Zwischen Salongeplauder und Revolution

Dieses Jahr gibt es einiges an Jubiläen mit Musikbezug zu begehen und so ist es sicher kein Zufall, dass der Flur Verlag zum 170. Todestag von Robert Schumann (1810-1856) ein besonderes Werk des 2005 verstorbenen Schriftstellers Eberhard Hilscher (1927-2005) nun nach vielen Jahren zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich macht. „Maestros Himmel- und Höllenfahrt. Szenen um Robert Schumann“ ist ein Frühwerk des Autors, dessen Werke in der DDR teils nur zensiert veröffentlicht wurden und lagerte bis zum jetzigen Erscheinen in der Berliner Staatsbibliothek in dessen Nachlass. Entstanden ist es in den Jahren 1958/59 und der anspruchsvolle Künstlerroman lässt die Leserschaft eintauchen in die Jahre zwischen 1843 bis hin zur Revolution 1848/49 und beleuchtet einen wichtigen Lebensabschnitt des Komponisten.

Und auch wenn der Titel anderes vermuten lässt, geht es in Hilschers Roman jedoch beileibe nicht nur um Robert Schumann. Wir begegnen vielmehr auch so manchen Zeitgenossen. Dresden 1843 – gerade im Jahr zuvor hatte Richard Wagner im königlichen Hoftheater seinen „Rienzi“ uraufgeführt – der übrigens anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Bayreuther Festspiele dieses Jahr auch zum ersten Mal dort zur Aufführung kam. Die ersten Worte des Romans „Richard! Freiheit! Santo Spirito!“ gehören Papo, dem Papagei des königlich-sächsischen Hofkapellmeisters Wagner und entstammen teils eben jenem „Rienzi“. Während Wagner und seine Frau Minna sich bereit machen für die Aufführung des neuen Oratoriums von Robert Schumann „Das Paradies und die Peri“ krächzt der Vogel seine Schlachtrufe durchs Haus. Hilscher schildert das Konzert sowie die Aufnahme der Peri durch das Dresdner Publikum und lässt die Leserinnen und Leser teilhaben am Salongeplauder der gehobenen und musikalisch-kulturell interessierten Gesellschaft.

Schnell wird auch klar, dass zwischen den Eheleuten Schumann so mancher Konflikt schwelt und eine gewisse Rivalität zu spüren ist. Denn Clara als starke Frau an Schumanns Seite ist nicht immer bereit zurückzustecken, zumal sie selbst eine weltberühmte und erstklassige Pianistin ist, die mit ihren Erfolgen und Konzerten ebenfalls zum Einkommen des immer größer werdenden Haushalts beitragen kann und möchte.

Ja, das liebe Geld. Nicht nur den chronisch klammen Wagner plagen Geldsorgen, sondern auch die Schumanns erklären sich schließlich aus finanziellen Gründen dazu bereit, eine mehrmonatige Konzertreise nach Russland zu unternehmen. Doch auch während dieser Reise, die unter anderem nach St. Petersburg und Moskau führt, wird deutlich, dass der Gesundheitszustand Schumanns zunehmend Anlass zur Sorge gibt.

„Immer musste er auf der Hut sein, mit einem Überfall rechnen. Nie durfte er sich etwas gar zu fest vornehmen, es konnte ihm vereitelt werden. Die Krankheit war launisch. Wer weiß, wo sie aufzuflackern gedachte. Sie hatte unzählige Erscheinungsformen. Es war ihm alles zu viel gewesen, dieses ständige Unterwegssein, die Gesellschaften, Konzerte, Ehrungen, auch Demütigungen, die Kälte, das Gasthausleben, die Besichtigungen, die Anstrengungen. Die ganze Reise war ihm zu viel.“

(S.237)

Hilscher beschreibt auch auf welch unterschiedliche Weise Schumann und Wagner schließlich die Revolution der Jahre 1848/49 erleben: die aufgeheizte Stimmung in Dresden, die unübersichtliche Lage…

„Die Arbeit ruhte. Die Revolution beschäftigte alle Geister und Kräfte und zog weite Kreise. Man musste wachsam sein.“

(S.311)

Über Musik zu schreiben ist nicht leicht bzw. es ist vielmehr sehr schwer, die Faszination und den Zauber von Musik in Worte zu fassen und aufs Papier zu bringen. Hilscher nimmt die Herausforderung an und beschreibt ausführlich zum Beispiel Schumanns Peri – hier ein kurzer Auszug:

„Paukenwirbel fallen ein, die Hörner haben wuchtige Passagen, etwas Unheimliches, Drohendes bereitet sich vor. Man spürt es. Immer kräftiger, umfassender wird das Orchester, apokalyptisch dröhnen die Bassposaunen, die Piccoloflöte schrillt, sämtliche Chöre sind in voller Aktion, und die Erregung steigert sich unerträglich. Ein letzter Trompetenstoß, dann rast das Entsetzen heran (…)“

(S.19)

Hilscher spannt den zeitlichen Bogen von „Das Paradies und die Peri“ bis hin zu Schumanns Arbeit an „Szenen aus Goethes Faust“ – vom „Rienzi“ bis hin zur Revolution. Er mäandert, schlägt so manchen Haken und hat so ein pralles, detailreiches Werk verfasst, das gespickt ist mit Anekdoten und musikalischem Wissen. Könnte man stellenweise aufgrund des tiefgreifenden Hintergrundwissens geradezu Sachbuchcharakter vermuten, ist es doch in einem poetisch-philosophischen Stil mit ganz eigenem Charme geschrieben, der heute fast etwas aus der Zeit gefallen wirkt.

„Ja, mit Stromes Schnelle enteilen die Jahre, münden ein in das große Urmeer der Zeit, in dem sie schwimmen wie leuchtendes Elmsfeuer oder versinken zu ewigem Vergessen. Der Strom führt mit sich fort, was das Jahr zyklisch heranbringt, gliedert dadurch die Zeit und macht sichtbar, dass die Flut in stetiger Bewegung ist. Und Menschen wachsen am Strom, nehmen teil an seinen wiederkehrenden Gezeiten und begreifen ihn als Sinnbild der Vergänglichkeit. Was gestern war, ist heute nicht mehr, wird aber morgen vielleicht schon wieder sein in anderer Gestalt.“

(S. 279)

Gefremdelt habe ich lediglich mit den wenigen Passagen bzw. Einschüben, die er manchen Figuren im Dialekt in den Mund legt – gerade das Bayerisch, das er zum Beispiel Generalmusikinspektor Henselt zuschreibt, fand ich persönlich nicht besonders geglückt.

Hilschers Frühwerk, das erst viele Jahre nach dem Entstehen, nach dem Ende der DDR und nach seinem Tod, jetzt zu lesen ist, ist gerade auch aufgrund seiner Entstehungsgeschichte hochinteressant, über die man auch im Nachwort von Herausgeber Volker Oesterreich noch mehr erfährt.
Eberhard Hilscher (1927 – 2005) – in Schwiebus (dem heutigen Świebodzin) geboren, würde nächstes Jahr seinen 100. Geburtstag feiern. Anerkennung fand der in der DDR freischaffend arbeitende Schriftsteller erst nach der Wende.

„Immer wenn etwas Bedeutsames geschieht, richtet sich da ein Merkzeichen auf und bringt das Fließen der Zeit zum Bewusstsein. Leben ist erlebte Bewegung.“

(S.279)

„Maestros Himmel- und Höllenfahrt“ ist eine durchaus anspruchsvolle aber lohnende Lektüre für musikbegeisterte und geschichtsinteressierte LeserInnen, die Lust macht darauf, in die Klänge von Schumanns und auch Wagners Musik einzutauchen und sich diese mit einer fundierten und frischen Perspektive nochmal neu zu erschließen. Und so hat Hilscher mit seinem Werk zweifelsohne auch posthum ein „Merkzeichen“ geschaffen, das Schumanns Leben und Werk auch heute noch bzw. wieder bewusst werden lässt.

Ich bedanke mich sehr herzlich beim Flur Verlag, der mir freundlicherweise ein Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt hat und bei Frau Birgit Böllinger, die mich auf das Buch aufmerksam gemacht hat. Auf meine Meinung und Rezension des Buches hatte dies keinen Einfluss.

Beim Klick auf den Titel gibt es nähere Informationen zum Buch auf der Seite des Verlags.

Buchinformation:
Eberhard Hilscher, Maestros Himmel- und Höllenfahrt
Szenen um Robert Schumann

Herausgegeben und mit einem Nachwort von Volker Oesterreich
Flur Verlag
ISBN: 978-3-98965-104-3

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Wozu inspirierte bzw. woran erinnerte mich Eberhard Hilschers „Maestros Himmel- und Höllenfahrt“:

Für den Gaumen (I):
In Dresden wird nach der dortigen Erstaufführung der Peri ein opulenter Empfang ausgerichtet:

„Bei Tisch wurden kalte Platten gereicht. Es gab Geflügel- und Bratenstücke zu weißen Brotscheiben, dazu verschiedene pikante Salate in Mayonnaise, auch Eierspeisen und ein mildes Apfeldessert. In tütenähnlichen Gläsern glühten Weine, rote und weiße, oder Champagner schüttete vergängliche Perlen aus. Hie und da war zur Erwärmung heißer Tee willkommen.“

(S.34)

Für den Gaumen (II):
In einer Moskauer Konditorei wird selbstverständlich Anderes serviert:

„Schon nach wenigen Augenblicken brachte er jedoch zwei Tassen Mokka und dazu Piroggen mit einer außerordentlich wohlbereiteten Füllung aus Fleisch, Pilzen und Eiern, ferner einen Obstkuchen mit Sahne.“

(S.257)

Zum Weiterhören und Weiterschauen (I):
In der ARTE Mediathek gibt es zur Zeit Schumanns Oratorium „Das Paradies und die Peri“ in einer Aufführung aus dem Pariser Konzerthaus La Seine Musicale zu erleben (noch bis zum 17.02.27).

Zum Weiterhören und -schauen (II):
Und aktuell bietet sich auch noch die besondere Gelegenheit, sich im Video-Livestream den „Rienzi“ von den Bayreuther Festspielen (noch bis zum 31.12.2026 in der ARD Mediathek verfügbar) anzusehen, der dieses Jahr zum allerersten Mal und anlässlich des 150-jährigen Jubiläums der Festspiele auf dem grünen Hügel aufgeführt wurde.

Zum Weiterlesen (I):
Christine Eichel hat sich in Clara – Künstlerin, Karrierefrau, Working Mom sehr intensiv mit dem Leben Clara Schumanns auseinandergesetzt und mit aktueller Sichtweise und modernem Vokabular eine heutige Einordnung der inneren und äußeren Konflikte im Leben der Pianistin und Komponistengattin geschaffen. Hier geht es zu meiner Rezension.

Christine Eichel, Clara – Künstlerin, Karrierefrau, Working Mom;
Clara Schumanns kämpferisches Leben
Siedler
ISBN: 978-3-8275-0174-5

Zum Weiterlesen (II)
Auf einem meiner Stapel wartet schon seit längerem ein weiterer Schumann-Roman auf seine Lektüre: Peter Härtlings „Schumanns Schatten“ aus dem Jahr 1996.

Peter Härtling, Schumanns Schatten
Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-03705-0

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