Olympische Ermittlungen

Volker Kutscher’s neuesten Fall für Gereon Rath „Olympia“ habe ich dieses Mal tatsächlich sofort am Erscheinungstag in meiner örtlichen Buchhandlung erstanden. Nein, ich habe nicht vor der Buchhandlung campiert (so schlimm ist es dann doch nicht), sondern ganz entspannt den Buchkauf am Feierabend mit einem Spaziergang verbunden. Aber dieser neue Band stand definitiv ganz oben auf meiner Wunschliste und wollte dann auch schnellstmöglich gelesen werden. Und es hat sich – wie immer – auch beim achten Fall gelohnt und dann ist man stets ein wenig traurig, wenn die Lektüre vorbei ist und man wieder sehnsüchtig auf einen potenziellen nächsten Band warten muss.

„Man konnte ihnen einfach nicht entgehen, überall sah man sie, die fünf Ringe, blau, schwarz, rot, gelb, grün, nicht nur an Flaggenmasten und Fassaden, auch in Schaufenstern, an Autos und Kinderwagen, an jedem verdammten Fahrrad flatterten sie.“

(S. 46)

August 1936, Berlin ist im Ausnahmezustand – die Olympiade und die damit verbundene Propagandamaschinerie der Nationalsozialisten hat die Stadt fest im Griff – die ganze Stadt ein einziges Flaggenmeer. Im Hause Rath hängt der Haussegen schief, da Gereon ohne Rücksprache mit Charly eingewilligt hat, amerikanische Olympiatouristen zu beherbergen. Charly, der das Nazi-Regime aus tiefstem Herzen verhasst ist, will mit den olympischen Spielen und dem damit verbundenen Brimborium bzw. der Selbstinszenierung der Partei nichts zu tun haben und hätte diesem Vorhaben ihres Ehemanns niemals zugestimmt.
So zieht sie kurzerhand für einige Tage zurück zu ihrer Freundin Greta, lässt Gereon mit den Touristen allein und die beiden gehen eine Weile getrennte Wege.

Und auch Fritze – der ehemalige Pflegesohn der Raths – der mittlerweile einer politisch zuverlässigeren Pflegefamilie zugewiesen wurde – geht seine eigenen Wege. Eine aufregende Zeit für den Jungen, der – dank seiner Mitgliedschaft in der Hitlerjugend – spannende Aufgaben im Jugendehrendienst der Olympiade übernehmen darf. Im olympischen Dorf und an den Wettkampfstätten übernehmen die Jungen einfache Tätigkeiten und Botendienste und haben so die Chance, die olympischen Spiele und ihre großen Idole hautnah zu erleben. So erlebt Fritze auch den Zwiespalt, dass er als Hitlerjunge doch eigentlich gar nicht so begeistert sein dürfte vom großen Ausnahmesprinter Jesse Owens oder dem US-Hochspringer Dave Albritton, der ihn kurzerhand zum persönlichen Maskottchen und Glücksbringer erklärt. Doch er erlebt die Stars als sehr unkompliziert und umgänglich und muss fortan seine Sympathie zu den dunkelhäutigen Sportlern andauernd vor seinen linientreuen Kameraden verteidigen – sein glorifiziertes Bild des Nationalsozialismus gerät zunehmend ins Wanken.

Bei einem seiner Botengänge wird Fritze in der Kantine des olympischen Dorfs Zeuge, als ein amerikanischer Funktionär während des Essens plötzlich tot zusammenbricht. Die Organisatoren und die Politik versuchen alles, den Vorgang herunterzuspielen und unter den Teppich zu kehren. Ein Mord bei Olympia? Das passt nicht ins Konzept und so erhält Gereon den Auftrag verdeckt im Olympischen Dorf zu ermitteln und den Fall möglichst diskret zu lösen. Denn für die Nationalsozialisten ist die Lösung sofort naheliegend: es kann sich nur um einen Anschlag der Kommunisten handeln, um die festlichen Spiele zu sabotieren und zu entweihen.
Binnen kürzester Zeit überschlagen sich die Ereignisse, Gereon trifft alte Bekannte aus Polizei- und Verbrecherkreisen wieder und sowohl er selbst als auch Fritze geraten in höchste Gefahr.

Wie immer entwickelt auch dieser Kriminalfall sofort nach einem mystischen und geheimnisvollen Prolog, der einen unaufhörlich rätseln lässt, was dieser wohl bedeuten mag, einen unheimlichen Sog, dem man sich nicht mehr entziehen kann. Kutscher versteht es jedes Mal aufs Neue, den Leser mit einer intelligenten und hochspannenden Handlung sowie ungemein sympathischen Hauptfiguren – Gereon, Charly und Fritze sind einem ja längst ans Herz gewachsen – in den Bann zu ziehen.

Seine große Stärke ist es auch, die Atmosphäre und die zeitlichen Umstände so packend und stimmig zu beschreiben, dass man regelrecht in die damalige Zeit und die Geschichte abtaucht. Das ist fesselnd, packend, man liest und liest und vergisst alles um sich herum. Für mich bedeutet das, eine solche Lektüre idealerweise auf ein Wochenende zu legen, um möglichst viel Zeit am Stück zu haben und es richtig genießen zu können.
Denn für mich war „Olympia“ definitiv ein großer Genuss und aufgrund der besonderen zeitlichen Rahmenhandlung ein ausnehmend starker Band in einer ohnehin durchgängig außergewöhnlichen Krimireihe. Für mich eines der absoluten Lesehighlights in diesem Herbst.

Volker Kutscher ist jetzt mit seiner Serie in einer sehr dunklen Zeit der deutschen Geschichte angekommen, dem auch das sehr düstere, schwarze Cover des Buches Rechnung trägt und es bleibt mit Spannung zu erwarten, ob und wie er die Reihe fortsetzt – zumal „Olympia“ mit einem wahrhaftig großen Knall zu Ende geht.

Eine weitere begeisterte, ausführliche Besprechung zu „Olympia“ gibt es beim Kaffeehaussitzer.

Gegebenenfalls noch ein Hinweis: „Olympia“ ist der achte Fall von Volker Kutscher’s Gereon-Rath-Reihe und es empfiehlt sich definitiv, die Bände in der richtigen Reihenfolge zu lesen. Wer also die Bände davor noch nicht kennt darf sich glücklich schätzen, denn dann hat sie oder er noch viel Lesegenuss vor sich und sollte diese wirklich von Anfang an in der chronologischen Reihenfolge lesen, da immer wieder Rückbezüge zu früheren Fällen auftauchen.

Buchinformation:
Volker Kutscher, Olympia
Piper
ISBN: 978-3-492-07059-1

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Olympia“:

Für den Gaumen:
Gereon und Charly trinken zur Beruhigung der strapazierten Nerven häufig mal einen Cognac. Und nervenaufreibend und hochgradig spannend ist auch die Lektüre von „Olympia“ auf jeden Fall.

Zum Weiterlesen (1):
Ich teile die literarischen Vorlieben für „verbotene Bücher“ mit Greta, Charly und Fritze. So liest Greta in diesem Roman zum Beispiel Kurt Tucholskys „Schloss Gripsholm“ und trauert um den Autor, der kurz zuvor im Winter 1935 im schwedischen Exil verstorben war und auch Fritze will auf seine geliebten Erich Kästner-Bücher nicht verzichten, die ihm sein Pflegevater wegnimmt und verbietet. Mit ihm gemeinsam ist mir die große Liebe zu Erich Kästner und seinem „fliegenden Klassenzimmer“.

Kurt Tucholsky, Schloss Gripsholm
Manesse
ISBN: 978-3-7175-2094-8

Erich Kästner, Das fliegende Klassenzimmer
Atrium Verlag
ISBN: 978-3-85535-607-2

Zum Weiterlesen (2):
Wer mehr über die Olympiade 1936 und den zeitlichen Hintergrund erfahren möchte, dem sei Oliver Hilmes’ „Berlin 1936“ sehr ans Herz gelegt. Ein herausragendes Buch, das diese Zeit hervorragend beschreibt und begreifbar macht und zudem sehr angenehm und flüssig zu lesen ist.

Oliver Hilmes, Berlin 1936
Penguin
ISBN: 978-3-328-10196-3

Ein Haus erzählt

Gott wohnt im Wedding“ von Regina Scheer ist ein wundervoller Roman, der die Lebensgeschichten verschiedener Bewohner eines Mietshauses im Berliner Stadtteil Wedding erzählt und gleichsam ein großes, vielseitiges Kaleidoskop an Themen deutscher Geschichte auffächert. Eine Ode auf das „Geschichten erzählen“ und das mündliche Weitergeben persönlicher Lebensgeschichten und Zeitzeugnisse an nächste Generationen.

„Ich kann niemanden warnen, kann meinen Bewohnern nicht sagen, dass ein Unglück geschehen wird. Ich weiß es, ich spüre es, ich sehe ja die Zeichen, aber was kann ich tun, als mit den Türen zu schlagen und den Putz rieseln zu lassen, mit den alten Dachbalken zu knarren oder mal einen Ziegelstein aus den Mauern fallen zu lassen.“

(S.8)

Immer wieder lässt die Autorin im Roman das alte Backsteinhaus selbst erzählen über seine Bewohner, die kamen und gingen, lachten, liebten, weinten und litten.
Erbaut im 19. Jahrhundert hat das Mietshaus im „roten Wedding“ vieles erlebt und vielem standgehalten – es bot eine Bühne für zahlreiche menschliche Begegnungen, Glücksmomente und Tragödien.

Da ist Gertrud – mittlerweile alt geworden – die von Geburt an im Haus wohnt und miterlebt hat, wie sich das Viertel und die Bewohner verändert haben. Im Zweiten Weltkrieg hat sie geholfen, zwei „U-Boote“, d.h. zwei jüdische, junge Männer zu verstecken, die versuchten, der Deportation zu entgehen: Manfred – ihre erste und einzige große Liebe – und seinen Freund Leo.

Leo, der gesehen hatte, wie Manfred vor Gertruds Wohnung aufgegriffen und abgeführt wurde, hat durch Glück überlebt und ging später nach Israel in einen Kibbuz. Mit mittlerweile weit über 90 Jahren kommt er zurück nach Berlin, in die Stadt, die er nie mehr sehen wollte. Er hat Erbschaftsdinge zu regeln und seine Enkelin begleitet ihn. Sie will mehr über ihre Familie erfahren und lässt sich von ihrem Großvater seine Geschichte erzählen. Leo hat Gertrud den vermeintlichen Verrat jedoch nie verziehen und scheut die erneute Begegnung mit ihr, zu der ihn die Enkelin ermutigen will, obwohl er dieser Frau doch auch viel zu verdanken hat.

Im Wohnhaus sind über die Jahre auch einige Sinti und Roma eingezogen. Menschen, die ebenfalls verfolgt und vertrieben wurden und auf der Suche nach einer neuen Heimat sind. Laila, die sich liebevoll um Gertrud und die anderen Hausbewohner kümmert, ist eine junge Sintiza – 1975 in Polen geboren – und blickt bereits auf eine bewegte Lebensgeschichte zurück. Ihre Erfahrungen mit Ämtern und Behörden, dem eigenen Kampf um Anerkennung und eine „Bleibeperspektive“ sowie ihre Bildung ermöglichen es ihr, auch anderen Menschen mit ähnlichem Schicksal zu helfen. Auch Laila will ihre Wurzeln verstehen und befragt ihre Großmutter Frana, die aus dem Zwangslager Marzahn nach Auschwitz-Birkenau kam und überlebt hat, nach ihrer Geschichte. Ihr Lebensweg führte über Polen zurück nach Deutschland.

Die junge Generation stellt Fragen zu Überleben und Leben – so erzählt Gertrud dem jungen Kunststudenten Stefan ihre Geschichte, Frana der Enkelin Laila und Leo seiner Enkelin Nira. Geschichten voller Trauer und Schmerz, Verlust und Wut, aber für alle drei scheint es auch eine Befreiung zu sein, von der Vergangenheit zu erzählen, sich die Ereignisse und Geschehnisse von der Seele zu reden.
Sie schließen eine Art Frieden mit sich und der Vergangenheit und wissen, dass die Geschichten nicht vergessen sind, sondern weiterleben. So sagt Frana zu Laila treffend:

„Was du weißt, ist nicht verloren.“

(S.311)

Wie schon bei „Machandel“ hat mich Regina Scheer vor allem durch ihre klangvolle, harmonische und wunderschöne Sprache begeistert. Sie hat ein untrügliches Gespür für Stimmungen und Szenen, die sehr subtil und warmherzig ein großes, stimmiges Gesamtbild erzeugen und für sehr menschliche Charaktere, die einem ans Herz wachsen.

Scheer ist eine großartige Geschichtenerzählerin und so schafft sie mit ihrem Buch auch das, was die älteren Figuren im Roman erreichen wollen, die Lebensgeschichten weiterzutragen, gegen das Vergessen anzukämpfen und den ermordeten und verfolgten Juden sowie Sinti und Roma ein Denkmal zu setzen.

Ein herausragender Roman über Verfolgung und Vertreibung, Aussöhnung und Vergebung, über Zeitzeugen und das Erzählen von Lebensschicksalen und -geschichten, der berührt und zu Herzen geht. Bald wird es die Möglichkeit, Berichte und Erfahrungen aus der Zeit des Holocaust aus erster Hand von überlebenden Zeitzeugen zu bekommen, nicht mehr geben. Um so wichtiger ist es, die Geschichten wachzuhalten und an nächste Generationen weiterzugeben.

Ich bedanke mich sehr herzlich bei Randomhouse und dem Penguin Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Regina Scheer, Gott wohnt im Wedding
Penguin
ISBN: 978-3-328-10580-0

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Gott wohnt im Wedding“:

Für den Gaumen:
Leo genießt in einem Berliner Lokal Piroggen einer polnischen Köchin, die ihm hervorragend schmecken. Die gefüllten Teigtaschen sind vor allem in der osteuropäischen Küche verbreitet und werden auch oft bei Festlichkeiten serviert.

Zum Weiterhören:
Auf Gertruds Grammophon hören Manfred, Leo und Gertrud gemeinsam Gustav Mahlers Dritte Sinfonie. Vor allem der vierte Satz (Sehr langsam, Misterioso) mit dem Altsolo basierend auf einem Gedicht von Friedrich Nietzsche hat es ihnen angetan.

Zum Weiterschauen und Weiterdenken:
Den Gedanken, das Haus immer wieder in Zwischenkapiteln selbst zu Wort kommen zu lassen, fand ich inspirierend. Sicherlich hätten auch alte Häuser in anderen Städten – oder in der Heimatstadt – viele spannende und interessante Geschichten über die ehemaligen Bewohner zu erzählen. In einigen Orten gibt es bereits Führungen, die auf diesem Gedanken aufgebaut sind und auch in meiner Heimatstadt Landshut gibt es eine passionierte Laientheatergruppe, die bereits mehrfach zum „Häuser erzählen“ eingeladen hat.

Zum Weiterschauen bzw. für einen Museumsbesuch:
Eine Anregung, die ich mir auf jeden Fall für einen nächsten Berlin-Besuch mitgenommen habe, ist ein Besuch im Museum der Villa Liebermann am Wannsee. Der Garten, das Haus und die besondere Lage am Wasser wird so wunderbar beschrieben, dass ich das unbedingt einmal selbst sehen möchte. Bis Reisen wieder sinnvoll und möglich sind, bleibt zumindest der Besuch auf der Website: https://www.liebermann-villa.de

Zum Weiterlesen:
Zu Beginn des Monats habe ich anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Deutschen Einheit Regina Scheer’s ersten Roman „Machandel“ gelesen und war begeistert. Da war es nur logisch, sich jetzt auch dem zweiten Roman der Autorin zu zu wenden. Wer tiefgründige, liebevoll erzählte und warmherzige Geschichten mag, kommt bei beiden Romanen voll auf seine Kosten.

Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

30 Jahre Deutsche Einheit

Am 3. Oktober – dem Tag der deutschen Einheit – war es für mich Zeit, einen weiteren Regalschlummerer ans Licht zu holen: „Machandel“ von Regina Scheer. Aus Anlass des 30-jährigen Jubiläums dieses denkwürdigen Tages habe ich nach einer passenden Lektüre gesucht, habe mit diesem großartigen Roman die perfekte Lösung gefunden und mich dann gefragt, wieso ich das Buch nicht schon viel früher gelesen habe.

Die Autorin, die 1950 in Berlin geboren ist, hat einen großen Familienroman verfasst, der einen weiten, zeitlichen Bogen vom zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung und der Zeit danach spannt, aber den Schwerpunkt auf die Zeit zwischen 1985 und 1990 legt, als die DDR unterging.

Machandel ist ein kleiner Ort in Mecklenburg-Vorpommern und Clara Langner – die Hauptfigur des Romans – besitzt dort eine Sommerkate. Ein kleines, baufälliges Häuschen und ein Rückzugsort, um dem lauten und hektischen (Ost-)Berlin von Zeit zu Zeit in die Natur zu entfliehen. Aber auch ein geschichtsträchtiger Ort für ihre Familie, wie man in den Kapiteln des Romans, die jeweils aus verschiedenen Perspektiven und der Sicht der unterschiedlichen Bewohner sowie der Familienmitglieder Claras erzählt sind, erfährt.

Clara ist die Tochter von Hans Langner, einem hochrangigen Funktionär der Partei und Staatsminister. Im zweiten Weltkrieg wurde dieser von den Nazis als Kommunist verfolgt, ins KZ gesperrt, überlebte den Todesmarsch von Sachsenhausen und wurde in Machandel von der Russin Natalja versteckt und gerettet. Ereignisse, die ihn sein Leben lang verfolgen und prägen.

Auch Johanna – seine spätere Frau – lernt er dort kennen. Aus Ostpreußen geflohen kommt sie ebenfalls als Flüchtling nach Machandel und heiratet schließlich den Mann, den sie gesund gepflegt hat. Sie ist um viele Jahre jünger als er und über die Jahre entfremden sich die beiden immer mehr.

Als Tochter der beiden genießt Clara in der DDR gewisse Privilegien – sie bekommt einen Studienplatz, kann promovieren – und auch Geld ist meist kein Thema, obwohl es ihr immer mehr zuwider wird, das Geld ihrer Eltern anzunehmen und dies immer häufiger zum Streitpunkt in ihrer Ehe wird.

Michael, ihr Ehemann, hat meist weniger Skrupel die Hilfen der Schwiegereltern anzunehmen und nach den chaotischen Jahren der Wendezeit, in welcher sich immer mehr Unstimmigkeiten in die Beziehung zwischen Clara und ihm einschleichen, verlässt er sie und Deutschland nach der Wiedervereinigung und geht zum Arbeiten in die Schweiz. Die Ehe zerbricht.

Ausgangspunkt und sehr wichtiges Thema im Roman ist der große Verlust, den Clara empfindet, als sie ihren Bruder Jan verabschieden muss und verliert. Denn dieser stellt einen Ausreiseantrag, nachdem er aufgrund systemkritischer Fotos und journalistischer Berichterstattung im Gefängnis sitzen musste und er ist es auch, der – bevor er das Land in den 80er Jahren für immer verlässt – mit Clara nochmal den Ort besuchen möchte, der seine Kindheit geprägt hat und von dem er sich noch verabschieden möchte: Machandel.

Je mehr ich schreibe, desto mehr merke ich: ich kann nicht alles beschreiben und aufführen, was mich nach dieser Lektüre beschäftigt. Es ist schwierig bis unmöglich, all die Handlungsstränge, Figuren (da wären auch noch Natalja, Emma, Marlene usw.) und Themen des Romans angemessen in einer Rezension zu beschreiben und dem Buch gerecht zu werden, denn Regina Scheer fächert ein wahres Kaleidoskop deutsch-deutscher Geschichte und eine Fülle an menschlichen Dramen und persönlicher Lebensgeschichten auf. Es geht um Flucht, Vertreibung, Zwangssterilisierung, Missbrauch und Diktatur. Da gibt es so vieles in der Geschichte zu entdecken und auch so vieles, über das es sich nachzudenken lohnt. Daher muss man Regina Scheers‘ Roman am besten selbst lesen. Die Lektüre lohnt sich und jeder wird das Buch für sich mit unterschiedlichen Aspekten und Schwerpunkten anders lesen und empfinden.

Gleichfalls gibt es so viele wunderbare Textstellen und Zitate in diesem Roman, dass es mir schwer fiel, mich zu entscheiden. Aber die folgenden Zeilen drücken für mich die ehrliche Auseinandersetzung mit der Wendezeit aus, denn neben aller Freude und Euphorie, gab es auch Zwiespältigkeit und Wehmut:

„An die neue Freiheit, die Offenheit, die wir ja gewollt hatten, gewöhnten wir uns schnell. Jahrelang hatten sich die politischen Gespräche auf unsere Wohnzimmer, die Küchen, vielleicht noch die Kneipen beschränkt, doch plötzlich weiteten sich die Räume, die Gespräche fanden in aller Öffentlichkeit statt, der Ton änderte sich. Alle hatten wenig Zeit und rannten neuen Zielen nach.“

(S.249)

Ein großartiges, erfüllendes Buch, das in einer wunderbaren, melodiösen Sprache geschrieben ist, das nachdenklich werden lässt, bewegt und deutsche Geschichte lebendig macht. Mit Sicherheit kein Geheimtipp: aber wer sich anlässlich des 30-Jährigen Jubiläums wie ich wieder einmal etwas näher mit dem Thema DDR und Wiedervereinigung auseinandersetzen möchte, ist hier an einer hervorragenden Adresse. Für mich war es jetzt wohl der richtige Moment für dieses Buch und doch hätte ich es viel früher lesen sollen.

Buchinformation:
Regina Scheer, Machandel
Penguin
ISBN: 978-3-328-10024-9

© Penguin Verlag

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich „Machandel“:

Für den Gaumen:
Immer wieder beschreibt Scheer im Buch, dass an den Esstischen viel diskutiert wurde – sie waren und sind Treffpunkt und soziale Verbindung zwischen den Menschen. Die Gespräche und Diskussionen über die DDR und der Wunsch nach Freiheit standen bei Clara und ihren Freunden im Mittelpunkt – nicht so sehr das Essen. Doch einmal wird beschrieben, dass ein „scharfes, ungarisches Gulasch“ und Rotwein serviert wurde – etwas, das man gut vorbereiten und warmhalten kann und das dem Gastgeber dann Zeit für seine Gäste lässt.

Zum Weiterschauen:
Als ich „Das Leben der Anderen“ zum ersten Mal gesehen habe, war ich zutiefst erschüttert und aufgewühlt. Der oscar-prämierte Film aus dem Jahr 2006 ist großes Kino mit einer erstklassigen Besetzung (u.a. Martina Gedeck, Ulrich Mühe, Sebastian Koch und Ulrich Tukur) und setzt sich ernsthaft und kritisch mit der DDR und dem Staatssicherheits-Apparat auseinander.

Zum Weiterlesen:
Nach einem Besuch in Leipzig vor einiger Zeit, der mich natürlich auch in die wunderbare Nikolaikirche geführt hatte, habe ich das Buch von Christian Führer gelesen. Dem Pfarrer der Nikolaikirche, der die damaligen Friedensgebete initiiert, die friedliche Revolution mit geprägt hat und der in seiner Autobiografie beschreibt, wie er diese Zeit erlebt hat und was es bedeutete Pastor in der DDR zu sein. Ein großartiger Mensch, der leider 2014 verstorben ist und ein Buch, das mich tief berührt hat und das ich wärmstens empfehlen kann.

Christian Führer, Und wir sind dabei gewesen
Ullstein
ISBN: 9783548609843