight August:
Natürlich die „Kulturbowle“ bzw. Erdbeerbowle, die speziell für das Fotoshooting der Bilder für die Website mit viel Liebe zubereitet wurde und dann in kleiner, gemütlicher Runde genossen wurde.

Musikalisches im August:
Viel Wagner und der „Ring des Nibelungen“ dank der öffentlichen Streaming-Angebote von 3sat und ARD Alpha und als Trost für die entfallenen Bayreuther Festspiele. Und natürlich die schöne „Così fan tutte“ und auch die „Elektra“ von den Salzburger Festspielen im Fernsehen zu Hause auf meiner Couch.

Für weiteren literarischen Genuss:
Passend zum oben verwendeten Zitat, kann ich das folgende, wunderbare Buch von Erich Kästner empfehlen – er berührt mich immer wieder und spricht mir aus der Seele:

Erich Kästner, Als ich ein kleiner Junge war
Atrium
ISBN: 978-3038820031